Firas hatte die Finte zu spät erkannt. Der Tritt seines Gegners traf ihn voll in die Seite, riss ihn von den Füßen; hart fiel er zu Boden. Die Menge schrie auf, teils vor Freude, teils vor Wut. Sein Gegner blickte grinsend auf ihn herab. "Bleib liegen, und es ist vorbei!", riet er ihm, und wahrscheinlich meinte er es nicht einmal böse.

Aufgeben? Nein! Hastig kam Firas wieder auf die Füße, und nur, wer ihn gut kannte, sah, dass es ihm nicht leicht gefallen war. Aber er dachte jetzt nicht an die Schmerzen, sondern nur an den Sieg. Aufgeben? Niemals! Er würde seinen Stamm, die Luchsschatten-Ishia, hier beim Sommertreffen mit den Leuten vom Grasmeer nicht enttäuschen.

Die beiden Gegner begannen sich wieder lauernd zu umkreisen. Firas war ein schmaler Bursche. Dies war erst sein vierzehnter Sommer, und bis er seine volle Größe und Kraft erreichte, würden wohl noch ein paar Jahre vergehen. Sein Gegner dagegen war knapp zehn Jahre älter als er, und nicht nur größer, sondern auch schwerer und deutlich breiter in den Schultern. Ein ungleicher Kampf! Aber Firas war im letzten Herbst in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen worden, auf sein eigenes Betreiben hin ein Jahr früher als üblich. Jetzt gab es keine Schonfrist mehr für ihn. Er wollte erwachsen sein? Dann durfte er keine Rücksicht mehr erwarten. Sicher, die Jäger seines Stammes hätten seinem Drängen nicht nachgegeben, wenn er nicht schon als Jüngling außergewöhnliche Zähigkeit und großen Mut bewiesen hätte. Doch der Kampf blieb ungleich, und gerade das ließ die Leute so begeistert mitfiebern. Denn Kraft war nicht alles in einem Duell der Ishia.

Firas beachtete das Schreien der Menge nicht. Für ihn gab es nur noch seinen Gegner. Wo lagen seine Schwächen? Wie konnte er ihn besiegen? Alles schien gegen ihn zu sprechen, aber Firas war nicht gewillt, sich den Tatsachen zu beugen. Irgendetwas musste es doch geben! Dem anderen wurde die Warterei zu lange. Wieder stürzte er sich in den Kampf, und Firas musste ausweichen. Die Schläge abzublocken war keine gute Idee, das hatte er schon schmerzhaft lernen müssen. Immerhin war er flinker als sein Gegner, doch wie lange noch? Blut rann von einer aufgeplatzten Augenbraue über seine Wange, lief mit jedem keuchenden Atemzug in seinen Mund. Wütend wischte er es mit dem Handrücken weg. Er musste sich stellen, jetzt sofort. Wieder stürzte sich sein Gegner auf ihn, und Firas musste zurückweichen. Verdammt, war denn gegen den gar kein Ankommen? Da endlich sah er eine Lücke. Er täuschte einen Schlag gegen die Magengegend an, gab sich den Anschein, als wolle er alle Kraft hineinlegen. Doch in den Augen des anderen konnte er lesen, dass der die Finte erkannt hatte. Statt den Schlag abzuwehren, der doch nicht kommen würde, schien er lieber auf den tatsächlichen Angriff lauern zu wollen. Dann eben keine Finte! Firas' Mundwinkel kräuselten sich in einem schwachen Grinsen, als er mit voller Kraft zuschlug. Sein Gegner sackte in sich zusammen. Nicht einmal genug Luft für einen Schrei war ihm geblieben. Wie ein Sperber stürzte Firas sich auf ihn, riss ihn zu Boden, und verdrehte ihm die Arme so auf dem Rücken, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als still liegen zu bleiben.

"Gibst du auf?", zischte Firas ihm ins Ohr.

Es dauerte eine Zeit, bis sein Gegner genug Luft bekam, um zu sprechen, aber vielleicht musste er sich auch zuerst von dem Schock erholen, von einem halben Knaben besiegt worden zu sein. "Du hast gewonnen", brachte er schließlich über die Lippen, und auch wenn Bitterkeit in seiner Stimme lag, sprach er doch laut genug, dass ihn alle hören konnten. Die Luchsschatten brachen in Jubel aus, doch die Grasmeer-Leute schwiegen.

Firas genoss noch einen kurzen Moment, dass sein Gegner ihm hilflos ausgeliefert war, dann erhob er sich und half dem anderen sogar, aufzustehen. Noch einmal sahen sich die beiden in die Augen.

