Laut klappernd krachte das Astbündel zu Boden. Ngaui, der sich verzweifelt festkrallte, um ihm nicht zu folgen, schaute mit weit aufgerissenen Augen auf das, was ihn mit solcher Wucht beim Hausbau unterbrochen hatte.

Das vielgliedrige Etwas lag zappelnd am Rande der Bauplattform des Korbhausbaums, die durch den Aufprall gefährlich ins Schwanken geraten war.

Immer weiter rutschte es auf den Abgrund zu, versuchte panisch, den Sturz zu verhindern. Erst im letzten Moment erlangte es mit wild flatternden Flügeln das Gleichgewicht zurück.

Es hob den Kopf und stieß ein scharfes Zischen aus. Ngaui sah mahlende Mandibeln und fauchte erschrocken. Rasch flüchtete er die Baumrippen des Gshiedernbaums empor, bis dicht unter die Stelle, wo sie zur Hausspitze zusammengebunden waren.

Dort lagen zugeschnittene Astgabeln wie die im Bündel, das Ngaui beim Aufprall von den Schultern gerissen worden war. Eine davon packte er und fühlte sich gleich etwas sicherer. Damit konnte er sich das Rieseninsekt notfalls vom Leib halten.

Die Spitze des Korbbaums schwankte stark im Wind. Während der halbwüchsige Tshaerd sich langsam von dem Schreck erholte, wurde ihm klar, daß es genau so eine Windböe gewesen sein musste, die das seltsame Wesen auf ihn geschleudert hatte. Vielleicht hatte es ihn gar nicht absichtlich gerammt?

Neugierde regte sich in ihm.

Auf den zweiten Blick wirkte das Insekt nicht mehr so bedrohlich, obwohl es halb so groß war wie er. Gerade erst war es damit fertig, seine Gliedmaßen auseinanderzusortieren, und begann nun eifrig, seine Fühler zu putzen. Das gab Ngaui Zeit, es sich genauer anzuschauen.

Die Segmente des honigfarbenen Körperpanzers schimmerten an den Verengungen in mattem Perlmutt, und die durchscheinenden Flügel hatten einen leichten Grünstich. Einer davon hing schlaff herab. Es mußte sich beim Aufprall verletzt haben.

Ngauis Musterung war dem Wesen nicht entgangen. Es hielt inne und richtete den Oberkörper auf. Die Facettenaugen glänzten in warmem Dunkelbraun. Obwohl die starren Augen keinerlei Blickrichtung erkennen ließen, spürte Ngaui, dass sein Gegenüber ihn aufmerksam beobachtete.

Erst jetzt bemerkte er die gedrillten Schnüre um den Oberkörper des Wesens, die eine Reihe kleiner Säckchen vor dem Brustpanzer fixierten.

"Hroih, sei mir gegrüßt", sagte er versuchsweise. "Was bist du für ein Wesen? Ein Tier bist du nicht, oder?"

Es legte den Kopf schief, zeigte aber keine weitere Reaktion. Ermutigt wollte Ngaui einen Schritt nach vorne tun – und zuckte zurück, als es drohend zischte.

"Schon gut, alles gut!" Ngauis Herz pochte wild. Das Insekt hob langsam den rechten oberen Arm. Kein Angriff also. Was dann? Eine Warnung? Ein Gruß? "Oh."

Er hielt noch immer den Ast in der rechten Handpfote.

"Also gut, ich leg ihn weg. Aber wehe, du greifst dann an!" Er bückte sich, bemüht, keine rasche Bewegung zu machen, und legte den Ast nieder. "So. Siehst du?"

Weil ihm einfiel, dass seine Körpergröße vielleicht groß und bedrohlich wirken mochte, blieb er in der Hocke und kroch langsam auf Handpfoten und Füßen näher.

Kein Zischen. Die Fühler des Wesens bebten leise.

Dann hob es erneut die Arme und nestelte an den Schnüren herum. Kurz darauf hatte es einen der kleinen Beutel gelöst, setzte ihn auf dem Boden ab und schob ihn Ngaui hin.

"Für mich?" Zögernd griff Ngaui danach, bereit, seine Handpfote jederzeit zurückziehen.

Kein Zischen. Der Beutel war aus Leder, so dünn geschabt, dass es schon fast Pergament war. Er enthielt eine körnige Substanz, die Ngaui hellbraun entgegenschimmerte, als er den Verschluß aufzog. Neugierig nahm er ein paar Körnchen zwischen die Finger und leckte daran. Süß. Ähnlich wie Honig, aber mit seltsamem Beigeschmack. Der dicke Maukasirup, den Vaters Nestbruder Mrraga von den Bäumen zapfte, schmeckte auf andere Weise süß, aber Ngaui entschied, dass er dieses braune Zeug lieber mochte.

"Danke!" Er steckte es in eine Tasche seines Lendenschurzes, während er fieberhaft überlegte, was er bloß als Gegengabe schenken konnte. Er hatte doch nichts dabei! Naja, seinen Fußring, aber da war seine Stammesabkunft eingeschnitzt - außerdem hatte das Wesen keinen geeigneten Fuß. Der Lendenschurz war sein ältester, mittlerweile staubig und harzverklebt, nur ein paar Bastfasern zum Hausbau in den Taschen. Er tastete darin herum und fühlte etwas Hartes, Dünnes. Sein Glücksbringer! Er hatte ihn heute Morgen abgenommen, um ihn nicht aus Versehen mit Harz zu beschmutzen. Ja, den konnte er ihm schenken.

Er hatte ihn selbst aus den Federn und Knochen seines ersten selbsterlegten Waiadlers gemacht, ein Ast und Eierschalenstückchen von dessen Horst waren auch mit drin, zusammen mit ein paar verflochtenen Strähnen von Ngauis Kopffell. Und er hatte ihn am heiligen See ins Wasser getaucht und um Goëls Segen gebeten. Ein Insekt konnte doch sicher auch Mut, Stärke und einen guten Partner fürs erste eigene Gelege brauchen.

