Das hohe Trillern brachte Daikon zurück in die Wirklichkeit. Das hörte sich fast nach einem Tcilp an, dachte er bei sich, während er seinen Kopf nach oben drehte, um in den Baumwipfeln das Tierchen zu entdecken. Doch die Dunkelheit zwischen den Ästen verbarg es gut, während es weiterhin in gleicher penetranter Lautstärke sein Lied in den Wald hinauspfiff.

Daikon fror. Der Wind heulte unverändert von Südwest nach Nordost durch das Tal und schüttelte die Büsche. Im Nordtal ging das ganze Jahr über Wind, beinahe immer von den Wäldern in die Ebene, aber gegen Jahresende wurde er besonders schneidend. Bald schon würde der erste Schnee fallen. Daikon spürte seine Finger nicht mehr, als er in seinem Bündel nach dem kleinen Fläschchen suchte. Der scharfe Schnaps rann durch seinen Hals und breitete sich langsam und angenehm warm in seinem Magen aus.

Der Mantel, auf dem er lag, schützte ihn vor der Nässe, aber die Kälte des Bodens kroch trotzdem unangenehm unter seine Kleidung. Und dieser verfluchte Wind!

Vor seinem Gesicht glomm das harzige Zündstäbchen unbeeindruckt vor sich hin. Wegen des Rauchs musste er sich keine Sorgen machen, der Wind trug ihn von der Arbeitskolonne weg. Zwölf Gefangene in einfacher Kleidung, mit Schaufeln. Zwei bewaffnete Legionäre, die sich eng in ihre Mäntel wickelten. Ein hünenhafter rothaariger Soldat und ein zierlicher Kletainos mit schwarzem Helmbusch, die Waffen lässig über der Schulter. Hin und wieder trug der Wind Gesprächsfetzen zu Daikon. Die beiden redeten belangloses Zeug und waren nicht gerade aufmerksam in ihren Bewachungsauftrag vertieft. Wahrscheinlich handelte es sich bei den Gefangenen um Taschendiebe, Zechpreller oder ähnliches, verurteilt zu ein paar Tagen Zwangsarbeit. So jemand lief nicht weg. Es war das Risiko nicht wert, erschossen zu werden. Besonders nicht bei zwei kostenlosen Mahlzeiten am Tag.

Daikon stützte die schwere Jagdbüchse auf seinen linken Unterarm und visierte die Brust des Offiziers an. Der Legionär trug das alte Jeltenwijk-Gewehr. Das erhöhte die Aussichten, unbeschadet davonzukommen, erheblich. Bis der Soldat seine Waffe schussbereit hatte, konnte Daikon längst in den Büschen verschwunden sein. Von der Balmuha, die der Kletainos am Gürtel trug, ging vielleicht eine Gefahr aus, aber der Offizier würde eben derjenige sein, der nicht mehr würde schießen können.

Unglaublich, wie wenig Anstrengung nötig war, um ein Menschenleben zu beenden! Nur den Lauf ausrichten. Den Finger krümmen, etwas Druck...! Das laute Klicken jagte Daikon einen gewaltigen Schrecken durch die Glieder. Ohne es zu merken, hatte der den Abzug betätigt. Der Hahn war in die Pfanne geschlagen, aber kein Schuss hatte sich gelöst. Wie auch, die Lunte war erloschen. Langsam beruhigte sich sein Herzschlag wieder. Hätte ein kurzes Stück Wollschnur gebrannt, wäre der Kletainos jetzt tot. Daikon schauderte. Es war leicht, ein Leben zu nehmen, und so unendlich schwer, darüber nachzudenken. Er hätte lachen mögen. Noch nie hatte er jemanden getötet, obwohl man ihn doch gerade dazu ausgebildet hatte. Nur dass er sich während dieser Ausbildung nicht im Traum hätte vorstellen können, dass sein erstes Opfer diese Uniform tragen würde. Ungeachtet der düsteren Gedanken seines Platznachbarn erhob der Tcilp wieder seine Stimme und ließ hohe, pfeifenähnliche Töne vernehmen. Der Wind heulte leise um die Felsen. Die Gefangenen der Arbeitskolonne kamen bei ihrer Aufgabe, den Wassergraben längs des Weges zu reinigen, nur langsam voran. Daikon dachte nach.

