Allmählich wurde es kühl, und eine schwere Stille zog über das Land. Selbst die Tiere wurden von der herbeigewehten Trauer erfasst und verkrochen sich in ihren Höhlen und Bauten. Die Vögel verstummten und sogar das Rascheln der Bäume klang gedämpft, ja beinahe so, als schlucke es selbst den Schall. Bär fröstelte und sah zum Himmel. Nicht eine einzige Wolke war zu sehen und die Sonne leuchtete hell am Firmament. Dennoch hatte er das Gefühl, als läge ein Schatten über dem Land. Ein Schatten der Traurigkeit, der schwer auf die Erde drückte. Er beschleunigte seinen Gang. Schneller und schneller, bis er fast schon rannte. Aber es nutzte nichts. Vor diesem Schatten gab es kein Entrinnen. Je weiter Bär durch den Wald lief, desto bedrohlicher erschienen ihm die Bäume. Riesen, die Trauer und Zorn ausstrahlten. Als wollten sie ihm sagen, dass er hier nicht willkommen war. Als wollten sie Bär dazu bringen umzukehren.

Dann, mit einem Mal, war der Spuk vorbei. So plötzlich wie er begonnen hatte. Bärs Herz klopfte laut, als er langsam stehenblieb. Der Schweiß lief ihm über das Gesicht. Vor ihm tat sich eine Senke auf, in der einige Häuser standen. Er war am Ziel. Das musste Merséit sein.

***

Eine leichte Brise zog über die Hügel, als Abos auf dem Pfad entlang schlenderte. Die Wiesen waren saftig grün und dufteten in einer wunderbaren Vielfalt. Am Horizont waren die Wälder deutlich zu sehen und bildeten ein herrliches Panorama, während Merséit im Tal verborgen lag. Über all dem schien die Sonne so hell wie selten, und am Himmel waren weder Wolken noch Sterne zu sehen. Abos genoss diese Stille und blieb stehen. Er schloss die Augen, sog die Luft tief in sich hinein und lauschte dem leicht über das Gras streichenden Wind.

Doch dann stutzte er. Wo waren die Glimbios, deren sanfter Gesang für gewöhnlich aus den Büschen erklang? Wo die Kletikiten mit ihrem Zirpen? Statt der natürlichen Symphonie, die sonst immer zu hören war, war nun alles still. Selbst der Wind schien auf unheimliche Weise lautlos in den Zweigen zu rascheln. Ein eisiger Schauer jagte ihm über den Rücken.

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Der Wind blies durch die leeren Gassen und verursachte ein Konzert, das Bär die Haare zu Berge stehen ließ. Der Boden war bedeckt mit kleinen rostigen Eisenkügelchen, die durch kleine Böen zu kreisartigen Mustern gerollt wurden. Sonst regte sich nichts. Das Leben schien die Stadt verlassen zu haben. War dies wirklich Merséit? Die wunderschöne und vor Leben sprühende Stadt, wie Rosenwein sie beschrieben hatte?

Die Dächer bestanden hier aus zerbeulten, rostigen Metallplatten und die Wände sahen beschmiert und zerkratzt aus. Das einzige, was auf Leben hindeutete, waren ein paar zu einem Schlitz geöffnete, eiserne Fensterläden, aus denen argwöhnische Augen den Neuankömmling beobachteten. Was versetzte die Einwohner in so eine Angst, dass sie sich in ihren Häusern verschanzten? In dieser Gegend gab es weder Orke noch Biester, und von bösen Geistern schien der Ort auch nicht heimgesucht zu werden.

Am zentralen Platz stand ein großes Gebäude, das einst sehr schön gewesen sein mochte, aber nunmehr nur noch eine Ruine darstellte. Die Fensterläden hingen schief in den Angeln, gebrochene Wände waren notdürftig geflickt, und durch das Dach hatte der Rost bereits faustgroße Löcher gefressen, die nur teilweise ausgebessert worden waren. Aber es war das einzige Haus, dessen Tür offen stand, und das wohl einen Tempel darstellte. Hier würde Bär sicher einen Schlafplatz für die kommende Nacht finden, um sich am nächsten Tag mit frischer Kraft auf die Suche nach Rosenwein machen zu können.

