Der Schrei halte über die weite Ödnis der Ginnara. Adrev verharrte still, starrte in die Dunkelheit und horchte. Der Schrei schien noch eine Ewigkeit in seinen Ohren nachzuklingen.

Draußen hörte er den Wind heulend um das Zelt wehen. In den letzten Wochen hatte kaum ein Lüftchen über die Ebenen geweht, jetzt aber zog und zerrte er an dem Zelt. Unter dem Heulen des Windes konnte er die Wachen draußen reden hören - er konnte noch nicht lange geschlafen haben, sonst wären die Gespräche längst verstummt. Zwei, vielleicht drei Stunden, länger nicht.

Vorsichtig befreite er sich von den Fellen, unter denen er lag, und tastete nach seinem Mantel, zog ihn über, schlüpfte in seine Stiefel und ging nach draußen.

Der kalte Wind blies ihm ins Gesicht, als er die Zeltplane beiseite schlug. Fröstelnd schlang er den Mantel fester um sich und trat nach draußen. Abrupt verstummten die Gespräche. Das Feuer brannte noch hell - Eine Stunde, korrigierte sich Adrev in Gedanken, wenn überhaupt. Gidran und Rond saßen am Feuer, die anderen beiden drehten wohl gerade ihre Runde ums Lager.

"Was war das für ein Schrei?", fragte Adrev mit strenger Stimme und wand sich dabei den beiden Wachen zu.

Ihre Blicke verrieten ihm, dass sie nichts gehört hatten, und einen Moment fürchtete er schon, den Schrei nur geträumt zu haben. Es gab nichts Schlimmeres, als sich vor seinen Männern zu blamieren.

Da antwortete Cô'pga'dere: "Insda'ie schreit. Tut weh." Dabei klopfte er auf seine Brust. "Ist wütend", fuhr er dann nach einer bedeutungsschweren Pause fort, "schlechtes Omen." Dabei schüttelte er bedauernd den Kopf.

Cô'pga'dere saß etwas abseits, außerhalb des Scheins des Feuers, so dass Adrev ihn bisher nicht bemerkt hatte. Sein langes blondes Haar war zu vielen dünnen Zöpfen geflochten, die ihm ins Gesicht hingen. Sein hoher Wuchs und sein langes Gesicht mit der schmalen Nase und den kräftigen Wangenknochen wiesen ihn als einer der Côtai aus, als einer der Wilden, die in den Landen westlich von hier zu Hause waren. Darüber konnte auch seine Kleidung nicht hinweg täuschen, mit der er seine Abstammung zu überdecken versuchte. Cô'pga'dere war ihr Führer auf dem Weg nach Liun. Er war ein ruhiger, nachdenklicher Mann und sprach nicht mehr als nötig. Obwohl er jetzt schon fast einen ganzen Mond mit ihnen unterwegs war, hatte er noch immer keinen Kontakt zu den anderen gefunden. Adrev mochte ihn nicht.

Er gab Cô'pga'dere einen Grunzer als Antwort, warf noch einen Blick in die Runde und ging wieder zurück in sein Zelt. Dieser Schrei machte ihm mehr Sorgen, als er sich eingestehen wollte. Sie waren mitten in der Einöde. Außer ihnen war weit und breit kein Mensch. Adrev wusste nicht, wer oder was dieser Insda'ie sein sollte, von dem Cô'pga'dere gesprochen hatte, aber der Gedanke, dass sie die Wut eines Geistes auf sich gezogen haben könnten, ließ einen eiskalten Schauder seinen Rücken hinunter laufen. Tausend Geschichten schossen ihm durch den Kopf von Leuten, die sich mit Geistern angelegt hatten, und keine hatte ein gutes Ende. Was immer dieser Schrei auch zu bedeuten hatte, hier musste er Cô'pga'dere zustimmen: Schlechtes Omen.