Daikon war Norjsk. Seiner Herkunft nach. Und es gab eine Zeit, da war er Reniier. Seinem Herzen nach. Geboren und aufgewachsen in Olskot, hatte er die Südländer nicht als Besatzer begriffen. Er hatte seine Eltern nie verstanden, die ständig von dem Tag der Befreiung sprachen und ihm, sobald er alt genug war, erzählten, wie stolz er darauf sein konnte, ein aufrechter Norjsk zu sein. Sein Vater hatte einmal gesagt: "Eine große Zeit wird kommen, mein Sohn, für dich und deine Kinder, wenn die Feinde erst abgezogen und wir frei sind." Er hatte ihm nicht widersprochen. Und das, obwohl seine Eltern gar nicht wissen konnten, wie es war ohne die Reniier im Land. Großvater erzählte oft Geschichten, wie er und die übrigen Männer der Familie den gut gerüsteten Legionen mit der Axt in der Faust entgegengetreten waren. Damals. Als Daikons Eltern zu Welt kamen, war ihre Heimat bereits Teil des Reiches gewesen, und dies bestimmt nicht zu ihrem Schaden.

Daikon wusste, dass er jeden Tag auf einer gepflasterten Straße in die Stadt ging, dass das Wasser, das bis direkt vor das Haus floss, aus einer Leitung kam, gebaut von Reniiern. Seine Familie wollte das alles nicht sehen. Immer und immer mehr war er sich sicher, dass sie sich alle glücklich schätzen konnten, Teil des Reiches zu sein. Obwohl er sich von Fremden fernhalten sollte, verkehrte er viel mit den Händlern und Handwerkern, die von überall her in die aufblühende Stadt strömten. Und er kam zu der Überzeugung: Er war freier Bürger des Reiches, ein Reniier, wie die Bewohner der großen Städte im Süden, die er so gerne einmal sehen würde.

Immer wenn eine Abteilung im Gleichschritt durch die Straßen patrouillierte, hatte er als kleiner Junge dagestanden und ihre Ausrüstung bestaunt. Die Gewehre über der Schulter, den Säbel an der Seite, die bronzenen, in der Sonne blitzenden Helme und den farbigen Helmbusch der Offiziere. Als Daikon sechzehn wurde, besuchte der Souvros höchstpersönlich das Protektorat Norjsk. Seine souveräne Exzellenz in Olskot! König Dmidai erwies ihm die Ehre, er kreuzte die Arme vor der Brust und verneigte sich, während das einfache Volk vor dem Herrscher auf die Knie fiel. Der Souvros nannte Dmidai "meinen treusten Tyros und guten Freund" und küsste ihn auf die Stirn. Die Begeisterung der Umstehenden hatte keine Grenzen mehr gekannt. Daikon war überwältigt: König Dmidai, der verehrte Herrscher aller Norjsk, Nachfahre der großen Ahnenreihe von Nordland, als Tyros des reniischen Reiches! Auf Augenhöhe mit den Provinzherren des Südens!

Von da an war es klar: Der König ein Edler des Kretio Reniis, jeder Gemeine ein freier Bürger des Imperiums. Daikon wusste, dass er seinem Herrn und dem Reich dienen wollte. Die Beamtenschule des Hofes in Olskot hatte ihn nicht gewollt, die Provinz verfügte über ausreichend Schreiber und Verwalter. Und so war er im Sommer 1943 p.b.m. in den Sold des Souvros getreten. Obwohl das Legionskastell von Olskot nicht weit von seinem Elternhaus entfernt lag, hatte er von diesem Tag an kein Mitglied seiner Familie mehr zu Gesicht bekommen. Er war jetzt ein Volksverräter.

