Draußen knirschten Schritte auf Geröll. Cassy hielt die Luft an und lauschte. Dseyun lief auf und ab wie ein Tiger, auf und ab, und sie konnte förmlich hören, wie ungeduldig er war.

Mit schlechtem Gewissen zog sie die Hose hoch und verknotete das Band, obwohl sie sich noch nicht besser fühlte. Genau genommen hatte sie sich seit Tagen nicht besser gefühlt, aber sie durfte die Gruppe nicht noch länger aufhalten.

Als sie die Toilettentür aufstieß, wandte Dseyun den Kopf und blieb stehen. Der Yunai-Mann sah aus wie immer, als könnten ihm Hitze, eine Steigung von dreißig Grad und nur eine einzige Toilette innerhalb von vier Wegstunden nichts anhaben. Wobei letzteres auch stimmte, dachte Cassy säuerlich, immerhin war er ein Mann.

"Geht es dir besser?", fragte er sachlich.

Cassy nickte. Wie es ihr ging, interessierte ohnehin niemanden. Sie hätte niemals geglaubt, dass sie ihre einsame Wohnung in Es-Chaton einmal so schätzen würde, aber nach zwei Wochen im Süden von Marou kamen ihr die alltäglichsten Dinge luxuriös vor, beispielsweise soviel Zeit auf der Toilette zu verbringen, wie sie wollte.1 Oder überhaupt eine Toilette zu haben. Dieses verlassene Arbeiterquartier am Hang war immer noch besser als ein Gebüsch.

"Gut." Dseyun musterte sie, vielleicht wollte er die Richtigkeit ihrer Aussage überprüfen. Der Yunai war der Anführer ihrer Truppe, und zuerst war Cassy von ihm begeistert gewesen. Mit seinen langen schwarzen Haaren, die er zu einer komplizierten Frisur hochgebunden trug, der dunklen Haut und den durchdringenden hellen Augen sah er aus, wie sie sich die Helden ihrer Kindheit ausgemalt hatte, Yuns weltberühmte Schwertkämpfer.2 Aber inzwischen hatte sie Marou und ihre Reise so gründlich satt, dass sie nichts mehr begeistern konnte, auch Dseyun nicht. Außerdem brachte er ihr ohnehin die meiste Zeit so viel Aufmerksamkeit entgegen wie einer Fliege auf seinem Stiefel, seine Aura hatte die unansehnliche Farbe von schmutzigem Eis und fühlte sich genauso kalt an.

"Nion!", rief Dseyun. "Wo steckst du? Es geht weiter!"

Nions schmale Gestalt schnellte aus dem Schatten eines Felsblocks in die Höhe. Er bedachte Cassy mit einem missbilligenden Blick, als könnte er sich gerade eben eine Bemerkung darüber verkneifen, wie sehr Frauen doch "den Betrieb aufhielten". Aber das war auch nicht nötig, denn erstens las sie es in seiner Aura und zweitens hatte sie diesen Spruch schon oft genug gehört. Es war einer von Nions Lieblingssprüchen.

Sie streckte die Hand aus, um ihren Imp von dem Felsbrocken abzupflücken, wo er auf sie gewartet hatte.3 Malakai sprang auf ihren Arm und lief auf die Schulter hinauf, seinem Stammplatz. Mit verschränkten Beinen ließ er sich nieder. Er mochte zwar nur ein Ding sein, trotzdem gab ihr seine Gesellschaft etwas mehr Zuversicht. Sie fühlte sich nicht so allein.

Nion sprang schon wieder allen voran den Pfad hinauf. Sein rotes Haar leuchtete wie eine Fackel in der stechenden Sonne. Ihn konnte Cassy von ihrer kleinen Reisegruppe am wenigsten ausstehen. Nion war klein und schmal und auf die typisch halbelfische Art schön. Seine Haut war marmorfarben, und das perfekt geschnittene Gesicht erinnerte an das einer Porzellanpuppe. Die Narbe auf seiner Stirn wirkte so wenig überzeugend, dass sich Cassy nicht gewundert hätte, wenn er sich selbst geschnitten hätte, um verwegener zu wirken. Aber abgesehen von seinem Gesicht war nichts an Nion niedlich. Er nannte Cassy die "Hexolschlampe", erzählte ihr zehnmal am Tag, dass sie "den Betrieb aufhalte" und erklärte, wenn sich irgendwann ein Mann für so ein dürres, glatzköpfiges Ding wie sie interessieren würde, würde er ihr eine Kiste Sekt schenken. Sie hätte ihn umbringen mögen.

Dseyun folgte ihm mit etwas gemesseneren Schritten. Zuletzt schloss sich Cassy an und benutzte ihren Magierstab als Gehstock. Ihre Beine hatten zwar schon vor Tagen aufgehört zu protestieren, aber es war trotzdem nicht so anstrengend, wenn sie sich abstützte. Mit der Linken drückte sie den Hut aus geflochtenen Dschungelblättern tiefer in die Stirn, damit die Sonne ihr nicht die nackte Kopfhaut verbrannte.

"Ich will nach Hause", flüsterte sie Malakai zu und kam sich furchtbar kindisch vor. Immerhin bezahlte das Unternehmen sie gut für diese Reise, und sie hatte die Chance, als Hexolforscherin zu einigem Ansehen zu kommen.4 Wenn es stimmte, was sie von Scheffler gehört hatte, war eine solche Entdeckung noch nie gemacht worden.5 Aber keine Bezahlung konnte diese Strapazen aufwiegen, dachte sie, konnte den Frust aufwiegen, wochenlang mit zwei gutaussehenden Männern unterwegs zu sein, die sie mit Verachtung straften. Und die Reise bekam ihr nicht. Als sie noch in Hotels abgestiegen waren, hatte sich Cassy geärgert, dass es nur Brötchen mit Wurst und Käse gab, nichts Warmes, aber jetzt hätte sie mit Begeisterung ein Käsebrötchen verzehrt. Seit acht Tagen bekam sie nur noch trockene Kekse zu sehen, die die Konsistenz und den Geschmack von Pappe aufwiesen, und Wasser aus großen Flaschen, das nach Staub und Leder schmeckte. Kein Wunder, dass ihr manchmal schwarz vor Augen wurde.

