Krachend löste sich der etwa kopfgroße Brocken, auf dem Anápi ihren linken Fuß platziert hatte, und polterte die steile Felswand hinab. Nur indem sie ihr Gewicht sofort auf das andere Bein verlagerte und sich mit den Fingern am Gestein festkrallte, konnte die junge Frau verhindern, zusammen mit ihm etwa zehn Schritt unterhalb ihrer jetzigen Position auf dem felsigen Strand zu zerschellen. Mit rasendem Herzen blickte sie dem Felsstück hinterher. Wie oft war sie schon hier herabgeklettert und hatte dabei eben diesen Vorsprung als Halt benutzt, und nun war er mit einem Mal weggebrochen.

Erst nach einiger Zeit konzentrierten Atmens wagte sie den restlichen Abstieg. Ihre übrigen Festhaltepunkte erwiesen sich als zuverlässig, so dass sie bald das untere Ende des steilen Abhangs erreicht hatte.

Sie befand sich nun am Fuße der Klippen, die an der Küste westlich von Sésento, ihrem Heimatdorf, steil zum Meer abfielen. Nur ein schmaler Streifen kiesiger Strand trennte hier bei Ebbe die Felswand vom Wasser. Mit der Flut wurde auch dieser vom Meer überschwemmt, so dass der Abstieg nur zu bestimmten Zeiten möglich war. Aber es wusste ohnehin kaum jemand aus dem Dorf, wie es hier unten aussah. Zum Seetang- und Fischesammeln fuhr man vom Strand nördlich der Siedlung los, wo es flach ins Wasser ging. Diesem Abschnitt der Küste aber kam gemeinhin wenig Interesse zu, galt er doch als vom Land aus unzugänglich.

Nicht jedoch für Anápi. Mit traumwandlerischer Sicherheit konnte sie die etwa zwanzig Schritt hohe Klippe hinabklettern. Sie hatte diese Aktion schon so manches Mal gewagt, seit sie als Kind einmal herausgefunden hatte, wo es kleine Vorsprünge im Gestein gab, die Händen und Füßen guten Halt boten. Sie suchte den verlassenen Streifen Strand gerne auf, wenn sie allein sein und ihren Gedanken freien Lauf lassen wollte - oder aber zur stillen Kontaktaufnahme mit den Mächten der Natur, so wie heute. Bereits in ihrer Kindheit hatte Anápi sich zum Meer und anderen Gewässern besonders hingezogen gefühlt, so dass der Wassersprecher von Sésento in ihr seine Schülerin und künftige Nachfolgerin erkannt hatte. Manchmal konnte sie das noch immer kaum glauben, denn nicht viele hatten die Gabe, mit einer bestimmten Naturgewalt Kontakt aufnehmen und ihre Zeichen lesen zu können. In jedem Dorf gab es - wenn überhaupt - nur einen Sprecher für jede Macht. Jemand, der das Wasser zu verstehen vermochte, stellte gerade für ein Küstendorf wie Sésento eine mehr als glückliche Fügung dar, und genoss entsprechendes Ansehen. Aber Anápi hatte erst zu lernen begonnen und war noch weit vom Wissen Vúrams entfernt.

Mit wenigen Schritten hatte sie den schmalen Streifen Kiesstrand überquert. Bald schwappte die Brandung über ihre nackten Füße. Noch ein paar Schritte, und das Wasser reichte ihr fast bis zu den Knien. Prüfend sah Anápi an sich herab. Sie trug nur ein leichtes Webgewand, dessen längster Saum an ihrem linken Knie endete, und weder der wenige Schmuck, den sie trug, noch ihr kunstvoll geflochtener Zopf würden ihr das Nasswerden wirklich übel nehmen. Sie watete noch ein gutes Stück weiter ins Meer hinein, das sich wie ein blauer Teppich vor ihr ausbreitete. Mit jedem Stück hob sich ihre Laune. An einem heißen Tag wie diesem gab es doch nichts Besseres als ein erfrischendes Bad im Meer! Als sie etwa bis zur Hüfte im Wasser stand, ließ sie schließlich ihre Hände und Unterarme in einer schnellen Bewegung in die Wasseroberfläche eintauchen, um sie gleich darauf in die Höhe zu reißen und funkelnde Wasserperlen aufzuwirbeln. Lachend warf sie sich vollends in die Fluten, tauchte unter und wieder auf, warf sich auf den Rücken und ließ sich, das Gesicht dem Strand zugewandt, nur mit kräftigen Beinschlägen weiter nach draußen tragen.

Bald jedoch veranlasste sie etwas, jäh anzuhalten und die Beine absinken zu lassen. Die Aussicht auf den Strand hatte ihr nicht nur unberührte Natur, sondern noch etwas anderes geboten. Ein gutes Stück zu ihrer Rechten hatte eines der tropfenförmigen Boote angelegt, wie es die Dörfler benutzten, wenn sie aufs Meer hinausfuhren. Es war das erste Mal, dass Anápi hier ein Zeichen der Anwesenheit anderer Siú sah. Das Boot hatte hinter einem hervorstehenden, schroffen Stück Felswand angelegt, das am Ostende des Strandes ihrer Abstiegsstelle ein natürliches Hindernis bildete. Das Gestein war hier härter als weiter westlich, so dass es nicht im Laufe der Jahrtausende weggewaschen worden war, sondern in die Fluten hineinragte. Vom Ufer aus hätte Anápi nie gesehen, was sich dahinter befand - aber hier draußen war der Blick frei.

Irritiert und neugierig zugleich machte sich Anápi auf den Rückweg zum Strand, steuerte aber auf die Felsnase zu. Selten war sie hier so weit hinausgeschwommen wie heute, so dass sie dem Strandabschnitt hinter der Blockade kaum nähere Beachtung geschenkt hatte, geschweige denn den Fels umrundet hätte. Hier wollte sie meist nur ihre Ruhe haben - zum Schwimmen war der belebte Strand im Norden des Dorfes besser geeignet und vor allem ungefährlicher, sollten ihr die im tieferen Wasser lebenden Tiere zu nahe kommen.

An der Felsnase angelangt, schwamm Anápi vorsichtig um diese herum - und fand am Strand selbst niemanden vor. Das Boot lag verlassen da. Langsam machte sie einige Schritte darauf zu - und vernahm bald Stimmen, die der Wind aus einiger Entfernung herübertrug. Sie ging ein paar Augenblicke lang am Strand umher, der hier fast doppelt so breit war wie auf der anderen Seite der Felsbarriere, und schon bald glaubte sie, die Sprecher geortet zu haben.

Unweit der Bootsanlegestelle befand sich eine Höhle, deren Eingang Anápi zunächst nicht gesehen hatte, weil mehrere große Felsbrocken die direkte Sicht auf ihn verhinderten. Von dem, was in der Höhle gesprochen wurde, konnte sie jedoch nichts verstehen - sie musste näher heran.

Mit raschen, aber vorsichtigen Schritten bewegte sie sich im Schutz der Felsstücke auf den Höhleneingang zu, bis sich das Gewirr von Stimmen in ihren Ohren schließlich deutlich genug vom Rauschen des Meeres, dem Geschrei der Seevögel und dem Wind abhob. Offenbar befanden sich da mehrere Männer im Inneren der Höhle.

Die Nachmittagssonne schien vom Meer her in den Höhleneingang und erhellte ihr Inneres ein paar Schritt weit. Anápi schlich bis zu dem Felsen heran, der die Öffnung zur linken Seite hin begrenzte, und beugte sich vorsichtig nach vorne, um hineinspähen zu können. Der Lichtschein fiel gerade weit genug in die Höhle, um den Körper eines Mannes zu erfassen, der sich aus dem Stand nach vorne gebeugt hatte und offensichtlich damit beschäftigt war, etwas vom Boden aufzusammeln. Was dieses Etwas war, konnte Anápi aus der Entfernung nicht erkennen. Aber sie wusste auf der Stelle, wen sie da vor sich hatte - Lásil, den Bootsbauer aus dem Dorf. Sie sah ihn zwar nur von hinten, aber Lásil hatte anders als alle anderen Bewohner von Sésento nicht schwarze, sondern dunkelbraune Haare, die er meist zu einer Art faserigem Zopf zusammengedreht hatte. Im Dorf sagte man ihm daher häufig nach, er sei kein richtiger Siun, sondern habe fremdländisches Blut in den Adern - dabei waren beide seiner Eltern Siú, wenn sie auch nicht aus der Gegend stammten. Aber auch sonst war Lásil nicht sonderlich beliebt in Sésento. Seine schweigsame Art und die Gewohnheit, lieber allein aufs Meer hinauszurudern, während die anderen Siú im Dorf feierten, sorgten dafür, dass ihm viele mit befremdlichen Blicken begegneten. Und nun hielt sich eben dieser Lásil mit mehreren anderen in einer bislang unbekannten Höhle auf? Anápis Neugier stieg ins Unermessliche. Etwas ganz und gar nicht Alltägliches war hier im Gange, dessen war sie sich sicher. Nur zu gerne wollte sie wissen, mit wem Lásil sich bis gerade eben unterhalten hatte. Aber wer auch immer sich noch in der Höhle aufhalten mochte, befand sich weiter im Inneren, wo Anápi nicht hinsehen konnte, und offenbar schienen Lásils Begleiter im Moment ähnlich beschäftigt wie er selbst, denn von weiter drinnen war eine Art Klackern zu hören.