Legionär Daikon Slek. In einer gerade geschneiderten Uniform, der erste Appell auf dem großen Platz. Es folgten sechs harte Monate der Infanterieausbildung. Legionär Slek war ein durchschnittlicher Soldat, ein guter Schütze, diszipliniert und trinkfest. Er fand Freunde unter seinen Kameraden, und an dem Abend bevor ihre Ausbildung offiziell beendet war, leerten sie gemeinsam einige Schläuche Wein. Daikon wusste nicht mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, in die Ställe einzudringen und etwas mit den Pferden herumzualbern.

Möglicherweise seine eigene. Auf jeden Fall hatten sie, betrunken wie sie waren, ohne an die Konsequenzen zu denken, eines der Tiere von seinem Stellplatz geholt. Dann hatte er sich auf den Rücken des Pferdes geschwungen, ohne Sattel und Zeug. Natürlich war der Wallach störrisch geworden, hatte versucht seine Last, die eindeutig nicht sein gewohnter Reiter war, abzuwerfen. Daikon hatte sich am Hals des Pferdes festgeklammert und auf es eingeredet. Es hatte sich beruhigt und ihn geduldet.

Als dann plötzlich der Stallmeister auftauchte, hatten die Kameraden blitzschnell einen taktischen Rückzug mit anschließender Deckungssuche durchgeführt, die ihrem Ausbilder ein anerkennendes Nicken abgerungen hätte. Daikon saß natürlich immer noch auf dem Pferd, und musste eine lautstarke Schimpftirade über sich ergehen lassen, bevor er angewiesen wurde, das Tier in den Stall zu bringen und dem Offizier zum Kommandanten zu folgen. Als er durch den Schreck beinahe wieder nüchtern geworden im Ordonanzzimmer wartete, während der Stallmeister mit dem Kommandanten sprach, war Daikon noch der festen Überzeugung, dass man ihn auspeitschen würde. Als man ihn dann hereinbat und er die beinahe freundlichen Gesichtsausdrücke der beiden Offiziere wahrnahm, dachte er, dass er vielleicht doch nur Mist würde schaufeln müssen.

Am nächsten Morgen verließ er das Kastell mit seiner ganzen Habe und einem Verlegungsbefehl im Gepäck. Kavallerieschule des Reiches in Idringo. Der Stallmeister hatte hoch beeindruckt geschildert, wie Daikon wie angewachsen auf dem durchgehenden Pferd gesessen und es wieder zur Ruhe gebracht hatte. Daraufhin hatte er vor dem Kommandanten das ganze Spiel wiederholen müssen und auch dieser hatte sich beeindruckt gezeigt. Ein Soldat mit einem natürlichen Verständnis für Reittiere, ein solches Talent durfte die Legion seiner Meinung nach nicht verschwenden.

Daikon, der Pferde nur vom Sehen kannte, begann seine Legionärsausbildung von neuem. Bald zeigte sich, dass er mit jedem Tier, das man ihm zwischen die Schenkel gab, umgehen konnte, als wäre er auf dessen Rücken aufgewachsen. Ein Norjsk, der ritt wie ein steppenbewohnender Srik. Einer der Ausbilder berichtete ihm von diesem Reitervolk, das der Legende nach im Sattel zur Welt kommt und dort auch stirbt.

Es zeigte sich aber auch, dass Daikon als Kavallerist nichts taugte. Egal wie gewandt er auch im Sattel war, er war nicht in der Lage, vom Rücken des Tieres aus einen treffsicheren Schuss abzugeben, vom Sturmangriff gar nicht zu sprechen. So wurde er zum schnellen Kurier der Legion. Nach dem Ende seiner Ausbildung war er stolz, sich den roten Helmbusch eines Unteroffiziers aufstecken zu dürfen, und wurde im Rang eines Kletainos als Botenreiter in die siebte Division nach Njestal übernommen. Er war glücklich zu dieser Zeit. Der Sold machte nicht reich, war aber ganz solide. Er führte ein gutes Leben, stellte Nachrichten für den nahe gelegenen Marinehafen zu, nahm an Manövern teil und besuchte hin und wieder mit einigen Kameraden das Bordell in der nahen Stadt. So war es wahrlich eine Freude, seinem Land zu dienen.

