Das Rauschen des Wasserfalls war das Letzte, was er hörte, bevor er sein Bewusstsein verlor. Es war beruhigend und berauschend zugleich; eine wilde, unbezähmbare Kakophonie von hellen und dunklen Tönen. Dazu tanzten in der klaren Luft Abermillionen von kleinen Wassertropfen, in denen sich die Sonne funkelnd spiegelte.

Zahlreiche kleine Vögel flogen immer wieder wild zwitschernd durch den aufgespannten Regenbogen, doch ihre Stimmen waren über dem Tosen der Wassermassen kaum mehr zu hören. Auch der Westwind musste sich gehörig anstrengen, dass er gehört wurde, aber gerade eben waren seine Mühen umsonst. Denn es war kein Mensch in der Nähe, der ihm Beachtung schenkte, und die Tiere des Waldes hörten ihm nicht mehr zu.

Der einzige Mensch, der ihm hier oben ab und zu Gesellschaft leistete, war Ediz. Auch heute war er wieder gekommen, aber wie an vielen Tage zuvor hatte er sich in eine tiefe Bewusstlosigkeit geweint, aus der er ihn nicht aufwecken konnte.

So trug er lediglich dessen leise Klagen über die Gipfel der Funkenberge hinaus in die Welt, bevor sie ungehört verklangen.

Das glaubte der Westwind zumindest zuerst, denn für gewöhnlich war er hier oben ja alleine, aber heute sollte ihm jemand Gesellschaft leisten, von dessen Rasse er schon lange keinen mehr gesehen hatte.

Fast unbemerkt legte sich der Gast auf seine Schwingen und ließ sich von ihm zu Ediz bringen.

Erst als der schlanke Matill sich von ihm löste und es sich in den Baumkronen über Ediz gemütlich machte, wurde der Westwind seiner gewahr.

Wie alle Vertreter seines Volkes besaß er spinnenseidenes Haar, das um sein schmales Gesicht trieb, als würde er - der Westwind - oder einer seiner Brüder ständig mit ihm spielen. Ein Paar unergründlich schwarzer Augen musterte Ediz neugierig, während der Matill mit seinen blassen Lippen eine leise Melodie anstimmte.

Neugierig lauschte der Westwind dieser rätselhaften Musik, die er schon seit Generationen nicht mehr gehört hatte.

Konnte es sein? War Ediz vielleicht gar nicht "stumm", wie alle befürchteten?

Seit Jahren suchte er nach seinem eigenen Ton. Dem Ton, der ihm seinen endgültigen Namen geben würde und der ihm die Macht verlieh über dem Boden zu schweben, anstatt mühsam einen Fuß vor den anderen zu setzen.

An manchen Tagen hatte es so ausgesehen, als hätte er ihn endlich gefunden. Er war wie all die anderen Jungen und Mädchen einige Handbreit über dem Boden geschwebt, doch schon bald darauf war er wieder zu Boden gestürzt. Es schien fast so, als wollte kein Ton ihn länger als wenige Wimpernschläge tragen.

Doch als der Westwind jetzt die Melodie des Matills hörte, wusste er es besser.

Es war nicht so, dass die Töne ihn nicht tragen wollten; vielmehr wollten sie ihn gemeinsam tragen.

Ediz war nicht dazu bestimmt, nur einen Ton sein Eigen zu nennen - sie wollten ihm alle dienen. Gerade er hätte es früher erkennen müssen, doch auch sein Gedächtnis ließ ihn manchmal im Stich und bedurfte hin und wieder kleiner Anschubser. In diesem Fall war es der Matill gewesen, und im Bewusstsein, Ediz in Sicherheit zu wissen, machte sich der Westwind auf den Weg, um seinen Brüdern gleich die frohe Botschaft zu verkünden: ein neuer Yelin wandelte auf Anra'saris Boden!

Ediz wusste nicht, wie lange er diesmal bewusstlos gewesen war, aber es konnte nicht so lange wie die letzten Tage gewesen sein, denn seine Muskeln waren kaum verspannt, und so konnte er sich mühelos aufrichten. Trotzdem fühlte er sich kraftlos und erschöpft, so dass er die ohnehin nur vagen Umrisse, die er mit seinen Augen sehen konnte, nur mehr als verschwommene Schatten wahrnahm.