"Du hast es ja bald geschafft", zirpte Malakai dicht an ihrem Ohr. "Nur noch ein paar Tage. Dann kannst du den Abgang machen und diese Herren der Schöpfung wieder sich selbst überlassen."

Cassy seufzte und beschleunigte ihre Schritte, weil sie schon wieder zurückfiel. Immerhin gab es hier, in der Nähe der Grabung, wieder mehr Anzeichen der Zivilisation (wie ab und zu eine Toilette). Das Geröll erschwerte das Laufen allerdings sehr. Von unten hatte die kahle Spitze des Vulkans schwarz ausgesehen, wie sie sich über dem Urwald erhob, aber hier oben waren die Gesteinsbrocken von einem gräulichen Rot, das an eine Wüste erinnerte. Bei jedem Schritt gerieten die scharfkantigen Steine ins Rutschen, und mehr als einmal war Cassy bei dem anstrengenden Aufstieg gestürzt und hatte sich die Knie blutig geschlagen. Es herrschte tiefe Stille, nirgends kämpfte sich auch nur ein Grashalm durch das Geröll. Hier oben schien es überhaupt kein Leben mehr zu geben, was in der Nähe von so viel Hexol eigentlich mehr als seltsam war. Cassy verzog das Gesicht und zerrte an den Riemen ihres Rucksacks. Die Wasserflasche darin schien mit jeder Wegstunde schwerer zu werden, und ihr Rücken hatte schon wunde Stellen, wo die Lederriemen durch ihre dünne Kleidung schnitten.

Dann plötzlich, ohne Vorankündigung, kehrte das Gefühl zurück. Cassys Ohren verschlossen sich, das Blut begann darin zu klopfen. Sie hörte Herzschlag – langsamen, unendlich kraftvollen Herzschlag, und sie hatte den Eindruck, von kühlen, fürsorglichen Händen gehalten zu werden. Sie holte tief Luft und stützte sich auf ihren Stab, um nicht zu fallen. Sofort stand Dseyun neben ihr.

"Spürst du etwas?", fragte er.

Sie konnte nur nicken. Sie hatte die Empfindung schon häufiger gehabt, je näher sie dem Vulkan gekommen waren, aber bislang nur kurz vor dem Einschlafen oder Erwachen.

"Hexol", murmelte sie, als das Gefühl abklang. "Viel Hexol. Scheffler hatte Recht, das ist nicht einfach eine Lay.6 Hier ist eine riesige Menge Hexol konzentriert, mehr, als alle Organa von Es-Chaton in einem Jahr saugen.7"

Eine von Dseyuns Augenbrauen hob sich, ansonsten blieb sein Ausdruck undurchdringlich. Er nickte einmal kurz, wandte sich dann ab und nahm den Aufstieg wieder auf.

Cassy wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Jetzt, wo die Empfindung schwand, fühlte sie sich schrecklich verlassen. Von jeher schien Hexol das einzige auf der Welt zu sein, das etwas für einen Drachenmenschen wie sie übrig hatte. Sie runzelte die Stirn, als ihr etwas auffiel. War der Herzschlag nicht langsamer gewesen als sonst, wenn sie mit Hexol arbeitete? Und hatte die Berührung der Hände nicht kürzer angehalten? Aber bevor sie den Männern etwas davon erzählte, hielt sie lieber den Mund. Sie war erschöpft, und Drachenmenschen galten ohnehin als überspannt.8

Sie stiegen weiter hinauf. Cassy fragte sich, wie die winzigen spitzen Steine den Weg in ihre Stiefel nur schafften. Die Sonne schien einfach nicht zu sinken, obwohl sie ihrem Gefühl nach schon wieder stundenlang unterwegs waren. Sie konnte so viel Wasser in sich hinein schütten, wie sie wollte, ihre Kehle brannte noch immer. Kurz hielten sie Rast im Schatten eines großen Felsblocks, dann kletterten sie weiter, die Männer voran und Cassy hinterher. Ihre Lunge brannte, und sie musste sich mehr und mehr zwingen, einen Fuß vor den nächsten zu setzen. Natürlich hatten die Männer diese Schwierigkeiten nicht, Nion war sogar vor lauter Ungeduld schon weit voraus gelaufen. Als Cassy gerade mit ihrem Stolz kämpfte und überlegte, ob sie Dseyun um eine weitere Pause bitten sollte, kam Nion zu ihnen zurückgelaufen, dass die Steine nur so zur Seite wegspritzten.

"Sie sagen, es ist kein Vulkan!", verkündete er schon aus der Ferne.

"Wer sagt das?", fragte Cassy, und zugleich fragte Dseyun: "Was ist es sonst?"

Nion breitete die Arme aus. "Ein Krater!", antwortete er melodramatisch, wobei er Cassys Frage wie so häufig völlig ignorierte.

Zum ersten Mal wirkte Dseyun überrascht. "Das ist höchst merkwürdig. Wenn es ein Krater ist, warum erstreckt er sich dann in die Höhe?"

Unvermittelt schoss Cassy ein Bild durch den Kopf. Ein Geschwür. Sie schluckte, als sich ihr Verstand mit Bildern füllte, die alle schwach, krank, gefährlich, fremd, schlimm bedeuteten. Die Welt kippte weg, und Dseyun packte sie mit Eisengriff am Arm.

"Cassandra? Ist alles in Ordnung?"