"Du hast gut gekämpft!", gestand der andere schließlich ein. "Ich dachte, ich hätte leichtes Spiel mit dir, aber ich habe mich getäuscht."

"Danke!" Firas biss sich auf die Lippen, um seine Freude über das Lob nicht zu zeigen.

Der andere grinste. "Aber ich warne dich. Noch einmal unterschätze ich dich nicht!"

Es war ein Spaß und doch lag auch Ernst darin. Sollten sich die beiden Stämme jemals im echten Kampf gegenüberstehen, würde Firas sich in Acht nehmen müssen. Aber es blieb ihm keine Zeit mehr, solchen Gedanken nachzuhängen, denn nun drängten seine Freunde und Verwandten heran, um den jungen Sieger zu beglückwünschen, und wenig später kamen die Grasmeer-Leute dazu. Es war ja nur ein freundschaftlicher Wettkampf gewesen, und auch wenn sie lieber ihren eigenen Mann siegen gesehen hätten, war es doch ein guter Kampf gewesen, und sie wussten Können und Wagnis anzuerkennen.

Da drängte sich ein kleiner Junge nach vorne, blieb dann aber plötzlich wie von Ehrfurcht gepackt stehen.

Lachend zog Firas ihn zu sich heran, legte ihm den Arm um die Schulter. "Hast du etwa Angst vor mir?", neckte er den Kleinen.

Der drückte sich nur eng an seinen großen Bruder. "Ich hab den ganzen Kampf beobachtet!", sprudelte es aus ihm heraus. "Wenn ich so groß bin wie du, dann will ich auch so gut sein."

Firas lächelte, als der Kleine ihn voller Ernst ansah. "Das wirst du - wenn du immer schön fleißig übst!"

"Ach, du klingst schon so wie Vater."

"Vielleicht, weil er recht hat? Aber jetzt lauf, Shay, ich will noch mit ein paar Leuten reden."

Maulend zog der Kleine ab.

Später am Abend fanden sich die jungen Jäger - Männer wie Frauen - beider Stämme auf einem Hügel außerhalb des Lagers ein, wie sie es jeden Abend seit Beginn des Treffens getan hatten. Weiter oben stand der große Stein, dem schon seit Anbeginn der Zeiten magische Kräfte zugeschrieben wurden. Vier Gesichter blickten in die vier Himmelrichtungen, Gesichter, die keinem Menschen glichen, den Firas jemals gesehen hätte. Es hieß, dass in dem Stein vier mächtige Geister wohnten. Deswegen wurde das Lager beim Sommertreffen immer ein Stück weit entfernt aufgeschlagen. Nur für die jungen Leute war es so etwas wie eine Mutprobe, sich im Schatten des Steins zu treffen - aber ganz trauten sie sich dann doch nicht hin.

Bei aller Rivalität war es schon lange her, dass es Krieg zwischen den Grasmeer-Ishia und den Luchsschatten gegeben hatte, und so genossen die jungen Leute die Gelegenheit, Zeit miteinander zu verbringen, alte Freundschaften von vergangenen Treffen wieder aufzunehmen und vielleicht auch die einen oder anderen zarten Bande zu knüpfen. Hier und da sah man, wie einer einem anderen die langen Haare zu kunstvollen Frisuren flocht, und oft steckte mehr dahinter als reine Freundschaft. Das Gespräch drehte sich zuerst um die Ereignisse des Treffens - auch der Kampf vom Nachmittag wurde ausgiebig besprochen, und Firas konnte sich noch einmal in der Bewunderung seiner Kameraden sonnen - , doch allmählich wandte man sich mehr der Zukunft zu.

"Habt ihr euch schon überlegt, was ihr diesen Sommer machen wollt?", fragte einer der Grassmeer-Krieger.

Mani, die trotz ihrer Jugend bei den Luchschatten schon einiges an Ansehen genoss, zuckte die Achseln. "Nichts Bestimmtes. Vielleicht den einen oder anderen Überfall."

"Habt ihr schon ein Ziel ins Auge gefasst?"

Sie schüttelte den Kopf. "Nein, und ihr?"

"Auch noch nichts Bestimmtes. Wir werden sehen."

Jetzt mischte Firas sich ein. "Was ist mit dem Dorf am Dreistrudelbach? Dort soll sich im letzten Winter ein Eisenschnitzer niedergelassen haben."