Wie so oft verfluchte er die seltsame Physiologie seines Volkes, die ihn dazu nötigte, die Stimme zu erheben, um nicht zu stolpern. Nur dank ihrer empfindlichen Echolote konnten die Yeli'navrem sich überhaupt einigermaßen sicher bewegen, denn ihre Augen waren viel zu schlecht, als dass sie Umrisse, die mehr als zwei Meter entfernt waren, hätten erkennen können.

Doch Ediz hatte in den letzten drei Jahre angefangen, seine Stimme zu hassen, weil sie ihm nicht den Ton schenkte, der ihn zu einem richtigen Yeli'navrem gemacht hätte. Insofern schwieg er lieber, solange ihn die Lehrer nicht nötigten, es doch noch einmal zu versuchen.

"Schon einmal daran gedacht, mehrere Töne gleichzeitig zu singen, kleiner Freund?"

Ediz zuckte erschrocken zusammen und versuchte, mit seinem verschwommenen Blick etwas zu erkennen, doch da waren nur große und kleine Schatten um ihn herum.

Er versuchte, seiner vom Weinen angestrengen Stimme einen Ton zu entlocken, um den Unbekannten ausmachen zu können, aber das Krächzen, das er zustande brachte, lieferte ihm nur Fragmente, mit denen er nichts anfangen konnte.

"Warte, kleiner Freund - ich bringe dir Wasser!"

Erneut hörte Ediz diese seltsame Stimme über das Tosen des Wasserfalls hinweg, als müsste sich sein Gegenüber nicht im Geringsten anstrengen, diesen zu übertönen.

Verwirrt und ängstlich, aber auch ein bisschen neugierig, blieb Ediz, wo er war, und wartete; schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, den Felsen hinunterzustürzen.

Schließlich berührte ihn wenige Augenblicke später etwas an der Schulter, bevor zusammengelegte Hände seine Lippen berührten. Klares, kühles Wasser benetzte seine Lippen, das Ediz dankend annahm. Gierig trank er die wenigen Schlucke, die sich in den Händen des Fremden befanden. Er wollte schon erneut versuchen, einen Ton anzustimmen, um sein Gegenüber endlich zu "sehen", als dieser ihm noch einmal die Hände voll mit Wasser anbot. Ediz trank sich deshalb erst einmal satt, konzentrierte sich dann aber letztendlich doch und erhob seine helle Stimme gen Himmel.

Augenblicklich sah er eine große, schlanke Gestalt, dessen Geschlecht nicht auszumachen war; und das, obwohl sie keine Kleidung trug. Doch am außergewöhnlichsten waren die acht Tentakelarme, die diesem Wesen aus dem Rücken wuchsen und die es um die Äste des Baumes über ihm geschlungen hatte; sei es um sich zu stützen, sich festzuhalten oder aus keinem speziellen Grund.

Ediz wusste es nicht.

Aber Ediz wusste, dass es sich bei dem Fremden um einen Matill handelte - ein Kinelor der Luft, ein Kind von Idriskai.

"Habe keine Angst, kleiner Freund. Der Westwind hat mir dein Leid zugeflüstert - deshalb bin ich hier. … Ich bin hier, um dir zu sagen, dass du außergewöhnlich bist. Du bist ein Yelin, kleiner Freund. Verfluche die Töne nicht länger, denn sie wollen dir alle dienen."

Ediz war über diese Eröffnung so überrascht, dass er gar nicht bemerkte, wie sich der Matill nach seinen Worten von seinem Baum löste und wieder in den Himmel aufstieg. Er hatte seine Aufgabe erfüllt, und so kehrte er in sein Element - die Luft - zurück. Worte des Abschieds waren ihm fremd.

Erst als sich Ediz von seinem Schrecken erholt hatte und auf seine Nachfrage keine Antwort mehr bekam, stimmte er erneut eine Melodie an und musste dann feststellen, dass der Matill nicht mehr da war.

Hatte er alles nur geträumt, oder hatte er tatsächlich einen Matill gesehen?

Und wenn er den Matill gesehen hatte, hatte er die Wahrheit gesprochen?