Zittrig holte Cassy Luft. Der Himmel färbte sich erst blutrot, dann tiefschwarz. Sie blinzelte, und das erbarmungslose Blau über ihr kehrte zurück. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. "Wir müssen hier weg. Das ist ein schrecklicher Ort!" Plötzlich kamen ihr die Gedanken, die sie sich um Brötchen und Toiletten gemacht hatte, nichtig vor. Gefahr. Gefahr. Es war so deutlich, aber die Männer würden sie nicht verstehen. "Es ist gefährlich", sagte Cassy und hörte selbst, wie verloren ihre Stimme klang.

Nions Gesicht hellte sich auf. "Gefährlich? Umso besser. Ich langweile mich ohnehin schon den ganzen Tag."

"Bitte glaubt mir", sagte Cassy verzweifelt. "Hier stimmt etwas nicht. Es ist ein toter Ort. In der Nähe von so viel Hexol müsste man einen blühenden Flecken vorfinden!"

Dseyun hob den Kopf und spähte den Berghang hinauf. "Du hast Recht." Er runzelte die Stirn. "Schrecklich, sagst du?" Es schien, als wolle er etwas hinzufügen, doch dann schüttelte er den Kopf. "Du bist sicher müde. Wenn du dich erst einmal ausgeruht hast, wirst du nicht mehr Die-Dunkelheit-ausspeit in jedem Schatten sehen."

Unwillkürlich wurde Cassy bei seinen Worten kälter. "Die-Dunkelheit-ausspeit? Was ist das?"

"Nur eine Redensart. Ein Name, den mein Volk für ein Wesen kennt, das nicht beschrieben werden kann. Es heißt, sie sei der Feind unserer Mutter." Er machte eine knappe Geste, die vielleicht die Landschaft ringsum, vielleicht den Boden unter seinen Füßen meinte. "Mein Volk erzählt, die Welt sei bunt und vielfältig gewesen, ehe sie Die-Dunkelheit-ausspeit, die im Sterben lag, umfing und an ihre Brust legte, um ihr Leben zu retten. Doch die Fremde konnte nicht geheilt werden, und sie brachte Schmerz und Elend über alles. Wohin ein Fetzen ihres verstümmelten Körpers oder ein Tropfen ihres Blutes fiel, entstanden die Dämonen Pest, Gier und Hass, und die Geister der Sterblichen wurden von Verwirrung umhüllt. Sie verloren ihre Achtung vor Mutter. Sie öffneten ihren Leib und entrissen ihr ihre Schätze, Gold und Metall … aber ich erzähle Märchen." Ein schwaches, entschuldigendes Lächeln huschte über sein Gesicht. "Wir Yunai sagen jedenfalls, wenn jemand schreckhaft ist, er sähe Die-Dunkelheit-ausspeit im Schatten."

"Verstehe", murmelte Cassy. Die Geschichte war nicht dazu angetan, ihre Laune zu heben. Ein zerstückeltes Wesen …

"Kannst du weiter gehen?" Dseyun hatte zu seinem üblichen sachlichen Tonfall zurück gefunden.

"Ja. Je schneller wir fertig sind, desto schneller können wir diesen toten Ort verlassen."

"Es ist überhaupt kein toter Ort", sagte Nion, der offenbar nur halb zugehört hatte. "Auf der Grabung sind jede Menge Leute. Sie wollen uns ihre Ergebnisse vorlegen. Kommt schon, wir sind gleich oben."

Auch wenn das akute Gefühl von Gefahr geschwunden war, musste Cassy sich zwingen, um weiter zu gehen. Sie wusste, sie hatte es sich nicht eingebildet.

Malakai hüpfte ihr von der Schulter auf den Hut. "Aber Cassy!", sagte er vorwurfsvoll. "Wenn es gefährlich ist, kannst du da nicht hingehen. Was ist denn überhaupt los? Du bist ganz blass."

"Ich weiß es nicht", murmelte Cassy. "Ich kann es nicht erklären." Nion blickte sich über die Schulter nach ihr um, als wolle er eine spöttische Bemerkung darüber machen, dass sie sich mit einem Imp unterhielt, aber ausnahmsweise sagte er nichts.

Cassy konnte inzwischen die Grabung sehen. Halb verfallene Stümpfe von Türmen standen auf der Spitze des Berges in den Himmel wie abgebrochene Zähne. Ein Muster von Holzzäunen zog sich zwischen den Ruinen hindurch. Noch ehe ihre Gruppe den Gipfel erreicht hatte, liefen ihnen die Grabungsarbeiter entgegen. Einer, der in einer staubigen Uniform steckte und vermutlich der Leiter war, redete auf Dseyun ein und drückte ihm einen Stapel Papier in die Hand. Alle schienen gleichzeitig zu sprechen, und wieder wurde Cassy schwindelig. Sie bemerkte kaum, wie sie den Gipfel erreichten. Erst, als sie in einem Zelt auf einem Hocker saß und ihr jemand eine dampfende Tasse Tee anbot, wurde ihr klar, dass sie endlich ihr Ziel erreicht hatten.

Die Grabung machte einen vernachlässigten Eindruck – wie eines der zahlreichen staatlichen Projekte zur Erforschung der chrymäischen Ruinen, die aus Geldmangel in den letzten Jahren aufgegeben worden waren. Nur existierte diese noch. Cassy fragte sich, ob der Staat das auch wusste. Durch das Zelt spannten sich Schnüre, an denen getrocknete Früchte hingen, und in der Ecke befand sich ein kleiner Herd, in dem Wasser abgekocht werden konnte. Offenbar waren die Arbeiter daran gewöhnt, sich selbst zu versorgen. Aber was hatte sie dazu gebracht, unter diesen widrigen Bedingungen durchzuhalten?

"Das ist Cassandra Cordes, unsere Hexolexpertin", stellte Dseyun Cassy vor und lehnte seinerseits mit einer knappen Geste den Tee ab, den ihm ein Arbeiter brachte. "Frau Cordes wird den Fund untersuchen, und das Unternehmen erwartet bald Rückmeldung über alles, was sie heraufindet. Herr Bukovicz und ich prüfen derweil die Qualität des Hexols. Ihr habt hier oben gute Arbeit geleistet. Aber wie seid Ihr überhaupt auf den Gedanken gekommen, dass sich unterhalb der Ansiedlung eine Hexolquelle befindet? Gab es irgendwelche Anzeichen? Gerade der karge Boden weist ja nicht darauf hin."

