Kreischende Flöten, näselnde Tröten, gellende Fanfaren, scheppernde Schellen, Rasseln und Schnarren erklingen aus den Rängen, durchmischt vom an- und abschwellenden Gemurmel tausender Stimmen. Hin und wieder erheben sich vereinzelte Sprechchöre und gegrölte Gesänge, rhythmisches Klatschen, sogar das eine oder andere Tanzritual aus der Masse hervor, doch all dies ist nur ein leises Rauschen in den Ohren von Hri. Ein heißer Wind flattert in den unzähligen Bannern, braust die Ränge hinunter bis in die Arena und wirbelt rostroten Staub auf und zerrt auch an Hris Gewand. Ja, diesen Wind bemerkt sie! Sie genießt die wilden Liebkosungen dieser roten, wütenden unbändigen Kraft und spürt deutlich die göttliche Anwesenheit ihres Herrn Tahat, während sie - Selbstsicherheit und Zuversicht mit jeder einzelnen Sehne ihres geschmeidigen Körpers ausdrückend - bis zur Mitte der Arena schreitet.

Die Menge hat sie erkannt und ein begeistertes "HRIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!" ertönt aus tausenden Kehlen. Oh ja, dieses Geräusch lässt ihre Wahrnehmung jetzt zu ihr durchdringen. Diese armen Seelen dort auf den Rängen - sie lechzen danach, ihre Heldin zu sehen, ihr Idol, das sie bewundern und verehren können, weil ihnen in ihrem richtigen Leben jeglicher Halt und jegliches Ziel fehlt. Und all diese armseligen Kreaturen gehören in diesem Augenblick ihr allein. In einer fließenden Bewegung zieht sie ihr Chutarr aus seiner Scheide, die sie auf den Rücken geschnallt hat. Die fein verzierte Klinge, die in ihrer Form so sehr einer ihrer eigenen Klauen ähnelt, ist ein Teil ihres Körpers, ihre beste Freundin, ein Teil ihrer Seele. Sie reckt das Chutarr in den Wind und brüllt der Menge ihre ganze Verachtung entgegen. Natürlich verstehen sie nicht, was sie meint. Sie jubeln umso begeisterter, beeindruckt von dieser Zurschaustellung von Kraft und Entschlossenheit ihres Lieblings. Sie wissen genau: Hat eine Chaurr einmal ihre Klinge gezogen, so darf sie erst wieder in die Scheide zurückgesteckt werden, wenn Blut geflossen ist. Und die Menge ist begierig darauf, "ihre" Hri Blut vergießen zu sehen.

Ja, sie ist die Hri dieser Menge, nur der Verehrung durch die Massen hat sie diesen Namen zu verdanken. Ohne diesen ehrenvollen Kampfnamen wäre sie nicht mehr als "Die Dritte von Fünf, aus der achtunddreißigsten Rotte der Kaserne Chasuum, Kämpferin zur Ehre unseres Göttlichen Herrn". Wer sich keinen Namen macht, wird niemals mehr sein als solch eine nüchterne Nummer, und wäre man dann tatsächlich noch "Kämpferin zur Ehre unseres Göttlichen Herrn"?

