Etwa ein halbes Dutzend Büchsen krachte gleichzeitig, als die erste Sau durch das Gebüsch brach. Für einen Moment war das Gelärme der Treiber übertönt.

"Meine zweite Büchse, Banesch."

"Sehr wohl, Baron." Der Angesprochene schlug seine grüne Kotze zurück, um dem Baron eine Büchse zu reichen und die abgeschossene entgegenzunehmen. "Ein guter Schuss."

"Ja, wird nicht leicht sein, festzustellen, wer denn nun getroffen hat."

Banesch bereitete die Büchse für den nächsten Schuss vor, während der Baron bereits wieder anlegte und das nächste Wild erwartete. Welches auch nicht lange auf sich warten ließ. Prenet schien es gut mit ihnen zu meinen. Und auch die Wettergötter waren milde gestimmt, denn der Himmel über den letzten Streifen des Morgennebels versprach einen herrlichen Tag. Als schließlich die Treiber den Waldrand erreichten und Fürst Baschan das Ende der Jagd befahl, waren nicht weniger als zwei Dutzend Sauen erlegt, hinzu etliche Hasen und einige Rebhühner.

"Lasst uns dem Prenet ein Dankopfer darbringen, bevor wir selbst uns an dem Lohn der Jagd laben."

"Wohl gesprochen", war der einstimmige Jubel auf diese Worte des Fürsten. Die Herren der befreundeten Häuser des Fürsten und deren Jagdgehilfen beglückwünschten sich zu der erfolgreichen Jagd. Hörner gaben das Ende der Jagd bekannt, und das Signal zum Jagdschloss, dass man erfolgreich gewesen war.

So zog die Gesellschaft frohgemut zum Schloss, voran der Fürst mit seinen Jägern, dahinter die Gesellen mit der erlegten Beute.

"So religiös und opferfreudig wie heute kenne ich Fürst Baschan noch gar nicht", meinte Banesch während des Marsches zu Manum, einem alten Freund von ihm.

"Sag mal, wo hast du denn gestern Abend beim Jagdsegen deine Augen gehabt? Wer würde nicht bei dieser Priesterin umgehend zum tiefsten Glauben bekehrt werden?", gab der verschmitzt zurück.

"Die ist Priesterin? Ich dachte schon, der Fürst hätte seine neueste Flamme zur Vorbeterin gemacht."

Manum musste lachen bei diesem Gedanken. "Das schließt sich doch nicht aus. Kann schon sein, dass sie den besten Schlafplatz im Schloss hat. Neben dem Fürsten."

"Nun, dafür würde ich auch so einige Opfer bringen", warf ein daneben gehender Knecht ein.

Mit diesem und ähnlichen amüsanten Themen war der Weg zum Jagdschloss schnell zurückgelegt.

Mit einem Hornsignal wurde die Gruppe gegen Mittag am Jagdschloss begrüßt. Die Jäger ihrerseits antworteten mit einer Erfolg verkündenden Melodie. Eine Schar Diener des Fürsten nahm die Jagdbeute entgegen, um sie für das abendliche Festmahl zu bereiten. Die hohen Herren begaben sich in den geschmückten Innenhof, während die Jagdgehilfen die Waffen versorgten und beim Ausweiden des Wildes halfen.

"Zeigst du mir, wie das geht?" Banesch hatte gerade ein gerupftes Rebhuhn in der Hand, als er so angesprochen wurde. Hinter ihm stand eine junge Frau in der Robe Prenets, jedoch zu jung, um Priesterin zu sein.

"Gerne. Doch sagt, wie kommt es, dass eine Anhängerin Prenets einen einfachen Gehilfen fragen muss?"

"Ich bin Novizin im Tempel. Dass das Schicksal mich zu Prenet führen würde, war nicht abzusehen. Die Priesterin nahm mich mit, um das Handwerk unseres Herrn zu erlernen." Es war ihr sichtlich etwas peinlich, wie sie sich vor Banesch rechtfertigte. Und Banesch wusste sehr wohl, dass sie dies nicht nötig hatte, ihn im Gegenteil für die Unverschämtheit seiner Frage zur Verantwortung ziehen konnte. Selbst wenn sie bis zum Vortag Sklavin gewesen wäre, so war sie nun einem Gott geweiht, und er nur ein einfacher Handlanger des Barons.

