Das Läuten der Glocken drang durch die kalte Luft zu Jaman hinüber. "Los jetzt!", schienen sie ihn anzuschreien, anzufeuern und anzutreiben.

Menschen schrien wild durcheinander, vorwiegend Männer, die versuchten, das Feuer zu löschen. Das Glockengeläut sollte die Einwohner warnen. Vor dem Feuer, vor den Räubern, vor der Gefahr. Für Jaman war es nun lediglich ein Signal. Nur von weitem konnte er die Flammen am anderen Stadtende an den Häusern lecken sehen. Ein Haus war schon weitgehend in sich zusammengefallen, die Dachbalken lagen mitten im Raum und glühten weiter. Kurz verspürte Jaman Mitleid und begann zu hoffen, dass das Feuer nicht die ganze Stadt fraß. Doch schnell hatte er dieses Gefühl verdrängt. Man hatte es ihn jahrelang gelehrt, regelrecht eingeprügelt: Kein Mitleid. Niemals! Nur wer hart ist, wird überleben.

Es sollte sein Signal sein. Die Ablenkung war geglückt. Bald würden alle Einwohner damit beschäftigt sein, die Flammen zu ersticken, und das würde seine Zeit dauern. Trotzdem musste er sich beeilen. Sein Auftraggeber würde keinen Fehler verzeihen. Und für ihn ging es nicht gerade um wenig. Wenn alles klappte, würde er fürstlich entlohnt werden und müsste sich erstmal keine Sorgen um sein weiteres Auskommen machen.

"Wenn die Glocken läuten, musst du gehen. Dann werden bald alle auf den Beinen sein, und du musst diese Chance nutzen. Erlaub dir bloß keine Fehler, sonst wirst du dir wünschen, nie geboren worden zu sein!" Das hatte er gesagt. Chaer Pinti. Jaman ließ sich diesen Namen auf der Zunge zergehen. Nach den Motiven dieses Mannes brauchte man nicht lange zu fragen. Die Feindschaft zwischen Pinti und dem Kartografen Rhiav war öffentlich bekannt. Alle wussten, dass Kelvin Rhiav ein absolut störrischer und arroganter Eigenbrötler war, leider mit einem unleugbaren Talent. Und Chaer Pinti auf der anderen Seite, erzkonservativ und altehrwürdiger Gelehrter, der die alte Schule vergötterte. Zwei Personen trafen aufeinander, und zwei verschiedene Vorstellungen: Pintis Lehre von der Scheibe und Rhiavs Vorstellung von der Halbkugel. So gegensätzlich wie es nur geht.

Jaman schüttelte diese Gedanken ab und versuchte, sich zu konzentrieren. Die Luft roch verbrannt, und der Himmel war schon verdeckt von dunklem Rauch. Er musste jetzt los, sonst würde es bald zu spät sein. Geschmeidig wie eine Katze löste er sich aus dem Häuserschatten, in dem er sich verborgen hatte, um abzuwarten. Stockfinster war es gewesen, und kalt, doch auch auf der Gasse war es nicht viel wärmer. Er musste nach links gehen, das wusste er, und dann bis zum letzten Haus, das direkt am Hügel lag. Dort wohnte Rhiav. Alleine, und nahe bei besagtem Hügel, von dem aus er jede Nacht die Sterne studierte. Jaman blickte bei diesem Gedanken nach oben, doch die Sterne waren nicht mehr zu sehen. Alles war voll Rauch, der vom anderen Ende der Stadt, wo das Feuer wütete, heranzog.

Da es schon lange nach Mitternacht war, erwartete Jaman, dass sich Rhiav in seinem Haus aufhielt. Und weil der Himmel vom Rauch verdeckt war, könnte er ohnehin nicht die Sterne studieren. Außerdem hätte er Rhiav von seinem Beobachtungsposten aus gesehen, hätte dieser das Haus verlassen. Jaman lief weiter, immer darauf bedacht, dass ihn niemand sah. Immer wieder blieb er im Schatten stehen und wartete, um Begegnungen mit Fremden zu vermeiden, die ihn eventuell später wiedererkennen könnten.