War er wirklich ein Yelin - ein Meister der Töne? Ein Yeli'navrem, der jede Melodie hören konnte? Sowohl die der Tiere und Pflanzen, als auch die der Menschen? Konnte er sie wirklich ALLE hören und beeinflussen?

Ediz war sich nicht sicher, ob dies wirklich zutreffen konnte. In den letzten drei Jahren hatte er alles gelernt, was ein Yeli'navrem wissen musste, und er wusste, dass der letzte Yelin vor mehreren Generationen geboren worden war und dieser schon mit vier oder fünf Jahren jede Melodie gehört hatte. Er selbst wurde in wenigen Tagen 10 und bis heute hatte er noch nicht ein einziges Mal auch nur seine eigene Melodie gehört.

"Das muss ein Traum gewesen sein!", seufzte Ediz deshalb ungläubig, bevor er sich missmutig an den Abstieg machte. Er und ein Yelin? Welch lächerliche Vorstellung …

Doch so lächerlich diese Vorstellung auch war und so sehr Ediz sich auch anstrengte, sie zu ignorieren, um nicht erneut enttäuscht zu werden, konnte er sie in den nächsten Tagen dennoch nicht vergessen.

Ein Yelin zu sein, war der Traum eines jeden Yeli'navrem, sobald er zum ersten Mal seine Stimme dem Westwind anvertraute. Es bedeutete, jede Melodie zu kennen, die die Götter komponiert hatten. Es war eine Art von Unsterblichkeit, wie sie selbst die Etienne nicht erreichten, denn die Existenz eines Yelin wurde auf allen Kontinenten in den Annalen festgehalten, während die Etienne nur für sich blieben.

Und außerdem hätte er dann einen Platz in Klipmel sicher, jener atemberaubenden Stadt an den Felswänden am Meer, die aus reiner Musik geschaffen worden war und die funkeln sollte wie das Perlmutt der kostbaren Perlen aus der Belosahr.

Ediz wusste nicht, wie Perlen ausschauten, und er war auch noch nie in Klipmel gewesen, aber alle, die einmal dort gewesen waren, schwärmten von der Stadt der Wandler als das Schönste, was sie je gesehen hätten. Nur Edador - die Stadt in den Wolken - soll noch schöner sein.

Bei all diesen Namen, Wundern und Schönheiten wurde Ediz ganz schwindlig, denn er wusste: sollte er wirklich ein Yelin sein, dann würde er all dies mit seinen eigenen "Augen" sehen können. Als "Stummer" würde er dagegen für den Rest seines Lebens in einem kleinen Haus am Rande von Latuhm sein Dasein fristen und von den meisten gemieden werden.

Bei diesem Gedanken erschrak Ediz, denn es war das erste Mal, dass er sich dieser grausamen Konsequenz tatsächlich bewusst wurde; das erste Mal, dass er sein Schicksal zu Ende dachte, wenn er tatsächlich "stumm" sein sollte.

Es durfte einfach nicht sein! Der Matill musste mit seinen Worten recht haben - er musste ein Yelin sein.

Mit diesem Gedanken schoss er förmlich von seinem Bett hoch und rannte nach draußen zu den Lehrern. Seine Stimme erhob er dabei nicht, denn in den letzten drei Jahren hatte sich das Gelände der Tofalen-Schule nahezu vollständig in sein Gedächtnis gebrannt. Und zu dieser Tageszeit befanden sich fast alle Mitglieder der Schule draußen auf den Übungsplätzen, so dass er auch nicht Gefahr lief, mit jemand anderen zusammenzustoßen.

Schwer atmend machte er erst bei den Übungsplätzen wieder halt und sog gierig die frische Luft in seine Lungen. Unter den stirnrunzelnden Blicken seiner Lehrer versuchte er sich zu beruhigen, denn mit aufgewühltem Geist gelang es für gewöhnlich keinem Yeli'navrem - und erst recht keinem Schüler - , sich auf seinen Ton zu konzentrieren, weshalb unruhige Geister von den Übungseinheiten ausgeschlossen wurden, um die anderen nicht zu stören.

