Merval saß senkrecht auf seiner Schlafmatte und hatte Panik. Um ihn herum barsten hölzerne Zeltstangen, das Zeltleder stürzte auf ihn herab. Wie barsten Zeltstangen ohne Grund? Es musste sich um Magie handeln! Und was geschah mit der Felswand, an der das Zeltdorf stand? Zum Geräusch der berstenden Zeltstangen gesellte sich jenes herabstürzender Felsen.

Was war mit Cadime, seiner Gemahlin, Kitas, seiner Erstgeborenen? Sie waren nicht im Zelt.

Kein Laut war von den Mitgliedern des Stammes zu hören, niemand schrie, kein Kind weinte. Nur die Felsen polterten herab. Merval raffte sich auf, umschlang sich mit einem Bettdeckentuch und rannte aus dem Zelt. Die Felsen schienen sein Zelt nicht zu erreichen, es war zu weit in der Wüste.

"Fürst Merval, unbekleidet und ängstlich … wie erbärmlich!"

Merval drehte sich um und sah den Sprecher knapp vor seinem Zelt stehen. "Fürst Miga Selcai", stellte er bitter fest.

"Ihr kennt mich also", sagte Selcai und trat näher. Seine türkisgrünen Haare glänzten im Mondlicht.

Merval trat seinerseits näher. "Ich kenne Euch", bestätigte er.

Selcai lächelte. "Ihr könnt weiterleben, Fürst Merval", sagte er, "jedoch nicht als Fürst."

Merval zog die Brauen zusammen und entgegnete dem Blick der roten Augen: "Ihr wollt Eurem Stamm einen weiteren hinzufügen, doch das ist nicht so leicht, wie ihr hoffen mögt."

"Aber es ist leicht, Miga Cadime und Kitas zu töten", flüsterte Selcai, "vergesst das nicht! Eure Gemahlin kann mir wenig entgegensetzen."

Merval schloss die Augen. Lebten sie überhaupt noch?

"Entscheidet! Cadime und Kitas oder die Fürstenwürde!"

Und den Stamm Selcai zu überlassen? Aber doch … Merval hatte sich entschieden. "Cadime und Kitas", sagte er leise.

"Dann unterzeichnet!", verlangte Selcai und reichte ihm Papier und Feder. Merval tat es. "Ich danke Euch!", sagte Selcai lächelnd, nahm entgegen, was ihn zum Fürsten der Schagon machte, und teleportierte sich fort.

***

Merval lief zwischen zerstörten Zelten und Felsen umher, fand immer wieder zerschmetterte Körper. Doch Cadime und Kitas fand er nahezu unverletzt.

"Cadime", flüsterte er und schüttelte sie, "Cadime, wir müssen gehen!"

"Sie brauchen uns", verneinte Cadime.

Merval schüttelte traurig den Kopf. "Der Fürst der Neltane war hier", sagte er, "ich bin jetzt kein Fürst mehr."

Cadime griff sich an die Stirn. "Merval! Wer stellt sich ihm entgegen?", fragte sie. "Schon damals konnte er fast alles tun, was er wollte. Wie wird das jetzt, wo er nicht den kleinsten Fehler wiederholen wird?"

"Wir können uns ihm entgegenstellen", sagte Merval, "nur sind wir jetzt hilflos. Wir sind in Gefahr, Cadime, wir müssen gehen!"

Cadime setzte sich auf und achtete darauf, dass Kitas an ihrem Körper blieb. Dann musterte sie Merval mit ihren dunkelblauen Augen. "Zieh dich an, du bist fast nackt!", stellte sie fest. Gemeinsam gingen sie zum Zelt. "Du hast ihn gesehen", sagte Cadime dann, "wie sieht er aus?"

"Wie man es sich erzählt", murmelte Merval, während er Hose und Hemd anzog. "Er sieht nicht wirklich ungewöhnlich aus, wenn man sachlich bleibt."

"Nur weiß jeder, dass er es damals war, der die Insel unter seine Herrschaft bringen wollte", nickte Cadime. "Ich wurde damals von den anderen Kindern für meine Haarfarbe verspottet. Du weißt, deshalb sind meine Haare nun rot."

Merval klopfte den Sand aus den Schuhen und schlüpfte hinein. Cadime legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Wohin sollen wir gehen?", fragte sie, "ich war noch nicht an vielen Orten."

"Dinantera", sagte Merval.

Cadime nickte und tippte mit der Fußspitze in den Sand.

***

Merval sah sich in der Stadt um. Leuchtkugeln hingen an Seilen zwischen den teilweise vier oder gar fünf Stockwerke hohen Gebäuden. Hier in Dinantera hätte sein Stamm mehrfach Platz.

Nein, nicht mehr sein Stamm … Selcais Stamm.