Im nächsten Moment richtete sich Lásil auf. "Habt ihr noch mehr?" Anápi hatte ihn nicht oft sprechen hören, aber jedes Mal wunderte sie sich aufs Neue, wie die Stimme eines Mannes, der nur wenige Jahre älter war als sie selbst, bereits so verbraucht klingen konnte.

"Ein paar", kam es aus dem Höhleninneren. Diese zwei Worte genügten Anápi, um einen der anderen Siú zu identifizieren. Das konnte nur Yávu sein, Holzsammler und für Lásil unentbehrlicher Lieferant. Er war ein etwas geselligerer Mensch und der einzige aus dem Dorf, der den Bootsbauer wirklich mochte.

"Unglaublich, wie viele es hier gibt", erwiderte Lásil. Das erste Mal überhaupt glaubte Anápi, so etwas wie Freude in der Stimme des immer so befremdlich wirkenden Siun zu erkennen. "Wartet, ich gehe zum Boot und hole einen der Säcke."

Anápi gelang es, sich rechtzeitig hinter einen der Felsen neben dem Höhleneingang zu kauern, bevor die schmale Gestalt des Bootsbauers aus dem Halbdunkel heraustrat. Vorsichtig spähte sie aus ihrem Versteck hervor. Als Lásil an ihr vorbeilief, gelang es ihr, einen Blick auf das zu werfen, was er eben vom Höhlenboden aufgesammelt hatte und das er nun zwischen Unterarmen und Bauch eingeklemmt vor sich hertrug - ein gutes Dutzend faustgroßer, zeltdachförmiger Gehäuse von schwarzer Farbe, deren goldene Fleckenmuster unter den Strahlen der Sonne auffunkelten. Anápi traf die Erkenntnis wie ein Faustschlag in den Magen. Caleira-Gehäuse!

Caleiras waren Kriechtiere, die im Flachwasser an den Küsten um Sésento lebten. An und für sich waren die Tiere unscheinbar - schwarze, etwa anderthalb Finger lange Schnecken mit einer auffallend beuligen Haut. Ihre Gehäuse waren es, die sie so wertvoll machten - der Rír, die größte Währungseinheit der städtischen Siú, wurde aus Caleira-Schale gemacht, und im Ganzen maß man den Behausungen gar einen um ein Vielfaches höheren Wert zu.

Fassungslos starrte sie Lásil hinterher, wie er in das Boot kletterte und die kostbare Fracht vorsichtig auf dessen Boden ablegte. Ihre Blicke erfassten jede noch so unbedeutende Bewegung des Mannes. Er machte ein paar Schritte in Richtung Bug und zog dort einen Sack hervor, wie man ihn sonst zum Sammeln von eben erst verendeten Laichfischen oder Seetang benutzte. Vorsichtig gab er die Schalen hinein, eine nach der anderen. Eine dunkle Vorahnung überkam Anápi - ein Gedanke, den sie zunächst gar nicht weiterzuverfolgen wagte. Der Bootsbauer war inzwischen wieder ans Ufer geklettert und eilte, die kostbare Fracht geschultert, zurück zu der Öffnung im Fels. Diesmal verschwand er in der Dunkelheit des Höhleninneren. Anápi hörte, wie er mit jemandem sprach - außer ihm und Yávu musste sich noch mindestens eine andere Person in der Höhle befinden. Sie rückte ein Stück hinter dem Felsen hervor und lauschte angestrengt in Richtung Eingang, aber die Stimmen von Lásil und seinen Begleitern kamen nun von weiter hinten aus der Höhle und gelangten nur als unverständliches Geraune an Anápis Ohr. Ob sie noch einmal neben die Öffnung schleichen und einen erneuten Blick ins Höhleninnere riskieren sollte? Sie kroch ein Stück um den Felsen herum und war kurz davor, sich aufzurichten, als ein lautes Lachen an ihr Ohr drang. Es gehörte Yávu und klang, als befänden sich die Männer wieder deutlich näher am Ausgang. Nein, jetzt wäre ihr Vorhaben eindeutig zu riskant. Anápi stellte sich lieber nicht vor, was Lásil mit ihr machen würde, bekäme er mit, dass sie ihn mit einem Sack voller Caleira-Schalen beobachtet hatte. Rasch suchte sie wieder den schützenden Schatten des Felsbrockens auf und spähte von dort aus in Richtung der Öffnung. Die Schemen dreier Siú lösten sich aus der Dunkelheit und traten in den Bereich, der gerade noch vom weißlichen Licht der Sonne erfasst wurde. Zuvorderst ging der Bootsbauer mit dem Sack, der nun bestimmt das Doppelte an Schalen enthalten musste als er im Boot hineingetan hatte. Außer Yávu folgte ihm ein weiterer, recht hochgewachsener Siun, der jedoch weitgehend vom Körper des Holzsammlers verdeckt wurde. Lásil hielt den Sack ein Stück weit auf und blickte mit einem ungewohnten Grinsen auf dem Gesicht hinein. Er musste in diesem Moment große Genugtuung empfinden. Anápi ballte die Fäuste. Verbrecher!

Den Siú galten Mensch und Tier als auf einer Stufe stehende Wesen. Genauso wie man andere Siú nicht umbringen durfte, stellte deshalb auch das Töten von Tieren ein schweres Verbrechen dar. Nur wenn sie ohne fremdes Zutun starben, durfte man ihre Erzeugnisse verwerten. Wer also die Haut eines Tieres zur Lederherstellung nutzen oder sein Fleisch verzehren wollte, musste bis zu dessen natürlichem Tod warten. Aus diesem Grund waren Caleira-Gehäuse auch so wertvoll - die Tiere durften nicht getötet werden, um an die schön gemusterten Schalen zu gelangen, und verendete Caleiras fand man selten, da ihre Kadaver meist vom Meer weggespült wurden. Als Anápi gerade alt genug gewesen war, um erstmals mit den Erwachsenen aufs Meer hinauszufahren, hatte ihr Onkel am Strand ein leeres Gehäuse gefunden und es in der nächsten Stadt verkauft. Mit dem, was er dafür bekommen hatte, hätte er alle fünfzehn Personen in seinem Haus bestimmt ein Jahr lang ernähren können. Was man dann erst für so viele Schalen, wie sie der Bootsbauer aus der Höhle geschafft hatte, bekommen würde …

Im selben Moment erfasste ihr Blick den dritten Siun. Seine Statur … das dichte, hüftlange Haar … der Kleidungsstil … sie wagte gar nicht, abzuwarten, bis er den Kopf in ihre Richtung drehte. Eine siedende Woge stieg in ihrem Inneren auf, von der Magengegend ausgehend und sich noch im selben Moment über den ganzen Körper ausbreitend. Beyal?!

Nein, das konnte, durfte er nicht sein. Lásil mochte moralisch in der Lage sein, Caleiras zu töten, um an ihre Gehäuse zu gelangen, aber Beyal? Der Mann, für den sie schon seit dem Ende ihrer Kindheit starke Zuneigung empfand und mit dem sie nach der Geburt ihres ersten Kindes endlich unter einem Dach leben würde? Der den Mächten der Natur stets mit genauso viel Achtung begegnet war wie sie selbst? Anápi zwang sich, tief Luft zu holen und diesen Gedanken zu verscheuchen. Nein, auf keinen Fall konnte es sich bei dem dritten Siun um Beyal handeln, er wäre nie zu einer solchen Tat in der Lage.

Angespannt beobachtete Anápi weiter den Höhleneingang. Als die Männer vollends ans Tageslicht traten, schlug ihr Herz so wild, dass sie glaubte, es würde den dreien verraten, dass sie sich hier versteckt hatte. Zuerst kam Lásil, den Sack so behutsam in den Armen haltend, als handle es sich dabei um ein Kind. Ihm folgten Yávu und - Beyal. So sehr Anápi auch herbeigesehnt hatte, sich geirrt zu haben - er war es wirklich.

Aber … er würde es niemals fertig bringen, ein Tier zu töten, und schon gar nicht um des Geldes willen. Nein, nicht Beyal …! Und doch war es sein Gesicht gewesen, das sie eben gesehen hatte, vor Freude strahlend und lachend. Würde aber jemand, der mutwillig und kaltblütig Tiere umbrachte, um aus ihnen Profit zu schlagen, sich dabei so verhalten, wie die drei es getan hatten? Wahrscheinlich würden solche Verbrecher wortlos und schnell ihre grausame Arbeit verrichten, um es möglichst schnell hinter sich zu bringen. Nein, niemand konnte so kaltblütig sein und dabei noch Freude empfinden. Schon gar nicht Beyal … Aber er hatte Caleiras in den Händen gehabt und sich dabei auch noch gefreut …

Anápi wollte nichts mehr sehen. Sie drehte sich von der Höhle weg, ließ sich vollends auf den steinigen Boden sinken, umfasste die Knie mit den Armen und vergrub ihren Kopf darin. Zu ihren Tränen gesellte sich bald ein hemmungsloses Schluchzen, das jegliche weiteren Gedanken aus ihrem Bewusstsein verbannte. Sie versuchte erst gar nicht, dagegen anzukämpfen, sondern ließ jede Faser ihres Körpers mit ihm erbeben und einen dichten Tränenschleier ihre Sicht vernebeln.