"Sieh mal, mein Glücksbringer. Das ist zum Umhängen, wie dein Beutel. Warte, ich zeigs dir. So."

Er legte die Ohren an, zog sich die Schnur mit dem Amulett demonstrativ über den Kopf, nahm sie wieder ab und hielt sie dem fremden Wesen hin. Es zirpte wieder, doch diesmal klang es anders, hell und kurz. Dann beugte es sich ein wenig vor und legte seine Fühler eng an.

Ngaui stockte der Atem. Vorsichtig hob er die Schnur auseinander und streifte sie dem Insekt über den Kopf, wobei er sehr darauf achtete, die Fühler nicht zu berühren. Er beugte sich ebenfalls vor, um die Schnur so zu verknoten, dass sie nicht abrutschen konnte - und erstarrte, als er plötzlich eine leichte Berührung auf seinem Gesichtsfell spürte. Die beiden Fühler hatten sich entrollt und sich auf sein Gesicht gesenkt, um es vorsichtig abzutasten.

"Das kitzelt", flüsterte er. Seine Schnurrhaare zuckten, als ihm der fremde Körperduft des Wesens in die Nase stieg. Es roch nach Staub und einem Hauch von Honig.

Ngaui gab seiner Neugierde nach, ließ die Schnur los und berührte sachte mit der Handpfote den Panzer. Das Chitin war glatt unter seinen streichelnden Fingern. Es fühlte sich ein bisschen warm an.

Das Insekt hob einen Arm und stupste nach ihm. Die winzigen Härchen und Häkchen der fingerartigen Armspitze ziepten ein wenig in seinem Fell.

Es stieß ein leises Trillern aus, berührte sich mit den Fühlern im Gesicht, und gab einen Schwall von Sirr- und Klicklauten von sich. Erst als es die gleiche Folge zum dritten Mal wiederholte und ihn erneut anstupste, begriff Ngaui.

"Du willst wissen, wie ich heiße? Ngaui. Ng-au-i."

Es stieß einen Laut aus, der wie Nkkkrrrriiii klang, und wiederholte die vorige Lautfolge. Srrrrkkkkk war alles, was Ngaui zwischen all den Klicklauten verstand. "Srrk?" Besser bekam er die ungewohnte Sprechweise nicht hin. Srrk trillerte wieder.

Beide waren nun sicher, dass vom anderen keine Gefahr drohte.

"Am besten, ich bringe dich ins Dorf, hm? Die Ältesten wissen vielleicht, wie wir dir helfen können. Mit deinem Flügel da kommst du ja nicht weit, wo immer du hinwillst."

Ngaui überlegte angestrengt, wie er seinen neuen Freund nach unten bringen konnte. Tragen kam nicht in Frage, dafür sah Srrk zu schwer aus. Aber vielleicht…

Er nahm einen großen Korb mit feuchten Rindenstreifen, kippte sie aus und band ein Seil am Henkel fest. Das müsste klappen.

"Steig da rein, dann lasse ich dich hinunter." Er zog den Korb demonstrativ ein paar Mal rauf und runter. Das Insektenwesen trillerte wieder und machte sich zu Ngauis großer Überraschung flink und geschickt an den Abstieg. So viel zu Flügeln. Es war zwar verletzt, aber keinesfalls hilflos. Ngaui musste sich eingestehen, dass er Srrk wohl unterschätzt hatte.

Das Insekt wartete unten auf ihn, und Ngaui lachte. "Also schön. Komm. Und bleib dicht bei mir, damit dich keiner für eine Gefahr hält."

Es folgte ihm, diesmal ohne eigene Wege zu gehen.

***

Ngaui führte Srrk ein Stück durch den Wald bis zum Bach, in dessen Nähe das Dorf lag. Im Gegensatz zur neuen Gshiedernpflanzung, in die die Tshaerd nach und nach umziehen würden, waren die wenige Meter auseinanderstehenden Korbhäuser bereits vor langer Zeit geflochten worden.

Die Rundwände waren mit Moos bewachsen, sie lagen im Schatten der dichtbelaubten Äste, welche die Gshiedern am Leben hielten. Einige der Häuser waren mit Stegästen miteinander verbunden. Sorgsam gerichtete Alicherpflanzen verbanden die Häuser miteinander, ihre Luftwurzeln waren genau da zu Säulen hinunter in den Boden gewachsen, wo der Dorfbaumlenker es gewollt hatte. Glimmranken wanden sich an ihnen empor - sie ermöglichten es, sich auch nachts zu orientieren.

Ngaui hielt sich dicht bei Srrk und kündigte ihr Kommen durch Rufe an.

"Hrrooiih! Hier kommt Ngaui mit einem Freund, den wir noch nicht kennen!"

Viele Paare, die den im Frühjahr geschlüpften Nachwuchs stillen mussten, waren im Dorf, ebenso Hüter für die Nestlinge vom letzten Jahr. Sie alle kamen neugierig zwischen den Hausbäumen hervor, um sich Ngaui und seinem Gast zu nähern.

Einige fingen bei Srrks Anblick die Kinder ab, die ihm wie immer entgegentollten. Andere, darunter sein Vater Gorrga, griffen alarmiert nach ihren Speeren.

"Ngaui!"

"Hroih, Deddah Gorrga! Senkt die Speere!" Ngaui hob beide Hände um zu zeigen, dass er nicht bedroht wurde. "Das ist Srrk, und er tut keinem was."

Das Insekt war dicht bei Ngaui stehengeblieben und zischte leise, verstummte aber sofort, als Ngauis Vater und die anderen zögernd die Waffen senkten.

"Sieht aus wie Néchalidenbrut, wenn du mich fragst", murrte Ndjaua. "Bäumekahlfresser, jawohl." Ihr Gesichtsfell sträubte sich voller Abscheu. Kein Wunder, fielen Néchaschwärme doch oft in ihre Maukapflanzung ein.

Ngaui stellte sich schützend vor Srrk.