Es hätte ewig so weitergehen können. Vielleicht hätte er sich einmal freiwillig für eines der zahlreichen, immer wieder aufflammenden Scharmützel im Süden des Imperiums gemeldet und wäre auf diese Weise auch einmal seinem Traum nahe gewesen - den großen Städten, Brenlis vielleicht, oder Hileysot. Botenreiter konnte man an der Front gewiss immer brauchen.

Hätte... wäre... würde... so war es aber nicht gekommen.

Zwei Jahre nach Beginn dieser schönen Zeit waren zwei Kuriere der Legion in die Festung geritten. Der eine von Süden, der andere etwas später aus Südosten. Kurz darauf hatten Daikon und Jetai, ein kleiner, muffig wirkender Südländer, das Kastell verlassen, um sich auf den Weg nach Olskot zu machen, wo die Umschläge, die jetzt in ihren Unterarmfutteralen ruhten, dem Standortkommandanten persönlich zu übergeben waren. Ein doppelt vorliegender Befehl, zu überbringen von zwei Boten, war in Friedenszeiten nur bei höchster Wichtigkeit üblich. Die Vorschriften verlangten in diesem Fall, dass beide Kuriere getrennte Routen nahmen. Jetai wählte den direkten Weg über die befestigte Reichstraße, währen Daikon einem kurzen Umweg über den südlichen Pass nehmen sollte.

Als die Botenreiter in Njestal eingetroffen waren, hatte es schon gedämmert. Jetzt, als Daikon im schnellen Trab über den ausgetretenen Pfad eilte, war es vollkommen dunkel. Er vertraute darauf, dass sein Pferd mit seinen schärferen Sinnen seinen Weg alleine fand. Er ritt einen ausdauernden Braunen ohne großes Temperament. Njest-Kavallerie-Dreiundzwanzig, ein unscheinbares, aber zuverlässiges Tier. Seit es ihm vor einigen Wochen zugeteilt worden war, hatten sie sich angefreundet.

Offensichtlich waren die Sinne des Reittiers doch nicht so gut wie gedacht. Bevor er überhaupt merkte, was geschah, flog Daikon quer über den Weg. Ein dorniger Busch fing ihn vergleichsweise sanft auf. Während er sich benommen aufrappelte und einige Dornen aus seinem Gesicht pflückte, wälzte sich Dreiundzwanzig auf der Erde und wieherte vor Schmerzen. Da er nichts sehen konnte, tastete Daikon die Fesseln des Pferdes ab und stellte sofort fest, dass Dreiundzwanzig mit dem linken vorderen Huf an etwas hängen geblieben oder über etwas gestolpert war. Die Fessel schwoll an und wurde warm, das Pferd zuckte zurück, sobald er etwas fester zugriff.

Daikon hatte noch nie soviel geflucht wie in dieser Nacht. Es dauerte bis Monduntergang, bis Dreiundzwanzig mit Hilfe wieder aufstehen konnte und vorsichtig humpelte. Am Morgen erreichten sie die Handelsstation am Südpass, wo Daikon das Pferdebein eingehender untersuchte. Auf diesem Pferd kam er auf jeden Fall keine Meile weiter. Wahrscheinlich war es überhaupt nicht mehr zu verwenden. Daikon überlegte, ob er eine Nachricht nach Olskot oder Njest schicken sollte, entschied sich aber dagegen. Jetai hatte zu diesem Zeitpunkt sicher bereits sein Ziel erreicht, und man wunderte sich, warum der zweite Bote ausblieb. Mit Sicherheit würde man ein oder zwei Legionäre auf die Suche nach ihm schicken. Jetai kannte seine Route und wusste, dass, wenn etwas Außerplanmäßiges geschah, die Handelsstation sein erster Anlaufpunkt sein würde.