Zustimmendes Gemurmel war die Antwort. Eisenschnitzer, das war das Wort, das die Ishia für einen Schmied gebrauchten. Sie, denen selbst die Kenntnisse fehlten, wie man Metalle bearbeitete, wussten die Erzeugnisse dieser Handwerker durchaus zu schätzen. Aber die einzige Möglichkeit, an sie zu kommen, war ein Überfall. Die Völker, die südlich der Ishia lebten, hätten wahnsinnig sein müssen, wenn sie ihren Erzfeinden Waffen freiwillig überlassen hätten. Ein Eisenschnitzer - ja, das war ein lohnendes Ziel.

Mani aber unterbrach die Gedankenspiele mit einer wegwerfenden Geste. "Vergiss es! Kutosh und Ikda waren erst vor ein paar Wochen dort. Die Schlammschaufler sind vorsichtig geworden. Sie wissen, was wir planen, und haben eine große Anzahl ihrer Krieger dorthin geschickt. Sie sollen sich sogar steinerne Hütten gebaut haben. Über das Thema wurde gesprochen, und wir waren uns alle einig, dass ein Angriff dort unmöglich ist - zumindest dieses Jahr!"

Für die anderen war das Thema damit erledigt, doch Firas ließ nicht locker. "Ich habe selbst gehört, was die beiden berichtet haben, aber ich denke trotzdem, dass ein Angriff erfolgreich sein könnte."

"So? Denkst du?" Mani war sichtlich verärgert. "So wie du gedacht hast, einen Krieger im Zweikampf herausfordern zu können, der deutlich stärker ist als du?"

"Ich hab gewonnen, oder nicht?"

"Du warst nicht schlecht, ja. Aber es war nur Glück, dass du überhaupt so lange durchgehalten hast."

"Glück. Pah!"

"Mach erstmal bei ein paar Raubzügen mit, dann gestehe ich dir eine eigene Meinung zu. Jetzt aber kann es dir nicht schaden, einmal auf die erfahreneren Krieger zu hören. Es geht nicht, schlag es dir aus dem Kopf!"

"So unerfahren bin ich jetzt auch nicht…"

"Du?" Mani lachte spöttisch. "Du warst doch noch nie bei einem Überfall dabei. Du kennst nur die Jagd!"

"Was macht das für einen Unterschied, ob man sich an ein Reh anschleicht oder an einen Menschen?"

"Dass Rehe nur selten bewaffnet sind!"

Ein paar der anderen lachten, und Mani nutzte ihre Gunst, um Firas in seine Schranken zu verweisen. "Eigentlich bist du ja sowieso noch zu jung. Statt einen Überfall zu planen, solltest du noch mit den Kindern spielen. Dein Vater sollte dir eine Tracht Prügel verpassen - wegen Dummheit!"

Firas kochte vor Wut. "Mein Vater hat mir gar nichts mehr zu sagen. Ich bin ein Krieger, genau wie du!"

Mani wischte seinen Zorn mit einer nachlässigen Geste beiseite. "Ja, leider."

Wieder hatte sie die Lacher auf ihrer Seite!

Firas erhob sich von seinem Platz. Er zog die Augenbraue hoch, ein arrogantes Grinsen auf den Lippen. "Ja, lacht ihr nur. Aber ich werde derjenige sein, der bald eiserne Pfeilspitzen besitzt. Ihr werdet es schon noch sehen. Es hat ja auch keiner geglaubt, dass ich den Kampf heute gewinnen würde, nicht wahr?"

Er wandte sich zum Gehen, doch Sukuay, einer der Grasmeer-Leute, rief ihn zurück.

"Moment mal, Firas, willst du den Eisenschnitzer wirklich überfallen?"

Firas grinste. "Naja, es ist schon recht riskant…" sagte er gedehnt.

"Hast du schon einen Plan?"

"Sagen wir, ich habe eine Idee… für einen echten Plan müsste ich mir die Gegend erst mal ansehen. Allerdings bräuchte ich schon ein paar gute Krieger, um das durchzuziehen…"

"Nimmst du mich mit?" Sukuay war auf einmal Feuer und Flamme.

"Klar!"

"Ich komme auch mit!"

"Und ich!"

"Und ich!"

Firas grinste Mani an. "Willst du auch mitkommen? Natürlich unter meiner Führung…"

Mani schnaubte nur und drehte sich zu einer Freundin an. Sie war zu stolz, um den Hügel zu verlassen, doch sprach sie den ganzen Abend kein Wort mehr, während hinter ihr lebhaft diskutiert wurde.