Er sah niemanden. Und niemand sah ihn. Er erblickte Rhiavs Haus und näherte sich von der hinteren Seite. Dort wucherten ein paar Büsche, und Jaman biss sich kräftig auf die Unterlippe, als ein trockener Stock unter seinem Tritt zerbrach. "Was für ein dummer Fehler, sowas wird noch dein Verhängnis!", schimpfte sich der Junge selbst, schlich aber gleich weiter. An den Büschen vorbei gelangte er lautlos zur Ecke des Hauses und sah in die Richtung des einzigen Fensters. Simple Fensterläden aus Holz verdeckten die Öffnung. Jaman kam langsam näher.

Das Haus lag etwas abseits von den übrigen Gebäuden, die den Rand Tlahas bildeten. Es war still hier, das Geläut der Glocken war nicht mehr sehr intensiv zu hören. Der Rauch war aber schon bis hierher gezogen, es roch nach Feuer und verkohltem Holz. Jaman näherte sich den Fensterläden. Von drinnen drang kein Kerzenlicht nach draußen, kein Laut war zu hören, aber Jaman war sich eigentlich sicher, dass Rhiav hier war. Denn welchen Grund hätte er gehabt, sein Haus zu verlassen? Noch auf dem Hügel sein konnte er nicht, der Himmel war mittlerweile zu bedeckt, um noch Sternenkunde zu betreiben, und auch sonst war Rhiav niemand, der sich unter das gemeine Volk mischte. Er war den ganzen Tag nur mit seinen Lehren beschäftigt, da blieb keine Zeit, noch in Tlaha herumzulaufen.

Jaman äugte vorsichtig durch ein Loch im Holz des rechten Fensterladens. Er sah nur Schwarz. Nichts zu hören, nicht zu sehen. Er lief an der Wand entlang und sah sich an der nächsten Ecke des Hauses wiederum um. Niemand war in der Nähe, er konnte sich also ungesehen ins Haus schleichen. Als er an der einfachen Holztür stand, zögerte er kurz. Er warf einen weiteren Blick in die Richtung der nächsten Häuser, dahin, wo das Feuer immer noch wütete, und zum Hügel. Es kam niemand. Er war hier ganz allein. "Das ist die Chance!", rüttelte sich Jaman selbst auf. "Jetzt geh endlich!"

Mit vollkommen ruhiger Hand griff er zur Tür, obwohl er innerlich zitterte. Das Schloss war kein Hindernis für ihn. Er hatte oft genug geübt, wie man Schlösser öffnet, ohne Spuren der Gewalt zu hinterlassen. Vollkommene Dunkelheit umfing ihn, als er die Tür gerade soweit aufstieß, dass er sich hindurchzwängen konnte. Auf dem Tisch neben ihm konnte Jaman schemenhaft einen Kerzenständer ausmachen. Er holte seinen Zündstein aus der Tasche, atmete tief durch, und kurz darauf war er von einem weichen Schein umgeben. Er schloss die Tür.

Und er hatte falsch gelegen, obwohl er sich so sicher gewesen war, Rhiav zu Hause anzutreffen. Das Haus war vollkommen verlassen. Die Tische frei, die vielen Truhen verschlossen. Das war genau das Bild, das Jaman erwartet hatte. Ihm war Rhiav als ein äußerst penibler Mensch beschrieben worden, der die Ordnung liebte.

"Wie auch immer", murmelte Jaman sich zu und konzentrierte sich voll und ganz auf das, was ihm aufgetragen worden war. Die Schrift zu finden, mit der sich Rhiavs ketzerisches Gedankengut beweisen ließ. Es war immer noch vollkommen still draußen. Jaman wusste nicht genau, wo sich diese Schriften befanden. Aber wenn er seinem Gefühl trauen sollte, dann waren sie sicher nicht offensichtlich aufbewahrt.

Ganz hinten in der dunkelsten Ecke stand eine schwere Holztruhe, die zwar nicht sehr wertvoll, aber stabil aussah. Sie war mit einem Schloss gesichert. Jaman zückte sein Messer und versuchte, das Schloss und damit die Truhe zu öffnen. "Verdammt!" Er fluchte laut, als er abrutschte und sich in die linke Hand schnitt. Das Blut ableckend, lauschte er, ob sich draußen etwas tat. Doch immer noch war es ruhig.

Er versuchte es erneut. Nichts tat sich. So oft hatte er schon Schlösser geknackt, er hatte so viel Erfahrung, und jetzt sollte er an diesem einen lächerlichen Ding scheitern? Seine Stirn war schweißnass und das Blut an seiner Hand schon weitgehend trocken, als es endlich knackte und die Truhe sich vor ihm öffnete. Voller Erwartung hielt er die Luft an und schaute hinein. Leer. Die verdammte Truhe war vollkommen leer.