"Das ist kein Nécha, sondern ein Insektenwesen mit Verstand! Ich hatte mich zuerst auch erschrocken, aber Srrk ist friedlich. Er hat mir von sich aus ein Gastgeschenk gemacht. Seht ihr?"

Er hob den Beutel hoch. Nun trat Gorrga vor.

"Ist gut, Ngaui, wir glauben dir ja. Wir werden das Tshachad einberufen. Voshyrr Jngarr und die Ältesten wissen sicher was das für ein Wesen ist."

***

Der Rat tagte unter der schattenspendenen Laubkrone des alten Versammlungsbaumes. Eine leichte Brise nahm der Schwüle des Sommertages ihre Kraft und trug das begeisterte Jauchzen der im Fluss badenden Halbwüchsigen auf die Dorflichtung.

An jedem anderen Tag wäre Ngaui auch unter ihnen gewesen. Doch heute war kein normaler Tag, heute durfte er im Kreis der Erwachsenen sitzen.

Er hatte soeben berichtet, wie er Srrk begegnet war.

"Es scheint unsere Sprache nicht zu verstehen", bemerkte Gorrga bedauernd, sah zu dem Insektenwesen hinüber und zwirbelte nachdenklich sein Kinnfell.

Srrk ließ sich davon nicht stören.

Er tunkte einen eben ausgefahrenen Saugrüssel mit sichtlichem Genuss in eine Schale Maukasirup. Leises Schlürfen durchdrang die Stille. Jngarr, der als Voshyrr dem Ältestenrat des Dorfes vorstand, ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Der silberfellige Alte sprach erst, als er das Gehörte bedacht hatte.

"Ein Tiraali. Ja, er kann nur ein Tiraali sein."

"Ich habe von ihnen gehört", nickte Gorrga, der seit wenigen Sterntänzen auch zum Tshachad gehörte. "Sie leben in den baumlosen Wüsten weit im Süden, graben ihre Dörfer in Felsen hinein."

Jngarr rieb sich die Nase. "So weit in den grünen Landen sieht man ihresgleichen selten. Und dann auch noch ein Nestling? Äußerst merkwürdig."

"Woher weißt du, dass Srrk ein Nestling ist, Voshyrr Jngarr?", fragte Ngaui neugierig.

Die Schnurrhaare des silberfelligen Alten zuckten. "Erwachsene Tiraali sind zu groß zum Fliegen. Und so fremd er auch aussieht, er stürzt sich mit der gleichen Inbrunst auf Süßes wie gewisse Nestlinge, die ich kenne."

Ngaui sah zu Srrk hinüber, der erst jetzt Interesse an einigen Bratenscheiben zu zeigen begann. Seine Fühler zuckten ab und zu, ansonsten schien er im Moment mit sich und der Welt zufrieden.

"Ich frage mich, wie er hierherkommt", sinnierte Gorrga. "Was meinst du, Jngarr?"

"Durch den Sturm vielleicht. Tiraali verlassen ihre Wüste selten."

Aungwhrr, eine der Ältesten, zupfte nachdenklich an ihren Ohren. "Ein Sturm der solche Kraft hat? Nein, davon hätten wir mehr spüren müssen als ein paar geknickte Äste. Ich sage, er wurde erst hier im Wald abgetrieben."

"Tiraali sind Schwarmwesen, ich kann mir nicht vorstellen, daß sie ausgerechnet einen einzelnen Nestling alleine losschicken." Ngaui spürte kurz Gorrgas Blick auf sich ruhen.

"Das ist auch meine Meinung." Jngarr nickte. "Ich werde Boten an die anderen Dörfer in der Nähe schicken. Sie sollen nach weiteren Tiraali Ausschau halten, Gorrga, und ich will daß du dir ein paar Jäger nimmst und dasselbe tust. Erkundet die Gegend südlich der neuen Dorfbaustelle. Vielleicht findet ihr dort Hinweise auf Tiraali, ansonsten erwarte ich euch morgen im Lauf des Tages zurück."

"Was passiert jetzt mit Srrk?", wollte Ngaui wissen.

"Er darf solange hierbleiben, bis wir seine Leute gefunden haben."

***

Mitten in der Nacht wachte Ngaui durch ein Kratzen an der Haustür auf. Er dachte zuerst, es sei Gorrga, der doch noch mit den Jägern heimgekehrt war.

Doch dann hörte er leises Tschirpen. Srrk.

Schlaftrunken tappte er zum Eingang, löste die Halteknoten und stieß die Tür auf.

"Müssen Tiraali nicht schlafen?", murmelte Ngaui und gähnte.

Srrk wirkte kein bisschen müde - im Gegenteil.

Er drängte an ihm vorbei ins Innere und begann rastlos zwischen Tür und Schlafmatte auf und ab zu staksen. Dabei putzte er mit seinen Vorderarmen in schneller Folge über seine Mandibeln und stieß einen Schwall von Klicklauten aus. Sogar seine Flügel zuckten.

"Hey, was ist denn?"

Sein Gast zirpte wieder, wackelte mit den Fühlern und blieb dicht vor ihm stehen. Er reckte Kopf und Fühler nach Ngauis Gesicht und versuchte, ihn dort zu berühren. Ngaui verstand nicht, warum, aber als Srrk nicht damit aufhörte, ging er endlich in die Hocke.

Srrk trillerte ein leises Nkkkrrrriiii und senkte beide Fühler auf sein Gesicht. Ngauis Haut begann seltsam zu prickeln - dann schnappte er erschrocken nach Luft.

Ein Flackern! In seinem Kopf!

Sein Herz klopfte, er war nun hellwach. Da war etwas in seinem Geist gewesen! Etwas Seltsames, kaum Greifbares. Wie ein Flirren, das man aus den Augenwinkeln sieht…

"Das war Magie, Srrk! Du hast Magie benutzt?!"

Srrk wiegte den Kopf, gab ein Stakkato aus Klicklauten von sich und beugte sich erneut zu ihm vor. Diesmal war Ngaui auf das Gefühl vorbereitet.