Am nächsten Morgen hatte der Wind noch weiter zugenommen. Ohne Unterlass blies er ihnen aus Nordwesten entgegen und machte ihre Reise entlang der westlichen Ausläufer des Edacoan Revên1 Richtung Norden noch beschwerlicher, als sie eh schon war. Bald mussten sie die Cargavez, die fruchtbaren Ebenen südlich von Liun erreichen. Fruchtbar, dachte Adrev verächtlich, wenigstens fruchtbarer als dieses verfluchte Land, dessen gelbes vertrocknetes Gras seit Wochen das einzige war, das ihre Pferde zu essen bekamen. Sollen sie erst einmal die Ebenen erreicht haben, dann würde es nicht mehr lange dauern, bis sie Liun erreichen.

Sie waren nach Norden aufgebrochen, weil Adrevs Herr, der Vaicje von Aidenra, Adrev angewiesen hatte, sich mit dessen Handelspartnern in Liun zu treffen - es ging natürlich wieder mal ums Gold. Seine Goldminen waren alles, was Liun zu bieten hatte, aber es hatte aus dem kleinen Dorf am Rande der Zivilisation eine reiche Handelsstadt gemacht.

Sie waren jetzt schon seit über einem Mond unterwegs, und Adrev spürte jeden Tag dieser Reise in seinen Knochen - er wurde zu alt für solche Sachen. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, warum der Vaicje ihn geschickt hatte, und keinen der Jüngeren wie Vjer oder Mircord. Andererseits war dieser Auftrag eine große Ehre für ihn, wenn man bedachte dass er …

"Herr, seht dort!" Die aufgeregte Stimme des Soldaten riss Adrev aus seinen Gedanken. Der Soldat - Darjin war sein Name - war kurz hinter Adrev geritten und zeigte nun aufgeregt nach Westen. Zunächst konnte Adrev nichts erkennen, aber nach kurzer Zeit entdeckte er eine kleine Staubwolke am westlichen Horizont. "Cunas Kleid!" Das konnte nicht wahr sein.

Das konnte nur ein Reitertrupp sein, aber sie waren noch weit außerhalb von Liuns Grenzen. Das bedeutete, dass es sich nur um Côtai handeln konnte, aber so weit im Osten? Vielleicht, überlegte Adrev, waren sie auf dem Weg zu den Dörfern in der Cargavez, um ihre Wintervorräte mit den Tieren der Bauern dort aufzubessern. Adrev hoffte nur, dass man sie nicht gesehen hatte und in Ruhe ließ. Mit ihrem Tross hatten sie keine Möglichkeit, den Reitern zu entkommen, und auch wenn er nicht den geringsten Zweifel daran hegte, dass sie einen Kampf gegen diese Wilden gewinnen würden, so würde der Sieg doch große Verluste auf ihrer Seite fordern. Nein, ein Kampf konnte wirklich nicht in ihrem Interesse sein.

"Ho, schneller, Männer, schneller! Ihr habt eure Beine nicht zum Ausruhen bekommen, also benutzt sie!", rief er über die Köpfe seiner Männer hinweg, um sie anzuspornen, und lenkte sein Pferd nach Osten, um den Nomaden auszuweichen. Der ganze Trupp hinter ihm fiel in einen leichten Trab. Er betete zu Fire, dass ihnen dieser Kampf erspart bliebe.

Die Sonne stand hoch am Himmel, als Adrev sich schließlich eingestand, dass der Reitertrupp sie entdeckt und die Verfolgung aufgenommen hatte. Die Staubwolke hinter ihnen war schon bedeutend näher gekommen, und hin und wieder konnte Adrev ein Pferd mit Reiter aus ihr hervorblitzen sehen. Bei ihrem Tempo konnte es nicht mehr als zwei Stunden dauern, bis man sie eingeholt hatte - es hatte keinen Sinn, weiter zu fliehen.

Adrev riss seinen Arm in die Höhe. Um seinen Trupp zum Stehen zu kriegen. "Fertigmachen zum Gefecht! Marschgepäck abgelegt und in Linie angetreten! Arlez zu mir!", brüllte er nun seine Befehle.