"Nun, so seht her. Zunächst wird hier der After herausgetrennt, damit sich dann das Gescheide herausziehen lässt." Banesch ging routiniert den Vorgang des Ausweidens durch. Innerlich amüsiert beobachtete er, wie die Tempelgehilfin sich vergebens mühte, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihr der noch ungewohnte Anblick frischer Innereien zu schaffen machte. Gleichzeitig bemühte er sich, dabei fachmännisch zu bleiben. Durch nichts in der Welt wollte er ihr noch einen Grund geben, auf ihn wütend zu sein, hatte er sie doch bereits zuvor durch seine unbedachte Frage beschämt. "So. Nun hängen wir sie da drüben auf. Die Innereien kommen gleich in die Küche."

Die Novizin versuchte, mit einem Lächeln ihre Beklommenheit zu überspielen. "Wird das bei allen Tieren so gemacht?"

"Es gibt einige Unterschiede. Schon wegen der Größe kann man ja Schweine nicht mit einer Hand festhalten und mit der anderen ausnehmen. Doch bleiben wir erstmal bei dem Geflügel. Das kennt Ihr ja nun schon. Und keine Sorge, es wird mit jedem Mal einfacher." Für den letzten Kommentar hätte er sich am liebsten die Zunge abgebissen, kaum dass er ausgesprochen war. Doch die Tempelgehilfin hatte die Spitze nicht bemerkt oder ließ sich jedenfalls nichts anmerken. Schnell fuhr Banesch fort: "Nehmen wir nun dieses Rebhuhn. Da drüben ist heißes Wasser, damit es sich leicht rupfen lässt."

Das Rupfen des Vogels ging ihr deutlich leichter von der Hand. Banesch schien es, sie hätten kaum damit angefangen, als der Vogel auch schon von seinen Federn befreit war. Als dann das Huhn ausgenommen werden konnte, hatte die Tempelgehilfin, bevor Banesch etwas sagen konnte das Messer in der Hand. Er wollte schon protestieren, überlegte es sich im letzten Moment dann doch anders.

"Wie wird das Messer hier jetzt nochmal angesetzt?"

"Lasst Euch helfen. Das Huhn nehmt Ihr so in die eine Hand, das Messer ..." Banesch griff nach dem Messer, um ihre Hand zu führen, doch als sich ihre Hände berührten, verstummte er. Auch die Tempelgehilfin zögerte einen Moment länger, als unbedingt nötig. Dann sah sie ihm in die Augen und fragte: "Und nun?"

Banesch schluckte kräftig. Hoffentlich hatte er nicht schon wieder einen Fehler gemacht. Doch würde sie ihn dann so ansehen? Da wurde ihm bewusst, dass auch er sie anstarrte. Abrupt wandte er sich ab. "Verzeiht. Wie Ihr den Schnitt genau ansetzt, ist eigentlich gar nicht so wichtig, ich meine, der Darm soll nicht angeschnitten werden, also ..."

"Lass doch diese Förmlichkeiten sein. Mein Name ist Dhaskhat."

Nun war Banesch gänzlich verwirrt. Durfte er so weit gehen, eine geweihte Person mit ihrem Namen anzusprechen? Doch sie bot es ihm ja an. Also war es wohl richtig.

"Ja, Gewei... Dhaskhat. Ich bin Banesch. Einfacher Jagdgehilfe." Er wusste nicht mehr zu sagen.

"Gut, Jagdgehilfe Banesch, was hältst du davon, wenn wir beide nun das Huhn fertigmachen und uns dann unter die Gesellschaft mischen?"

"Aber... ich weiß nicht, ob ich das kann. Hier ist noch einiges zu tun."

"Du bist für heute von der Arbeit hier befreit. Den Rest des Tages arbeitest du für mich, Banesch."

"Sehr wohl, Herrin", antwortete Banesch im Reflex. Doch dann sah er Dhaskhat schmunzeln.

