Der Wind sauste und pfiff laut durch ein spaltbreit geöffnetes Fenster, als Schnellzunge die Palastapsis betrat. Der Türgriff rutschte ihm durch den starken Luftzug aus der Hand, und er konnte gerade noch verhindern, dass die Tür krachend ins Schloss fiel. Wer um alles in der Welt hatte denn da vergessen, nachts das Fenster zu schließen? Der Raum war entsprechend eiskalt. Schaudernd ging er hinüber und drückte es ganz ins Schloss. Sofort war der rasende Wind nur noch als gedämpftes Heulen zu vernehmen.

Schnellzunge ging zum Herd hinüber und öffnete den Regler. Das Gas zischte aus den Düsen am Herdboden, und er hielt die Flamme des Feuermachers daran. Gleichmäßig stiegen die bläulichen Zungen nach oben. Anders als bei einem Feddungfeuer prasselte und knackte nichts, sprühten keine Funken. Das Feuer gehorchte demjenigen, der den kleinen Hebel an der Seite betätigte - ihm! Er war nun schon zwei Monde hier in Trutz, im Küchenbereich des Königspalastes, und noch immer faszinierte ihn die Gastechnik, die es daheim auf dem Hof seines Vaters nicht gegeben hatte.

Er schwenkte den großen Kessel über die Flammen und begann, die über Nacht eingeweichten Rotkörner mit Milch und Gewürzen zum täglichen Frühstücksbrei für die Dienerschaft in seiner Apsis zu verkochen. Solange er derjenige war, der am kürzesten hier war, war das seine Aufgabe. Bisher tat er sie gern, auch wenn er dafür früher aufstehen musste. Er genoss es, die Küche so ganz für sich allein zu haben.

Während er immer wieder umrührte, um zu verhindern, dass sich die Masse am Kesselboden festsetzte, holte er Schüsseln und Löffel aus dem Gesindeschrank und stellte sie auf den kleinen Tisch neben dem Herd. Dienstleister aßen im Stehen, alles musste schnell gehen. Auch das war Schnellzunge von zu Hause nicht gewohnt.

Die große Uhr in der Mitte der halbrunden Außenwand schlug den Tagesbeginn. Schnellzunge schaute hinüber zu dem schlichten Eisenkasten mit dem emaillierten Zifferblatt, dann wanderte sein Blick kontrollierend durch den Raum. Wenn nicht alles blitzblank war, würde es Ärger vom Aufseher geben. Da, tatsächlich - unter dem Fenster lag etwas. Schnell ging er hinüber, um es aufzuheben, bevor die anderen kamen.

Sein Herz setzte einen Moment aus, als ihm klar wurde, was da vor seinen Füßen auf den dunklen Fliesen lag. Seit er denken konnte, hatte er den Wunsch gehabt, einmal, nur ein einziges Mal, eine echte Pistole in der Hand halten zu können. Liebevoll schlossen sich jetzt seine Finger um den glattpolierten Griff aus echtem, massivem Holz, strichen über den ziselierten Lauf, berührten vorsichtig den Hahn - da belebte sich der Flur vor der Küchentür. Ohne nachzudenken steckte Schnellzunge die Waffe in die Tasche seines Kittels, zu all den anderen Dingen, die sich dort angesammelt hatten: seine Spülbürste, mehrere Wischlappen, der Feuermacher, ein Stück Schnur, ein Brotkanten.

Dann begann der Arbeitstag. Hastig essen, hastig spülen, hastig backen, hastig kochen, braten, dünsten und anrühren, mit kostbaren Spezialitäten umgehen, die man selber nicht einmal probieren durfte, und wieder spülen, wischen und polieren bis endlich der Mittag da war, die Herrschaften ihr Mahl bekommen hatten und Schnellzunge eine kostbare Stunde Pause machen durfte.