Er verfluchte die Bürokratie der Legion und alle ihre sinnlosen Vorschriften. Dass ein eiliger Befehl nicht auf dem üblichen Postweg, sondern per Kurier befördert wurde, war ihm klar. Die Regelung der Doppelboten auf getrennten Wegen wurde in Friedenszeiten nur befolgt, um für Manöver und Ernstfall kein nachlässiges Verhalten einreißen zu lassen.

Dann setzte er sich in die zu dieser frühen Zeit recht leere Taverne der Station und trank einen Becher Wein nach dem anderen. Ob aus Ärger über dumme Befehle, Trauer um Dreiundzwanzig, den im Kastell wahrscheinlich der Abdecker erwartete, oder aus Frust, wusste er später nicht mehr. Vermutlich etwas von allem. Als er der Meinung war, jetzt betrunken genug zu sein, zog er sich an einen Ecktisch der Taverne zurück. Zusammengesunken auf der Bank, fiel ihm ein, was er vergessen hatte. Die Dienstvorschriften besagten eindeutig, dass für den Fall, dass eine Nachricht nicht überbracht werden konnte, dass entsprechende Schriftstück sofort zu vernichten war. Der gewachste Umschlag steckte immer noch in dem Unteramtfutteral unter dem Ärmel seiner Uniformtoga. Ärgerlich riss er sich das ganze Behältnis vom Arm und wollte gerade aufstehen, um es dem Herdfeuer zu übergeben, da kam ihm der Gedanke, doch einfach nachzusehen, wofür man ihn auf einen sinnlosen Ritt geschickt hatte, für den wahrscheinlich ein gutes Pferd sterben musste. Niemand würde es je erfahren, wenn er einfach den Umschlag öffnete und später verbrannte. Er brach das Siegel der zweiten Division, das den Brief verschloss, mit dem Dolch. Er enthielt neben einem zusammengefalteten Bogen Papier einen weiteren kleinen Umschlag. Das Papier enthielt einige Worte von Großathor der zweiten Division an den Standortkommandanten von Olskot, die lediglich besagten, dass der beiliegende Umschlag am Morgen des siebten Tages des Erntemonats zu öffnen sei. Der kleinere Umschlag trug ein Siegel, dass Daikon in dieser Form noch nicht gesehen hatte, aber trotzdem gleich erkannte. Erheblich größer war es auf jedem Feldzeichen der Legion zu sehen. Das Wappen seiner souveränen Majestät höchstpersönlich. Erregt riss er den Umschlag auf und entfaltete das darin enthaltene, blütenweiße Stück Papier.

"Ich, Souvros Flaikos dij Ilvusi, souveräner Imperator des Kretio Reniis, König von Blem und Eteilien, ex officio Vorsitzender des Rates der Freien Stadt Brenlis ..."

Daikons Blick glitt über die endlose Reihe von Titeln, die beinahe das halbe Blatt einnahmen, um dann auf der eigentlichen Nachricht zu verweilen.

"... befehle hiermit: Der Tyros des Reniischen Reiches, König Dmidai von Nordland, residierend in Olskot, ist am frühen Morgen des achten Tages des Erntemonats des Jahres Eintausendneunhundertachtundvierzig p.b.m. zu verhaften und in dem Legionskastell besagter Stadt festzusetzen. Bis zum Eintreffen weiterer Befehle ist ihm zuvorkommende Behandlung zu gewähren, sein Status als Gefangener jedoch nicht anzutasten.

In Folge obenstehender Actio ist mit Unruhen unter der Bevölkerung der zentralen Bezirke der Reichsprovinz Nordland zu rechnen. Der Großathor der siebten Division ist angewiesen und ermächtigt, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um Aufstände zu vermeiden. Für die Disziplin unter Legionären nordländischer Abstammung sind in diesem Zusammenhang die jeweiligen Standortkommandanten verantwortlich.