"Wir hatten uns doch auf eine einfachere Anrede geeinigt."

"Ja, aber es ist so ungewohnt. Ihr... du stehst so unendlich weit über mir. Die meisten der hohen Herren hier müssten dir gehorchen. Es ist seltsam, dich mit Namen anzureden."

"Banesch, ich bin keine Priesterin, sondern eine einfache Novizin. Es ist noch ein weiter Weg, bis mir die hohen Herren hier irgendwie verpflichtet wären. Außerdem kannst du den Namen ruhig verwenden, wenn du mit mir redest."

"Ja, aber wir sollten uns jetzt wirklich dem Rebhuhn zuwenden." Banesch versuchte, auf vertrautere Themen zurückzukommen. Für ihn war alles Geheiligte in so unerreichbarer Ferne. Diese Tempeldienerin machte ihn nervös. Doch sie sah ihn nun auffordernd an.

"Dhaskhat."

"Na also. So schwer ist es doch gar nicht. Wie wird das Messer hier gleich nochmal angesetzt?"

Der Rest des Vogels war schnell ausgenommen. Banesch konzentrierte sich auf sein Handwerk. Dies war ihm ein wesentlich sicherer Boden, als die Schaukel, auf die ihn Dhaskhat zuvor geführt hatte. Als sie fertig waren, wollte er sich schon nach weiteren Arbeiten umsehen, als ihn Dhaskhat zurückhielt.

"Banesch, du wolltest mich doch der Jagdgesellschaft vorstellen."

"Ach richtig, ja. Dann wollen wir mal los."

"Du hattest mich doch nicht schon vergessen, obwohl ich neben dir stehe?"

"Vergessen? Nein, ich ..." Wie meinte sie das? "... es ist nur, ich ..."

"Komm schon. Die Herrschaften warten nicht auf uns."

***

Fürst Baschan hatte keine Kosten gescheut, seine Gäste zu unterhalten. Musiker und Gaukler aus ganz Drankan waren im Schlosshof versammelt. Banesch kannte die Feste des Fürsten, doch dies war weit mehr als eine Jagdfeierlichkeit. Er fragte sich, was wohl der wirkliche Grund für dieses Fest war. Der Innenhof des Schlosses war Jägern und deren Gefolge vorbehalten, doch draußen frönte auch gemeines Volk der vielseitigen Unterhaltung.

Drinnen im Schlosshof war man ebenso erstaunt über den Umfang dieser Festivität. Niemand schien dies erwartet zu haben, und keiner der Noblen wusste, was den Fürsten veranlasst hatte, so weit über seine schon sonst nicht geringe Manier hinauszugehen. Wild wurde spekuliert, über Geburten, doch war der Fürst nicht verheiratet. Von einer Siegesfeier wurde geredet, doch wusste niemand, mit wem der allseits beliebte Fürst Baschan in einer Fehde läge. Der Fürst selbst wusste diesbezüglichen Fragen geschickt auszuweichen und die Gespräche in seiner unmittelbaren Umgebung auf andere Themen zu bringen.

Banesch gewöhnte sich allmählich an seine hohe Begleiterin. Niemand nahm Anstoß daran, dass er sich für sie von seiner Arbeit entfernt hatte, ja es schien, dass ihr Rang auf ihn abfärbte. Einige der Noblen, die ihn sonst kaum wahrgenommen hätten, ließen sich bereitwillig auf ein Gespräch ein. Nur von einigen seiner Standesgenossen bekam er neidische Seitenblicke.

Anfangs fragte Dhaskhat Banesch nach solchen Gesprächen immer wieder nach der Bedeutung einzelner Begriffe und Phrasen, doch beteiligte sie sich im Laufe des Tages immer mehr an der Unterhaltung. Sie hatte keine Scheu, die ihr vorher noch unbekannten Worte selbst zu verwenden. Zunächst erschrak Banesch, wenn sie dabei Fehler machte. Doch nachdem die Noblen keine davon ernst nahmen, sah auch Banesch diese lockerer und wies sie nur danach, wenn keiner zuhörte, kurz darauf hin.