Ein Schauer winziger Bilder rieselte in sein Bewusstsein, umfloss ihn in seltsam verzerrten Mustern. Sein Gehirn versuchte, die fremdartigen Impulse in eine ihm verständliche Form zu zwingen. Hinter seiner Stirn begann es schmerzhaft zu pochen, dann hatte er einen Moment lang das Gefühl, sein Geist selbst würde sich biegen. Endlich begriff er, wie die Muster sich überlappten, und ein Bild stürzte ihm entgegen.

:Stein über Wipfeldünen:

Ngaui blinzelte. Einen Moment lang war er selbst das Bild gewesen, ein ausgewachsener Tiraali, der aus Facettenaugen einen Berg betrachtete, welcher inselgleich aus einem Meer von Baumkronen ragte. Der Eindruck war seltsam blass. Es musste eine Erinnerung sein, die nicht Srrk selbst gehörte. Und doch erkannte Ngaui den Berg.

Fassungslos starrte er Srrk an.

"Das ist der Hrauhrau, der Adlerberg! Da habe ich meinen ersten Wai gefangen – du trägst sein Amulett."

?Stein über Wipfeldünen?

"Ja, ich weiß wo das ist. Der Hrauhrau, im Osten."

Der Tiraali zirpte mehrmals und umtänzelte Ngaui, so gut es in der Enge des Korbhauszimmers eben ging. Offensichtlich freute er sich, dass sein Freund ihn verstand.

Ngaui war es so schwindlig, dass er sich setzen musste. Sein Kopf schien einem Bienennest als Stock zu dienen, und jede Biene sah aus wie Srrk.

Da der Tiraali sich nun verstanden wusste, war er noch viel aufgedrehter als zuvor. Er schickte Ngaui gleich eine weitere Bildfolge.

!Ngaui und Srrk Stein über Wipfeldünen!

"Weißt du, wie weit das ist? Das geht nicht! Ngaui und Srrk werden schön hier im Dorf bleiben." Ngaui zeigte unmissverständlich mit dem Finger zu Boden. "Wir können morgen ja mal Voshyrr Jngarr fragen, ob er – hey…!"

Srrk schlüpfte an ihm vorbei, huschte den Eingangssteg hinunter und lief ein Stück auf den Wald zu. Dann drehte er um, eilte zurück zum Steg und zirpte.

Ngaui stand im Türrahmen und verschränkte die Arme. So musste sich Deddah Gorrga manchmal fühlen. Dass ein Insekt ein solcher Dickschädel sein konnte!

"Nein, Srrk! Es ist mitten in der Nacht!"

Nkkkrrrriiii.

Srrks Panzer schimmerte im Mondlicht. Er winkte auffordernd mit den Vorderarmen, dann drehte er sich um und hielt auf den Waldrand zu. Die Dunkelheit verschluckte ihn.

Einen Moment lang zögerte Ngaui.

Sollte er ihn einfach gehen lassen? Vielleicht kam er ja zurück, wenn er merkte, dass Ngaui nicht folgte. Andererseits … Srrk war sein Gast, er war für ihn verantwortlich. Seine Handpfote umkrampfte den Beutel mit dem Honigzucker, den er immer noch bei sich trug. Er konnte seinen Stamm nicht enttäuschen und die Gastpflicht verletzen, indem er Srrk ohne Schutz in den Wald ließ. Er musste ihn zurückholen.

Leise schimpfend schlüpfte er in seinen Überwurf und stopfte ein paar Stücke Trockenbrot hinein. Dann schnallte er hastig sein Messer um und griff nach seinem Speer.

Mit einem Satz sprang er aus dem Korbhaus, federte auf dem Boden ab und taumelte kurz, weil ihm immer noch schwindlig war. Dann rannte er los, um Srrk zurückzuholen.

***

"Wir werden mächtig Ärger kriegen", stellte Ngaui fest und tauchte sein erhitztes Gesicht in den Bach. "Und es ist ganz allein deine Schuld."

Er hätte am liebsten gebadet, aber dazu hatte es ein gewisses Insekt viel zu eilig.

So schüttelte er sich nur das Wasser aus dem Fell und sah zu Srrk hinüber. Der tschirpte vor sich hin, als ginge ihn das gar nichts an, tauchte seinen Saugrüssel ins Wasser und trank geräuschvoll.

***

Es war die erste richtige Pause, seit Ngaui es aufgegeben hatte, Srrk zur Umkehr zu bewegen. Der nächtliche Marsch war nicht gerade angenehm gewesen. Auch nicht, nachdem Ngaui Srrk eingeholt und ihn auf einen der Glimmrankenpfade Richtung Nordosten gelotst hatte, auf dem die lumineszierenden Pflanzen ein bisschen Orientierung boten. Vor ein paar Stunden waren sie dann nach Osten abgebogen.

Ngaui wusch das kleine Büschel Kräuter und essbarer Blätter, das er während des Marschs gesammelt hatte. Er stopfte es zwischen zwei Scheiben Brot und biss hungrig ab. Es dauerte nicht lange, bis Srrk zum Aufbruch drängte. Ngaui seufzte, zupfte sich ein paar Kletten aus dem Fell und übernahm wieder die Führung.

***

Sie marschierten bis kurz vor Sonnenuntergang, als auch Srrk, der den ganzen Tag lang ständig um Ngaui herumgewuselt war, Anzeichen von Erschöpfung zeigte. Ngaui fand den Lagerplatz, den er von seinen früheren Jagdausflügen mit Gorrga kannte. Ein kleines Feuer würde die Mücken fernhalten.

Einer der Bäume trug ein paar Büschel Wipfelkorn. Als Ngaui mit einer Handvoll Körner und zwei grüngesprenkelten Khwijji-Eiern wieder von ihm herunterkletterte, war der Tiraali verschwunden. Kurz darauf tauchte er wieder auf, ein noch schwach zuckendes Nécha-Insekt in den Armen. Es war fast halb so groß wie Srrk selbst.