Zwei Wochen später starrte Firas missmutig hinüber zum Dorf des Eisenschnitzers. Gleich nach dem Ende des Sommertreffens waren sie aufgebrochen, fünf Krieger der Luchsschatten, zwei Grasmeerleute, aber keiner von ihnen älter als 17 Sommer. Firas war der jüngste unter ihnen, natürlich, aber bis jetzt hatten sie seine Befehle akzeptiert. Er hatte die Idee gehabt, er war der Anführer. Nur leider hatte er bis jetzt noch keinen Erfolg gehabt. Schon seit vier Tagen waren sie nun hier!

Im Morgengrauen hatten sie den ersten Versuch gewagt. Doch wie Kutosh und Ikda berichtet hatten, hatten die Schlammschaufler eines ihrer befestigten Lager direkt neben dem Dorf errichtet, mit einer Mauer aus Stein. Wichtiger aber war der Turm, der sich am höchsten Punkt erhob. Schnell hatten sie lernen müssen, dass er immer besetzt war. Kaum hatten sie den schützenden Wald verlassen, wurden sie entdeckt, rief die eherne Glocke, die dort oben hing, mit dröhnenden Schlägen die Soldaten herbei - und dann war jeder Angriff zwecklos, angesichts der himmelhohen Übermacht ihrer Gegner von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Nicht einmal des Nachts waren sie nahe genug herangekommen.

Brütende Hitze lag über dem Land und verstärkte die gereizte Stimmung in ihrem kleinen Lager noch. Firas musste sich schleunigst etwas einfallen lassen, wollte er nicht vor zwei Stämmen das Gesicht verlieren. Doch es war wohl schon zu spät, denn eben erhob sich Sukuay und kam herüber zu ihm. Die anderen sahen ihm skeptisch nach. Ob er schon mit ihnen gesprochen hatte? Firas starrte lieber wieder hinüber zu dem Dorf, das nun scheinbar vollkommen friedlich in der Mittagshitze lag.

"Was ist jetzt mit deiner Idee?", kam Sukuay ohne Umschweife zur Sache. "Die anderen glauben nicht mehr daran. Sie sagen, du hättest dich nur wichtig machen wollen."

Firas starrte ihn wütend an, sagte aber nichts. Der besänftigende Tonfall des anderen ärgerte ihn.

"Ich denke, du hast wirklich daran geglaubt, das hier schaffen zu können. Aber es ging eben nicht. Wenn du meinen Rat annimmst, dann gib es besser gleich zu. Je länger du die anderen hinhältst, desto wütender werden sie sein."

"Aufgeben? Lehren uns die alten Lieder nicht, dass es eine Schande ist, aufzugeben?"

Sukuay verzog das Gesicht als hätte er etwas Verdorbenes gegessen. "Auch du wirst noch lernen, dass zwischen dem, was die Lieder erzählen, und dem wirklichen Leben ein Unterschied ist."

"Das werde ich nicht! Das will ich gar nicht lernen!" Firas machte eine verächtliche Handbewegung, doch Sukuay lächelte nur.

"Ja, vielleicht wirst du das tatsächlich nicht!" Er seufzte. "Trotzdem sollten wir jetzt aufbrechen, wenn wir den Unterschlupf am Hummelberg noch erreichen wollen, bevor das Gewitter losbricht. Der Himmel sieht übel aus."

"Was sagst du da?"

Sukuay sah ihn an, als hätte er einen Geistesschwachen vor sich. "Da drüben, der Himmel. Wir haben hier bald ein Unwetter, wie man es selten sieht."

Tatsächlich hatte der Himmel eine schmutzig gelbe Farbe angenommen. Dunkle Wolken türmten sich am Horizont.

"Ja, du hast recht…" Firas ließ nachdenklich den Blick wandern.

"Also sage ich den anderen, dass wir aufbrechen?"

"Was? Nein, natürlich nicht!"

"Aber du hast doch gerade…"

"Hol sie her! Ich werde euch sagen, was wir machen!"

Wenige Augenblicke später jagte Firas, tief über den Hals seines Pferdes gebeugt, nach Norden davon. Schon beugten die ersten Windstöße das Gras. Ihm blieb wenig Zeit. Sollte sein Plan funktionieren, musste er den Feuerpinienwald auf der anderen Seite des Dorfes erreicht haben, wenn das Gewitter kam - und niemand durfte ihn dabei sehen!

Im Westen zuckte der erste Blitz nieder, und Firas zählte nervös die Sekunden bis zum Donner. Es waren weniger als gehofft, viel weniger. Aber konnte er es wagen, jetzt schon den Bogen zu schlagen? War er schon weit genug vom Dorf entfernt? Kurzentschlossen riss er sein Pferd herum, ließ es nun im weiten Bogen nach Westen jagen, den schwarzen Wolkentürmen entgegen!