Der Mann in der Uniform wirkte nervös. "Die Ruinen stammen zwar aus chrymäischer Zeit, aber wir konnten nicht feststellen, dass es sich wirklich um eine Ansiedlung handelt. Die Bauten erinnern am ehesten an Wachtürme. Aber eine ganze Ansiedlung voller Wachtürme konnten wir uns nicht erklären."

Nion streckte auf seinem Klappstuhl die Beine von sich und gähnte demonstrativ. Archäologische Vorträge interessierten ihn nicht. Dseyun trat an die Zelttür und schaute nachdenklich hinaus. "Es scheint in der Tat kaum Wohnhäuser gegeben zu haben, soweit es sich noch erkennen lässt. Ungewöhnlich für die Chrymäer. Trotzdem hat diese Tatsache in meinen Augen nichts mit dem Hinweis auf ein größeres Hexolvorkommen zu tun. Ich frage also noch einmal: Wie seid Ihr auf den Gedanken gekommen, dass es hier Hexol gibt?"

Der Mann kratzte sich an der Schläfe, ein wenig hilflos, wie es Cassy schien. "Ich kann Eure Frage nicht beantworten, Herr Dseyun. Ich weiß es nicht. Wir alle waren uns einig, dass noch etwas anderes unter den Ruinen sein müsste. Und als wir es gefunden haben, hatten wir das Gefühl, wir müssten sofort Scheffler kontaktieren."

"Da ist etwas – anderes, nicht nur Hexol, nicht wahr?", fragte Cassy leise. Sie wusste nicht, wie der Gedanke in ihren Kopf kam, aber das Gefühl war stark.

Der Grabungsleiter machte eine ratlose Geste.

"Ich kann nicht behaupten, alles zu verstehen", sagte Dseyun. "Aber wenn Eure Meldung der Wahrheit entspricht, habt Ihr klug entschieden. Der Staat würde das Hexol einstreichen und Euch nicht einmal für Eure Mühe entlohnen. Scheffler dagegen wird sich für Euer Vertrauen erkenntlich zeigen. Grundbedingung ist natürlich, dass diese Angelegenheit unter uns bleibt."

Cassy nippte an ihrem Tee. Sie fühlte sich alles andere als wohl. Auf den Gedanken, dass sie zu allem Überfluss auch noch in eine illegale Sache verwickelt war, war sie noch nicht gekommen. Scheffler besaß zwar keinen guten Ruf, weil er seine Arbeiter schlecht bezahlte, aber dass ein so bekanntes Unternehmen den Staat hinterging, hätte sie nicht für möglich gehalten. Trotzdem, die beiden seltsamen Männer, die Wanderung, wo sie doch auch ein Luftschiff hätten benutzen können, dieser abgelegene Ort … sie hätte wissen müssen, dass etwas nicht stimmte. Cassys Hand zitterte, rasch stellte sie die Teetasse ab und schlang die Finger ineinander, um das Zittern zu unterdrücken.

"Selbstverständlich, Herr Dseyun", sagte der Grabungsleiter. "Wird denn Scheffler dafür sorgen, dass die Entdeckung auch später geheim bleibt? Einige meiner Mitarbeiter …"

Dseyuns Aura verfinsterte sich leicht, wenn auch seine Miene unbeweglich blieb. "Ihr solltet Eure Arbeiter im eigenen Interesse unter Kontrolle halten. Alles Übrige bleibt Scheffler überlassen, aber ich bin bereit, ein gutes Wort für Euch einzulegen. Können wir nun den Fund sehen?"

"Möchtet Ihr nicht erst die Aufzeichnungen studieren?"

Dseyun warf die Blätter auf den Klapptisch, der mitten im Zelt stand. "Zuerst würden wir uns gern selbst ein Bild machen."

"Dann folgt mir bitte." Der Mann wich Dseyuns Blick aus. Nion sprang auf, dehnte sich wie eine Katze und stand einen Augenblick später vor dem Zeltausgang. Cassy kämpfte sich vom Stuhl hoch, ihr Körper schien ihr kaum mehr zu gehorchen. Vor allem ihre Füße schmerzten auf einmal unerträglich. Obwohl sie gehofft hatte, sich auf der Grabung ausruhen zu können, war ihr auch das jetzt gleichgültig. Sie war eine Verbrecherin! Oder zumindest wurde sie gerade zu einer, und sie konnte überhaupt nichts dagegen tun. Was würden die Männer mit ihr machen, wenn sie sich plötzlich weigerte, zu erledigen, was ihr aufgetragen worden war? Was würde Dseyun machen? Sie wollte es gar nicht wissen. Der Yunai wartete, bis sie aufgestanden war, und bildete den Abschluss des kleinen Zuges. Vor Angst war Cassy ganz kalt, und ihre Knie fühlten sich weich an. Sie hatte sich ohnehin gewundert, warum Scheffler ausgerechnet sie für eine so gut bezahlte Arbeit ausgewählt hatte, eine unbekannte Forscherin, die weder Freunde noch Gönner besaß. Sicher, ihre Noten waren hervorragend, und ihr Hexolgespür übertraf das vieler anderer Drachenmenschen, doch jetzt vermutete sie fast, dass für das Unternehmen eine andere Tatsache von größerem Interesse gewesen war: Abgesehen von Malakai würde niemand sie vermissen. Oder war sie jetzt völlig paranoid geworden?

Der Imp hatte sich auf ihrem Hut klein gemacht und rührte sich nicht. Ob er begriff, in was für einer Situation sie sich befand? Oder spürte er einfach nur ihre Angst?