Cadime sah ihn an. "Wir sind nicht sicher, Merval", sagte sie, "aber ich weiß einen Weg, wie wir uns verstecken können."

"Welchen?", fragte Merval.

Cadime lächelte und zog ihn hinter sich her. Merval folgte ihr, voller Staunen über all diese riesigen Bauten in der Hauptstadt von Varisaland. Schließlich standen die beiden vor einer breiten Brücke, die von Soldaten bewacht wurde. Cadime ging zu einem.

"Verzeiht", sagte sie in der Sprache der Varisaländer. "Wir wünschen, den Bergbezirk zu betreten. Ist dies gestattet?"

Der Wächter schlug sein Listenbuch auf und nahm die Feder hinter seinem Ohr hervor.

"Ich trage den Namen Terea, dies ist Naerian und unsere Tochter heißt Anivi", erklärte Cadime. Der Wächter schrieb die Namen nieder und bedeutete ihr und Merval, die Brücke zu überqueren.

"Sehr gesprächig", murmelte Merval.

Cadime führte ihn die Straße entlang und trat schließlich in einen wild von allerlei Pflanzen durchrankten Park. "Wo sind wir hier?", flüsterte Merval. "Was ist das?" Cadime ging weiter, und wenig später erkannte Merval eine kleine Hütte.

"Das ist das Haus von Miga Auris Meschesta", sagte sie leise, "oder vielmehr, es ist das Haus ihres Zauberkessels." Sie hob ihre Hand und berührte den in die Türe eingelassenen Kristallsplitter.

Es dauerte nicht lange, und eine uralte, weißhaarige Frau öffnete die Türe. Sie trug den gelben Regenbogen, das Zeichen der Schmetterlingsfeen, auf der Stirn. Ihre gelben Augen musterten Cadime, Merval und Kitas. "Cadime, du bist ja erwachsen geworden!", stellte Meschesta entzückt fest. "Es ist so viele Jahre her!"

"Miga Meschesta, ich war zwölf, als ich Euch zuletzt sah", sagte Cadime. "Dies sind mein Gemahl Merval und unsere Tochter Kitas."

"Die kleine Kitas", murmelte Meschesta und strich dem Säugling über das Gesicht. "Sie ist ein sehr schönes Kind, ganz wie es ihre Mutter war." Die alte Magierin hob eine Braue und lächelte. "Aber du bist nicht deswegen mitten in der Nacht hier."

"Nein, Miga Meschesta", seufzte Cadime. "Selcai nahm Merval die Fürstenwürde, wir suchen nun Schutz."

"Ich bin erstaunt, dass Selcai ihn leben ließ", sagte Meschesta. "Doch es heißt, er wäre auch früher unberechenbar gewesen. Kommt herein!"

Cadime und Merval folgten der Aufforderung und traten in die kleine Hütte. Meschesta griff in ein Regal und nahm drei kleine Flaschen heraus, eine öffnete sie sogleich. Einen kleinen Teil der Flüssigkeit zog sie in eine Pipette.

Cadime öffnete Kitas' Mund mit einem Finger, und Meschesta ließ den Trank hineintropfen. Einen Augenblick lang geschah nichts, dann begann das Kind zu schrumpfen, und schließlich auch gelblich zu leuchten.

Merval nahm eine der noch vollen Flaschen in die Hand. "Ich will so werden, wie Ihr, Miga Auris Meschesta", sagte er.

Meschesta lächelte versonnen. "Einfach ist das nicht, Merval", flüsterte sie. "Hier ist kein Magier in der Lage, den Mondlichtgesang zu wirken, und ich glaube kaum, dass Ihr Selcai darum bitten könnt."

Merval verzog das Gesicht und trank die Flasche leer, Cadime konnte nicht schnell genug reagieren.

"Beiß die Zähne zusammen, Merval, das wird schmerzhaft", seufzte sie. "Ich heile dich dann." Sie legte den nun winzigen Säugling äußerst vorsichtig auf den Tisch und schlüpfte aus ihrem Hemd. Merval neben ihr schrumpfte schnell, am Rücken waren unter seinem mitschrumpfenden Hemd deutlich die zerknitternden Flügel zu sehen.

"Hier, trink!", sagte Meschesta und drückte Cadime die letzte Flasche in die Hände, dann begann sie selbst, sich zu verwandeln. Cadime atmete tief durch und trank die Flasche leer. "Nun, Cadime, erzähl!", bat Meschesta. "Wann hast du deinen Abschluss gemacht?"

"Das habe ich nicht", sagte Cadime, "ich bin nur eine Hexe, ich lerne ohne Lehrer."

"Wenn du hier im dinanterischen Feenwald bleibst, werde ich dich unterrichten", versprach Meschesta.