Das Schaben des Bootes auf dem steinigen Ufer, während es ins Wasser geschoben wurde, die Geräusche, die die drei Siú beim Einsteigen machten, und das leise Plätschern der von den Paddeln abperlenden Tropfen beim Auftreffen auf der Wasseroberfläche - all das drang nicht bis zu Anápi durch, wie sie sich hinter dem Felsen zusammengekauert hatte, den Kopf zwischen Armen und Knien vergraben.

Anápi wusste nicht, wie lange sie in dieser Position ausgeharrt hatte, doch als es ihr schließlich gelang, den tränenschweren Kopf wieder von ihren Armen zu heben, war die Sonne bereits ein ganzes Stück weiter in Richtung Horizont gewandert. Mit einem Mal bemerkte sie auch, dass immer wieder feinste Tröpfchen sprühender Gischt auf ihren nackten Füßen landeten. Ihr Blick richtete sich jäh nach unten. Nicht nur die Sonne hatte sich fortbewegt, auch das Meer war deutlich nähergekommen - die Flut hatte eingesetzt. Bald würde der gesamte schmale Felsstreifen unter ihren Füßen vollkommen vom Wasser bedeckt sein - sie musste hier weg, so schnell wie möglich! Und das in ihrem Zustand, kraftlos vom vielen Weinen … Mühsam richtete sie sich auf, in der Hoffnung, dass das Meer um die Felsnase herum noch nicht zu unruhig geworden war … und sie wenigstens noch einen sicheren Felsvorsprung in den Klippen erreichen konnte, bevor auch noch das letzte Stückchen Strand den Fluten anheim gefallen sein würde.

***

Im Nachhinein konnte sich Anápi nicht erinnern, wie es ihr gelungen war, so kraftlos und mit völlig verweinten Augen zurück zu ihrer Kletterwand zu gelangen und den gefährlichen Aufstieg zu überstehen, ohne einen Vorsprung zu verfehlen und abzurutschen. Oben angekommen, schlug sie zunächst den Weg in Richtung Dorf ein, nach wenigen Augenblicken aber verlangsamte sie ihren Schritt. Wenn sie jetzt nach Sésento zurückkehrte und ihr jemand begegnete, würde diesem sicher auffallen, wie verweint und mitgenommen sie aussah. Und wie würde sie wohl reagieren, wenn sie auf Beyal, Lásil oder Yávu träfe? Vielleicht hatte gar einer der drei sie bemerkt, sich aber nichts anmerken lassen? Nein, jetzt ins Dorf zurückzukehren, war keine gute Idee.

Ein Stück hinter der nächsten Wegesbiegung ging ein schmaler Pfad ab, der in die Küstenwälder hineinführte. Er wurde von den Dörflern benutzt, wenn sie im Herbst Nüsse oder Früchte von den Bäumen sammeln wollten. Jetzt aber, im Frühling, kam nur selten jemand hier entlang. Anápi schlug den Weg in den Wald ein und ließ sich nach einiger Zeit, vom vielen Weinen und der anstrengenden Kletterpartie in den Felsen am Rande der Erschöpfung, gegen den Stamm eines Baumes sinken. Ihre Gedanken griffen nach dem kleinen Funken Hoffnung, der noch in ihr glomm, dass ihre Sinne ihr lediglich einen Streich gespielt hatten und es sich bei dem dritten Siun in der Höhle doch nicht um Beyal gehandelt hatte. Aber auch dieser verlosch rasch. Natürlich war es Beyal gewesen, sie hatte ihn doch genau gesehen … Langsam ließ sie sich auf den Boden sinken, die scharfen Kanten der Baumrinde ignorierend, die über ihre nackten Schultern, Haare und Kleidung schabten.

***

Irgendwann musste sie wohl eingeschlafen sein, denn das nächste, woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie sich umsah und bemerkte, wie die Dämmerung bereits eingesetzt hatte. Verwirrt rappelte sie sich auf, wobei gut ein halbes Dutzend Nussfliegen, das es sich auf ihren Oberarmen bequem gemacht hatte, die Flucht ergriff. Es war kurz nach Mittag gewesen, als sie sich auf den Weg zum Strand gemacht hatte. Höchste Zeit, um zurück nach Hause zu gehen, bevor man sich etwa noch Sorgen um sie zu machen begann.

***

Als Anápi die ersten Häuser von Sésento erreichte, hatte sich bereits die Nacht über das kleine Dorf gesenkt. Draußen war niemand zu sehen. Rasch folgte sie den ausgetretenen Pfaden durch das kniehohe Gras bis zum Haus ihrer Familie. Beim Eintreten stieg ihr ein harziger Geruch in die Nase - der einer Fackel. Offenbar war noch jemand wach. Anápi machte ein paar schnelle Schritte in den im völligen Dunkel liegenden Schlafraum, um neugierigen Fragen zu entgehen. Mit langjähriger Gewohnheit bewegte sie sich um die nicht einmal schemenhaft erkennbaren Körper der anderen Familienmitglieder herum. Schließlich gelangte sie an ihre eigene Schlafstatt, rollte sich auf ihr in voller Bekleidung zusammen, schloss die Augen und wartete darauf, dass ihre Müdigkeit sie übermannte und in eine andere Welt hinüberführte, in der es kein Recht und kein Unrecht gab.

***

Etwas berührte Anápi an der Schulter, und sie fuhr entsetzt hoch. Völlige Dunkelheit, doch da war jemand, und dieser Jemand roch leicht nach Harz. Es war Núwi, eine ihrer älteren Schwestern. "Kommst du kurz mit nach draußen?", drang es leise an ihr Ohr. Anápi erhob sich wortlos. Wenn Núwi sie zu dieser Zeit weckte, hatte das einen Grund, und es würde nichts nützen, ihr zu widersprechen. Die beiden Frauen verließen den Schlafbereich und gingen in den Hauptraum des Hauses, in dem noch immer die Harzfackel knisterte.

Bevor Anápi fragen konnte, weshalb ihre Schwester sie nach draußen geholt hatte, fing diese auch schon zu sprechen an. "Mir dir ist doch irgendetwas nicht in Ordnung?"

Anápi schüttelte den Kopf. "Nein. Es ist nichts …"

Núwi wollte ihrer Schwester eine Hand auf die Schulter legen, doch diese wich aus. "Anápi, es muss doch irgendetwas passiert sein. Ich habe dich eben, als ich ins Bett wollte, weinen gehört. Und sieh dich doch einmal an - es ist nicht normal, dass man sich vollständig bekleidet zum Schlafen niederlegt."

Anápi senkte den Kopf und schwieg. Núwi wartete geduldig. Nach Momenten der Stille, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, gelang schließlich einem lauten Schluchzer der Weg aus Anápis Innerem nach draußen. Núwi trat auf ihre Schwester zu und legte die Arme um sie. Während der ganzen Zeit, die Anápi in ihre Schulter weinte, sprach Núwi kein Wort. Irgendwann lösten sich die beiden Frauen schließlich wieder voneinander. "Beyal", brachte Anápi heraus.

"Ja? Was ist mit ihm?"

"Ich … ich habe ihn heute gesehen. Am Strand." Ein erneuter Weinanfall ließ den Körper der jungen Frau erbeben. "Du musst mir versprechen, dass du es niemandem sagst!", entfuhr es ihr überraschend heftig. "Sonst … ist er …"

Núwi nickte.

"Versprich es mir! Versprich mir, dass du es keinem sagst, egal, wie schlimm das ist, was ich dir jetzt erzähle!"

"Ich verspreche es."

Anápi ließ sich auf den Boden sinken und bedeutete der Schwester, es ihr gleichzutun. Immer wieder von Schluchzern unterbrochen, erzählte sie ihr, was sie am Strand gesehen hatte. Núwis Augen weiteten sich vor Entsetzen, als Anápi auf die vielen Caleira-Schalen zu sprechen kam, unterbrach sie jedoch nicht. Am Ende ihres Berichts hatte Anápi erneut das Gesicht in den Händen vergraben. Núwi strich ihr sanft übers Haar und begann dann, die Frisur ihrer Schwester zu lösen, was diese, genau wie das Umziehen, vor dem Schlafengehen nicht getan hatte. "Jetzt verstehe ich, weshalb du so lange fort warst", sagte sie leise, während sie die Zopfstränge voneinander trennte und das lange Haar vorsichtig mit den Fingern durchkämmte. "Ich hätte an deiner Stelle auch nicht gewusst, was ich hätte tun sollen."