"Dhaskhat, niemand hier scheint deine Unkenntnis der Jagd zu bemerken."

"Niemand erwartet von einer Novizin, sich auszukennen."

"Jeder hier weiss, dass du Novizin bist? Warum stelle ich dich jedem vor, wenn dich ohnehin jeder kennt?"

"Sie kennen mich nicht, Banesch. Aber mein Stand ist mir deutlich anzusehen." Ein breites Grinsen zierte nun ihr Gesicht. "Besonders viel scheinst Du über die Tempelgebräuche nicht zu wissen."

"Nun, ich kenne die Farben Prenets. Und ich weiß, dass solche Roben nur von seinen Geweihten getragen werden. Aber im Großen und Ganzen war es das schon."

"Diese einfache Robe ist die einer Novizin. Sie ist gänzlich aus zwei Stücken Stoff gefertigt, ohne sonstigen Schnörksel. Dass ich auch sonst keinen Schmuck trage, gibt einen weiteren Hinweis. Wenn du nach Bernst kommst, kann ich dir die Unterschiede und Feinheiten hierbei zeigen."

"Nach Bernst? Ich weiss nicht, ob mein Herr mir das erlaubt."

"Fragen wir ihn doch einfach. Wer ist eigentlich dein Herr?"

"Baron Sandad. Er unterhält sich dort drüben mit Graf Ebrast."

"Na dann mal los. Warum hast du mich eigentlich ihm noch nicht vorgestellt?"

"Es waren so viele wichtige Leute im Weg, und, nun ja, ich sollte doch beim Fang sein."

"Das wird er schon wissen, dass du das nicht mehr bist, Banesch. Wir haben uns ja nun nicht unbedingt versteckt. Dann sorge mal dafür, dass er auch weiß, mit wem du unterwegs bist."

Bei dem Baron angekommen, ergriff Banesch wie sonst das Wort. "Graf Ebrast, Baron Sandad, Herr, darf ich Euch Dhaskhat, Geweihte des Prenet zu Bernst, vorstellen."

"Sehr erfreut, edle Dame. Ja, Banesch, ich hörte bereits, dass du eine hübsche Geweihte deiner Arbeit vorziehst. Ich kann es dir nicht verübeln."

"Baron, ich habe mir erlaubt, Euren Gehilfen für heute in meine Dienste zu stellen. Ich brauchte jemanden, der diese Gesellschaft kennt."

"Nun, der Fang kommt gewiss auch ohne Banesch zurecht. Wird er Euren Ansprüchen gerecht?"

"Sehr gut, Baron. Ich wäre erfreut, Euch bald im Tempel zu Bernst willkommen heißen zu können."

Der Baron sah die beiden einen Moment mit einem Grinsen an. "Wie könnte ich einer Dienerin Prenets etwas abschlagen. Es ist ohnehin Zeit, den alten Baron Dafdanam in Bernst aufzusuchen."

"So werde ich euch dort erwarten." Dhaskhat musste das Grinsen des Barons bemerkt haben. Doch ließ sie sich nichts anmerken.

"Aber erschöpft den Jungen heute nicht zu sehr. Für morgen habe ich eine Jagd mit Graf Umfid am Rothstockfels vereinbart. Da brauche ich ihn."

"Mit Umfid, Baron?" Banesch konnte diesen arroganten Grafen nicht ausstehen.

"Mit Graf Umfid. Ich pflege eine gute Beziehung zu seinem Haus und hoffe, dass du dich zu benehmen weißt."

Später, als Banesch und Dhaskhat wieder unter sich waren, fragte Dhaskhat: "Wer ist dieser Umfid?"

"Ein Graf aus Westerboch. Ich kann ihn nicht ausstehen. Er hat es scheinbar nötig, ständig allen zu zeigen, dass er etwas besseres ist."

"Wie dem auch sei, lass uns das Fest heute noch genießen. Ich will mich etwas hinsetzen. Besorgst du uns etwas zu trinken?"

"Natürlich, Dhaskhat. Ich bin sofort wieder da."