Cadime spürte das Prickeln in ihrem Rücken und auf ihrem Kopf, es wuchsen ihr Flügel und Fühler, ebenso wie Meschesta. Schließlich hatten beide Frauen ihre Verwandlung beendet und standen wie Merval am Boden der nun riesigen Hütte.

Cadime half Merval aus seinem Hemd und heilte seine Flügel. Erst dann betrachtete sie ihn. Seine ehemals violetten Haare wiesen nun jenes Hellrot auf, das bei Schmetterlingsfeen so häufig war, und die gelben Augen seines Vaters brachten dessen Erbe der Schmetterlingsfeen zu diesen zurück. Doch trotz der Farben der Schmetterlingsfeen bewies das Zeichen auf seiner Stirn, die helle Gestalt mit ausgebreiteten Armen, dass er als Marcoova geboren war. Meschesta flatterte auf und kam kaum später mit Kitas auf den Armen zurück, Cadime nahm ihre Tochter entgegen.

"Hier seid ihr sicher", sagte Meschesta, berührte Cadime und Merval und teleportierte sie auf einen der Bäume.

***

Merval lag schlaflos in einer Astgabelung und starrte zwischen den Zweigen durch in den Himmel, der Wind pfiff durch die Bäume. Selcai hatte den ersten Schritt nach Norden getan, wie viele würden noch kommen? Jemand musste ihn doch aufhalten!

Damals hatte sich ihm jeder unterworfen und diesmal würde es genauso sein, bis, wie damals, jemand etwas tat. Merval konnte nicht einfach warten, bis jemand etwas tat. Er selbst musste handeln. Selcai war mächtig, aber niemand war unsterblich.

Merval setzte sich langsam auf und runzelte die Stirn. Er konnte nicht teleportieren. Wie brachte man also diese Flügel dazu, sich zu bewegen? Wie auf Kommando begannen die bunten Hautflügel zu vibrieren, und Merval spannte testweise verschiedene Rückenmuskeln an.

"Was habt Ihr vor?", fragte Meschesta. Sie saß auf einem Zweig in der Nähe.

"Ich kann nicht untätig sein", sagte Merval, "Selcai darf nicht herrschen!"

"Nein, das darf er nicht", bestätigte Meschesta. "Aber könnt Ihr denn etwas tun?"

"Das ist nicht die Frage", seufzte Merval, "ihn daran zu hindern, ist meine Pflicht!"

"Es ist Eure Pflicht, Euch umbringen zu lassen?", fragte Meschesta.

"Ihr sagtet, er ist unberechenbar", überlegte Merval. "Vielleicht bringt ein Angriff auf seinen Stolz ihn dazu, mich ohne Magie bezwingen zu wollen."

"Dann könntet Ihr siegen", nickte Meschesta, "doch vielleicht nutzt er dennoch die Magie." Sie streckte ihre linke Hand aus und ließ kurz Flammen über die Fingerspitzen züngeln.

"Wenn es gelingen kann, muss ich es versuchen", sagte Merval. "Bitte helft mir, ich muss ihn finden!"

"Sucht bei Eurem Stamm!", lächelte Meschesta. "Ich werde auf Cadime und Kitas achten."

Merval flatterte auf. "Ich bin winzig und im falschen Land, Miga Auris Meschesta", knurrte er, "ich brauche Hilfe, um dorthin zu gelangen!"

"Es ist nur ein Berg zwischen uns und dem Stammesgebiet der Schagon", sagte Meschesta, "fliegt einfach!" Sie flatterte zu Merval und reichte ihm einen mit Wachs verschlossenen Fingerhut. "Darin ist der Rückverwandlungstrank."

"Fliegen …", flüsterte Merval. "Miga! Sagt Cadime, dass ich nicht verborgen leben kann im Wissen, dass ich vielleicht etwas tun kann."

"Warum sagt Ihr es ihr nicht selbst?", fragte Meschesta.

"Sie würde mich aufhalten", sagte Merval. "Aber es geht mir nicht um mein Leben, nur Cadime und Kitas müssen in Sicherheit sein." Energisch erhob er sich in die Lüfte und drehte sich einmal im Wind. "Sagt ihr, dass ich sie liebe!" Dann umklammerte er den Fingerhut mit beiden Armen und flog gerade nach oben. Der kalte Wind der Nacht umspielte seine Flügel, doch instinktiv wusste der Verwandelte, wie er fliegen musste. Seine dünnen Hautflügel schlugen so schnell, dass er ihnen mit den Gedanken kaum mehr folgen konnte. Fast war es, als flogen die Flügel, ohne ihn zu brauchen.