Der Grabungsleiter führte sie zu einem Loch im Boden, das Cassy schon aus der Entfernung aufgefallen war. Eine improvisierte Treppe aus Brettern führte in die Tiefe – weit in die Tiefe, wie es aussah. Balken stützten die ausgehöhlten Wände des Schachtes ab. Aus dem Schacht stieg ein schwacher, aber ekelhafter Geruch auf – als würde etwas verwesen, das schon in lebendigem Zustand unappetitlich gewesen war.

"Auf zum Mittelpunkt der Welt!", sagte Nion munter.

Der Grabungsleiter zog einen Lichtkristall aus der Tasche und warf einen unruhigen Blick auf Dseyun. Als der Yunai-Mann ihm einen Wink gab, hob er den Kristall und stieg voran in die Dunkelheit hinunter. Cassy war übel und schwindelig, wieder musste sie sich auf den Stab stützen, um auf der unebenen Treppe nicht zu fallen.

Plötzlich fasste sie Dseyun unter dem Arm.

"Brauchst du Hilfe?", fragte er ruhig.

Cassy zuckte zusammen. "Oh, Herr – Dseyun, ich – ich komme schon zurecht, aber ich wollte nur sagen, auch ich bin dem Unternehmen gegenüber vollkommen loyal." Sie schämte sich für ihre eigene Feigheit. "Was auch immer wir hier finden, niemand wird von mir ein Wort darüber erfahren."

Im blassen Schein des Lichtkristalls wirkte Dseyuns Gesicht gespenstisch. "Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, deine Loyalität in Zweifel zu ziehen. Du bist eine kompetente Frau, und das Unternehmen weiß deine Qualitäten zu schätzen." Er schob Cassy nicht unsanft weiter voran. "Komm mit, wir sind hier noch nicht fertig." Ihre Knie zitterten noch immer, aber sie fühlte sich nicht unbedingt erleichtert. Wer konnte wissen, was als nächstes passierte?

Je tiefer sie ins Erdinnere vordrangen, desto unbehaglicher fühlte sich Cassy. Obwohl es nicht warm war, brach ihr der Schweiß aus, und der Hut klebte ihr an der Stirn. Der Lichtkristall schickte flackernde Schatten über die Wände, und nicht nur einmal zuckte Cassy zusammen, weil sie etwas – irgendetwas – in den Schatten zu erkennen glaubte. Es war aber nichts da, nur das Erdreich und einige Felsen, die aus den Wänden ragten. Der Tunnel wurde feuchter, je tiefer sie hinabstiegen.

"Die haben aber tief gegraben." Nions Stimme hallte von den Wänden wider. Der rothaarige Halbelf gab sich gelassen, doch Cassy konnte am Vibrieren seiner Aura erkennen, dass auch er unruhig war.

"Wir sind gleich da", sagte der Grabungsleiter gedämpft. "Nur noch ein paar Schritte …"

Eine Welle von Empfindungen überschwemmte Cassy, und sie wäre sofort zusammengesackt, wenn Dseyun sie nicht um die Taille gepackt und festgehalten hatte. Zuneigung, Abscheu, Freude und Verzweiflung, Schmerz und das Nachlassen eines unerträglichen Schmerzes … die Unterschiedlichkeit der Gefühle zerriss sie beinahe. Sie schrie auf und kämpfte darum, sich aus Dseyuns Griff zu befreien, um sich wieder die Treppe hinauf zu schleppen. Es war zwecklos, da ihr Körper so schlaff war wie Pudding.

Sie begann zu schluchzen und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen vom Gesicht. "Wir können nicht weiter gehen! Wir können da nicht runter!"

Dseyuns Hände lockerten sich nicht. "Cassandra, ich kann dich stützen, oder ich kann dich tragen, aber dort hinunter wirst du dich in jedem Fall bewegen", sagte er. "Man erwartet unseren Bericht."

"Wir haben dich nicht so lange mit uns rumgeschleppt, damit du uns auf den letzten Metern schlapp machst", pflichtete Nion ihm bei.

Vor Cassys Blick flimmerte es, sie kniff die Lider fest zusammen. Nur noch undeutlich spürte sie, wie Dseyun sie mit sich zerrte. Dann strahlte hellblaues Licht sogar durch ihre geschlossenen Lider. Das musste es sein, was sie gespürt hatte. Sie konnte nicht anders, als die Augen aufzureißen.

Vor ihr breitete sich die unglaublichste Menge Hexol aus, die sie jemals gesehen hatte. Es war wie ein Meer vom prachtvollsten Blau, und es erstreckte sich bis zum Horizont der unterirdischen Höhle. Zum großen Teil schien das Hexol in Wasser gelöst zu sein, glühende Wellen spülten um den Felsboden der Grotte und leckten an den schmutzigen Stiefeln des Grabungsleiters. Ein anderer Teil des wertvollen Rohstoffs schwebte als blau leuchtender Nebelschleier über dem Meer, rankte sich in irisierenden Spiralen in die Dunkelheit und formte zarte, komplexe Gebilde in allen denkbaren Blauschattierungen.

Dseyun ließ Cassy los. Sie stürzte vornüber auf die Knie, aber sie spürte den Schmerz nicht.

Es war unfassbar. Sie konnte nichts tun als schauen.

Nion fand als erster die Sprache wieder. "Das glaub ich jetzt nicht!", rief er. Sein schmaler Körper war eine Silhouette vor dem leuchtenden Blau. "Sieh sich nur einer all das Hex an! Hier unten hat’s die ganze Zeit drauf gewartet, dass jemand es findet und sich eine goldene Nase daran verdient! Stellt euch bloß mal vor, wie viel Kris man aus dem Zeug herstellen kann! Scheffler wird begeistert sein!"