***

So hatte sich Abos seinen Aufenthalt in Merséit nicht vorgestellt. Schon seit Tagen regnete es immer wieder Eisenkugeln und die Leute verschanzten sich in ihren Häusern. Für einen Geschichtenerzähler keine guten Voraussetzungen, um sich Brot und Unterkunft zu verdienen. Betrübt saß er deshalb in seiner kleinen Kammer und schaute auf das kleine Fenster, das durch den Wind rappelte. Die eisernen Läden waren verriegelt.

Doch dann wurde die Tür aufgerissen und drei Bewohner traten ein.

"Das ist der Kerl", sagte einer und die anderen griffen nach Abos' Armen. Dieser war viel zu verwirrt, um sich zu wehren. Sie führten ihn auf einen Marktplatz, in dessen Mitte ein Scheiterhaufen aufgebaut war. Ohne dass ihm jemand sagte, warum, wurde er an den Pfahl in der Mitte des Haufens gebunden, während viele Leute dabei zuschauten, ihn beschimpften und mit Unrat bewarfen.

Dann trat ein Mann auf ein kleines Podest und las die Klageschrift vor. Abos wurde vorgeworfen, für den Magiesturm verantwortlich zu sein, der seit einigen Tagen die Stadt heimsuchte. "Mit dem Tage seiner Ankunft" hieß es, habe der Sturm begonnen und sich verschlimmert.

Doch noch bevor die Rede zu Ende war, fing die Erde an zu beben und kleine eiserne Kugeln fielen vom Himmel. Mit lautem Geschrei löste sich die Menge auf und die Menschen, Zwerge und Elben liefen in ihre Häuser, um sich zu schützen.

Der Redner stellte verdutzt fest, dass er sich nicht mehr vom Podest bewegen konnte. Er war an ihm festgewachsen. Langsam verholzten auch seine Beine und seine Hüfte bis hinauf zu den Schultern. Dann kamen seine Arme und schließlich auch der Kopf. Zurück blieb eine Holzfigur.

***

Bär drehte sich noch einmal in dem sehr weichen Bett um und dachte daran, was ihn an diesem Tag wohl erwarten würde, als der Boden erzitterte. Was war das? Er sprang aus dem Bett und zog sich schnell an. Der Boden erzitterte wieder, diesmal etwas stärker. Er lief durch den Gang, durch den ein kalter Wind zog, und erreichte schließlich die Eingangshalle.

Vielleicht war es auch in Ordnung so. Vielleicht war er wirklich schuld an den Stürmen. Weiter konnte Abos nicht mehr denken, denn schon hatte ihn die Eiserne Hand berührt. Noch ein letztes Mal leuchtete der Pentaglit an seinem Hals schwach auf, bevor er für immer stumpf wurde.

Ein lautes Knacken fuhr durch die Halle. Dann fing die Erde an zu beben. Zuerst war es nur ein leichtes Zittern, doch es wurde immer stärker und schwoll schließlich zu einem deutlichen Schwanken an, das von tiefen Brummgeräuschen begleitet wurde. Diese endeten dann in einer Kakophonie aus Knacken, Rumpeln und Reiben. Risse zeichneten sich am Boden ab, bis der Boden endgültig zerbrach und eine Eiche rasend schnell der Decke entgegen wuchs und diese mit einem Knall sprengte, der noch weit hinter den Hügeln des Umlandes zu hören war. Die Steine polterten hinunter und zerrissen, was von dem einstmals mosaikgeschmückten Boden übrig geblieben war. Mit Rumpeln und Poltern krachten Decke und Wände des Tempels in sich zusammen.

Nun gab der Boden unter dem Gewicht des Baumes und der herabgestürzten Gesteinsbrocken endgültig nach. Der Baum fiel knackend und krachend in den Keller, wo er von den ihm folgenden Steinen begraben wurde.

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