"Du jagst Néchaliden?", wunderte sich Ngaui. "Wenn Ndjaua dich jetzt sehen könnte, würde sie nicht mehr über dich schimpfen!"

Srrks Mandibeln klackten. Mit Rüssel und Fühlern tastete er seine Beute ab und drehte sie fachmännisch in Position. Der Néchapanzer knackte, als er ihn aufbiss und zu saugen begann.

Ngaui benutzte sein Messer, um seinerseits Löcher in die Khwijji-Eier zu stechen. Einträchtig saßen die beiden am Feuer und saugten an ihrem jeweiligen Abendessen. Erst im Morgengrauen zogen sie wieder weiter.

***

!Ngaui und Srrk Stein über Wipfeldünen!

"Ja, da sind wir. Sieh mal dort, in diesen Steilwänden nisten die Wai."

Der allgegenwärtige Wald hatte es nicht überall geschafft, den Inselberg mit einem Teppich aus Grün zu überziehen. Es gab viele schroffe Flanken und bröckelnde Steilhänge, die nur spärlich mit Gras, Moos und Flechten bewachsen waren. Die Waiadler liebten den Ort wegen der Aufwinde, und Ngauis Volk schätzte die Waijagd als glückverheißende Mutprobe – ansonsten war der Hrauhrau für sie nicht von Bedeutung.

"Was jetzt, Srrk – was willst du hier?"

Das schien sein Insektenfreund selbst nicht so genau zu wissen. Immerhin übernahm er die Führung und lotste Ngaui über eine Stunde lang erst an der Steilwand entlang, und dann im Zickzack den Berg hinauf. Anfangs stieß er dabei gelegentlich noch Klicklaute aus, aber sie verstummten bald, als würde er sich stark auf etwas konzentrieren.

Ngaui legte den Kopf in den Nacken und blinzelte gegen die Sonne an.

Der diesige Morgennebel hatte sich aufgelöst, und gab den Blick auf den kahlen Gipfel des Hraurhau frei. Dort oben zog ein Wai seine Kreise im endlosen Blau. Der Wind trug seine heiseres Kreischen heran.

Als die Sonne im Zenit stand, erreichten sie einen flach ansteigenden Felshang auf halber Höhe. Außer ein paar Felsbuckeln und spärlicher Vegetation gab es hier nichts, und doch wuselte Srrk eifrig hierhin und dorthin, blieb stehen, schwenkte unschlüssig den Kopf hin und her und krabbelte abrupt in die Gegenrichtung, um nach ein paar Schritten wieder kehrt zu machen.

Ngaui wurde das nach einer Weile zu bunt. Er lehnte sich gegen einen dick mit Trugmoos überwucherten Felsbrocken, aß von seinem Brot und schloss die Augen.

Er musste wohl eingedöst sein, denn als er erwachte, hatte der Wind ein wenig aufgefrischt, und die Sonne versteckte sich hinter einem luftigen Wolkenschleier.

Er gähnte, stand auf und streckte sich. "Srrk! Wo bist du denn?"

Nkkkrrrriiii.

Das kam von der Rückseite eines Felsbuckels. Ngaui fühlte sich erleichtert. Einen Moment lang hatte er befürchtet, der Tiraali sei alleine weitergezogen.

Schon im Näherkommen hörte er scharrende Geräusche. Sie verstummten, als Srrk sein Tun unterbrach und ihm ein Stück entgegenkam.

Der Tiraali war von oben bis unten mit ockergrauem Staub bedeckt. Sein Panzer wirkte stumpf und dreckig, nur wenig von der Honigfarbe schimmerte noch durch. Das einzig Glänzende an Srrk waren nunmehr seine großen, dunklen Augen.

Er tänzelte aufgeregt um Ngaui herum, stieß dabei schnelle abgehackte Klicktiraden aus und stupste ihn, damit er sich beeilte. Den Grund für die Aufregung sah Ngaui, als er die Rückseite des Felsbuckels erreichte. "Was in Goëls Namen…?!"

Mitten im Fels gähnte ein Loch. Ringsherum lagen kleine Erdhaufen, die größten von ihnen kniehoch – und jetzt wurde Ngaui auch klar, warum sein Freund so schmutzig war: Er hatte ein Loch gegraben. Ngaui bückte sich, um es näher zu untersuchen.

Nein, erkannte er, Srrk hatte das Loch nicht gegraben, sondern es wieder freigelegt!

Die baumstumpfdicke Öffnung war achteckig in den Fels hineingehauen, das war gut zu erkennen, auch wenn die Ecken mit Flugerde verstopft waren. Der Wind musste sie über viele Jahre hinweg hier angesammelt haben. Ngaui bückte sich und versuchte, mehr zu erkennen. Der Gang verlor sich nach und nach in der Dunkelheit.

Er kroch eine Armlänge weit hinein, ließ seine Handflächen über die schmirgelglatte Oberfläche streichen und schloss die Augen. Es roch staubig trocken, nicht nach Schimmel oder Moder. Seine Schnurrhaare bebten, er meinte, einen leichten Luftzug zu spüren. Wer immer diesen Gang angelegt hatte, war ein großartiger Steinhauer gewesen.

Sie graben ihre Dörfer in Felsen, hatte Deddah gesagt.

Ngaui wandte den Kopf und sah Srrk mit großen Augen an.

"Ein Tiraali-Dorf! Hier war mal eins eurer Dörfer, hab ich recht? Das hast du gesucht!"

Ngauis Gedanken überschlugen sich. Deddah Gorrga sagte, dass Tshaerd schon seit vielen hundert Sterntänzen in diesem Wald wohnten. Keine Lied, keine Geschichte, die er kannte, erzählte von einem Tiraalidorf im Adlerberg.

"Das muss ja ewig her sein", murmelte er beeindruckt. Kein Wunder, dass die Erinnerung, die Srrk ihm gezeigt hatte, so undeutlich gewesen war. Die Tiraali mußten ein furchtbar gutes Gedächtnis haben!