Anápi sagte etwas, das durch ihre Tränen hindurch als leises Wimmern an die Ohren ihrer Schwester gelang. "Was soll ich denn tun?"

"Ich weiß es auch nicht." Núwi stand auf und half Anápi dabei, sich ebenfalls aufzurichten. "Leg dich am besten wieder schlafen. Bestimmt ist alles ganz anders, als du denkst. Mach dir nicht so viele Sorgen."

Anápi nickte und wischte sich mit dem Arm übers Gesicht. Núwi trat an den Wasserkrug heran, der in der Ecke stand, brachte die Harzfackel zum Erlöschen und machte sich dann mit ihrer Schwester auf den Weg zurück in den Schlafraum. Bald war aus diesem lange nichts anderes außer dem gleichmäßigen Atmen von gut einem Dutzend Personen zu hören.

***

Cétir, Dorfoberhaupt von Sésento, stand im Eingangsbereich seines Hauses, eine kunstvoll gearbeitete Laterne in der Hand, in der eine kleine Flamme unruhig tanzte. Er trug einen einfachen Überwurf, und sein mit zahlreichen grauen Strähnen durchzogenes Haar fiel ihm glatt und offen den Rücken hinab. Kein Siun würde sich normalerweise in einem solch schmucklosen Aufzug vor jemandem zeigen, der nicht unter seinem Dach lebte. Aber diese Situation war alles andere als normal. Edála, der rote Mond, stand hoch über dem Horizont - bald würde die erste Hälfte der Nacht vorüber sein. Und vor ihm stand eine sichtlich aufgebrachte Núwi, die ihm mit unterdrückter Stimme berichtete, was sie vor kurzem von ihrer Schwester erfahren hatte.

Als sie geendet hatte, senkte sich für ein paar Augenblicke Stille über den Raum. "Ich danke dir, dass du mir das gesagt hast, Núwi", meinte Cétir schließlich leise und machte Anstalten, sich in Richtung des Durchgangs zu wenden, der ins Innere des Gebäudes führte.

"Was wirst du nun tun?", fragte Núwi schnell.

"Ich werde mich wieder schlafen legen", antwortete der Dorfvorsteher, "und morgen sehen wir dann weiter."

"Aber bis dahin könnten sie die Schalen längst versteckt oder beiseite geschafft haben, so dass es keine Beweise mehr gibt. Man lässt doch nicht einen Haufen Caleira-Schalen einfach so bei sich zu Hause herumliegen."

Cétir kam sichtlich ins Grübeln. "Das stimmt natürlich. Aber wenn ich sie jetzt aus dem Schlaf reißen lasse, gibt es einen Aufruhr im Dorf."

"Ich fürchte, dass es den ohnehin geben wird."

"Nun, das ist ein gutes Argument", erwiderte Cétir. "Gib mir einen Moment Zeit, um zu bedenken, was zu tun ist." Er schenkte Núwi noch ein wenig überzeugendes Lächeln und verschwand im Inneren des Hauses.

***

Auf den Gesichtern von Beyal, Lásil und Yávu stand deutlich sichtbare Beunruhigung, was man ihnen nicht verdenken konnte. Wann wurde sonst jemand mitten in der Nacht geweckt und zum Dorfvorsteher beordert? Man hatte sie fast zeitgleich zu Cétirs Haus gebracht, so dass ihnen rasch klar geworden war, worum es gehen musste. Hin und wieder sprachen sie leise miteinander oder warfen sich nervöse Blicke zu, während sie auf den Dorfvorsteher warteten. Ihre Begleiter hatten sich vor dem Eingang postiert, um zu verhindern, dass die drei sich einfach ihrer Verantwortung entzögen.

Nur kurze Zeit nach ihrer Ankunft betrat Cétir den Raum. Seit der Unterredung mit Núwi hatte er sich der Situation angemessen gekleidet und einige Schmuckstücke angelegt, an deren Wert sich seine besondere Stellung im Dorf erkennen ließ. Sein Haar formte nun eine Art lockeren Knoten im Nacken und hing weiter bis über die Schulterblätter herab. Den drei Delinquenten blieb jedoch nicht viel Zeit, das Erscheinungsbild des Dorfvorstehers zu würdigen, denn kaum hatte er den Raum betreten, hob Cétir auch schon zu sprechen an. "Ich nehme an, ihr wisst, weshalb ihr hier seid?"

"Nein - was sollen wir denn Unrechtes getan haben?", entrutschte es Yávu augenblicklich, während seine Blicke wild zwischen Beyal und Lásil hin- und herfuhren.

Cétir schwieg weiterhin. Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung. Er schien wirklich darauf zu warten, dass die drei von sich aus erzählten, was sie getan hatten. Viele Möglichkeiten gab es nicht, denn während man Lásil und Yávu häufiger zusammen sah, war es äußerst ungewöhnlich, dass Beyal mit den beiden zu schaffen hatte.

Irgendwann schließlich begann Beyal leise: "Nun, wir waren gestern mit dem Boot draußen …"

Lásil stieß ihn in die Seite und brachte ihn so zum Schweigen. "Bevor wir nicht wissen, was man uns vorwirft, sagen wir gar nichts", beeilte er sich zu sagen.

"Nun gut." Cétir musterte die drei eingehend. "Es hat in der Tat etwas damit zu tun, dass ihr gestern draußen wart. Ihr wurdet dabei beobachtet, wie ihr eine beträchtliche Menge Caleira-Schalen aus einer Höhle hinausgetragen habt. Ihr werdet euch für das Töten dieser Tiere verantworten müssen."

Ein wildes Durcheinander entrüsteter Proteste brach auf Cétir ein, nachdem er geendet hatte. Der erste, der wieder einen vollständigen Satz zustande brachte, war Lásil. "Wer war das, wer hat das behauptet? Wir haben keine Caleiras getötet!"

"Genau! Die lagen einfach da!", rief Yávu dazwischen. "Von der Flut in die Höhle gespült, da drinnen sind sie dann verendet."

"Wir haben nur die leeren Schalen eingesammelt", übernahm Lásil wieder das Wort.

"Einen Moment", unterbrach Cétir den Redeschwall. "Eins nach dem anderen. Lásil, erzähl mir die ganze Geschichte, und zwar von vorne und der Reihe nach."

"Ich war gerade an der Fertigstellung eines neuen Boots", begann der Angesprochene, "da kam Beyal des Wegs und fing mit mir eine Unterhaltung an." Seiner Stimme nach zu urteilen, schien er sich darüber nicht sonderlich gefreut zu haben. "Er meinte, dem Verhalten der Vögel nach zu urteilen, seien heute wieder Fische draußen an der Sandbank angeschwemmt worden. Er fragte, ob ich deswegen so fleißig sei. Ich sagte ihm, dass mir das noch gar nicht aufgefallen wäre. Irgendwie überredete er mich dann, das Boot gleich auszuprobieren, obwohl ich noch nicht ganz fertig war. Yávu, der gerade bei mir war, drängte auch dazu, also gab ich mich geschlagen, und wir fuhren los, bevor die Flut kommen und die Sandbank unter Wasser setzen würde." Cétirs Gesicht war wieder vollkommen ausdruckslos, während der Bootsbauer redete. "Wir sammelten ein paar Fische ein und wollten zurückfahren, aber als wir das Boot ins Wasser schoben, muss sich ein Stein in einer Ritze zwischen zwei Planken verkantet und den Spalt vergrößert haben, denn nach kurzer Zeit bemerkten wir, dass immer mehr Wasser ins Boot hineinlief. Wir fuhren nicht mehr zur Sandbank zurück, sondern zum nächsten Küstenstreifen, weil wir da eher Material finden würden, um das Boot zu reparieren. Und da entdeckten wir dann eben diese Höhle."

Cétir runzelte die Stirn. "Wo genau ist das? So etwas müsste eigentlich bekannt sein."

"Ein ganzes Stück südwestlich von hier. Unten an den Steilklippen. Da, wo man sonst nicht hinkommt."

"Wer kann uns da bloß gesehen haben …", kam ein leises Murmeln von Yávu. Cétir bedeutete ihm, zu schweigen, und bedachte Lásil mit einem auffordernden Blick.

"Das ist so eine Einhöhlung im Fels, sie geht ziemlich tief hinein. Ich schätze, dass man nur bei Ebbe hineingehen kann. Innen ist der Grund dann wieder tiefer ausgewaschen als am Eingang. Wir vermuten, dass die Caleiras bei Flut in die Höhle gespült werden, und dann, wenn bei Ebbe das Wasser abläuft, nicht mehr zurück ins Meer gelangen und dadurch sterben." Die anderen beiden nickten bekräftigend, doch mit jedem Wort, das er sprach, wurde die Stimme des Bootsbauers leiser, als schleiche sich langsam das Bewusstsein in seine Gedanken, dass Cétir ihm das Ganze wohl nicht abnehmen würde. Schließlich verstummte er ganz.