Als er endlich den Feuerpinienwald erreichte, hatte sich eine vorzeitige Nacht über das Land gelegt. Ein geisterhaftes Dämmerlicht war alles, was geblieben war, doch immer öfter erhellte der Schein eines Blitzes für ein Augenzwinkern die Welt in schmerzhafter Klarheit. Fauchende Böen peitschten durch die ausgetrocknete Steppe.

Mit fliegenden Fingern band Firas sein Pferd an einem der ersten Bäume fest. Nervös riss es den Kopf hoch, verdrehte die Augen, bis das Weiße zu sehen war, doch Firas hatte nur kurz Zeit, um ihm beruhigend die Hand auf die Nüstern zu legen, ihm ein paar besänftigende Worte zuzuflüstern. Es half - ein bisschen - aber mehr konnte er im Moment nicht tun. Er rannte durch das kleine Wäldchen, bis er den anderen Rand erreichte. Hatte ihn jemand gesehen? Nein, die Glocke blieb stumm! Doch wieviel Zeit blieb ihm noch? Er konnte es nicht sagen! Ständig, so schien es ihm, standen nun zwei oder drei Blitze gleichzeitig am Himmel, und der Donner war in ein einziges, anhaltendes Krachen übergegangen. Doch noch konnte er keine Blitze jenseits des Dorfes sehen. Ein bisschen noch! Firas lächelte. Das war wirklich ein Gewitter, wie man es selten erlebte, und es hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. 'Du hattest nur Glück!', meinte er Manis spöttische Stimme zu hören. "Na und?", rief er gegen den Sturm. "Immerhin bin ich hier, um dieses Glück zu nutzen, und du nicht!" Doch halt, bevor er seinen Sieg auskosten konnte, musste er noch tun, wofür er gekommen war!

Hastig öffnete er den Behälter an seinem Gürtel, wo auf feuchtem Zunder ein Stück Kohle vom Lagerfeuer langsam vor sich hin glühte. Schnell häufte er ein paar trockene Nadeln auf, setzte sie mit der Kohle in Brand und wenig später hatte er eine improvisierte Fackel aus einem dicken Ast. Ein letzter Blick, ja, das Gewitter stand jetzt genau über ihm. Ein paar atemlose Momente wartete er noch, bis ein Blitz hinter dem Wald einschlug, dann hielt er die Fackel an eine der ausgetrockneten Pinien. Dicke Harztropfen tränkten die Rinde und sofort liefen bläuliche Flammen den Stamm hinauf. Schnell ging er zu einem zweiten Baum, einem dritten, einem vierten, doch als er sich dann umsah, stand der erste schon in lodernden Flammen, ein deutliches Signal für seine Kameraden. Ja, die Feuerpinie trug ihren Namen nicht zu unrecht. Einen Moment noch blieb er stehen, genoss den Augenblick des Triumphes, während schwarze Rauchschwaden auf das Dorf zutrieben, schon begannen, den Turm einzuhüllen. Jetzt hatte auch das Gras zwischen Dorf und Wäldchen Feuer gefangen. Die Turmwache würde andere Sorgen haben, als nach den jungen Ishia auszuspähen!

Ein bedrohliches Knacken über ihm ließ ihn herumfahren. Wollte er hier noch lebend herauskommen, musste er sich beeilen. Auch so fühlte er sich halb geröstet, als er endlich sein Pferd wieder erreichte. Der Rauch nahm ihm die Luft, und von Hustkrämpfen geschüttelt gelang es ihm nicht, den Knoten zu lösen, mit dem er das Tier festgebunden hatte. Schließlich zog er sein Messer und schnitt die Riemen durch. Wenig später jagte er schon wieder über die Ebene, sog gierig die frische Luft ein. Die Zeit der Heimlichkeit war vorbei, und so ritt er auf direktem Weg zurück zu ihrem Lager.

Als der Regen kam, hatte er den Weg schon halb zurückgelegt. Zuerst waren es nur ein paar dicke Tropfen, dann öffnete der Himmel seine Schleusen, und ein Wolkenbruch ging herab. Die Wassermassen würden das Feuer schnell löschen, aber das war jetzt egal, denn auf einmal erblickte er neben sich ein paar Reiter. Zwei, drei, sechs! Sie waren alle da! Sie trieben Vieh vor sich her, und jetzt konnte er auch die Säcke mit Beute erkennen, die über ihren Sätteln lagen. Sie hatten es geschafft! Jubelnd stimmte Firas in ihr Triumphgeheul ein, während hinter ihm endlich die Warnglocke ertönte. Zu spät! Zu spät! Zu spät! so hallte ihr Klagelaut über das Land!

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