Ngaui starrte neugierig in die dunkle Öffnung hinein. Sie würden Licht brauchen.

"Hör mal, Srrk, ich bin gleich zurück. Warte hier."

Als er sicher war, dass der Tiraali den Sinn seiner Worte verstanden hatte, sah er sich am Rand des Geröllfelds um und fand verdorrte Büsche, aus deren Geäst er drei schenkellange Knüppel schlug.

Dann kehrte er zu dem Felsen zurück, wo er eingenickt war. Das Trugmoos, echtem Moos täuschend ähnlich, bildete dicke Polster auf ihm. Vorsichtig drückte er die Messerspitze durch die grüne Deckschicht und prüfte die Dicke des verholzten, harzigen Gewebes darunter. Die älteren Schichten waren so fest miteinander verwachsen, dass er die Klinge nur schwer wieder frei bekam.

Mühsam schnitt er Klumpen davon heraus und zurrte alles mit abgeschälten Rindenstreifen zu drei ganz passablen Fackeln zusammen. Ein paar Klumpen nahm er als Reserve mit, falls die Erkundung länger dauerte.

Es konnte losgehen!

***

Staub, Staub, und noch viel mehr Staub.

Schon nach wenigen Metern hatte Ngauis Pelz eine graubraune Tarnfarbe angenommen, und seine Nase juckte. Er hustete, hielt die knisternde Fackel eine Armeslänge auf Abstand und war heilfroh, dass der Gang sich nach ein paar Metern weitete und er nicht mehr kriechen musste. Es ging in sanftem Winkel bergab. Das kleine Achteck aus Tageslicht war bereits hinter ihnen verschwunden.

Srrk krabbelte neben ihm in die Kugel aus Licht, die seine Fackel der Finsternis abtrotzte.

"Also ich verstehe nicht, was unter der Erde so toll sein soll", meinte Ngaui und nieste. Das Fackellicht tanzte über Boden und Wände und verdrängte die Schatten in Ecken und Ritzen. Außerhalb davon war nichts als schwarze Finsternis.

"Egal, wie ihr hier mal für Licht gesorgt habt – es funktioniert schon lange nicht mehr."

Wenn er ehrlich war, sagte er das nur, um seine eigene Stimme zu hören. Nicht einmal nachts im Wald bei Regen war es so stockdunkel, und ihm fehlten die Geräusche.

Srrk hatte keine Scheu, sich hier unten zu bewegen. Er blieb zwar immer am Rand des Lichtscheins, aber nur eben geradeso. Er schien genau zu wissen, wohin er wollte. Ngaui markierte trotzdem jede Abbiegung mit einem Rußfleck. Er wollte sich hier auf keinen Fall verlaufen.

Sie kamen durch eine Reihe von Kammern, viele davon achteckig und mit mehreren abzweigenden Gängen. In einigen waren direkt aus dem Fels netzartige Stützstrukturen herausgemeißelt worden, andere waren mit seltsamen Mosaiken geschmückt.

Die bröckeligen Spuren von Alter und Verfall waren überall, aber je weiter sie vordrangen, desto stärker wurde Ngauis Verdacht, dass es sich hier um eine riesige aufgegebene Baustelle handelte. Es gab viele Bereiche, die nur grob behauen waren oder sonstwie unfertig wirkten.

In einem Raum stand sogar eine bereits halb aus Stein gehauene Tiraalistatue. Als Ngaui bewundernd um sie herumging, knirschte es plötzlich unter seinen Füßen.

Erschrocken fauchend sprang er zurück. Srrk hörte es, kam heran, trillerte und stocherte mit einem Vorderarm in dem brüchigen Zeug herum, in das Ngaui getreten war.

Abrupt zog er den Arm zurück und stieß ein Geräusch aus, das Ngaui noch nie von ihm gehört hatte, eine Art tiefes, vibrierendes Schnarren. Da wurde ihm klar, dass dies die uralte Panzerschale eines toten Tiraali sein musste.

"Tut mir leid", sagte er leise. Was dieser Dorfbaustelle wohl zugestoßen war?

Als sie einmal wussten, worauf sie zu achten hatten, machten sie auf ihrem weiteren Weg noch mehr solcher Chitinhäufchen aus. Srrk blieb bei jedem kurz stehen und schnarrte.

Inzwischen war Ngauis zweite Fackel schon weit heruntergebrannt. Was Srrk auch suchen mochte, hoffentlich fanden sie es bald!

Je tiefer sie kamen, desto feuchter wurde es, und desto seltener wurden die erhaltenen Tiraali-Überreste. Srrks Trauer wurde bald wieder von seinem Entdeckergeist verdrängt. Natürliche, unbefestigte Höhlen gingen nahtlos in die Baustellen über und warfen das verzerrte Echo seines aufgeregten Zirpens zurück. Es schien aus allen Richtungen auf sie einzustürzen. Die Luft roch muffig und die Wände schwitzten Wasser. Ngauis Kehle wurde eng, als er an die schweren Gesteinsmassen über ihnen dachte.

Das Vorwärtskommen wurde immer schwieriger. Ngaui war zwar schwindelfrei, aber unter Tage mit einem aufgedrehten Begleiter an schlüpfrigen Felsen entlangzuklettern, war nicht dasselbe wie Baumsteigen. Er sehnte sich nach Sonnenlicht und frischer Luft.

"Mach doch mal langsam!", keuchte er. "Ich muss uns neue Fackeln basteln."

Ngaui steckte die dritte Fackel mit der verlöschenden zweiten an und steckte sie in eine schmale Ritze, um die Hände frei zu haben. Er breitete die Trugmoosbrocken vor sich aus und überlegte, ob es vielleicht doch für vier Fackeln reichte.

NKKKRRRIIIIII, NKKKRRRIIIIII.

Ngaui schoss hoch und flog förmlich in die Richtung, aus der das kam. "Srrk!"