"Ich denke, ich brauche euch nicht zu sagen, dass eure Geschichte recht abenteuerlich klingt", meinte der Dorfvorsteher heiser. "Bei ein, zwei Gehäusen würde ich das ja noch glauben. Aber mir wurde berichtet, dass ihr mehrere Dutzend davon aus der Höhle herausgetragen habt. Da liegt ein ganz anderer Verdacht natürlich nahe." Die drei hoben zu erneutem Protest an, woraufhin Cétir schnell weitersprach. "Aber nun gut. Ich werde mir morgen ein Boot nehmen und mir die Sache selbst ansehen."

Auf den Gesichtern von Beyal, Lásil und Yávu machte sich zaghafte Erleichterung breit, die jedoch sogleich wieder von ihnen wich. "Bis dahin kann ich euch allerdings nicht nach Hause gehen lassen", fuhr Cétir in einem etwas strengeren Tonfall als bisher fort. "Ich habe ein paar Leute ausgeschickt, um die Caleiras herbringen zu lassen. Ich möchte euch nichts unterstellen, aber ich muss sichergehen, dass ihr die Schalen nicht schnell beseitigt. Ich habe auch mit Vúram gesprochen." Das war der Wellensprecher, Anápis Lehrmeister, der mit den Kräften des Wassers geistig in Kontakt treten konnte. "Er wird euch bis morgen in seinem Haus aufnehmen, bis ich die Caleiras und die Höhle mit eigenen Augen gesehen habe. Dann werde ich entscheiden, wie es weitergehen soll."

Seine Worte klangen so unmissverständlich, dass keiner der drei es wagte, noch Widerworte zu erheben. Cétir ging kurz nach draußen und erteilte den dort Postierten ein paar Anweisungen. Alsbald wurden der Bootsbauer und seine Begleiter in die Nacht hinaus geführt.

***

Anápi erwachte davon, wie zwei Personen draußen vor dem Fenster mit unterdrückten Stimmen, aber dennoch deutlich hörbar miteinander sprachen. Sie setzte sich auf und rieb sich verwirrt die Augen. Auch in den Rest ihrer Familie schien Bewegung gekommen zu sein, wie das schnelle Tappen etlicher Paar Füße um sie herum verriet. "Was ist denn los?", fragte sie, noch halb schlafend, in das Dunkel. Draußen lief ein Grüppchen erregt miteinander diskutierender Siú vorbei.

"Zieh dich an und komm mit nach draußen", sagte die eilig näherkommende Stimme eines ihrer Brüder. "Aus irgendeinem Grund ist das ganze Dorf in Aufruhr."

Im Nu war Anápi auf den Beinen. Es musste schon etwas Schlimmes passiert sein, wenn es alle Bewohner von Sésento mitten in der Nacht aus den Betten holte. Anápi musste nicht lange nachdenken, was dieses Schlimme wohl sein mochte. Ihre Zähne gruben sich in ihre Unterlippe. Núwi musste trotz ihres Versprechens etwas gesagt haben - wie hätten es die anderen sonst erfahren sollen?

Rasch kleidete sich an und eilte aus dem Schlafraum. Im Vorraum war man damit beschäftigt, irgendwie Licht zu machen. Anápi lief an ihren Verwandten vorbei und nach draußen. Sie sah zwei junge Männer aus dem Nachbarhaus eilig näher kommen und sprach sie an: "Was ist hier eigentlich los?"

"Sag bloß, du weißt es noch nicht", meinte einer der beiden erstaunt. "Man hat Beyal heute Nacht aus dem Schlaf gerissen, und Yávu und Lásil auch. Angeblich haben sie Unmengen von Caleira-Schalen unten vom Strand heraufgebracht!"

"Jeder sagt, sie hätten sie getötet", fügte der andere schnell hinzu. "Das ist doch verrückt! Los, komm mit, vielleicht können wir irgendetwas tun."

Anápi nickte und stolperte den beiden hinterher, deren Tempo sie auf ihren entkräfteten Beinen kaum halten konnte. Vor dem Haus des Dorfvorstehers hielten sie schließlich an. Dort hatte sich bereits eine Ansammlung von mehreren Dutzend Dörflern gebildet, die jedoch gebührenden Abstand zur Eingangstür hielten, vor der sechs Männer Wache standen. Anápi blieb hinter ihren Nachbarn stehen und senkte den Kopf, in der Hoffnung, so nicht erkannt zu werden und lästige Fragen beantworten zu müssen. Hin und wieder schnappte sie Fetzen der erregten Unterhaltung der beiden auf.

"Wenn du mich fragst - der Bootsbauer war's, dem habe ich noch nie getraut."

"Natürlich war er's - und jetzt zerrt er arme Unschuldige mit hinein. Warte nur, bis das rauskommt, Cétir lässt ihn aus dem Dorf werfen."

Anápis Gedanken schweiften ab. Hätte sie doch bloß den Mund gehalten und sich Núwi nicht anvertraut! Dabei hatte diese ihr gegenüber noch nie ein Versprechen gebrochen, sie hatte sich immer auf sie verlassen können … Sie atmete ein paar Mal tief ein und aus, um die in ihrer Bauchgegend entstehende Mischung aus wachsender Verzweiflung und Wut unter Kontrolle zu bekommen. Aber könnte es nicht auch sein, dass jemand anderes die drei gesehen hatte, wie sie mit so vielen Caleiras im Dorf eintrafen?

Während sie noch grübelte, kam plötzlich Unruhe in den Kreis der Umstehenden. Über die Schulter ihres Vordermanns hinweg konnte Anápi erspähen, wie mehrere Personen aus dem Haus kamen und von denen, die bereits davor gestanden hatten, weggeführt wurden. Das konnten nur Beyal und die beiden anderen gewesen sein! Sie streckte sich weiter, um sehen zu können, wohin sie gebracht wurden, aber die meisten um sie herumstehenden Siú waren ziemlich groß und versperrten ihr die Sicht. Im selben Moment erhob der Dorfvorsteher die Stimme und rief über den Platz hinweg: "Ihr habt mit dieser Sache nichts zu tun. Geht nach Hause und legt euch wieder schlafen."

Murrend setzte sich der Auflauf in Bewegung. Eine solche Anordnung duldete keinen Widerspruch. Anápi blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls zu gehen. Von ein paar vorbeilaufenden Dörflern schnappte sie noch auf, dass man die drei zu Vúrams Haus bringen würde. Sie beschleunigte ihren Schritt - nun wusste sie genau, was sie diese Nacht noch zu tun hatte.

Ein paar Bäume weiter wurde Anápi jäh in ihren Gedanken unterbrochen, als sie aus dem Augenwinkel sah, wie Núwi ihren Weg kreuzte. Rasch streckte sie den Arm aus und fasste die Schwester grob an der Schulter.

"Du hast es Cétir gesagt!", entfuhr es ihr.

Núwi riss sich los. "Es tut mir Leid", sagte sie nur, unendliches Bedauern in ihrem Gesicht. "Es war ungeheuerlich. Ich musste es ihm sagen. Es wird sich schon alles klären."

Bevor Anápi etwas erwidern konnte, verschwand Núwi in der Nacht.

***

Mitternacht war längst vorbei, als Anápi sich aus dem Haus schlich. Stille lag über dem Dorf, von dem frischen Wind, der vom Meer herüberwehte, einmal abgesehen.

Überraschenderweise schienen die Wege um einiges belebter als gewöhnlich. Wohin sie auch blickte - mindestens ein Fackellicht, vom Wind zum Flackern gebracht, wanderte umher. Offenbar hatte Cétir Wachen abgeordnet, um dafür zu sorgen, dass die Dörfler in den Betten blieben. Was das Vorhaben Anápis um einiges erschweren würde.