Während sich Cassy benommen aufrichtete, war Dseyun schon an das Hexolmeer heran getreten und schöpfte mit der hohlen Hand von der leuchtenden Flüssigkeit. Prüfend nahm er einen kleinen Schluck.9"Ausgezeichnetes Material", stellte er fest. "Die Konzentration ist sehr hoch. Diese Quelle ist ergiebiger als die yunischen. Es ist wirklich verblüffend." Er nahm seine Wasserflasche aus dem Gepäck, tauchte sie tief in das Hexol ein und kehrte mit der vollen Flasche zu Cassy zurück. "Trink, das wird dir wieder auf die Beine helfen."10

Automatisch führte Cassy die Flasche zum Mund und schluckte. Die Schönheit des unterirdischen Meeres bannte sie noch immer, aber sie spürte, dass etwas nicht stimmte. Dass sich soviel Hexol an diesem Ort befand, war nicht richtig. Sie wusste es so deutlich, wie sie wusste, dass Bäume ihre Wurzeln nicht in den Himmel streckten.

"Wir haben außerdem dies hier gefunden", sagte der Grabungsleiter. Obwohl er flüsterte, war seine Stimme in der Stille deutlich zu hören. "Das scheint für die Hexolansammlung verantwortlich zu sein, auch wenn wir nicht verstehen, welcher Zusammenhang besteht." Er ergriff eine eiserne Stange mit einem improvisierten Haken am Ende und stieg auf einen Felsvorsprung, der ein Stück über dem Wasser aufragte. Mit weit aufgerissenen Augen sah Cassy zu, wie er die Stange ins Wasser hinein stieß und einen Moment später wieder hervorzog. An der Spitze der Stange hing …

Ein Fleischfetzen?

Der Teil einer Pflanze?

Der abgetrennte Tentakel eines Weichtieres?

Es war weißlich und leicht transparent, und es zuckte wie ein Fisch im Todeskampf. Der Gestank, der davon ausging, nahm Cassy den Atem, sie zog sich ihr Halstuch über die Nase und atmete durch den geöffneten Mund. "Igitt", sagte Nion angewidert, und sogar Dseyun wich zurück.

"Was soll das sein?", fragte Nion. "Es sieht nach überhaupt nichts aus."

"Es ist Teil eines Organismus, der sich hier in diesem … Hexol befindet", erklärte der Arbeiter. Ihm war nicht anzumerken, ob er sich ekelte, sein Gesicht wirkte entspannt. "Zumindest ist es das, was wir bisher herausfinden können. Offenbar steckt in dieser Höhle eine Art Riesenglobster, der große Mengen Hexol anzieht.11Aber der Organismus ist instabil. Er zerfällt, wenn man ihn nur anrührt."

Nion verzog das Gesicht. "Globster? Das riecht, als wäre es seit Wochen tot! So stinkt nicht mal toter Globster!"

"Es ist kein Tier." Cassy hatte das Bedürfnis, laut zu schreien, aber selbst das Sprechen bereitete ihr Mühe. Wellen einer fremdartigen Aura liefen über das Stück Fleisch am Haken, fremdartige, beißende Farben, die nicht einmal ihre Drachenmenschenaugen richtig erkennen konnten, doch bereits das Wissen, dass es sie gab, bereitete ihr Schmerzen. "Es ist … ich … ich weiß es nicht." Sie griff nach Dseyuns Hand und klammerte sich an ihn. Sein Schutz war besser als gar keiner. Und alles war ihr egal, wenn sie nur hier wegkamen. "Aber es ist böse. Bitte glaubt mir, es ist böse. Wir müssen gehen. Schnell!"

Zu ihrer Verwunderung wurde Dseyun nicht ärgerlich, er widersprach ihr nicht einmal. Sein Blick war unverwandt auf den Fetzen des fremden Organismus gerichtet. "Böse", murmelte er. Auf sein sonst so regloses Gesicht trat ein Ausdruck, den Cassy noch nie an ihm gesehen hatte, und seine Aura fiel in sich zusammen und schmolz wie Eis im Regen. "Böse … und einsam, ewig sterbend und ungeboren im Schoß der Mutter …" Er hob eine Hand an die Schläfe. "Die-Dunkelheit-ausspeit." Seine Stimme war tonlos.

Nion kam herbeigelaufen, sichtlich alarmiert.

"Was hast du? Worüber redest du?"

"Es ist nur eine … Geschichte. Ich habe vorhin darüber gesprochen." Dseyuns Blick wandte sich nicht von dem Ding ab, aber seine Augen schienen trüb zu werden. "Ein fremdes, fremdes Wesen, eine Schlange, die am Busen der Mutter saugt … sie bringt die Geister der schwachen Sterblichen zu Fall. Und nur ein Tropfen ihres Blutes versprüht Unglück …" Ohne weiteren Zusammenhang fuhr er fort: "Mein armes Land, sie haben uns verboten, an Geschichten zu glauben. Nein, sie haben unsere Geschichten getötet. Sie haben uns alles genommen. Ich habe keinen Ort mehr, an den ich gehen kann, ohne den leeren Himmel zu sehen und das leere Meer …"

"He!", rief der Grabungsleiter hinüber. "Herr Dseyun, wollt Ihr es Euch nicht näher ansehen?"

Dseyun rührte sich nicht. Und auf einmal spürte Cassy es auch: Eine tiefe, lähmende Leere, die sich auf sie legte. Ihr Leben war sinnlos. Jeder Augenblick, den sie atmete, war sinnlos. Schon in der Schule hatten ihr die anderen Mädchen "Chimäre!" nachgerufen und ihr, wenn sie nicht hinsah, nasse Lappen auf den Stuhl gelegt. Kein Junge hatte sie jemals angesehen, es sei denn, es ging darum, die Hausaufgaben bei ihr abzuschreiben. Und als sie dem schönen jungen Assistenten für Nekrosomatik in der Akademie ein Stück Kuchen zum Fest von Es-Chatons Landung hingestellt hatte, hatte er sich dafür bei der hübschen Sekretärin bedankt. Cassy war nicht mutig genug gewesen, um den Irrtum aufzuklären. Und noch immer war ihr bester Freund ein Imp, ein Gegenstand. Wie sollte sie jemals glücklich werden? Sie hatte niemals die Möglichkeit gehabt. Sie war hässlich, und sie war nicht einmal ein richtiger Mensch. Es war nicht gerecht.