Überall war rutschende Erde, lockerer, uralter Aushub der Baustelle, und Srrk mittendrin! Er fand keinen Halt mehr, kämpfte darum, nicht zu versinken, nicht mit der Gerölllawine in das gierige Schwarz des Abgrunds gerissen zu werden, und kreischte panisch immer wieder Ngauis Namen.

"Ich komme! Halt durch!", schrie Ngaui.

Er presste sich dicht an die Felswand und beugte sich so weit vor, wie er wagte. Er schaffte es, eines der zappelnden Gliedmaßen zu packen, doch Srrk keilte weiter nach allen Seiten aus, und er musste ihn mit der anderen Hand an den Zuckerbeutel-Schnüren packen. Mit aller Kraft riss er seinen Freund aus der Gefahrenzone heraus auf sicheren Fels.

Keuchend sah er, wie Srrk zittrig wieder auf die Beine kam. Es schien ihm nichts zu fehlen. Als Ngaui jedoch am Fels entlang zu ihm klettern wollte, gab etwas unter seinen Füßen nach und er verlor das Gleichgewicht. Einen Moment lang ruderte er noch mit den Armen, dann stürzte er schreiend in die Dunkelheit.

***

Leises Zirpen stahl sich hinunter in den dunklen ruhigen Ort, wo er losgelöst von aller Zeit geschlafen hatte. Er folgte ihm nach oben, um zu sehen, wo es herkam.

Ngauis Augenlider flatterten.

Hrrrriiii. Nkkkrrrriiii.

"Hroih, Srrk…"

Srrks Kopf war nur eine dunkle Silhouette vor hellem Licht. Ngaui schloss geblendet die Augen. Da waren Schmerzen, aber ganz weit weg. Sie störten ihn nicht. Es war warm. Es war trocken. Vogelzwitschern drang an seine Ohren.

Und die Hand, die seine Ohren kraulte, gehörte auf keinen Fall Srrk.

"Deddah?"

Das Kraulen verstärkte sich. "Wenn du je wieder sowas Leichtsinniges machst, lass ich dich Harzkratzen, bis keine Bäume mehr da sind, verstanden?"

"Mhm." Ngaui schlief bereits wieder ein.

Als er das nächste Mal erwachte, war er alleine im Zelt. Sonnenlicht schien durch die offene Eingangsklappe. Es war ein schönes Zelt aus dickem, hellem Stoff, und das Webmuster erinnerte ihn an die Stützstreben im Tiraalidorf.

Draußen war einiges los. Tshaerd riefen einander zu, dazwischen klickten und zirpten Tiraali. Es roch nach Holzrauch und bratendem Fleisch.

Ngauis Neugier siegte. Er mußte herausfinden, was passiert war!

Als er sich aufrichtete, tat ihm alles weh. Er stöhnte leise auf und sah an sich hinab. Sein rechter Arm war verbunden und geschient, er hatte Schürfwunden und Prellungen. Unter seinem Fell zeichnete sich ein Schattenspiel aus blauen Flecken ab.

Ein weiterer Schatten flitzte am Zelteingang vorbei. "Srrk?"

Der Schatten stockte, machte kehrt und stakste freudig zirpend herein. Irgendetwas an ihm kam Ngaui merkwürdig vor, aber er kam nicht drauf, was es war.

Srrk huschte zu Ngaui auf die Schlafmatte und drückte ihm vorsichtig seine Fühler ins Gesicht. Ngaui hatte sich schon fast an diese fremde Sprechweise gewöhnt, und ihm wurde davon nicht mehr so leicht schwindlig. Trotzdem war er froh, zu sitzen.

Sein Freund schickte ihm heute einen wahren Blättersturm aus Bildern. Diesmal spürte Ngaui, dass diese Eindrücke mehr waren als bloße Bilder. Wie Blattadern waren Emotionen hineingewoben, die er vorher nie bemerkt hatte.

Srrk zeigte ihm, was passiert war.

Er hatte sich die Fackel zwischen die Mandibeln geklemmt und war zu Ngaui hinabgeklettert, der bewusstlos in einem Erdhaufen lag. Immer noch rieselte Erde von oben herab und drohte ihn zu verschütten. Srrk erinnerte sich an eigenen Schmerz, doch die Bilder zeigten, wie er versuchte, Ngaui auszugraben. Da war das so lang entbehrte Gefühl von Nähe, das schnell stärker wurde. Freude und Kummer zugleich, Ngaui reglos daliegend, sich nähernder Fackelschein. Tiraali, die Ngaui ausgruben und Srrk beruhigend zusummten. Das Gefühl von Trost und Nähe, von Hoffnung, als ein Tiraali Ngaui auf den Rücken nahm und durch die natürlichen Höhlen hinaustrug, wo sie wenig später auf Gorrgas Suchtrupp trafen, der den Spuren der Tiraali bis hierher gefolgt war. Dann Ngaui im Zelt, und das Eintreffen weiterer Neuankömmlinge aus dem Dorf, mit Voshyrr Jngarr an der Spitze. Der Bilderstrom verebbte.

Ngaui blinzelte, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. "Danke, dass du mir das gezeigt hast."

Er lächelte und stutzte plötzlich. Erst jetzt wurde ihm klar, was an seinem Freund nicht stimmte. "Oh nein, Srrk…!"

Die Flügel fehlten. Da waren nur noch zwei verkrustete Stummel.

Mit der gesunden Hand strich er über Srrks zerschrammten Panzer. Er war wieder glänzend, und eine Art Lack versiegelte die schartigen Stellen.

:Srrk stützt Ngaui:Ngaui stützt Srrk:

Der vergnügte Unterton tröstete Ngaui ein wenig.

"Genau. Ich war lang genug hier drin. Lass uns rausgehen."

Deddah Gorrga stand mit dem Voshyrr und einem Tiraali auf der Lichtung. Als er Ngaui aus dem Zelt kommen sah, kam er her. "Hroih, du bist ja wach!"