Heute war er selbst in seiner Pause hastig. Er rannte nach unten, in den Schlafraum, den er mit fünf anderen teilte, riss die gesteppte Jacke und seine alte grüne Mütze vom Haken und kletterte schon die schmale Treppe zum Vorratsboden hinauf, während er noch die Häkchen der Jacke schloss. Die Mütze steckte in der Jackentasche. Sie war so ausgeleiert, dass sie ihm über den kurzgeschnittenen Haaren immer ins Gesicht rutschte, darum wollte er sie erst aufsetzen, wenn er die Leiter tief in der dunkelsten Ecke des Bodens erklommen hatte. Es war noch nicht lange her, dass er diese Leiter und den kleinen Platz auf dem Dach der Apsis entdeckt hatte. Es war nicht sonderlich bequem dort, besonders jetzt im Nebelmond, wenn der Regen langsam eisig wurde, aber es war der einzige Platz, an dem er allein und ungestört war.

Die Apsis war zwar nur halb so hoch wie der eigentliche Palastbau, aber sie war hoch genug, dass man von ihrem Dach aus über die Dachlandschaft der umliegenden Häuser hinwegsehen konnte wie über einen Strand voller spitzer Steine. Zumindest, solange man stand und sich nicht, wie Schnellzunge es jetzt tat, in dem Winkel verkroch, den der flache Helm des Anbaus mit dem Dachkranz des äußeren, niedrigeren Palastringes bildete.

Es war kalt geworden in den letzten Tagen. Die ersten Schneestürme würden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Schnellzunge zog sich rasch die Mütze über die Ohren. An seine Handschuhe hatte er nicht gedacht, aber wie hätte er damit auch seinen Traum richtig untersuchen können? Ganz vorsichtig holte er die Pistole hervor. Sie sah ganz neu und glatt aus, kein Kratzer verunzierte das rotbraune Holz, und das gravierte Metall glänzte silbern. Der Hahn war wie der Kopf eines Renners gestaltet: mit geblecktem Gebiss und flatternder Mähne schaute er den Lauf entlang. Schnellzunge schob sich die rutschende Mütze aus dem Gesicht, um besser sehen zu können. Vorsichtig drückte er den Pferdekopf nach hinten. So spannte man die Pistole nur, davon schoss sie noch nicht. Schießen würde sie nur, wenn er den Abzughebel zurückziehen würde, und das hatte er natürlich nicht vor. Aber so tun konnte er. Da legte man den Finger hin…

In diesem Augenblick fegte eine plötzliche Windbö ihm die Mütze vom Kopf. Schnellzunge zuckte zusammen, wollte die Mütze festhalten…

Ein Schuss knallte laut über das Palastdach.

Schnellzunges Ohren dröhnten. Die Pistole fiel aus seiner Hand und rutschte das Dach hinab in den Hof, wo sie mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufschlug.

Schnellzunge starrte auf seine zitternden Hände. Er hatte geschossen! In welche Richtung hatte er die Pistole gehalten, was oder - oder wen hatte er getroffen? Da, nach links hatte der Lauf gezeigt.

Er atmete tief durch. Dort war nichts. Es konnte nichts zu Schaden gekommen sein. Er schloss für einen Moment die Augen. Es war nichts passiert.

Tief unter ihm klappten Türen. Schnelle Schritte knirschten auf dem Kies. Menschen sprachen, riefen, waren still und redeten wieder aufgeregt. Die Stimme des Aufsehers drang zu ihm durch. Sie drang immer durch.

"Die Pistole des Königssohns! Sie muss hier vom Dach heruntergefallen sein. Der Dieb ist entweder tot oder noch da oben…"

Dieb?

Jetzt erst wurde Schnellzunge klar, dass eben doch etwas passiert war. Er hätte die Pistole sofort abgeben müssen. Und sie gehörte auch noch dem Königssohn. Niemand würde ihm glauben, dass er sie nicht hatte behalten wollen.

Aber noch wussten sie ja nicht, wer hier saß! In fliegender Eile schlüpfte Schnellzunge durch die Dachluke, rutschte die Leiter so schnell hinab, dass er sich die Hände aufscheuerte, rannte zur Treppe, stürzte hinab in die Küche, fiel, rappelte sich wieder auf und humpelte zur Treppe zum Untergeschoss. Er hatte sie gerade erreicht, als zwei seiner Mitdiener zur Tür hereinkamen. Geistesgegenwärtig drehte Schnellzunge sich um, so dass es aussah, als käme er gerade herauf.