Das Bürgerrecht von im Blute rein nordländischen Personen, mit Ausnahme solcher, die im Dienste der Legion stehen, ruht vom Abend des obengenannten Tages an..."

Von diesem Zeitpunkt an war Daikon Slik fahnenflüchtig. Für ihn brach ein ganzes Weltbild zusammen. Seine Familie hatte stets Recht gehabt. Er war ein Norjsk, kein Reniier. Die Fremden in seinem Land waren immer Besatzer gewesen. Ihre vermeintliche Uneigennützigkeit gehörte nur zu ihrem Plan, wirtschaftlich das Beste aus einem Land zu holen, das ihnen nicht gehörte. Die Freundschaft des Souvros zu seinem "guten Freund" nur eine Farce. Kaum war er der Meinung, das Vertrauen des Volkes zu besitzen, stieß er ihn vom Thron, um einen ihm gefälligen Nachfolger einzusetzen. Die Reniier waren Ausbeuter, denen das Wohlergehen des Norjsk-Volkes vollkommen egal war. Und in falschverstandenem Patriotismus und Zusammengehörigkeitsgefühl war er ihnen gefolgt.

Daikon wandte sich nach Osten, zur Grenze des herrenlosen Gebietes, weit weg von Olskot und Njest. Der Rest seines letzten Soldes reichte für einige neue Kleider und Vorräte für den Marsch. Im Osten von Nordland fand er Anstellung bei einem Großbauern als Erntehelfer. Dank seiner Führungsqualitäten war er nach zwei Monden Aufseher über die gesamte Erntemannschaft auf den Gerstenfeldern. Von dem in Olskot stattfindenden Schauprozess gegen Dmidai hörte er nur gerüchteweise von Reisenden. Man klagte den König an, Gelder des Reiches, bestimmt für den Ausbau der Pässe über das Nordgebirge, zu seinem persönlichen Nutzen veruntreut zu haben. Dmidai wurde aller Ämter und Würden enthoben und zur Arbeit in den Salzminen von Ultha verurteilt. Weit weg, im Süden, wo er auf sein Volk keinen Einfluss mehr nehmen konnte.

In Daikon wuchs die Überzeugung, dass es nicht richtig war, sich zu verstecken. Man musste etwas unternehmen. Von selber gehen würden die Südländer sicher nicht.

Aufstände und großer Widerstand hielten sich in Nordland freilich in Grenzen. Zwar gab es kaum ein Mitglied des Volkes, das mit der Behandlung des verehrten Königs einverstanden war, aber warum sollte man sich gegen eine Armee erheben, die man niemals besiegen konnte? Dem Einzelnen ging es nicht schlecht, nicht wenige betrachteten die Reniier gar als wirtschaftlichen Segen, ganz so, wie auch Daikon einmal gedacht hatte.

Nein, offener Kampf kam nicht in Frage. Er musste es so angehen, wie die großen Führer der nordländischen Stämme schon vor Jahrhunderten gekämpft hatten: Wenn man den Feind nicht besiegen konnte, musste man ihn halt durch zahlreiche Nadelstiche schwächen. Dass er real damit nicht wirklich etwas erreichen würde, war nicht wichtig, es ging ums Prinzip.

Sich die schwere Büchse und die passende Ausrüstung für eine kleine Jagd zu leihen, war nicht schwierig gewesen. Man vertraute einem zuverlässigen Vorarbeiter ohne Bedenken teures Gerät an, wenn man sicher war, dass er mit einem schönen Braten heimkommen würde.