Als Banesch mit zwei Krügen des schlosseigenen Bräu zurückkehrte, sah er Dhaskhat bei Graf Umfid stehen. Zum ersten Mal an diesem Tag sah er Zorn in den Augen der Geweihten blitzen. Schnell schritt er näher.

"Ach, da ist ja der Schwerenöter auch schon wieder."

"Graf Umfid, es steht euch kein Urteil darüber an, wen ich hier in meine Dienste stelle."

"Euch beiden ist deutlich anzusehen, dass er kaum der Dienstbote ist. Da hilft es auch nicht, ihn Bier holen zu schicken, um den Schein zu wahren. Gedenkt Eurer Religion und Eures Standes. Novizin."

"Ich bin mir beides sehr wohl bewusst. Und daher in dem vollen Wissen darum, mir diese Reden nicht weiter anhören zu müssen. Gehabt Euch wohl."

"Wie auch immer. Ich werde nicht zusehen, wie in meiner Gegenwart der Name Prenets beschmutzt wird." Umfid wandte sich ab.

Wortlos ergriff Dhaskhat einen der beiden Krüge. Erst nach einigen tiefen Schlucken sprach sie: "Was bildet sich dieser Mensch eigentlich ein? Will er mich über die Lehren Prenets und meine Ordensregeln belehren?"

"Ja, das will er tatsächlich. Umfid lässt nichts anderes gelten, als was er selbst für richtig hält."

"Wie kann ein Mensch so starr sein? Seinen Reden nach kennt er kaum einen Bruchteil des Prenetliedes."

"Ich bin mir sicher, er hat zwei Verse gehört, die ihm gefallen, und sich darauf selbst den Rest zusammengedichtet."

Dhaskhat nahm einen weiteren Schluck. "Nun dann, lassen wir uns von ihm nicht den Tag verderben. Bis zum abendlichen Bankett sind es noch ein paar Stunden. Wollen wir uns draußen unter das Volk mischen?"

"Was auch immer du willst. Ich bin nur der Knecht."

Darauf lachte die Tempelgeweihte laut auf. "Wie zufrieden bist du eigentlich mit deiner Schülerin?"

Um ein Haar hätte sich Banesch an seinem Getränk verschluckt. "Meine Schülerin?"

"Du bringst mir doch den ganzen Tag die schönsten Dinge bei. Lassen wir das. Sehen wir uns doch mal draußen um."

***

Im Außenbereich des Schlosses hatte das bunte Treiben nochmals deutlich zugenommen. Schwertschlucker, Jongleure, Feuerschlucker und Zauberer aller Arten unterhielten das Publikum. Auf einer zentral gelegenen Bühne wechselten sich verschiedene Darsteller ab, nacheinander ihre Darbietung zu präsentieren. Als Banesch und Dhaskhat auf den Platz traten, war dort gerade ein Clown mit einer sehr jungen Gehilfin, die er immer wieder in ihrer Gestalt als weiße Taube auf Botenflüge schickte, die sie jedesmal auf dümmliche Weise vermasselte. Einen Großteil der Attraktion dieser Darbietung machte es wohl aus, dass sie sich jedesmal vorne auf der Bühne zurückverwandelte, einige Momente brauchte, bis sie bemerkte, dass sie nichts anhatte, bevor sie sich erschrocken hinter eine Trennwand flüchtete.

"Dhaskhat, darf ich fragen, was eigentlich dein Tier ist?"

"Fragen darfst du. Ja, ich bin als Rothirsch geboren."

"Rotwild?"

"Bist du nun enttäuscht?"

"Nein. Nur nicht gerade, was ich bei einer Priesterin des Jägers erwartet hätte."

"Nun ja, die höchsten Priesterränge sind mir damit verschlossen. Dafür bin ich auf der falschen Seite der Jagd. Doch ich werde das Beste aus dem, was mir zur Verfügung steht, machen. Darf ich nun auch erfahren, was du bist?"

"Natürlich. Ich bin ein Luchs."

"Wirklich? Damit bist du einfacher Jagdgehilfe im Dienst eines Barons?" Sie hielt kurz inne. "Muss ich jetzt Angst vor dir haben?"