"Was ist denn los? Was war das für ein Knall?" fragte er atemlos und war froh um das Dämmerlicht im Flur. Jeder würde sonst die Angst in seinem Gesicht lesen können.

"Irgend so ein Trottel hat die Pistole des Königssohns geklaut. Ist noch da oben." Schon waren sie auf der Treppe zum Boden.

Langsam ging Schnellzunge zur Tür. Er musste da hinaus, alles andere wäre verdächtig.

Alle starrten ihm entgegen. Er brauchte nur einen kurzen Blick auf die schäbige grüne Mütze in der Hand des Aufsehers zu werfen, um zu wissen, dass seine Anstrengung umsonst gewesen war.

***

Der Krieger, der ihn in die Zelle bringen sollte, in der er auf die Verhandlung warten würde, schien ein besonderes Vergnügen darin zu finden, ihm seinen Unwert besonders deutlich zu machen. Er führte ihn durch alle Flure in den oberen Stockwerken und zeigte ihm, wie komfortabel die Zellen hier ausgestattet waren, die für Bürger bestimmt waren. Wenn er Schnellzunge ansprach, benutzte er nie den Namen, sondern nannte ihn einfach nur "Dienstleister". Das Wort spuckte er verächtlich aus und warf dabei stolz immer wieder die langen Haare nach hinten. Er wirkte noch sehr jung, dabei war er mit Sicherheit älter als Schnellzunge, die Kriegerausbildung dauerte schließlich fünf Jahre.

Mit einem spöttischen "Fühl dich wie zu Hause, Dienstleister!" schloss er schließlich die schwere Metalltür der kahlen, grauen Zelle im Untergeschoss hinter sich. Schnellzunge hatte das Gefühl, seine Beine könnten ihn nicht mehr halten. Es war kalt hier. Er ließ sich auf den aufgeplatzten Strohsack sinken, der die einzige Ausstattung des Raumes bildete, und starrte auf den schmutzigen Fußboden.

Schnellzunge wusste, dass er dumm war, das war er schon in der Schule gewesen. Er hatte unverschämtes Glück gehabt, dass sein Onkel als einer der Dreißiger sich für ihn eingesetzt und ihm die angesehene Stellung im Palast vermittelt hatte, nachdem er bei allen Aufnahmeprüfungen versagt hatte. Man brauchte nicht besonders intelligent zu sein, um zu begreifen, dass das hier die Endstation seines Lebens war. Wenn er viel Glück hatte, würde er noch ein paar Jahre als Müllsammler oder Straßenkehrer arbeiten können. Wahrscheinlicher aber war, dass er in einer Zelle wie dieser langsam verrotten würde. Schließlich hatte er nicht nur ein Küchenmesser gestohlen, sondern die Pistole des Königssohnes. Jungrotstern war zwar erst fünfzehn, aber unter den Dienstleistern des Palastes schon jetzt für seine Arroganz und seinen Jähzorn berüchtigt, und er würde sicherlich persönlich für eine harte Bestrafung sorgen.

Er legte sich zurück, das Stroh knisterte und stach, als wollte es ihn wie der junge Krieger noch mehr demütigen, und spürte jede Hoffnung mit den Tränen an seinen Schläfen herabrieseln.

Langsam wurde das Licht, das durch den schmalen Fensterschlitz knapp unter der Zimmerdecke hereinkam, diffuser. Im Dämmerlicht wurde der Raum immer mehr zu einem alptraumhaften Kerker. Die Wände rückten näher und näher, die Stille begann in Schnellzunges Herz zu kriechen und dort zu einem unerträglichen Gewicht zu werden.