Anápi wartete einen Moment ab, und als sich die beiden nächsten Fackeln etwas von ihr entfernten, huschte sie unter einen mit dichten Ranken bewachsenen Ast, der vom Nachbarhaus herabhing. In diesem Moment war sie sehr dankbar, dass viele Dörfler in ihre Gebäude Bäume und andere hohe Pflanzen integriert hatten. So hatte man nicht nur unnötige Schäden an der Natur verhindert, sondern auch ausgezeichnete Verstecke geschaffen. Auf diese Weise gelang es Anápi, sich von den Fackelträgern unbemerkt bis zum Haus des Sprechers zu schleichen. Gebückt huschte sie unter eines der Fenster auf der Rückseite und spähte hinein. Da sie Vúram oft bei rituellen Tätigkeiten half und die beiden einander sehr vertraut waren, kannte sie auch das Innere seines Hauses. In diesem kleinen Raum hier bewahrte er etwa sein Trinkwasser auf - und er eignete sich sicher auch, um jemanden einzusperren. Im fahlen Licht eines der Monde erkannte Anápi im Inneren nur einige große Tonkrüge, die mit Brettern abgedeckt waren, viel mehr gab es nicht zu sehen. Sie zog sich vom Fenster zurück und schlich weiter am Haus entlang. Das nächste Fenster war ein wenig kleiner als das vorige und mit einem Geflecht aus biegsamen Zweigen versehen. Der Vorratsraum - die Zweige sollten verhindern, dass Vögel hineinfliegen und sich an den Vorräten gütlich tun konnten. Sonderlich wirksam schien das jedoch nicht mehr zu sein, denn unten links waren einige Zweige nicht mehr richtig an der Wand befestigt und standen ein Stück nach innen ab. Da müsste Vúram mal nachbessern. Anápi wollte sich gerade wieder abwenden, doch ein Glitzern in ihrem Augenwinkel ließ sie sofort wieder genauer hinsehen. Es ging von dem aus, was man rechts neben dem Eingang zum Vorratsraum aufgeschichtet hatte. Die Caleiras! Anápis Augen wurden groß - da lagen wirklich etwa dreimal so viele, wie sie Lásil ins Boot hatte tragen sehen. Wie gerne würde sie jetzt einfach ins Haus des Sprechers gehen und diesen Haufen verschwinden lassen … Rasch ließ sie vom Fenster ab und spähte um die nächste Ecke. Der Eingang befand sich nur ein paar Schritt entfernt - sollte sie es wagen …? Im selben Moment verbannte sie diesen Einfall wieder aus ihren Gedanken. Nein, auf keinen Fall konnte sie sich jetzt einfach so in Vúrams Haus schleichen - was, wenn er sie entdeckte? Und er war bestimmt nicht allein. Leise seufzend begab sie sich wieder auf die Rückseite des Hauses. Was wollte sie hier eigentlich? Es war schwachsinnig gewesen, überhaupt hierher zu kommen. Vúram würde Beyal und die beiden anderen kaum in einem Raum untergebracht haben, der ein Fenster hatte. Sie würde nicht mit ihnen reden können. Anápi rieb sich die müden Augen und lief wieder zum anderen Ende der Wand, von dem sie hergekommen war. Als gerade kein Fackelträger in Sicht war, huschte sie in den Schatten eines Baumes zwischen Vúrams Haus und dem seiner Nachbarn. Ein kurzer Blick zurück zum Sprecherhaus - und Anápi zuckte unwillkürlich zusammen. Da bewegte sich jemand. War er zuvor auch schon in ihrer Nähe gewesen, und sie hatte ihn nur nicht gesehen, er aber sie? Anápis ohnehin schon beschleunigter Herzschlag raste nun erst recht. Die Person befand sich nun vor dem Eingang zu Vúrams Haus, sah sich kurz um und ging dann schnellen Schritts auf den Baum zu, hinter dem sich Anápi versteckt hielt. Entsetzt presste sie sich an den Stamm, als würde sie mit ihm verschmelzen wollen, und wagte keinen einzigen Atemzug, bis die Gestalt unerwartet vor dem Baum vorbeilief und in den Schatten der nächsten Häuser verschwand. Anápi atmete auf und ließ sich nach hinten auf den Boden sinken. Der Fremde - Statur und Gang zufolge musste es ein Mann gewesen sein - war offenbar auch nur ein Schaulustiger, der sich nachts umhertrieb, obwohl er eigentlich schlafen sollte. Oder es handelte sich um einen der Wachposten, dessen Fackel eine Bö zum Erlöschen gebracht hatte. Egal. Anápi ließ das Grübeln sein und lief, von den wachsamen Augen der Fackelträger unentdeckt, nach Hause.

***

Die Sonne hatte ihren Weg vom Horizont zum Zenit bereits hinter sich gebracht, als Vúram seine drei unfreiwilligen Gäste aus der kleinen Kammer führte, in der sie die Nacht verbracht hatten. Obwohl er ihnen Essen und eine Schlafstelle bereitet hatte, boten sie ein miserables Bild - als hätten sie tagelang weder geschlafen noch gegessen, kreidebleich im Gesicht, die Haare verworren und glanzlos.

Der Sprecher öffnete die Eingangstür und ließ sie hinausgehen, wo bereits ein sichtlich unausgeschlafener Cétir auf sie wartete - und mit ihm das halbe Dorf. Sie alle bildeten einen Halbkreis um das Häuflein Caleira-Schalen, das man auf einem Stück groben Tuchs auf dem Boden aufgeschichtet hatte.

Jegliche Restfarbe, die sich noch in den Gesichtern der drei befand, wich mit einem Schlag, als der Dorfvorsteher vortrat. Er streckte ihnen eine offene Hand entgegen, auf der der verkrustete Körper einer toten Caleira lag, den man offensichtlich mit einem Messer quer durchgeschnitten hatte. "Die habt ihr wohl übersehen", sagte er knapp.

"Wo hast du die her?"

"Die ist nicht von uns!"

"Das waren wir nicht!", kam es zugleich aus drei Kehlen.

Cétir machte ihnen mit einer unmissverständlichen Geste klar, zu schweigen. "Ich war vorhin in dieser Höhle und habe mich dort umgesehen. Es sieht dort in der Tat so aus wie von dir beschrieben, Lásil. Allerdings habe ich in dieser Vertiefung weder lebende noch verweste Caleiras gesehen. Die einzige Caleira, die ich heute gesehen habe, ist diese hier, und die", er deutete auf den Haufen, "habe ich hier entdeckt."

Beyal trat einen Schritt vor. "Cétir, ich versichere dir, dass wir das nicht waren. Weder Lásil noch Yávu noch ich. Was hätten wir denn davon?"

"Es ist wirklich so, wie Lásil es gestern erzählt hat", übernahm Yávu das Wort. "Wir kamen in diese Höhle, da waren haufenweise verweste Caleiras mit ihren Gehäusen …" Der Rest dessen, was er sagen wollte, ging in den wütenden Zwischenrufen der Umstehenden unter.

Als auf Cétirs Anordnung wieder etwas Ruhe eingekehrt war, löste sich jemand aus der Menge hinter dem Dorfvorsteher und rief: "Wenn die Geschichte so stimmen sollte - warum habt ihr dann nicht gleich allen freudestrahlend von eurem Fund erzählt? Warum dann diese Heimlichtuerei? Das macht man doch nur, wenn man etwas zu verbergen hat!" Bestätigende Rufe aus allen Richtungen.

"Ihr hättet uns doch ohnehin nicht geglaubt - das sieht man jetzt ja!", schrie Lásil in die Menge.

"Und warum habt ihr die Schalen nicht zurückgelassen, wenn euch das von Anfang an klar war?", meldete sich ein weiterer Dörfler zu Wort.

"Versucht doch einfach, euch in unsere Lage hineinzuversetzen. Wenn man so einen unglaublichen Schatz findet, denkt man einfach nicht mehr", sagte Yávu, was die anderen Siú wieder zu hitzigen Zwischenrufen veranlasste.

"Ruhe!", entfuhr es Cétir. "Wir haben ja eine Augenzeugin des Vorfalls. Anápi, bist du hier?"

Auf Drängen der Umstehenden bewegte sich die Aufgerufene widerstrebend auf den Dorfvorsteher zu. Sie hatte ganz hinten gestanden, damit Beyal sie nicht sah. Als man sie ganz nach vorne geschoben hatte, wurde sie sofort von den Blicken ihres Geliebten erfasst.

"Du warst das also", sagte Beyal verbittert und senkte den Kopf.

Anápi kam es vor, als würde dieser Tonfall in seiner Stimme ihr Herz zerspringen lassen. Nichts in der Welt hätte sie lieber getan, als auf ihn zuzulaufen, ihn Cétir und der wütenden Menge zu entreißen und mit ihm an einen Ort zu verschwinden, an dem sie mit ihm allein sein und sich in Ruhe seine Sicht der Ereignisse anhören konnte. Obwohl es ihr nach wie vor unglaublich erschien, dass es einen von der Natur derart geformten Ort gab, an dem Dutzende Caleiras zugrunde gingen, glaubte sie in diesem Moment mehr als zuvor an seine Version der Geschichte. Nein, er war einfach kein Mann, der Tiere tötete, zumal er so viele Caleira-Gehäuse wirklich nicht loswerden können würde, ohne aufzufallen.

Cétirs scharfe Stimme unterbrach ihre Gedanken. "Anápi! Du hast die drei an der Küste gesehen. Was haben sie da genau getan? Hast du sie Caleiras töten sehen?"

"Nein!", rief Anápi. "Ich habe sie nur aus der Höhle herauskommen sehen, die Schalen in den Händen. Sonst nichts! Aber sie haben gelacht und sich gefreut. Das tut man nicht, wenn man ein Verbrechen begeht. Sie müssen die Schalen wirklich da gefunden haben."

Lásil nickte heftig. "So war es auch! Ich verstehe nur nicht, wie du uns beobachten konntest …" Bei diesen Worten schien er sich sichtlich unwohl zu fühlen. "Wir haben dich nicht gesehen."

"Ich hatte mich hinter einem Felsen in der Nähe der Höhle versteckt."

Beyal machte große Augen. "Wie um alles in der Welt kommst du an diesem Ort? Keiner von uns kannte ihn."

"Beyal, sei ruhig", unterbrach Cétir den Austausch von Belanglosigkeiten. "Anápi, sprich bitte weiter."