In sich hinein fluchend drehte Jaman sich zu der nächstliegenden Truhe hin. Diesmal dauerte es nicht ganz so lange, bis das Schloss geöffnet war. Er riss den Deckel hoch und sah sich einem ganzen Haufen Karten gegenüber, die alle verschiedene Landschaften zeigten. Es war nicht das Schriftstück dabei, das er suchte. Also zur nächsten Truhe. Zwei waren noch verschlossen. Er entschied sich für die, die näher an der Tür stand, einfach aus Gefühl, und diesmal knackte er das Schloss bereits nach einem kurzen Augenblick.

"Volltreffer!", dachte er. Die Truhe enthielt verschiedene Schriftstücke. Jetzt musste er nur noch das richtige finden. Jaman fühlte sich seinem Ziel ganz nahe. Er begann, eins nach dem anderen zu überfliegen. Er konnte zwar nicht besonders gut lesen, aber es reichte, um ein paar bestimmte Wörter zu entziffern, die eine Schrift als die Schrift entlarvte, die er mitnehmen sollte. Die ersten fünf waren allgemeine Texte, nicht das, was er brauchte. Jaman arbeitete sich durch und begann wieder zu schwitzen. Die Kerze direkt neben sich, musste er aufpassen, dass das Pergament kein Feuer fing. Trotzdem war es schwer, in so dunkler Umgebung zu lesen.

Jaman las und las und fand einfach nicht das richtige. Dennoch faszinierten ihn die Texte, sie fesselten ihn und insgeheim fragte er sich, wieso Rhiav zum Ketzer abgestempelt werden sollte, wo doch seine Argumentationen so plausibel waren? Er verlor sich richtig in einem Stück; es fiel ihm schwer, alles zu verstehen, aber es klang so interessant, wen interessierte schon Chaer Pinti, der hatte keine Ahnung, diese ganzen Fanatiker nicht, und außerdem…

Plötzlich hörte er Stimmen. Erschrocken fuhr Jaman hoch. Wie lange saß er nun schon hier und starrte auf den Text in seiner Hand? Die Kerze war schon fast heruntergebrannt. Dazu kamen nun Hufe, ein Reittier setze sich in Bewegung und es kam näher! Die einzigen, die solche Reittiere besitzen durften, waren der König und seine Bewacher, die Stadtwächter und ein paar Adlige. Jaman zitterte, als er leise weiterwühlte und die Schriften panisch überflog. Er spürte intuitiv, dass er sich dem näherte, dass er suchte. Das Hufgeklapper wurde lauter. Nur finden musste er es jetzt noch. Sie kamen näher. Sein Herz setzte aus, als er die Wörter las, die ihm Pinti eingebläut hatte. "Halbkugel", "mittige Erhebung", "keine Scheibe", "alles Lüge", "fanatische Spinner"… das musste es sein. Das Geräusch der Hufe war immer noch nicht verklungen, die Stimmen kamen jetzt am Haus vorbei. Jaman schloss die Augen. Wenn ihn jetzt jemand fand, war alles vorbei, vor allem, wenn ein Stadtwächter dabei war! Immerhin war er unerlaubt in ein fremdes Haus eingedrungen! Die Hufe waren betäubend laut, Jaman fühlte sich, als würde er mit dem Boden beben, innerlich sowie äußerlich. Sie kamen näher. Die Stimmen verstummten zwar, aber die Hufe nicht. Plötzlich entfernten sie sich, es wurde leiser. Jaman atmete auf. Noch immer dröhnten seine Ohren, doch Jamans Herzschlag beruhigte sich.

Das Hufgeklapper war gerade so weit weg, dass Jaman es nicht mehr hören konnte. Da öffnete sich die Tür ruckartig und der Junge blickte direkt in die Augen Rhiavs. Nach einem Moment der absoluten Stille hörte er nur die entfernt in sich zusammenfallenden Häuser, Dächer, Holzbalken … die Stimme des Mannes kam nicht bei Jaman an. Er sah Rhiavs schreiende Mundbewegungen, doch in seinen Ohren tosten die Geräusche des Brandes … Balken brachen und Rhiav schrie ihn tonlos an.

« zurück | weiter »