Als es ganz dunkel war, versuchte er zu schlafen - die einzige Möglichkeit zu fliehen, die ihm blieb. Lange wälzte er sich auf dem schimmelig riechenden Stroh hin und her, ohne zur Ruhe zu kommen, aber irgendwann in der Nacht nickte er doch noch ein.

Sein Schlaf war sehr leicht. Als die Tür sich mit leisem Knarren öffnete, wachte er sofort auf. Ein Luftzug wehte in die Zelle, wirbelte das lose herumliegende Stroh auf und trieb ihm Staub in die Augen, so dass der Mann an der Tür wegen der Tränenflüssigkeit nur noch ein verschleierter Schemen war.

"Steh auf!". befahl der Schatten. Schnellzunge rieb sich die Augen und gehorchte.

"Komm her!" Schnellzunge ging halb blind auf die Stimme zu. Seine Augen beruhigten sich nur langsam. Zwischen dem Blinzeln erkannte er nicht mehr, als dass der Mann schulterlange Locken hatte und keine Uniform trug. Jetzt schob er ihn aus der Zelle in den erleuchteten Gang.

Schnellzunge fragte nicht, wohin er gebracht wurde. Willenlos ließ er sich aus dem Gefängnis führen. Er wagte nicht, sich nach seinem Begleiter umzudrehen, auch nicht, als die Wachen vor ihm salutierten. Vor dem Gebäude wartete eine kleine geschlossene Fedkutsche, von der dezent luxuriös verarbeiteten Art, wie sie Obere nutzten, die auf dem Weg zum Hurenviertel oder sonstigen heimlichen Aktivitäten nicht auffallen wollten. Sie stiegen ein, der Fremde lehnte sich im Sitz zurück, so dass sein Gesicht im Schatten blieb. Schnellzunge sah im Schein der Straßenlaterne nur die schlanken Hände auf den Knien liegen, dort wo die modische Hose einen anliegenden Einsatz hatte.

Der Wagen fuhr an. Die weichen Hufe des Feds machten kein Geräusch auf dem Pflaster. Schnellzunge kam sich vor wie in einem Traum. Sein Begleiter sagte während der ganzen Fahrt durch das Gassengewirr der Altstadt kein Wort.

Schließlich hielt die Kutsche. Sie befanden sich vor einem der typischen trutzischen Einzelhäuser. Es hatte nur wenig mehr als die Breite des Tores, durch das sie jetzt in den dahinter liegenden, unbeleuchteten Hof einfuhren. Immer noch schweigend stieg der Fremde aus und winkte Schnellzunge im Dämmerlicht, ihm zu folgen. Schnellzunge ging dem wehenden Mantelsaum nach, der ihm auf der schmalen Treppe nach oben den Weg zeigte.

Als er durch die Tür trat, lag der Mantel über einem der Stühle an dem kleinen Tisch an einer Seite des Zimmers, und sein Besitzer zog gerade die Zündkette des zweiten Wandlichtes. Schnellzunge schloss die Tür hinter sich und ließ den Blick einmal durch den Raum wandern. Es war ein gemütlicher Wohnraum, edler eingerichtet, als man es bei der geringen Größe des Hauses erwarten würde. An einer Wand stand ein glänzend poliertes Holzschränkchen, dicke Teppiche bedeckten den Boden fast gänzlich, und die Fenster wurden von schweren roten Samtgardinen verhangen.

Jetzt drehte der Mann sich um. Schnellzunge sah ihn an und schnappte erschrocken nach Luft. Hatte er vorhin noch gedacht, dass es nicht schlimmer kommen könnte? Das hier war schlimmer.

Dieses ewig spöttische Lächeln in dem unregelmäßigen und doch anziehenden Gesicht mit der scharfen Nase kannte er. Jeder kannte es. Aber nur, wer im Palast lebte, wusste, dass der König große Anstrengungen unternahm, um die unnatürliche und widerwärtige Neigung seines Bruders zum eigenen Geschlecht vor der Öffentlichkeit zu verbergen, weil selbst er nicht wagte, das Gesetz bei ihm durchzusetzen…

Schnellzunge war nicht klug, aber er hatte genug Phantasie, um sich vorzustellen, dass seine Notlage eine gute Gelegenheit für Dachspiel bot, ein rechteloses Opfer für seine sexuellen Spiele zu bekommen. In Panik griff er hinter sich nach dem Türriegel.