Hri hat ihrem Göttlichen Herrn Ehre bereitet und zum Dank einen geachteten und gefürchteten Namen verliehen bekommen. Hri, die Stürmische. Und Tahat schickt zu Ehren dieses Namens einen heißen roten Wind hier in diese Arena, der seine Hri ruppig umspielt, an ihren Ohren zupft, über ihr kurzes Fell streicht. Und Hri genießt diese Liebkosung, würde am liebsten wohlig knurren, und sie denkt an den stattlichen Krieger aus der fünfundvierzigsten Rotte, mit dem sie sich beim letzten Blutmondfest knurrend und leidenschaftlich ineinander festgebissen über den harten Lehmboden der Kaserne wälzte. Er hat sie nicht nach ihrem Namen gefragt und sie sich nicht für den seinen interessiert, doch beim nächsten Fest, wenn ihre Rotte wieder mit den Männern zusammentreffen darf, wird sie ihn fragen. Und vielleicht gelingt es ihnen ja dann, dafür zu sorgen, dass sie neue Kämpfer zu Ehren Tahats zur Welt bringen wird. Doch bevor sich tatsächlich ein genussvolles Grollen aus ihrer Kehle davonstiehlt, reißt sie sich zusammen. Sie ist nicht hier, um schmachtend Träumen nachzuhängen. Sie hat gehört, dass Menschen so etwas andauernd tun, und man sieht ja, was aus diesen Menschen geworden ist. Da sitzen sie und jubeln einem Idol zu, weil sie zu schwach sind, selbst Großes zu vollbringen. Wer Träumen nachhängt, lebt nicht im Hier und Jetzt, ist schwach und kann leicht überrumpelt werden. Und all dieser Tand, all diese Ablenkungen, mit denen sie ihr Dasein vergeblich auszufüllen versuchen: Reichtum, Müßiggang, Völlerei... Dient alles nur dazu, das Leben sinnlos zu vertun. Sie verstehen einfach nicht, dass dieses Leben eine Prüfung ist und dass Tahat diejenigen reich belohnen wird, welche die harte Prüfung gemeistert haben. Wozu also all diese Reichtümer ansammeln und sich mit Vergänglichem abgeben, wenn man doch die Ewigkeit erlangen kann?

Während sie noch vom Wind liebkost wird und ihr Chutarr für die Menge in die Luft reckt, gehen ihr diese Gedanken durch den Kopf, doch als sich am entgegengesetzten Ende der Arena etwas tut, wischt sie ihre Grübeleien zur Seite. Ihr Geist ist rein und klar, auf ihren Gegner ausgerichtet, wer oder was auch immer der Gegner sein wird.

Das eisenbeschlagene Tor öffnet sich und der nachtdunkle Schlund dahinter spuckt eine Gestalt aus, die jetzt merkwürdig gekrümmt, trippelnd, zaghaft sichernd näher kommt: Voll aufgerichtet vielleicht bis an Hris oberstes Brustpaar reichend, mit einem riesigen schmutziggelben, von Warzen und Knötchen besetzten Schnabel, kleinen listig dreinblickenden Augen, struppigen Borsten auf dem Kopf, vier weit ausgestreckten Armen und einem peitschenden Greifschwanz ausgestattet, tastet sich dort ein wahrer Ausbund an Hässlichkeit zu ihr heran. Gehüllt in zerfetzte dreckstarrende Lumpen, mit Schnittwunden an den Armen und Beinen und an der Stirn, aus denen sich klebriges schwarzes Blut zähflüssig herausquält.

Das kann doch wohl nicht ihr Ernst sein, denkt sich Hri. Einer von diesem widerlichen Tekumir-Pack, das im übelsten Unrat der dreckigsten Gassen lebt! Einer dieser feigen, hinterhältigen Diebe! Eines der niedersten, unwürdigsten und jämmerlichsten Geschöpfe der Welt soll ausgerechnet ihr Gegner sein? Will man sie beleidigen? Es ist doch nun wirklich unter ihrer Würde, die Hinrichtung irgendeines unseligen auf der Straße aufgelesenen Taschendiebes oder Müllwühlers zu vollstrecken. Sicherlich, die Tekumir sind zähe Burschen und sie weiß auch um ihre besonderen Eigenschaften, die sie im Kampf zu unbequemen Gegnern machen. Sie weiß ganz genau, warum ihr Gegner schon jetzt aus vielen kleinen Wunden sein schwarzes sirupartiges Blut fließen lässt, aber sie - Hri, den Lebling der Massen - ausgerechnet gegen ein solches ... Ding in den Kampf zu schicken, das hat einfach keinen Stil.