"Natürlich nicht. Ein ausgewachsenes Rotwild kann doch kein Luchs angehen." Dann lachte er sie an. "Ich werde dich vor anderen Räubern hier beschützen."

"Na, da fühle ich mich doch gleich viel sicherer. Aber für dich müsste sich doch etwas Besseres finden lassen als die Arbeit als einfacher Jagdknecht?" Die Taube flog dicht genug an den beiden vorbei, dass sie Dhaskhat beinahe streifte. Der Clown auf der Bühne setzte zu einer umständlichen Entschuldigungsrede an, die aber keiner von beiden wirklich beachtete.

"Ich weiß nicht. Meine Familie sind einfache Bauern, meist Nutzvieh. Ich bin nicht der erste Luchs in der Familie meines Vaters, aber es kommt sehr selten vor. Das direkte Gefolge des Barons ist bereits ein großer Aufstieg für mich."

"Weißt du was, du kommst ja sowieso bald nach Bernst, da reden wir darüber weiter."

Der Rest des Tages verging vergnüglich ohne weitere Zwischenfälle. Banesch erwischte sich immer öfter dabei, wie er den Standesunterschied zwischen ihnen zu vergessen begann. Doch Dhaskhat hatte dafür jedesmal nur ein Lachen übrig.

Zur abendlichen Tafel bestand die Tempelgehilfin darauf, dass er an der Tafel der Jäger neben ihr saß. Dies trug ihnen einen stechenden Blick von Umfid ein, doch beide waren sich darüber einig, diesen nicht zu beachten. Die Tafel eröffnete Fürst Baschan mit einer Rede.

"Meine Freunde. Ihr alle habt wohl bemerkt, dass der heutige Tag die Ereignisse einer Jagd bei weitem übersteigt. Viele eurer Spekulationen darüber drangen an mein Ohr. Einige, die mich innerlich belustigten, und die es wert machten, die Ursache bis jetzt verborgen zu halten. Andere haben es wohl erraten, und, meine Freunde, ich will es euch nun nicht mehr verschweigen. Nun, auch vor einem Mann wie mir macht das Alter nicht halt, und einige mögen wohl schon die Nase gerümpft haben, was mich davon abhielte, meinen Stammeshalterpflichten Folge zu leisten. Nun, ich kann euch beruhigen. Denn im frühen Sommer dieses Jahres führten mich die Pflichten meines Standes nach Bernst, und dort fand ich die Frau, die meinen Sinnen gefällt. Ich fragte sie, und sie willigte ein, mein Fürstentum mit mir zu teilen. Ihr alle werdet es nun schon erraten haben. Niemand geringerer als die Priesterin Nareshat wird sich in auf den Tag genau einem halben Jahr mit mir vermählen."

Die letzten Worte dieser Rede gingen bereits in lautem Jubel und Glückwunschzurufen unter.

"Die beiden geben wirklich ein hübsches Paar ab. Hast du davon gewusst?", wandte sich Banesch an seine Begleiterin.

"Nun, in Bernst war es unübersehbar, dass die beiden sich nahe stehen. Aber gewusst, dass dies hier die Verlobungsfeier ist, habe ich nicht." Sie kicherte. "Ein halbes Jahr? Dann erwartet sie wohl schon ein Kind von ihm?"

"Wenn du mal Priesterin bist, Dhaskhat, wirst du dir dann auch einen Fürsten angeln?"

Wiederum lachte die Angesprochene. "Nein. Nein, die Priesterin ist eine Berglöwin, ich kann nicht einmal davon träumen, ihr jemals gleichzukommen."

Auch das abendliche Mahl ging schließlich zu Ende. Manchem der Noblen missfiel es dann doch sichtlich, dass der Jagdgehilfe bei ihnen saß. Doch Dhaskhat ließ nicht zu, dass er sich einen anderen Platz suchte. Einmal ließ die Priesterin Dhaskhat zu sich kommen. Die beiden sahen während ihres Gespräches auffällig in Richtung Banesch. Doch was sie besprochen hatten, verriet Dhaskhat ihm nicht. Da nun augenfällig war, dass weder die Priesterin noch der Fürst etwas gegen seine Anwesenheit hatten, mussten sich auch die anderen fügen.