"Bleib. Auf der Treppe steht sowieso mein Kutscher, an dem kommst du nicht vorbei." Die Stimme des Königsbruders klang so ruhig, als mache er eine Bemerkung über das Wetter. Dabei wich das süffisante Lächeln nicht aus seinem Gesicht.

Schnellzunge fühlte sich wie ein Wandling vor dem Wolf. Sein Magen war ein verkrampfter Klumpen, und er war unfähig, irgendetwas zu tun oder zu denken.

Dachspiel nickte ihn zum Tisch hin. "Setz dich."

Schnellzunge ging auf zittrigen Beinen zu einem der Stühle und hockte sich auf die Kante.

"Nun", sagte Dachspiel, der immer noch stand, "Dienstleister habe ich hier keine, darum darf ich dir selber etwas zu trinken anbieten - Saftling, Wasser, Tee?"

Schnellzunge schluckte. Der Mann spielte mit ihm! "Nichts, danke", flüsterte er heiser.

"Wie schade - ich hätte mich gern in die Kunst des Nichts-Könnens einweisen lassen. Es ist sicher eine schwere Aufgabe, einen Becher Wasser einzugießen, nicht wahr?"

Er setzte sich. Das Lächeln blieb, während seine Augen Schnellzunge abtasteten.

Schnellzunge fühlte sich, als wäre er bereits nackt. Er versuchte wegzusehen, aber es war, als fülle Dachspiels lüsterner Blick jeden Winkel des Raumes. Es gab kein Entkommen.

"Verrätst du mir, warum du die Pistole meines unerfreulichen Neffen gestohlen hast, um dann auf dem Dach in die Luft zu schießen?"

"Ich wollte sie zurückgeben… nur ansehen", murmelte Schnellzunge und begann sich zu wünschen, der Mann würde endlich mit dem anfangen, was er tun wollte. Alles war besser als die Angst davor.

"Nur ansehen, ach so." Das Leder des Stuhles knarrte leise, als sich Dachspiel lässig zurücklehnte und die Beine ausstreckte. "Wusstest wohl nicht, dass das Ding zum Schießen da ist, was?"

Schnellzunge wollte "doch" sagen, aber es kam nur ein Krächzen heraus, und er versuchte es nicht noch einmal.

"Hm", machte Dachspiel und strich sich die Haare hinters Ohr, "Unsere Unterhaltung ist recht einseitig, findest du nicht?"

Diesmal öffnete Schnellzunge nicht einmal den Mund. Er hatte keine Lust auf diese Spielchen. Sollte der Königsbruder doch gleich über ihn herfallen, damit es endlich vorbei war.

"Nun, dann schlage ich dir mal ein Thema vor: Was klatscht man denn so über mich in den Apsiden?"

Schnellzunge presste die Lippen aufeinander. Was sollte das nun wieder?

"Na los, ich will alles hören!" Dachspiel lehnte sich vor und stützte die Hände an die Tischkante.

Was wollte er hören? Heldengeschichten? Dass man ihn für seine Extravaganzen heimlich bewunderte? Wahrscheinlich wollte er sich in seinem schlechten Ruf sonnen. Den Gefallen würde ihm Schnellzunge nicht tun. Eine unerwartete Wut stieg in ihm auf. Er hob den Kopf und schaute seinem Gegner in die Augen. Das hier war seine Chance, sich im Voraus für die Gewalt zu rächen, die ihm angetan werden würde. Er hatte nichts mehr zu verlieren.