Auch das Publikum ist aufgebracht, buht und pfeift diese gedrungene hässliche Gestalt gnadenlos aus. Die Menge hat einen würdigeren Gegner erwartet. Und selbst wenn, den völlig unwahrscheinlichen Fall mal angenommen, dieser Halunke den Kampf gegen Hri gewinnen sollte, die Menge wird niemals einem Tekumir zujubeln oder ihn als Idol verehren. Diese Kampfpaarung muss ein Irrtum sein, oder ist nur als kleine Aufwärmübung für Hri gedacht, bevor dann der richtige Gegner kommt. Grimmig fletscht Hri die Zähne und springt geschmeidig ihrem Opfer entgegen. Diese Farce will sie so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Der Tekumir ist hager und ausgemergelt, trägt in seinen vier Händen billige Obsidianklingen, die das erste Ziel von Hris Angriffen werden sollen. Auch wenn es nur harmlose Waffen sind, so sind es doch immerhin vier Stück und Hri hat nun wirklich keine Lust, sich ihr Fell von einer dreckigen Tekumirklinge anritzen zu lassen und brandige Wunden zu bekommen.

Blitzschnell wirbelt ihr Chutarr vor dem warzigen Schnabel des Tekumir herum, eine seiner Klingen splittert leise in der Hand, die Hiebe der restlichen drei Klingen wischen ins Leere.

Sein schwarzes Blut ist inzwischen zu einer pechglänzenden Schicht geronnen, die ihm einen gewissen Schutz vor weiteren Wunden bietet. Nur nicht weitere Wunden zufügen, je mehr er blutet, desto unverwundbarer ist er, denkt sich Hri und schlägt mit der flachen Seite ihres Chutarr nach seinem Kopf. Der Tekumir taucht blitzschnell ab, stampft mit den Füßen kräftig in den Sand der Arena, ein Windstoß wirbelt den Staub auf und kurzzeitig ist Hris Sicht getrübt. Da! Brennender Schmerz durchzuckt ihr linkes Bein. Ein Aufschrei gellt durchs Publikum. Dieser Bastard! Reflexartig schießt ihre Klinge blind nach hinten. Ein Zischen, ein reißendes Geräusch, und sie spürt etwas Warmes, Klebriges auf ihren Rücken spritzen. Sie wirbelt herum und gerät ins Wanken, denn ihr linkes Bein will ihr nicht mehr so recht gehorchen. Ihren Sturz fängt sie mit einer geschmeidigen Rolle ab, die sie von ihrem Gegner wegbefördert. In Sekundenbruchteilen sieht sie, wie dem Tekumir aus einer klaffenden Wunde an der Flanke ein Schwall klebrigen Blutes quillt. Entsetzt beobachtet sie, wie seine vier Arme die klebrige Masse über seinen Körper verschmieren. Verdammt, genau das wollte sie eigentlich vermeiden.

Den Schmerz im linken Bein ignorierend stemmt sie sich auf, stößt sich mit dem rechten Bein ab und segelt mit einem langgezogenen Sprung über den Tekumir hinweg, rammt ihm dabei den Knauf ihres Chutarr in den Kopf, bevor sie sich zusammenkrümmt und abrollt. Begeisterter Applaus und Jubelschreie erschallen von den Rängen, doch Hri nimmt sie nicht wahr. Ungläubig starrt sie auf das Obsidianmesser, das aus den Rippen knapp unterhalb ihrer Zitzen hervorragt. Mit quälender Langsamkeit breitet sich um den Einstich eine dunkelrote Blüte ihres Blutes aus, die schnell Adern und Verzweigungen in ihrem Fell bildet. Natürlich schützen die wenigen Lederriemen ihrer Kleidung, die ihr noch den letzten Rest von Züchtigkeit bewahren, nicht vor Verletzungen, ebenso wie die bunten Stoffbänder, die keinerlei Sinn und Zweck haben, als effektvoll im Wind zu flattern. Man hat ihr gesagt, die Menschen wollten sie am liebsten so spärlich bekleidet sehen. Hri ist das vollkommen egal. Sie würde auch vollkommen nackt in die Arena ziehen, immer darauf bedacht, wegen des nicht vorhandenen Schutzes noch geschickter und geschmeidiger gegnerischen Angriffen zu entgehen.