"Hroih, Deddah…" Ngaui war abgelenkt. Er starrte den Tiraali mit offenem Mund an.

Er war dreimal so groß wie Srrk, mindestens! Sein Panzer war mit einem Muster aus bunten Lacktröpfchen verziert, und er hatte wie Srrk eine Reihe kleiner Säckchen umhängen. Aber das Seltsamste an ihm war das riesige grüne Farnbüschel auf dem Rücken. Erst als sie sich bewegten, erkannte er, dass es stark zerzauselte Flügel waren. Kein Wunder, dass sie mit denen nicht fliegen konnten!

Vor lauter Schauen merkte er fast gar nicht, wie Gorrga leise lachte und ihn mit sich zog.

"Das ist Tssissk, eines von Srrks Elternteilen, wenn ich es richtig verstanden habe. Er führt die Forscher an, die herausfinden wollen, was hier vor tausend Jahren passiert ist."

"Woher weißt du das?"

"Sieh selbst."

Tssissk begann mit einem Vorderarm Zeichen in den sandigen Boden zu kratzen. Ngaui trat näher heran. Es waren keine Tshaerd-Buchstaben.

"Er kann die Menschensprache?"

"Ziemlich gut sogar. Srrk versteht sie übrigens auch - er kann bloß nicht schreiben. Dein ungeduldiger Freund wusste, dass er seine Leute beim Hrauhrau wiederfinden würde, und ehe wir auf die Idee mit anderen Sprachen kamen, wart ihr schon unterwegs dahin. Dort hat Srrk wohl gespürt, dass sein Deddah und die anderen schon in den Berg eingedrungen waren, und wollte so schnell wie möglich zu ihnen."

Ngaui drehte sich zu Srrk um, und diesmal benutzte er die Menschensprache.

"Gib’s zu, du hast mir das bloß nicht gesagt, damit ich dir nicht widersprechen kann."

Srrk putzte mit Hingabe seine Mandibeln, doch dann gab er es auf und zirpte fröhlich.

Gorrgas Ohren stellten sich auf. "Er spricht mit dir?"

"Naja, nicht direkt. Er legt mir seine Fühler ins Gesicht und dann kommen Bilder."

Srrks Deddah zirpte und begann zu schreiben.

"Das ist ein seltenes Talent, was du da hast", las Voshyrr Jngarr vor. "Tssissk fragt, ob du der Ha’ani der Tiraali sein willst, während sie hier sind – er meint wohl eine Art Mittelsmann."

Ngaui sah Gorrga an. "Darf ich?"

Der tauschte einen langen Blick mit Jngarr und nickte schließlich. "Wenn du willst. Aber denk daran, es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Keine Dummheiten diesmal, klar?"

Ngaui beteuerte so eifrig seine Ernsthaftigkeit, daß Jngarrs Schnurrhaare belustigt zuckten. "Wenn das so ist, Ha’ani Ngaui, dann fang gleich mal an und lade unsere Gäste zum Abendessen ein."

***

Die ersten Sterne öffneten ihre Augen und wurden wie Ngaui Zeugen des seltsamsten Tanzes, den die Waldlichtung je gesehen hatte.

Die Tiraali jagten umschwärmt von ihren Nestlingen in wirbelnden Formationen ums Feuer, untermalt von einem stakkatoartigen Kanon aus Klicklauten. Die schimmernden Lichtreflexe auf den blankpolierten Panzern hatten etwas beinahe Hypnotisches.

Srrk achtete vor allem auf die Nestlinge, die - in respektvollem Abstand zum Feuer - gewagte Manöver flogen. Ngaui tätschelte ihm mitfühlend den Panzer.

"Du würdest gern mitmachen, was? Es ist sicher schlimm so ohne Flügel."

Srrk schnarrte, trillerte dann aber und wackelte mit den Fühlern.

:Flügel weg: Flügel klein: Flügel groß:

"Oh, ach so!" Kein Wunder daß Srrk sich scheinbar so gut damit abfand. "Das ist praktisch - bei uns wachsen Körperteile nicht einfach nach."

Der Tiraali summte leise, und stupste ganz sanft Ngauis verletzten Arm an. Als er ihm ein Bild von einem einarmigen Ngaui schickte, schüttelte sich dieser und winkte ab.

"Nein, das heilt auch so zusammen. Mach dir keine Sorgen."

Er sah, dass Srrk immer noch das Amulett trug. Irgendwie hatte es die ganzen Strapazen unbeschadet überstanden - wie sich das für einen gesegneten Glücksbringer gehörte. Er hatte ganze Arbeit geleistet!

Ngaui sah an sich herunter, auf das Amulett, mit dem die Finger seiner gesunden Hand schon die ganze Zeit spielten. Tssissk hatte es in Srrks Auftrag für ihn gefertigt.

Es war ein münzgroßes Teilstück von Srrks Flügelhaut, mit einer dicken Schicht aus durchsichtigem Lack versiegelt und einem winzigen Scheibchen von Srrks honigfarbenem Körperpanzer in der Mitte.

Die Tiraali beendeten ihren Tanz mit einem eleganten Ausfächern ihrer zerzisselten Flügel und huschten dann vom Platz. Ngaui rückte zur Seite, um ein paar Tshaerd durchzulassen, die den Tanz des erfolgreichen Jägers zeigen wollten. Einige hatten Flöten dabei, Onkel Mrraga sogar sein geliebtes Tambourin. Singen würden sie alle.

Während die Tänzer in Position gingen und Onkel Mrraga schon den Takt anschlug, beugte sich Ngaui zu Srrk hinüber.

"Ich bin froh, dass der Sturm dich zu mir getrieben hat."

Nkkkrrrriiii.

Die Flöten begannen zu spielen, Ngaui und die anderen fielen singend ein. Ein Windstoß wehte über die Lichtung, Funken stoben vom Feuer auf. Sie erhoben sich zusammen mit der lebhaften Musik in die Lüfte. Der Schall trug weit an diesem Abend.

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