So konzentrierte sich Ediz auf sein Ziel und wurde fast augenblicklich zumindest so ruhig, dass ihn die Lehrer auf den Platz winkten. Mit klopfendem Herzen und einem leisen Singsang auf den Lippen, suchte er sich einen freien Platz und setzte sich auf den weichen Boden, der die Abstürze der Anfänger auffangen sollte.

Während er noch seine richtige Sitzposition suchte, hörte er einige der Jüngeren immer wieder leise fluchend zu Boden stürzen und hoffte inständig, dass er dieses eine Mal nicht dabei sein würde.

Schließlich richtete er sich zu seiner vollen Größe auf und lauschte den Tönen der anderen, bevor er sich die Worte des Matills noch einmal ins Gedächtnis rief: Schon einmal daran gedacht, mehrere Töne gleichzeitig zu singen, kleiner Freund?

Er hatte noch nie daran gedacht, und so wollte er heute zum ersten Mal versuchen, bewusst alle Töne zu hören und jeweils jenen auszuwählen, von dem er dachte, er wolle ihn jetzt tragen.

Mit klarer Stimme sang er also den ersten Ton und schwebte schon wenige Augenblicke später in der Luft. Doch schon bald spürte er, wie schon viele Male zuvor, dass der Ton ihn bald fallen lassen würde und so suchte er sich einen neuen, anstatt krampfhaft an ihm fest zu halten.

Und tatsächlich: es funktionierte!

Immer und immer wieder sang Ediz einen neuen Ton und schwebte somit beständig ein paar Zentimeter über dem Boden. Voller Glück vergaß er die Welt um sich herum und spürte noch nicht einmal die Tränen, die ihm vor lauter Erleichterung die Wangen hinab liefen.

Letzten Endes hörte er sogar endlich seine ureigenste Melodie; erst zaghaft, dann immer stärker werdend, drängte sie sich in sein Bewusstsein.

Schließlich rauschte sie in seinem Blut und in seinen Ohren und wurde immer lauter. Die Harmonien wurden zu kreischenden Dissonanzen, als sich seine eigene Melodie mit denen der anderen vermischte. Keuchend verstummte er und hielt sich erschrocken die Ohren zu. Dass er dadurch auf den Boden fiel, spürte er in diesem Moment kaum, denn das Einzige, was er in diesem Moment wollte, war Stille. Doch diese wurde ihm nicht gewährt.

Einmal die Barriere durchbrochen, war er zu jung und unwissend, um alle Melodien um sich herum aus seinem Bewusstsein auszusperren. Stattdessen prasselten sie auf ihn nieder, wie ein heftiger Hagelschauer, und ließen in seinem Kopf wirre Bilder der einzelnen Objekte und Personen zurück, von denen die Melodien stammten, die er hörte.

Die Hände krampfhaft auf seine Ohren gepresst, zusammengekrümmt und mit einem gequälten Schrei in der Kehle, sank er letztendlich in eine erlösende Ohnmacht. Doch selbst in dieser konnte er die Melodien der anderen noch leise hören.

Wie lange ihn die Melodien verfolgten, wusste Ediz nicht, doch auf einmal verstummten sie und ließen ihn erleichtert in einen tiefen und traumlosen Schlaf sinken.

Das Nächste, was er bewusst hörte, war ein seltsames Rauschen. Es hatte einen hypnotischen Rhythmus, doch Ediz konnte sich nicht vorstellen, was es erzeugte, und in seinem Kopf formte sich seltsamerweise kein Bild davon.

Beunruhigt setzte er sich auf und wollte der Sache auf den Grund gehen, als ihn eine starke Hand zurück auf das Bett drückte.

"Du bist noch ziemlich schwach, Ediz; lass es langsam angehen", meinte eine tiefe, wohlklingende Stimme, die Ediz noch nie zuvor in seinem Leben gehört hatte.

"Wer seid Ihr?", fragte er deshalb neugierig, während er gleichzeitig versuchte, etwas von seiner unmittelbaren Umgebung genauer zu erkennen. Doch das, was er verschwommen wahrnehmen konnte, half ihm nicht besonders weiter. Er wusste lediglich, dass er sich in diesem Raum noch nie zuvor jemals aufgehalten hatte.