Einen solchen Treffer hat sie bisher noch nie erleiden müssen. Hat sie diesen Wicht unterschätzt? Sie fühlt den heißen Wind, wie er ihr unerbittlich den rauen Sand ins Gesicht bläst. Doch was macht ihr Gegner? Ihr Hieb auf seinen Kopf hat gesessen, er liegt regungslos im Staub. Bewegt er sich noch? Atmet er? Der Wind wirbelt Sand umher und zerrt an seinen Lumpen, dazu schreit und brüllt die Menge so laut, dass Hri nicht genau erkennen kann, ob er sich noch regt. Schwer atmend kriecht sie vorsichtig auf dieses stinkende schwarz-klebrige Lumpenbündel zu. Bei jeder Bewegung schickt die Wunde in ihrer Seite Wellen des Schmerzes durch ihren Körper, doch Hri ignoriert sie, ebenso wie das Gebrüll und Gejohle der Menge. Ihr Blickfeld verengt sich vollkommen auf ihren Gegner, in ihren Ohren klingt nur noch ein fernes Rauschen. Es gibt nur noch sie, den Tekumir und den Wind. Hri ist herangekrochen, ihr Kopf schwebt kurz über dem seinen. Sein Schnabel ist leicht geöffnet, die hässlichen gelben Augen starren stumpf ins Leere.

Hri greift nach ihrem Chutarr, um diese unerfreuliche Angelegenheit endlich zu einem Ende zu bringen, da durchfährt ein eisiger Schauer ihren Rücken. Der Wind hat gedreht. Wie kann es sein, dass der Wind auf einmal so kalt geworden ist? Ihr scheint es, als zöge er sämtliche Wärme aus ihr heraus, den Rücken entlang nach oben, aus ihrem Kopf heraus. Als die Wärme ihre Ohren verlässt, durchläuft ein Dröhnen Hris Kopf, sie bekommt keine Luft mehr und ihr Blick verschwimmt. Hat sie wirklich wahrgenommen, wie im selben Augenblick das Leben in den Blick des Tekumir zurückkehrte? Sie sieht immer weniger, doch ja, tatsächlich, da durchfährt ihn ein Ruck.

Hri nimmt nur noch schemenhaft wahr, wie er sich aufrappelt und zwei seiner Obsidianmesser in ihren Hals gräbt. Sie nimmt den Aufschrei der Menge wahr. Doch sie schreien nicht ihren Namen. Was rufen sie da? Diesen Namen hat sie noch nie gehört. Die Menge wird sich doch wohl nicht von ihrer Heldin abgewandt haben? Wie kann man nur einem Tekumir zujubeln? Jeder hasst die Tekumir! Hat die Menge sie am Ende gar nicht wirklich geliebt und verehrt? Hat sie als Idol nicht viel getaugt? Hat sie die Menge enttäuscht, die ihr jetzt all ihre Zuneigung entzieht?

Sie hat die Menge enttäuscht, sie hat Tahat enttäuscht durch ihre Überheblichkeit und ihre allzu große Selbstsicherheit. Und Tahat hat sie mit seinem Wind bestraft.

Nein, das kann nicht sein. Sie hat Tahats Ehre beschützt und gottgefällig gelebt. Tahat wird sie jetzt zu sich rufen und sie für ihre Leiden und ihr Darben im Diesseits belohnen. Doch warum hat er ein solch ehrloses Ende für sie auserkoren? Und wo sind die leuchtenden freudig singenden Vögel, von denen man erzählt, sie würden die gefallenen Kämpfer ins friedliche und fröhliche Jenseits geleiten? Sie sieht nichts und spürt nichts mehr.

Ist ihr Schicksal Tahat etwa gleichgültig? Hat sie mit ihrem Tod ihren Zweck erfüllt und es erfolgt gar keine Belohnung? Lebt ein ganzes Volk im Glauben an die Lüge, von einem Gott auserwählt zu sein? Und sind die Chaurr für diesen Gott nichts weiter als ein nützliches Werkzeug? Sie hat Entbehrungen und Schmerzen auf sich genommen und auf jegliche Bequemlichkeit und Freude verzichtet, im festen Glauben, all dies nach dem Tode zu erlangen. Hri bedauert, dass sie nie nach dem Namen dieses stattlichen Kriegers gefragt hat, damals...

Die Menge johlt und schreit und tobt begeistert.

« zurück | weiter »