Merval tanzte als leuchtender Punkt über den Himmel, nutzte jeden Aufwind und jede Luftströmung in die richtige Richtung. Es war nur ein Berg zwischen Dinantera und dem Stammesgebiet der Schagon. Sachte war der erste Schein der aufgehenden Sonne am Horizont zu sehen, als Merval das Zeltlager erreichte, das er noch in dieser Nacht überstürzt verlassen hatte. Die Überlebenden des Steinschlags hatten sich außerhalb gesammelt und berieten. Doch Selcai war nirgends zu sehen.

"Wo seid Ihr …", murmelte Merval und hielt in der Luft still, obgleich der Wüstenwind an ihm zog. Wo war Selcai? Ohne die Stammesmitglieder nutzte ihm die Fürstenwürde nichts. Aus den Augenwinkeln sah Merval ihn schließlich.

Der Fürst stand auf der ersten felsigen Anhöhe und überblickte das Zeltlager und die Stammesmitglieder. Es dauerte nicht lange, bis ihm, obwohl er einfach nur dort stand, die ungeteilte Aufmerksamkeit aller zukam.

Merval unterdessen flog einen kleinen Umweg und landete schließlich zwischen zwei Felsbrocken, kaum vierzehn Schritte von seinem Feind entfernt. Mit dem Daumen durchstach er die Wachsschicht und trank dann den Trank im Fingerhut.

"Mitglieder des Marcoovastammes der Schagon!", rief Selcai. "Ihr alle kennt mich! Ich bin Fürst Miga Selcai der Neltane!"

Merval warf sein Trinkgefäß von sich und ging um den Felsen herum.

Selcai stand mit dem Rücken zu ihm. "Und nun bin ich auch euer Fürst!", verkündete er.

Merval knirschte mit den Zähnen und atmete tief durch. "Das seid Ihr", bestätigte er dann, "durch eine Drohung habt Ihr diese Fürstenwürde erlangt!"

Selcai drehte sich langsam um. "Ihr habt Mut", stellte er fest.

"Ich habe keine Angst vor Euch!", sagte Merval.

Selcai lachte leise. "Das solltet Ihr aber", flüsterte er und trat einen Schritt näher. In seiner linken Hand entflammte Feuer.

"Ohne Magie seid Ihr ein kleiner Mann, Fürst Selcai!", erwiderte Merval spöttisch.

Selcai ließ den Feuerball erlöschen. "Das glaubt Ihr?", lächelte er.

Merval lächelte ebenso. Wie Meschesta gesagt hatte, Selcai war unberechenbar, und man verlor, wenn man das Wahrscheinliche erwartete. "Beweist mir, dass Ihr auch ohne Magie mächtig seid", sagte Merval ruhig.

Selcai behielt sein Lächeln und trat noch zwei Schritte näher. "Das kann ich Euch beweisen!", hauchte er. Seine rechte Faust schnellte vor, Merval blockte mit dem Unterarm. Mit einem Griff hatte der ehemalige Fürst seinen Gegner auf den Boden gezwungen.

"Das könnt Ihr?", fragte er spöttisch und zog seinen Dolch.

Selcai lächelte immer noch und lenkte den folgenden Stich mit dem eigenen Dolch ab. Zwar trug er eine tiefe Wunde an der Seite davon, doch Merval konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Selcai dies geplant hatte.

Und dieser Eindruck bestätigte sich. Selcai hebelte ihn von den Füßen, trotz Erfahrung in diesem Gelände verlor Merval den festen Stand. Kaum später stand der Tyrann selbst über Merval, lächelnd wie zuvor. "Das kann ich!", sagte er ruhig. Lässig zupfte er an seinem weißen Hemd und betrachtete den Blutfleck. Merval biss sich auf die Lippen und rutschte rückwärts, bis er möglichst gefahrlos aufstehen konnte. Wie unberechenbar Selcai wirklich war, erkannte er erst jetzt, als dieser den Dolch einfach fallen ließ und ohne diesen angriff. Merval, noch bewaffnet, konnte sich dennoch kaum richtig verteidigen. Wie töricht war er gewesen, anzunehmen, dass er einen Mann besiegen konnte, der mehr als dreimal so alt war wie er selbst und doch nur halb so alt aussah!

Nur langsam kam Merval zu Bewusstsein, dass er am Abgrund stand. Und Selcai, als wäre er gnädig, hörte auf zu kämpfen.

"Ihr, Merval, seid ein Narr!", knurrte er und gab ihm den letzten Stoß beinahe sanft. Merval starrte in Selcais kalte Augen und seufzte lautlos. Sein Mut hatte ihm nur eines gebracht, den sicheren Tod. Der Felsboden unter seinen Füßen hielt ihn nicht mehr, Merval fiel.

Und er schrie, als wolle er die ganze Insel warnen.

Selcai lächelte nur auf den Sterbenden herab.

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