Arlez, ein großer breitschultriger Mann, wendete seinen braunen Hengst und ritt auf Adrev zu. Er trug ein altes Kettenhemd ekioner Machart, das von einem grün-weißem Wappenrock überdeckt wurde, der ihn als Rjen - als Feldweibel - auswies.

Als Arlez bei ihm angekommen war, fragte Adrev ihn abrupt: "Was denkst du?"

Nachdem dieser kurz seinen Blick über das Land und den Hügel schweifen lies, auf dem sie standen, antwortete Arlez: "Der Platz ist nicht sonderlich gut, aber wir werden hier keinen besseren finden. Wir haben den Wind im Rücken, das wird uns etwas helfen. Wir werden Blut lassen müssen, aber letztendlich sind es nur Wilde. Sie sollten kein allzu großes Problem sein."

Adrev nickte, die Antwort entsprach seinen eigenen Einschätzungen, und er hatte keine andere erwartet. Allerdings war er nicht ganz so optimistisch wie Arlez, was den Ausgang der Schlacht anging. Keiner von ihnen hatte je gegen die Côtai gekämpft, und keiner kannte ihre Taktiken. Es würde mehr als etwas Blut auf ihrer Seite fließen, bevor sie weiterziehen konnten.

Nachdem er Arlez noch instruiert hatte, sich um den Tross zu kümmern, lenkte Adrev sein Pferd auf die Soldaten zu, um ihnen Anweisungen für die nun folgende Schlacht zu geben.

***

Mit donnernden Hufen stürmten die Pferde der Côtai auf sie zu. Gleich würden sie da sein. Ein Gebrüll erhob sich unter ihnen. Surrend flogen Pfeile auf die Reisenden zu. Adrev riss sein Rundschild hoch, da schlugen auch schon die ersten Pfeile ein. Ein Pfeil durchschlug sein Schild und trat keine Handbreit von seinem Arm aus dem Holz heraus. Neben sich hörte er die Schreie der Getroffenen. Als der Pfeilhagel vorüber war, ließ er sein Schild wieder sinken. Die Côtai waren fast da.

"Speere auf!", brüllte er über die Köpfe seiner Soldaten, die mit der Präzision langjähriger Erfahrung gleichzeitig ihre Speere hoben und so einen fast undurchdringlichen Wall erzeugten. Davon scheinbar beeindruckt rasten die Côtai weiter auf sie zu. Adrev glaubte nicht, dass sie in der Lange wären, diesen aussichtslosen Angriff abzubrechen. Es schien sich mehr um eine wilde Meute zu handeln als um eine organisierte Gruppe, aber ehrlich gesagt hatte er nichts anderes erwartet.

Seine Einschätzung sollte ihn trügen. Kurz bevor die Meute die Soldaten erreichte, schwenkte sie plötzlich zu beiden Seiten ab und ritt seitlich an ihnen vorbei, schleuderte ihre Speere und überrumpelte so die Soldaten, die ihre Kraft auf einen Frontalangriff der Côtai ausgerichtet hatten. Adrev verfluchte sich innerlich für seine Leichtfertigkeit und ebenso ihren Mangel an Bogenschützen, aber er würde die Verluste, die sie ihnen zugefügt hatten, mit Zins und Zinseszins aufrechnen. Adrev brüllte seine Instruktionen, und die Côtai kamen zurück. Sie ritten noch ein paar Wellen, aber nun waren die Adrevs Soldaten besser vorbereitet und konnten den Angriffen besser standhalten, und es gelang ihnen trotz ihrer gezwungenermaßen passiven Stellung, den Côtai einige schmerzhafte Verluste zuzufügen. Als die Côtai nach zwei minder erfolgreichen Angriffen gewendet hatten und wieder auf sie zustürmten, verbreiterten sie mit einem Male ihre Front.

Bei den bisherigen Angriffen hatten sie die angreifbare Front möglichst klein gehalten, um den wenigen Bogenschützen, über die Adrev verfügte, keine Angriffsfläche zu bieten, doch jetzt fächerten sie sich weit auf, so dass ihre Front deutlich breiter wurde als die von Adrevs Truppe.