Sie konnte sich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Warum überschwemmten sie diese Gedanken so sehr … Gerade jetzt …?

Dämmerung legte sich über Cassys Augen. Nur noch undeutlich sah sie, wie Nion gestikulierend zu dem Grabungsleiter lief, wieder zurückkam und Dseyun am Arm zog. Der Yunai stand da wie ein Schlafwandler, den Blick ins Leere gerichtet. Was kümmerte sie das? Sie hasste beide, und ohnehin war alles sinnlos.

"He, Cassy!" Nion zerrte jetzt an ihr. "Verdammt, was ist denn mit euch? Warum hört ihr mir nicht zu? Cassy! Cassandra! Du musst wenigstens ein paar Aufzeichnungen machen!"

"Lass mich in Ruhe!", murmelte Cassy.

"Nimmst du mich etwa nicht ernst?" Nions Gesicht verdüsterte sich. "Ist es, weil ich ein Halbelf bin, oder warum?"

Cassy wandte sich ab. Sie hatte keine Kraft mehr, um mit ihm zu streiten. Wozu auch? Sie war … so müde. Und nichts ergab mehr einen Sinn.

Der Grabungsleiter kam auf sie zu und hielt ihr den Stab hin. Das bleiche Stück Fleisch am Haken zappelte nicht mehr, sondern hing schlaff herab. Der Mund des Mannes öffnete und schloss sich rasch, aber wenn er etwas sagte, dann übertönte es das Pfeifen und Knistern in ihren Ohren.

Cassys Sicht verzerrte sich. Sie sah, wie Dseyun die Hände auf die Schläfen presste und zurückstolperte, die Augen vor Schmerzen zusammengekniffen.

Hoffnung? Gab es Hoffnung? Irgendetwas … war dort.

Das letzte, was sie wahrnahm, war Nions bleiches Puppengesicht, ausdruckslos wie das eines Schlafenden. Dann stürzte Dunkelheit auf sie herab.

Als Cassy aufwachte, redete Nion. Das war nichts Besonderes, er redet eigentlich immer, wenn sie aufwachte, zumindest die letzten Wochen. Etwas verwirrt setzte sie sich auf. War sie ohnmächtig geworden? Ja, natürlich, die Sonne, der anstrengende Aufstieg, das schlechte Essen. Sie war wohl ein wenig übermüdet. Aber gerade jetzt zusammenzubrechen, wo doch so viel Arbeit anstand …

" …uns alle ein Riesenstück voranbringen", sagte Nion gerade. "So eine Chance kriegen wir nie wieder. Wir können so viel Hex saugen, wie wir wollen. Scheffler wird begeistert sein!"

Dseyun, der neben ihm hockte, nickte ernsthaft zu seinen Worten. "Wir wären Narren, wenn wir nicht zupacken würden", erwiderte er.

"Aber was ist mit dem, was du geredet hast?" Nion hob unbehaglich die Schultern. "Die Sage oder was das war?"

"Ein Mythos ohne Grundlage." Dseyun schüttelte ärgerlich den Kopf. "Ich muss Wahnvorstellungen gehabt haben. Die Mythen Yuns taugen nicht einmal als Gutenachtgeschichten für Kinder. Es fehlte noch, dass unser Nachwuchs wieder beginnt, an Märchen wie die Gütige oder Die-Dunkelheit-ausspeit zu glauben."

"Wir haben alle mal unsere schlechten Tage", sagte Nion jovial.

Cassy blickte sich um. Sie befand sich wieder an der Oberfläche, in der Nähe eines der Arbeiterquartiere. Jemand hatte ihr eine zusammengerollte Decke unter den Kopf geschoben. In diesem Moment bemerkten die Männer, dass sie sich aufgerichtet hatte. Dseyun reichte ihr seine Wasserflasche, und sie nahm dankbar einen Schluck.

"Wie geht es dir?", fragte er.

"Gut." Es stimmte, sie fühlte sich tatsächlich stark und unternehmungslustig. "Ich bin ohnmächtig geworden, nicht wahr?"

"Nicht nur du", sagte Nion. "Auch Dseyun. Sogar mir ist schlecht geworden. Bestimmt irgendwelche Gase da unten oder so. Aber euch Drachenmenschen haut’s auch bei der geringsten Gelegenheit aus den Latschen. Der Grabungsleiter und ich haben dich hochgetragen, Dseyun konnte schon wieder allein laufen." Ein Grinsen lag auf seinem Gesicht.

"Kannst du aufstehen?", fragte Dseyun. "Wir haben das Gewebestück in Alkohol einlegen lassen, aber wie lange es sich halten wird, wissen wir dennoch nicht. Die Verwesung ist bereits weit fortgeschritten. Du solltest am besten sofort beginnen, deine Untersuchungen vorzunehmen."

Cassy richtete sich auf. Sie war noch ein wenig unsicher auf den Beinen, aber sie konnte laufen. Ein schwacher Schmerz saß hinter ihrer Stirn, doch sie beachtete ihn nicht. Der mühsame Weg hierher war überhaupt nicht sinnlos gewesen, und sie hatten die Entdeckung des Jahrhunderts gemacht. Ein Wesen, das Hexol anzog! Denn was sollte es sonst sein, was sie dort im unterirdischen Meer gesehen hatte? Undeutlich erinnerte sie sich, dass sie traurig gewesen war, sehr traurig. Aber warum eigentlich? Es gab doch Hoffnung. Hatte sie jemals daran gezweifelt? Natürlich würde sie es als Drachenmensch nicht leicht haben, aber sie war Wissenschaftlerin, und das gab ihr eine hervorragende Möglichkeit, sich selbst Ansehen zu erarbeiten. Vor allem nach dieser außerordentlichen Entdeckung. Wenn jemand Grund hatte, traurig zu sein, dann die Wissenschaftler, die nicht hier waren.