"Es heißt, Ihr treibt es nicht nur mit Männern, sondern auch mit Tieren", begann er und wunderte sich selber, wie klar und kräftig seine Stimme klang. "Ihr sollt es sogar beim Königssohn versucht haben, und der hat sich nur mit seinem Dolch retten können. Ihr habt eine sehr schmerzhafte Geschlechtskrankheit, eine, die man nur kriegt, wenn man es mit Männern tut, und die übertragt Ihr auf Eure Geliebten. Die meisten krepieren irgendwann dran. Ihr seid schuld daran, dass die Hochzeit zwischen der Königsschwester und dem Turmherrn in Turming nicht zustande kam, und darum müssen wir jetzt einen Krieg fürchten. Ihr schleicht Euch nachts durch den Palast und belauscht die Räte, die Günstlinge, ja sogar den König, um Material für schmierige Intrigen und Erpressungen zu bekommen. Eure Liebhaber liefert Ihr oft genug selbst ans Messer, damit sie nichts von Euren schmutzigen Geheimnissen verraten können. An Weiser Raumherz Leichthands Tod seid Ihr auch schuld. Ihr habt keine Freunde, und Ihr werdet auch nie welche haben. Euer Bruder hasst Euch, denn Ihr bringt das Königshaus in Verruf. Ihr habt mehr Feinde als Ihr zählen könnt, aber weil Ihr der Königsbruder seid, hat sich bisher keiner an Euch rangewagt. Aber man flüstert schon, dass Ihr Euch mit dem letzten Wortgefecht mit Kriegsrat Nachtbraue Viermesser übernommen habt und dass Ihr die Jahrfeuertage nicht überleben werdet. Vielleicht geht Ihr aber auch schon vorher an der Krankheit zugrunde, oder eins der Pferde, mit denen Ihr es tun wollt, tritt Euch zu Tode. Da wäre wohl niemand traurig."

Dachspiels Hände umklammerten den Tisch sehr fest.

"Das mit Jungrotstern ist allerliebst", sagte er und verzog den Mund, aber das Lächeln war längst aus seinem Gesicht verschwunden und kehrte durch diese Bewegung nicht zurück. "Als ob irgendjemand dem kleinen Ekel auch nur auf Armlänge näherkommen wollte…"

Er stand mit einem solchen Ruck auf, dass der Stuhl umfiel. Das Möbelstück blieb unbeachtet liegen.

Schnellzunge kauerte sich instinktiv zusammen. Jetzt war der Augenblick gekommen. Die Wut verflog so schnell wie die Angst wiederkehrte. Wahrscheinlich hatte er es sich durch seine Rede noch schlimmer gemacht.

Dachspiel flüsterte etwas vor sich hin. "Raumherz…" verstand Schnellzunge, dann sprach der Königsbruder laut: "Danke für deine Ehrlichkeit, - Schnellzunge."

Er benutzte seinen Namen? Schnellzunge schaute überrascht auf. Dachspiel schien sehr blass.

"Es war interessant. Schmerzhaft, aber interessant. Auch wenn einiges davon einer ziemlich schmutzigen Phantasie entsprungen zu sein scheint." Ein Anflug des ironischen Lächelns kehrte zurück. "Deinen Namen trägst du jedenfalls zu Recht. Dummerweise wirst du ihn in Zukunft nicht mehr brauchen."

Schnellzunge erschrak. Er war wirklich dumm gewesen - natürlich würde Dachspiel ihn töten. Nach dem, was er ihm ins Gesicht geworfen hatte, war das sogar irgendwie verständlich. Er sah sich gehetzt um, aber es gab immer noch keinen Ausweg.

"He!" Dachspiels Stimme zwang seine Augen zurück. Der Königsbruder schüttelte den Kopf. "Du glaubst tatsächlich, ich sei so eine Art menschliches Monster, was? Mein Verstand, ich bringe niemanden um, weil er mir Bosheiten entgegenschleudert, und - falls dich das auch noch beunruhigt - ich gehe auch nicht mit jedem dahergelaufenen Dienstleister ins Bett. Schon gar nicht, wenn er so mickrig ist wie du." Langsam kehrten seine Gesichtszüge wieder in das gewohnte Muster zurück.

Schnellzunge starrte ihn ungläubig an. Warum hatte er ihn dann aus dem Gefängnis geholt?