Die Taktik der Nadelstiche. Ein kleiner Stich nach dem anderen. Ein Schuss, ein Soldat. Die Truppe in Angst versetzen. Es ging um das Prinzip, alles für die Freiheit des Volkes zu tun, was möglich war. Die Arbeitskolonne war ein einleuchtendes, naheliegendes Ziel gewesen. Erneut riss das Zwitschern Daikon aus seinen Grübeleien. Keine Elle von seinem Gesicht entfernt saß ein kleiner grauer Tcilp auf einem Ast und stieß mit Inbrunst die schnelle Lautfolge hervor, die seiner Art ihren Namen eingebracht hatte. Daikon drehte leicht den Kopf, um den Vogel besser im Blick zu haben. Das Tier verstummte kurz, sah ihn misstrauisch an, nur um dann mit gleicher Lautstärke seinen Versuch, ein Weibchen anzulocken, wiederaufzunehmen.

Daikon fror noch immer. Der Wind wehte um die Felsen und verursachte dabei ein ekelhaft pfeifendes Geräusch. Die Sonne näherte sich dem Rand des Tals. Er wusste nicht, wie lange er hier jetzt schon lag, aber das Zündstäbchen war schon fast völlig heruntergebrannt. Wie lange brannte so ein Ding? Einen Achteltag? Länger?

Jetzt, wo sie sich im Schatten befanden, schaufelten die Gefangenen schneller, um sich warm zu halten. Die Schubkarre quietschte. Daikon visierte wieder den Unteroffizier an. Es konnte gar nicht so schwer sein. Er hatte hunderte Male geschossen. Er war ein guter Schütze, ganz sicher. Nicht nur seine Ausbildung, sondern auch ein großer Erfolg bei der Jagd sprachen dafür. Er konzentrierte sich. So einfach. Und so sinnlos.

Wenn er nicht jetzt schoss, würde er es gar nicht mehr tun. Die Lunte glühte sofort hell auf, als er sie mit dem Zündstäbchen berührte. Er schüttelte die taub gewordenen Beine, um sicherzugehen, dass sie ihn nicht im Stich lassen würden, wenn er aufsprang, um um sein Leben zu rennen. Er würde nur das Gewehr mitnehmen, das Bündel enthielt nichts Wertvolles. Der Lauf ruhte sicher auf einem kopfgroßen Felsbrocken.

Wie er es gelernt hatte, schätzte Daikon noch einmal die Entfernung ab und zielte auf die Stelle, wo der Brustpanzer des Unteroffiziers in den roten Kragen des Umhangs überging. Er drückte die Waffe fest an die Schulter. Sinnlos. Die beiden Legionäre unterhielten sich über südländische Frauen. Der Wind trug ihr Gespräch klar verständlich zu ihm hinüber. Frauen, das war auch das Hauptgesprächsthema bei seiner Ausbildung gewesen, unter den Kameraden. Nein, nicht Kameraden, Besatzern.

Daikon drückte ab, und die schwere Waffe schlug schmerzhaft gegen seine Schulter. Im gleichen Augenblick drehte sich das Ziel des Schusses nach den Gefangenen um. Daikon bekam nicht mehr mit, wie die murmelgroße Kugel in viel zu flachem Winkel auf den Harnisch des Kletainos traf, einen tiefe Spur im gehärteten Leder hinterließ und wirkungslos davonheulte. Er war schon auf den Beinen, warf sich herum und rannte. Er stolperte durch das spärliche Unterholz und fiel mehr in das kleine Waldstück, als dass er lief. Der Pfeil aus der Balmuha des Unteroffiziers, der sich bemerkenswert schnell wieder gefangen hatte, wurde von einigen Ästen abgelenkt und blieb zitternd in einem Baumstamm stecken. Zweige peitschten Daikon ins Gesicht, als er hakenschlagend durch den Baumbestand hetzte; das Gewehr hatte er nun doch liegen lassen. Dann hatte der Soldat seine Waffe schussbereit, zielte in seiner Hektik jedoch meilenweit an dem Fliehenden vorbei. Zwei Gefangene nutzten die Situation zur Flucht, was aber niemandem auffiel. Obwohl er den Attentäter mittlerweile aus den Augen verloren hatte, schoss auch der Kletainos. Das Echo von drei Schüssen hallte durch das Tal.

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