Zum ersten Mal meinte Adrev, nun in der gleichförmigen Masse der Reiter auch ihren Anführer ausmachen zu können. Er ritt jetzt in der ersten Reihe der Côtai und preschte auf die Speerwand der Soldaten los. Adrev war schleierhaft, wie er ihn vorher hatte übersehen können, stach er doch durch seinen hohen, mit einem Pferdeschweif besetzen Lederhelm und die bunten, im Wind flatternden Bänder an seiner Kleidung unter den anderen hervor.

Diese Erkenntnis hatte Adrev nur einen Augenblick gekostet, doch dieser Augenblick sollte vielleicht die Schlacht entscheiden, denn so merkte Adrev einen Augenblick zu spät, dass die Reiter an den äußeren Seiten ihre Bögen spannten, während die Reiter in der Mitte weiter mit gezückten Speeren auf sie zugaloppierten.

Als Adrev der Situation gewahr wurde, öffnete er den Mund, um neue Instruktionen zu verteilen, doch bevor er auch nur einen Befehl rufen konnte, gingen schon die Pfeile auf sie nieder und die Soldaten rissen ihre Schilde zum Schutz hoch. Kaum waren die Pfeile auf sie niedergegangen, da waren die Côtai auch schon über ihnen und durchbrachen ihre Reihen.

Adrev brüllte Befehle, doch keiner hörte ihn im nun herrschenden Chaos. Mit einem Mal waren sie auch bei ihm angelangt. Ein Reiter mit wutverzerrtem Gesicht ritt, eine große längliche Keule schwingend, direkt auf ihn zu.

Adrev riss sein Schild hoch, doch er war zu langsam und die Keule des Reiters fuhr auf seinen Kopf nieder und nur der Tatsache, dass er im letzten Moment versuchte, seinen Kopf wegzudrehen, war zu verdanken, dass sie ihn nicht mit voller Wucht traf, sondern nur seine Schläfe streifte. Adrevs Kopf wurde von der Wucht des Schlages nach hinten geschleudert und plötzlich wurde alles schwarz um ihn.

Die ganze Welt schien zu beben, und mit jeder Erschütterung breitete sich der Schmerz in Adrevs Kopf weiter aus, so dass er schier davon zu platzen schien.

Die Welt war schwarz und schien nur aus ihm und seinem Schmerz zu bestehen und den sich ständig wiederholenden Erschütterungen. Er versuchte, sich zu bewegen, doch er schien keine Kontrolle über seine Glieder zu haben. Er versuchte, die Augen zu öffnen, doch sie gehorchten seinen Befehlen nicht. Nach scheinbar endloser Zeit begannen sich andere Wahrnehmungen durch die Mauer aus Schmerz zu bahnen.

Er hörte Geräusche, wie dumpfe Schläge - sie schienen seltsam vertraut, doch er konnte sie nicht einordnen -.und weit entfernte Stimmen. Dann roch er etwas, einen strengen, doch angenehmen Geruch. Auch dieser war vertraut.

Es roch nach Pferd. Und mit einem Mal konnte er auch die Geräusche wieder zuordnen. Es waren Hufschläge von Pferden.

Langsam kam die Erinnerung zurück, Der Kampf, der Reiter. Ihr Götter!

Die Erschütterungen, das ständige Auf und Ab hatten nicht aufgehört, und doch gelang es Adrev mehr und mehr, den Schmerz zumindest soweit ignorieren, dass er sich auf andere Sachen konzentrieren konnte.

Nachdem er noch eine Zeit geruht hatte und die langsam wiederkehrenden Wahrnehmungen auf sich wirken ließ, versuchte er sich aufzurichten, doch seine Arme versagten ihren Dienst. Er brauchte einige Zeit, bis er realisierte, dass dies nicht an seiner Schwäche lag, sondern an der Tatsache, dass seine Hände gefesselt waren.

Mühsam öffnete er die Augen.