"Was ich sagen wollte, war, dass du in Zukunft Pfeiflauf Rennerohr heißen wirst. Den Namen habe ich nämlich in dem Empfehlungsschreiben benutzt, mit dem du dich in am besten in Landing um eine Stelle bemühen solltest, möglichst weit weg von hier. Die Geschichte zu diesem bescheuerten Namen kannst du dir selber ausdenken." An dieser Stelle verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. Schnellzunge mochte dieses Grinsen nicht. Er verstand nicht, was hier gerade vor sich ging.

"Komm!" Dachspiel warf sich den Mantel um. Dann packte Schnellzunge am Arm und zog ihn zur Tür hinaus. Auf der Treppe wartete der breitschultrige Kutscher. Er übernahm den Widerstrebenden, schob ihn zu dem immer noch abfahrbereit stehenden Fedwagen hinüber und schubste ihn hinein. Dachspiel stieg zu, und bevor Schnellzunge sich aufrappeln und wieder aussteigen konnte, fuhr die Kutsche an.

"Wohin bringt Ihr mich?", fragte Schnellzunge und versuchte, die Panik aus seiner Stimme zu vertreiben. Er traute diesem Mann keinen Fingerbreit über den Weg, egal was er auch sagen mochte.

"Rate mal", erwiderte Dachspiel. Sein Gesicht lag wieder im Schatten, aber das pure Vergnügen an der Situation war in seiner Stimme gut genug zu hören.

"Ich will das nicht raten!"

"Dann lass dich überraschen."

Schnellzunge schwieg. Was gab es auch noch zu sagen?

Die Vorhänge der Kutsche waren geschlossen. Schnellzunge hatte bereits auf der letzten Fahrt jede Orientierung verloren, jetzt bemühte er sich gar nicht erst, sie wiederzufinden. Er konnte sowieso nichts tun.

Es dauerte allerdings nicht lange, bis es doch einen Anhaltspunkt für ihn gab: Ein immer stärker werdendes Rauschen drang durch die Vorhänge. Sie waren also in Flussnähe. Die Kutsche hielt, Dachspiel stieg aus.

"Na komm schon, Pfeiflauf!", rief er. Langsam kletterte Schnellzunge aus dem Wagen. Sie waren tatsächlich direkt am Ufer des Krafte, knapp unterhalb der Stelle, an der die neuen Wasserräder der Drucker ihren unermüdlichen Dienst taten. Am Flussrand lag ein dunklerer Schatten auf dem im Mondlicht glitzernden Wasser. Eine Gestalt hob sich daraus empor und rief leise "Dach?" zu ihnen hinüber.

"Genau der", rief Dachspiel ebenso leise zurück. Dann wandte er sich Schnellzunge zu. "Erzfuß, einer meiner ehemaligen Liebhaber, die nicht an dieser sagenhaften tödlichen Krankheit umgekommen sind. Er wird dich nach Süden bringen, ins Tieftal. Am Greiferfelsen steigst du hinauf, und von da aus musst du dich allein durchschlagen. Am besten gehst du an der Küste entlang, die Leute da sind nicht sehr neugierig."

Er drückte ihm etwas in die Hand, das sich wie ein kleiner Geldbeutel anfühlte, und schob ihn zu dem Boot hinüber.

Schnellzunge stolperte hinein, wie vor den Kopf geschlagen, und trat in Wasser.

"Hat etwas reingeregnet", erklärte der Mann im Boot, von dem Schnellzunge immer noch nicht viel erkennen konnte, und drückte ihm einen großen Becher in die Hand, "Hier, schöpf mal."

Mechanisch begann er, das Wasser aus dem Bootsboden zu schaufeln.

"Mach's gut, Pfeiflauf, und spiel nicht mehr mit Pistolen", hörte er noch vom Ufer, dann füllte nur noch das Rauschen des mächtigen Flusses und das Platschen des Wassers, das er über Bord schüttete, seine Ohren. Als er noch einmal zum Ufer hinübersah, war die Fedkutsche verschwunden.

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