"Mein Name ist Go-Yalim. Ich wurde gerufen, als du in Tofalen zusammengebrochen bist. Wir haben dich nach Klipmel gebracht, damit du dich langsam daran gewöhnen kannst, dass du die Melodien aller Lebewesen hören kannst. Das Meer ist nah genug, dass es die Melodien anderer Lebewesen von dir abschirmt, bis du bereit bist, sie zu hören."

Eine so umfassende Antwort hatte Ediz nicht erwartet, und so wusste er im ersten Moment nicht, was er sagen sollte. Er sollte in Klipmel sein? Wie hatten sie ihn hierher gebracht? Und warum konnte er sich an nichts erinnern? War er vielleicht so lange bewusstlos gewesen?

Die Fragen schienen ihm ins Gesicht geschrieben zu sein, denn Go-Yalim beantwortete sie ihm, ohne dass er eine einzige davon laut gestellt hätte.

"Deine Lehrer haben dich zur Sicherheit in einen leichten Schlaf gesungen. Nachdem sie erkannt haben, was du bist, schien ihnen das das Beste für dich zu sein. Danach haben sie nach uns geschickt und wir haben deinen Schlaf bis jetzt weiter aufrechterhalten, damit du nicht verrückt wirst. Es muss unerträglich sein, wenn man mit 10 Jahren zum ersten Mal und so plötzlich alle Melodien dieser Welt hören kann."

"Dann … dann bin ich jetzt wirklich in Klipmel?", fragte Ediz, überwältigt von dieser Vorstellung, noch einmal sicherheitshalber nach.

"Ja, das bist du, Ediz! Du bist in Klipmel und Gast in meinem Haus, bis du dir dein eigenes singen kannst", meinte Go-Yalim ruhig, doch in seiner Stimme hörte man das Lächeln heraus, das auf seinen Lippen lag.

… sein eigenes Haus singen! Er würde eines Tages tatsächlich sein eigenes Haus singen können? Ediz war von dieser Vorstellung so überwältigt, dass er jede Höflichkeit vergaß und mit großen Augen forderte: "Ich will es sehen! Ich will die Stadt sehen."

Zuerst schien Go-Yalim von dieser Vorstellung nicht besonders begeistert zu sein, doch dann stützte er den geschwächten Ediz und brachte ihn hinunter zum Strand, von wo aus Ediz den besten Blick auf die Stadt hatte.

Ediz bohrte seine nackten Zehen in den ungewohnten weichen Sand unter sich, bevor er sein Gesicht hob und hinauf zu den Klippen starrte. Seine schwachen Augen ließen ihn nur ein schemenhaftes Glitzern wahrnehmen, doch als er seine Stimme erhob, um die Umrisse genauer zu erkennen, überwältigte ihn die Antwort.

Auf sein Rufen hin antworteten ihm die Felsen stumm, wie sie es schon seit jeher getan hatten, doch die leuchtenden Häuser in den Klippenspalten antworteten ihm mit ihrer jeweils eigenen Melodie. Ein jedes von ihnen war von seinem Besitzer selbst erschaffen worden und war so lebendig wie er selbst. Sie alle waren verbunden mit Bändern der Freundschaft, die Stege zwischen den Häusern formten, um sich gefahrlos zwischen ihnen bewegen zu können. Auf einigen von ihnen standen Yeli'navrem, die ruhig zu ihm hinunter schauten und ihn stumm begrüßten, wohlwissend wer, bzw. was er war.

Ediz nahm all diese Bilder gierig in sich auf, bevor er wieder verstummte.

Es war seltsam, hier zu sein. Auch wenn er die Bäume in Tofalen nie so wahrnehmen hatte können wie die anderen Kinder, so hatten sie ihm dennoch, allein durch ihre Anwesenheit, einen gewissen Schutz geboten. Hier befand er sich dagegen unter freiem Himmel, und das Meer rauschte in seinen Ohren, so dass er meinte, er würde taub davon werden.

Einzig allein der Wind in seinen Haaren war vertraut. Und wenn er sich anstrengte, konnte er auch seine Stimme hören. Sie wurde sogar deutlicher, als der Wind an Stärke zunahm.

Zum ersten Mal in seinem Leben hörte Ediz das Pfeifen des Windes ohne das Rascheln der Blätter in den Bäumen.

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