"Ich bin oft dort in der Nähe … ich kann die Klippe hinunterklettern. - Cétir, ich kann nicht mehr sagen. Ich war nicht in der Höhle selbst. Ich … ich kann auch kaum glauben, dass man so viele Schalen an einem einzigen Ort finden kann. Aber jetzt weiß ich, dass es nicht anders gewesen sein kann. Sie hatten keine Messer bei sich. Und Blut habe ich an ihren Händen auch nicht gesehen."

"Sie lügt doch!", schrie jemand mit aller Kraft nach vorne. "Glaubt ihr kein Wort! Sie will doch nur, dass Beyal nichts geschieht!"

Dies war wieder neues Wasser auf die Mühlen der Zuschauer. Mitten in dem Geschrei fiel zunächst kaum jemandem auf, dass Beyal seinen beiden Leidensgenossen etwas zuflüsterte, woraufhin diese zunächst schwiegen und dann entschlossen nickten. Schließlich machte Beyal einen Schritt nach vorne und rief mit der gesamten ihm noch verbleibenden Kraft: "Wir fordern ein táchal!"

Innerhalb weniger Augenblicke lag Totenstille über dem Dorf. Selbst diejenigen, die Beyal nicht verstanden hatten, weil sie selbst mit Keifen beschäftigt waren, verstummten und blickten fragend in die Gesichter ihrer Nachbarn. Ein táchal war ein Ritual, bei dem die Naturkräfte angerufen wurden, um über das Schicksal einer Person zu entscheiden, die sich gegen sie versündigt hatte. Um die Mächte nicht unnötigerweise in ihrem Fluss zu stören, kam es dazu nur, wenn die Schuld oder Unschuld des Täters anders nicht bewiesen werden konnte. Solche Verbrechen aber kamen zumeist durch Beobachter oder eindeutige Spuren ans Tageslicht - oder eben gar nicht. Angesichts der Erlebnisse Anápis, dem Schalenhaufen und der toten Caleira konnte niemand den Dörflern ihre Überraschung ob der Forderung eines solchen Rituals verdenken.

Cétir war der erste, der passende Worte fand. "Ein táchal? Das hat es seit Generationen nicht gegeben."

"Na und?", konterte Beyal, der mit einem Mal wie neugeboren schien. "Das ist die einzige Möglichkeit, unsere Unschuld zu beweisen, wenn ihr uns schon nicht glaubt."

Vúram trat neben den Dorfvorsteher. "Wenn das euer Ernst ist, dann soll es so sein." Seine dunklen Augen funkelten, wie Anápi es noch nie zuvor gesehen hatte. Allem Anschein nach reizte es den Sprecher, ein solches Ritual durchführen zu dürfen, wie es lange keiner seiner Vorgänger abgehalten hatte. "Aber heute werde ich das nicht alles vorbereiten können. Dafür brauche ich die richtigen Utensilien, und Zeit und Ort wollen wohl gewählt sein … in zwei Tagen könnte ich es schaffen."

Anápi wandte ihren Blick gen Boden. Als Vúrams Schülerin würde sie ihm bei den Vorbereitungen des Rituals helfen müssen … aber was, wenn es Beyal für schuldig befand? Schnell versuchte sie, das bange Gefühl in ihrer Magengrube abzuschütteln. Das táchal würde die Unschuld der drei beweisen. Es musste einfach so sein, wie die drei es beschrieben hatten! Aber da war immer noch die tote Caleira …

Um sie herum löste sich die Ansammlung unter Cétirs Anweisungen langsam auf. Sie bahnte sich einen Weg in Richtung Vúram, wobei sie den Dorfvorsteher nicht aus den Augen ließ. Er hatte das Schalenbündel an sich genommen und wies allem Anschein nach ein paar Leute an, Beyal, Lásil und Yávu irgendwohin zu bringen. Wie gern hätte Anápi sie aufgehalten - nun würde sie wieder nicht mit Beyal sprechen können. Sie unterdrückte einen Seufzer. Kam es einmal zu einemtáchal, galten Aussagen von Zeugen oder Beteiligten ohnehin nichts mehr. Alles, was sie nun für Beyal tun konnte, war, Vúram bei der Vorbereitung des Rituals zu helfen, so gut sie konnte.

Gegen Abend hatte der Wind aufgefrischt und seither nicht wieder nachgelassen. Mehr als einmal landeten große Spritzer Salzwasser in dem kleinen Boot, das Anápi und den Sprecher über die Wellen trug. Vúram hatte sich für dastáchal die Höhle ausgesucht, in der die drei die Caleiras gefunden hatten, denn dafür schien ihm der Ort des Verbrechens am besten geeignet. Anápi hatte ihm mehrere Male erklärt, wie sehr die Begehbarkeit der Höhle von den Gezeiten abhängig war, aber der Sprecher hatte dennoch auf diesem Ort beharrt. Der Rest der Nachmittagsebbe nach Cétirs Verhör hätte für eine Fahrt zur Höhle nicht mehr ausgereicht. So waren sie nun mitten in der Nacht, während der zweiten Ebbe, auf dem Weg zur Steilküste, um keine der wenigen Stunden zu verlieren, die sie für die Vorbereitung des Rituals nutzen konnten.

Als sie die Felsnase gerade umrundet hatten, versteifte sich Anápis Körper unwillkürlich. Da, nur wenige Schritte vom Höhleneingang entfernt, lag bereits ein anderes Boot!

"Da ist jemand!", rief sie Vúram zu.

Der Sprecher erhob sich, was in dem schwankenden Boot nur unter großen Mühen möglich war. Anápi ergriff seine Schulter, bevor er etwa noch über Bord fiel, und deutete auf den Strand.

"Tatsächlich", murmelte Vúram mit zusammengekniffenen Augen. "Ich habe keine Ahnung, wer das sein könnte. Cétir hätte mir Bescheid gesagt, hätte er noch einmal herkommen wollen. Wir sollten vorsichtig sein." Er deutete dem Bootsführer, nahe an der Felsnase anzulegen. Wenig später hatten sie den Strand erreicht.

Anápi sprang als erste aus dem Boot und deutete auf die Felsen vor dem Höhleneingang. Sie lief voran und nutzte dabei die bereits erprobten Verstecke; der Sprecher folgte ihr, so schnell es sein bereits fortgeschrittenes Alter erlaubte. Bald stand Anápi rechts neben dem Höhleneingang und beugte sich vorsichtig vor. In der Höhle tanzte die Flamme einer einzelnen Laterne - und beleuchtete das Gesicht eines Mannes, den Anápi sofort erkannte. Es war Devéral, der Seemoossammler aus dem Dorf. Und er suchte den Boden ab.

Sie schob Vúram sanft ein paar Schritte vom Eingang weg und berichtete mit unterdrückter Stimme von dem, was sie eben gesehen hatte.

"Devéral? Und Caleiras? Aber …"

"Er sucht nach Caleiras, also glaubt er Beyal und den anderen!", sprudelte es aus Anápi heraus.

Vúram runzelte die Stirn. "Und dafür kommt er zu dieser Zeit her? Und wenn das Meer so unruhig ist?"

Anápi hörte nur mit halbem Ohr hin. Ein Gedanke stieg in ihr auf … Die Gestalt, die sie in der letzten Nacht bei Vúrams Haus gesehen hatte … das hätte Devéral sein können! Statur und Größe passten genau … Sie deutete dem Sprecher, ihr zu folgen, und zog ihn mit sich hinter den Felsen hervor und in die Höhle hinein.

Devéral war so sehr auf den Boden konzentriert, dass er Anápi und Vúram erst bemerkte, als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt waren. Ruckartig fuhr er hoch und wich zurück. "Wa … was macht ihr denn hier?"

"Anders als du haben wir ein táchal vorzubereiten", entgegnete Vúram. "Was treibst du da?"

Der Seemoossammler hatte die Hand, die nicht die Laterne hielt, hinter den Rücken schnellen lassen. Aber ihm wurde wohl bald bewusst, dass Lügen nicht viel bringen würde - schließlich war die Zahl der Möglichkeiten, was man in dieser Höhle tun konnte, recht begrenzt. Devéral holte langsam die Hand hervor und hielt sie dem Sprecher hin - eine mit trockenem Sand überzogene Caleira-Schale lag darin. "Die habe ich hier gefunden", meinte er knapp.

"Schön, aber das erklärt nicht, was dich mitten in der Nacht dazu bringt, hier nach Caleiras zu suchen."

Devérals Blick wanderte zwischen Anápi und dem Sprecher hin und her. Er gab sich sichtlich Mühe, nicht nervös zu erscheinen, was ihm aber nicht ganz gelang, wie das Zittern der Flamme in der Laterne verriet. "Nun, es gibt hier angeschwemmte Caleiras … und ich dachte, bevor das halbe Dorf danach sucht, gehe ich mir noch ein paar holen."

Vúram legte den Kopf schief. Nach einer kurzen Stille meinte er: "Du glaubst also das, was Lásil und die anderen beiden heute Mittag erzählt haben."