Nach Abschluss des Mahles sagte Dhaskhat: "Ich will nun noch das Dankgebet zelebrieren. Kommst du mit in meine Kapelle?"

"Ich wusste gar nicht, dass für dich eine eigene Kapelle hergerichtet ist. Ich dachte, du gehst nur der Priesterin bei den Messen zur Hand?"

"Na, dann lass dich mal überraschen." Dhaskhat nahm Banesch bei der Hand und zog den verwirrten Gehilfen hinter sich her zum Hauptgebäude. Dort hinauf zu den Gästegemächern, wo sie eine der Türen öffnete. "Hier sind wir, mein Beschützer."

"Aber... Geweihte, dies sind Eure Privatgemächer. Ich kann doch nicht ..."

"Doch, kannst du. Du wolltest heute auf mich aufpassen, kleiner Luchs, also gib Obacht, dass niemand die Andacht stört. Und fang nicht wieder mit der förmlichen Anrede an."

"Seid... bist du sicher, dass ich allein mit dir, in deinen Gemächern ...?"

"Nun komm schon. Willst du vielleicht anfangen, mir wie dieser Umfid vorschreiben wollen, wen ich wann um mich haben darf?"

Banesch ließ es dabei bewenden. Sein Ruf und Ansehen standen hier nicht auf dem Spiel. Doch hoffte er für Dhaskhat, dass sie wirklich wusste, was ihrem Stand gemäß war.

Im Raum war tatsächlich ein Altar hergerichtet mit den Symbolen Prenets. "Setz dich und bete mit mir." Mit diesen Worten kniete Dhaskhat sich vor diesem nieder und begann die Anbetungszeremonie. Banesch hatte dieser Zeremonie schon öfters beigewohnt, doch nie so nahe am Altar, und nie... allein, mit der Priesterin. Ob sie wohl wusste, dass er weniger die Symbole Prenets, als ihren Körper beobachtete? Dass seine ungeteilte Aufmerksamkeit nicht Andacht war?

Dhaskhat setzte sich nach der Zeremonie zu ihm. "Du kannst nun dein Gebet beenden", hauchte sie ihm ins Ohr.

Ein Nicken war alles, wozu Banesch fähig war.

"Jäger, du hast heute mein Herz erlegt. Nun nimm dir deine Beute."

"Dhaskhat, meinst du nicht, dass der Standesunterschied doch zu groß ist?", versuchte Banesch einen schwachen Protest, doch seine Hände glitten bereits über ihren Körper.

"Selbst wenn der Jäger ein Hase wäre, und der Fang ein wilder Stier, so gehörte ihm doch die ganze Beute. So will es der hohe Jäger", hauchte sie, während ihr Kleid über ihre Schulter rutschte, sie sich zurücklegte und ihn sanft mit sich zog. "Prenetlied, dritter Gesang, Vers 128 bis 130", fügte sie noch hinzu, bevor Banesch ihren Mund mit dem seinen schloss.

Am nächsten Morgen standen beide noch vor Sonnenaufgang auf. Dhaskhat, um wie jeden Tag zum Morgengebet zurecht zu sein. Und für Banesch war ja heute wieder eine Jagd angesetzt. Der Rothstockfels war nicht die unmittelbare Umgebung des Jagdschlosses, und so musste man früh los, wollte man nicht die beste Jagdzeit verpassen. Die beiden verabschiedeten sich mit einem langen Kuss und versprachen sich ein baldiges Wiedersehen in Bernst.

Die Jagdausrüstung des Barons war schnell hergerichtet. Banesch hatte sie bereits am Vortag versorgt, bevor er sich ans Ausweiden des Wildes gemacht hatte.

"Na, die Nacht angenehm verbracht?" Samaschai, ein Knecht Umfids, grinste Banesch breit an. "Man hört so einiges über dich."

Banesch grinste zurück. Glücklicherweise hatte Samaschai nicht den Charakter seines Herrn übernommen. "Allerdings sehr angenehm. Und die Gerüchte wirst du mir heute alle erzählen."