"Du hast Recht", sagte sie. "Aber wir sollten dringend mehr Gewebeproben nehmen. Dieser Fund ist außerordentlich bedeutend. Und Scheffler wird bestimmt interessiert sein, selbst einige Proben zu erhalten. Am besten schicken wir auch welche an die Zweigstellen in anderen Städten."

"Das ist eine gute Idee", stimmte Dseyun ihr zu.

Cassy fühlte sich von Unruhe erfasst. Es juckte sie in den Fingern, mit der Forschung an den Proben zu beginnen, und noch nie hatte sie sich so sehr ein Labor vor Ort gewünscht. Sie konnte es kaum noch erwarten, ihrem Auftraggeber zu präsentieren, was sie hier entdeckt hatten. Aber dazu mussten sie die Gewebestücke erst einmal von diesem einsamen Ort fortschaffen und zu anderen Menschen bringen. Je eher sie damit anfingen, desto besser.

War es wirklich gut? Cassy versuchte zu überlegen, aber ihr Kopf war wie mit Watte gepolstert. Ja, es war gut, es musste gut sein. Hatte sie Zweifel gehabt?

"Aber was mag das nur für ein Ding sein?", fragte Nion.

"Das ist unwichtig", erwiderte Dseyun. "Uns interessiert nur sein Nutzen."

Ein hartnäckiges Tschilpen drang an Cassys Ohr. Es klang wie Malakai. Tatsächlich, stellte sie fest, ihr Imp hopste nur einen Meter neben ihr auf dem Boden herum, schwenkte die dünnen Ärmchen über dem Kopf und rief ihr aus Leibeskräften etwas zu. Missbilligend runzelte sie die Stirn. Was redete Malakai denn da? Wie, sie hatte vor einer halben Stunde … Vor einer halben Stunde war gar nichts gewesen. Und ganz bestimmt hatte sie vor einer halben Stunde nicht etwas völlig anderes gesagt als jetzt!

"Malakai, du störst", sagte sie mit einem Anflug von Ärger. "Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin? Ich habe jetzt keine Zeit für deine Albernheiten."

Als sie sah, wie sich der Imp mit gekränktem Gesicht zurückzog, wandte sie sich wieder den beiden Männern zu. "An die Arbeit. Ich sehe keinen Grund, weshalb wir diese Proben nicht so schnell wie irgend nur möglich nach Es-Chaton schaffen sollten …"

Malakai schnappte nach Luft, ein ums andere Mal. Als Imp konnte er nicht weinen, ansonsten hätte er es sicher getan. Sie hatte gesagt, dass er sie störte. Er war doch ihr einziger und bester Freund gewesen, er, Malakai, der immer für seine Herrin da war! Der Hexol-Kristall, der sein Herz ersetzte, schickte ein schmerzhaftes Pochen durch seinen Körper. Malakai wich vor seiner Meisterin zurück, dann sprang er auf einen der Steine am Hang und ließ sich zitternd nieder. Mit den Armen umschlang er seine spitzen Knie und lugte unglücklich zu Cassy hinüber. Sie beachtete ihn überhaupt nicht, sondern unterhielt sich weiter mit den Männern, die sie neulich noch so sehr gehasst hatte. Dabei war es wichtig, was er ihr zu sagen hatte, das fühlte er, vielleicht wichtiger als alles andere. Etwas hatte sich geändert, auch wenn er nicht wusste, was es war. Und nicht nur Cassy hatte sich verändert – auch der dunkelhäutige Mann sprach auf einmal so anders, und der Halbelf benahm sich freundlicher als zuvor, was Malakai genau so seltsam vorkam. Aber was sollte er tun? Er war bloß ein Imp, ein Ding. Er konnte seine Herrin nicht zwingen, ihm zuzuhören.

Malakai wandte sich ab und kauerte sich auf dem Fels zusammen wie ein kleines Tier. Ein scharfer Wind war aufgekommen, der den Geruch der Verwesung aus dem Schacht mit hinauftrug.


1 Es-Chaton: größte Stadt Phainomainicas, Zentrum der Welt; Marou: südliches Land in Phainomainica, z. T. mit Dschungel bewachsen.
2 Yun: Insel-Königreich, das für seine fremdartige Kultur und seine Schwertkämpfer bekannt ist.
3 Imp: Mit Hilfe kristallisierten Hexols erzeugtes Gegenstandswesen, das gern von Magiern als Begleiter genutzt wird.
4 Hexol: mysteriöser, stark energiehaltiger Stoff, der überall in Phainomainica vorhanden ist und als Grundlage aller Magitechnologie und der Technologie überhaupt dient.
5 Scheffler: Unternehmen in Es-Chaton, das sich mit der Herstellung von zauberkräftigen Kristallen (Kris) aus Hexol befasst, und sich auch noch für einige andere Dinge interessiert.
6 Lay: eine der "Adern" aus Hexol, welche die Welt wie ein Netz überziehen.
7 Organon: Ein Kraftwerk, das Hexol aus der Luft filtert oder aus der Erde saugt, um daraus Energie zu erzeugen. 
8 Drachenmenschen: Bevölkerungsgruppe chimärologisch veränderter Menschen, die sich durch hohe Magiebegabung und Aurensicht auszeichnen. Hypersensibel und anfällig, werden v. a. zur Wartung von Organa genutzt.
9 Hexol wird häufig in Getränken verarbeitet. Dseyun beweist hier das ungewöhnliche Können eines echten Hexol-Experten, die Konzentration von Hexol in einer Flüssigkeit am Geschmack erkennen zu können.

10 Der Konsum von Hexol wirkt kurzzeitig aufputschend, schmerzstillend und stimmungsaufhellend.
11 Globster: Großes Meeresweichtier, das nur aus einer amorphen Masse besteht.

«zurück | weiter»