Anápi dämmerte langsam, worauf der Sprecher hinauswollte. Es war kein Geheimnis, dass Devéral den Bootsbauer nicht ausstehen konnte. Als Seemoossammler brauchte er ein Boot, und seit er sich einmal fürchterlich mit Lásil in die Haare bekommen hatte, weil sie beide ein Auge auf dieselbe Frau geworfen hatten, verlangte der Bootsbauer von ihm weit mehr als das, was ein Boot gewöhnlich kostete. Seitdem versuchten die beiden, einander zu schaden, wann immer sich die Gelegenheit bot. Selbst wenn er Lásil geglaubt hätte, hätte er dies niemals vor der versammelten Dorfgemeinschaft zugegeben.

Hier, allein vor der Autorität des Sprechers, war die Situation jedoch eine andere. "Ich … weshalb nicht? Deswegen bin ich ja auch hier, ich wollte wissen, ob es hier wirklich Caleira-Schalen gibt, wenn die Flut vorbei ist."

"Nun … du warst heute Mittag doch sicher auch vor Cétirs Haus und hast die tote Caleira gesehen? Die Caleira, die jemand mit einem Messer durchgeschnitten hat?"

Devéral nickte übertrieben heftig. "Natürlich habe ich das."

"Warum solltest du dann glauben, dass Lásil die Wahrheit gesagt hast, wenn du ihn nicht ausstehen kannst und es solch einen belastenden Beweis gibt?"

Der Seemoossammler senkte den Kopf, als könne er Vúrams Blick nicht länger ertragen. Die Flamme in der Laterne flackerte stärker denn je, und Anápi glaubte, auch in Devérals Oberarmen Zuckungen zu erkennen. Er verhielt sich wirklich mehr als seltsam … und je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer wurde sie in ihrem Glauben, dass er es war, den sie in der letzten Nacht vor Vúrams Haus gesehen hatte. Devéral hasste Lásil … und dennoch schien er ihm zu glauben … aber jetzt konnte er sich gegenüber Vúram nicht rechtfertigen …

Ein ungeheuerlicher Gedanke fuhr wie ein Blitz in ihren Kopf. Ohne weiter darüber nachzudenken, ließ sie ihn nach draußen. "Du warst gestern Nacht bei Vúrams Haus! Ich weiß nicht, wie, aber du hast die tote Caleira in den Haufen getan!"

Mit einem Klirren landete die Laterne auf dem steinernen Höhlenboden; die Flamme erlosch. Schwärze breitete sich vor Anápis Augen aus - aber links von ihr huschte ein Schatten vorbei, und hastige Schritte bewegten sich in Richtung des Höhleneingangs.

Anápi fuhr herum und setzte ihm nach. Dieser …! Er durfte auf keinen Fall entkommen! Im Augenwinkel sah sie den Bootsführer am Strand.

"Néril …!"

Der Angesprochene ergriff sein Paddel und warf es dem herausstürmenden Devéral vor die Beine. Dieser stürzte und fiel der Länge nach auf seine linke Seite. Bevor er sich wieder aufrappeln konnte, hatte der Bootsführer ihn erreicht. Zwischen den beiden Männern entbrannte ein wüster Kampf.

"Das Boot!", schrie Vúram, "wir werden ihn nicht von hier wegbekommen!" Anápi verstand. Wenn es Devéral gelänge, das Dorf zu erreichen, würde er fliehen, bevor man ihn befragen konnte. Blitzschnell machten sie das Boot los und schoben es mit vereinten Kräften ins Meer. In dem heftigen Wellengang würde es rasch abgetrieben werden.

Devéral lag gerade am Boden; Néril war über ihm und drückte seine Schultern auf den Boden. "Was soll ich mit ihm machen?", brüllte er in Richtung des Sprechers.

"Er darf auf keinen Fall ins Dorf kommen!", rief Vúram zurück, der gerade mit Anápi das eigene Boot losmachte. Die beiden sprangen hinein, und in einem günstigen Augenblick, in dem er Devéral gerade einen schmerzhaften Schlag in die Seite verpasst hatte, hechtete der Bootsführer hinterher. Er keuchte; die Haare waren zerzaust und klebten ihm vom Schweiß an Hals und Rücken. Mit vereinten Kräften hatten sie sich aber bald ein gutes Stück vom Ufer entfernt. Hinter ihnen stürzte sich bald der Seemoossammler in die Fluten, doch noch bevor er eine Wassertiefe erreicht hatte, in der er nicht mehr stehen konnte, gab er sein Vorhaben auf - angesichts des Seegangs waren beide Boote für einen Schwimmer bereits unerreichbar.

"Was war das denn eben", brachte Néril heraus, "ich habe nur ein Klirren gehört, und dann …"

"Wir können nur mutmaßen", erwiderte Vúram mit hilfesuchendem Blick. "Aber es scheint, dass wir uns über die Herkunft der toten Caleira in dem Schalenhaufen grundlegend geirrt haben."

In Anápi harrten tausend Fragen einer Antwort, doch während der restlichen Fahrt sprach keiner ein Wort, also wagte auch sie es nicht. Bis zum Eintritt der Flut waren es noch ein paar Stunden - bis dahin würde man Devéral abgeholt haben. Allein das Schäumen der Wellen und das Geräusch der Paddel begleiteten die drei auf ihrem Rückweg ins Dorf.

***

Im Morgengrauen hatte sich halb Sésento am Nordstrand versammelt, um auf die Boote zu warten, die den Seemoossammler abholen sollten.

"Wie, er ist weg?", entfuhr es Cétir erschreckend laut. "Wie kann das denn sein?"

"Er ist nicht mehr in der Höhle", erklärte der keuchende Mann, der soeben aus dem ersten Boot gesprungen war. "Wir waren dort, sind hineingegangen, bis zum Ende - nichts. Er ist verschwunden. Zumindest in der Nähe haben wir ihn auch nicht schwimmen gesehen."

"Natürlich", meinte Vúram leise, "es war töricht von mir, anzunehmen, dass er dort bleiben würde, bis jemand kommt und ihn holt. Er wusste ja, dass wir ihn durchschaut hatten - für ihn stand zu viel auf dem Spiel. Er ist wohl ans nächste Ufer geschwommen und verschwunden."

"Bei dem Wind, wie wir ihn heute haben?", zweifelte der Bootsführer. "Da kommt er nicht weit. Es war schon eine Qual, mit dem Boot vom Fleck zu kommen."

"Gut, dann schicke ich Suchtrupps los", beschloss Cétir. "Irgendjemand wird ihn schon finden und hierherbringen."

***

Kurz vor Einbruch der Dämmerung kamen zwei der Dörfler, die nach Devéral gesucht hatten, mit schwermütigen Mienen ins Haus des Dorfvorstehers. Selbiger saß mit Beyal, Lásil, Yávu und Vúram um einen Tisch. Auch Anápi war anwesend. Sie hatten etwas gegessen und darüber gesprochen, was mit Devéral und dem Haufen Caleira-Schalen geschehen sollte. Als Cétir sich erkundigte, was denn geschehen sei, erwiderte einer der Männer nur tonlos: "Kommt alle mit. Wir haben Devéral gefunden."

In einer kleinen Prozession ging es zunächst nach draußen, zur Verwunderung aller dann aber nicht etwa an den flachen Strand, sondern ans südlichere Ende des Dorfs und von dort aus die Klippe entlang. Schließlich erreichten sie eine Stelle nur unweit von der, die Anápi immer für ihre gefährliche Kletterpartie benutzte. Der Anführer der kleinen Gruppe trat vorsichtig an den Rand der Klippe heran und deutete nach unten.

Etwa dreißig Schritt unter ihnen lag auf ein paar größeren Felsbrocken am unteren Strand der merkwürdig verkrümmte Körper eines Mannes. Devéral. Schockiert wichen die meisten sogleich wieder vom Abgrund zurück.

"Er wollte … die Klippe hochklettern." Anápi war die erste, die wieder Worte fand. Ihre Knie gaben nach, und sie ließ sich nach vorne auf sie herabsinken. "Die falsche Seite … auf dieser Seite des großen Felsens geht es nicht."

"Manchmal ist die Natur doch gnädig", meinte Vúram und streckte der jungen Frau eine Hand entgegen, um sie wieder hochzuziehen. "Wer weiß, ob es so nicht besser ist, als ein Leben fernab der Heimat zu führen und für immer als Verbrecher zu gelten." Die Blicke der Anwesenden richteten sich schweigend auf ihn.

"Er hat eine Caleira getötet. Und er hat drei Mitglieder unserer Gemeinschaft einer Tat bezichtigt, die sie nicht begangen haben. Das macht ihn zu einem Verbrecher." Während er leise sprach, bewegte sich der Sprecher ein paar Schritte vom Abgrund weg und wandte sich dem Dorfvorsteher zu.

Dieser nickte. "Ich werde ihn später holen lassen. Zuerst ist es an der Zeit, den anderen einiges zu erklären."

Langsameren Schritts als zuvor setzte sich die kleine Gruppe wieder in Bewegung. Im Zwielicht der fortschreitenden Dämmerung hatten sich die Meereswinde gelegt, und kaum ein anderer Laut war mehr zu hören als die Schritte der Siú auf dem felsigen Boden am oberen Ende der Klippe.

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