"Nur, wenn du mir versprichst, zu sagen, was davon wahr ist. Und keine Ausflüchte oder Prahlereien."

"Nun gut, nichts als die Wahrheit."

Da kamen auch schon die zwei Jäger mit dem restlichen Gefolge. Zu Pferde ging es dann los. Auf dem Weg nahm der Baron seinen Jagdgehilfen zur Seite. "Banesch, du hast ja nun möglicherweise eine große Zukunft vor dir." Er sah ihm direkt in die Augen und fuhr dann ernst fort: "Wenn du hinausziehst in die Welt, mach meinem Haus Ehre."

"Baron, heißt das, Ihr entlasst mich aus euren Diensten?"

"Nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Ich verliere ungern einen fähigen Gehilfen. Doch ich werde dem Tempel in Bernst nicht widersprechen." Damit war diese Unterhaltung für den Baron beendet. Er kehrte zurück zu seiner Gesellschaft. Dass Umfid ihn gänzlich ignorierte, schien Banesch etwas seltsam, aber eigentlich war es ihm ganz recht. Bis zum Rothstockfels hatte Banesch mindestens vier Versionen der Ereignisse vom Vortag zu hören bekommen. Abwechselnd hatte er Dhaskhat vor wildem Raubzeug errettet, und sie ihn zum Priester gesalbt. Irgendjemand schien mitbekommen zu haben, wie sie ihn ihren Beschützer genannt hatte, und damit die Gerüchteküche zum Brodeln gebracht.

Die Sonne war zur Hälfte über den Horizont gestiegen, als die Gruppe am Rothstockfelsen ankam. Die Jäger besprachen kurz, wo denn die größten Erfolgsaussichten bestünden, und zogen dann los. Die Jagdgehilfen blieben zurück. Ein Hornsignal würde ihnen künden, wenn sie gebraucht wurden. Bald knallten einige Schüsse, und es dauerte nicht lange, bis erst Samaschai und dann Banesch gerufen wurden. Banesch war überrascht, dass nicht der Baron, sondern Umfid ihn gerufen hatte.

"Komm mit", sagte dieser knapp, "Samaschai ist kein guter Kletterer."

Das war in diesem Gelände doch ein hinreichender Grund, ihn zu rufen, und Baneschs Misstrauen verflog so schnell, wie es gekommen war.

Umfid führte in in eine Schlucht zu einem großen Wasserfall. "Da hinten."

"Sehr wohl, Graf." Banesch sprang los, über die Steine am Fluss. Er drehte sich um, um nach der genauen Richtung zu fragen, da sah er, dass Graf Umfid auf ihn angelegt hatte.

"Aber Graf Umfid, was hat das zu bedeuten?"

"Ich lasse nicht zu, dass der Name des hohen Jägers beschmutzt wird."

"Niemand hat seinen Namen beschmutzt. Ich weiss nicht, was Ihr wollt."

"Prenet bedeutet Ehrlichkeit, Männlichkeit und Treue. Allein im Angesicht mit dem Wild. Nicht müßig auf leichten Festen süße Früchte pflücken, die einem in den Mund fallen. Mit der untreuen Hure werde ich später Zwiesprache halten, doch du bezahlst die Schande jetzt." Mit diesen Worten drückte er ab.

Von der Wucht des Schrots umgerissen, fiel Banesch rückwärts in das Wasser. Halb betäubt sah er Umfid zu. Er wusste nicht, woher das Pferd plötzlich gekommen war, auf das der Graf seine Sachen verlud. Unfähig, sich zu bewegen oder einen Laut von sich zu geben, beobachtete er den Grafen, der das Pferd mit einem Klaps davonsprengte, ihm noch einen grimmigen Blick zu warf, sich dann in einen Habicht wandelte, um sich in die Lüfte zu schwingen. Das letzte was er sah, war wie der Graf über die Wipfel entschwand. Dann brachen ihm seine Augen, und nur noch erfüllt vom Tosen des Falles fühlte Banesch, wie der letzte Lebensfunke langsam durch die Einschusslöcher aus seinem Körper floss.

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