Er lag rücklings auf einem Pferd, die Arme auf den Rücken gebunden. Das erste was er sah, war der Kopf eines Pferdes, nur wenige Handbreit von seinem Kopf entfernt. Auf dem Pferd saß ein Hüne von einem Mann. Die blonden Haare waren, wie bei den Côtai üblich, zu zwei dicken Zöpfen geflochten und mit den restlichen Haaren nach hinten gebunden worden. Sein Gesicht war blutverschmiert, obwohl er offensichtlich nicht verletzt war.

Als der Côtai merkte, dass Adrev zu sich gekommen war, verzog er seinen Mund zu einem hochmütigen Grinsen und warf ihm ein paar Worte entgegen.

Die Sprache der Côtai klang hart in Adrevs Ohren. Er hatte sie ein paar Mal gehört, wenn Cô'pga'dere in seine Sprache verfiel, und hatte sie damals schon nicht gemocht. Es war die primitive und ungehobelte Sprache eines verabscheuungswürdigen Menschenschlages. Jetzt, aus dem Munde dieses Barbaren, klang sie ihm wie das geifernde Knurren eines Hundes, der einem anderen einen alten Knochen abspenstig machen wollte.

Seufzend schloss Adrev wieder seine Augen. Er wusste nicht, wie er die Schlacht überlebt hatte, aber er war offensichtlich ein Gefangener, und so sehr ihm dass missfiel, er konnte doch im Moment nichts unternehmen. Auch fühlte er sich viel zu schwach, um auch nur über die Möglichkeiten, die sich ihm vielleicht böten, nachzudenken.

***

Als Adrev das nächste Mal zu sich kam, war es dunkel um ihn. Die Schmerzen im Kopf hatten etwas abgenommen. Der etwas zweifelhafte Vorteil davon war, dass sein linkes Bein nun angefangen hatte zu schmerzen. Adrev spähte in die Dunkelheit, doch er konnte nichts erkennen. Er horchte. Draußen pfiff der Wind um das Zelt, ansonsten war alles ruhig.

Wahrscheinlich war er in einem Zelt im Lager der Côtai. Er saß auf dem nackten Erdboden und war mit Stricken an einen Pfahl gebunden worden. Adrev versuchte, sich zu bewegen, doch die Seile, mit denen er gefesselt war, ließen ihm keinen Spielraum. Seufzend lehnte er sich an den Pfahl.

Was in Fires Namen war nur schiefgelaufen? So nahe am Gebirge hätten sie gar nicht auf Côtai stoßen dürfen! Und sie hätten schon gar nicht die Dreistigkeit haben dürfen, mit so eindeutig kriegerischer Absicht so weit ins Land einzudringen! - Andererseits, gestand sich er ein, hatte er wohl den Mut und das kriegerische Können dieser Wilden unterschätzt. Die Leichtigkeit, mit der sie seinen sicher geglaubten Sieg in eine vernichtende Niederlage umgewandelt hatten, ließ ihn vor Scham erröten. Aber, bei allen Göttern, sollte er noch einmal die Gelegenheit bekommen, dann würde er diesen Barbaren zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt war! Im Moment war er vielleicht der Gefangene dieser Bestien, aber ihm würde die Flucht gelingen, das schwor er sich.

***

Adrev erwachte, als die Zeltplane mit einem Ruck beiseite geschoben wurde und ein mit einem Speer bewaffneter blondhaariger Hüne eintrat. Ihm folgte eine junge, ebenfalls blonde Frau. Beide trugen einfache, aus Wildleder genähte Kleidung, die mit Perlen verziert und, im Falle der Frau, mit roten und gelben Mustern bestickt war. Der Mann blieb ein paar Schritt vor ihm stehen und senkte seinen Speer, so dass dessen Spitze vor Adrevs Kehle zum Stehen kam. Adrev bemerkte, dass er einen großen Dolch bei sich trug, den er offensichtlich einem von Adrevs Leuten abgenommen haben musste.

Die Frau kniete sich vor ihm nieder und begutachtete sein Bein. Jetzt, da die Sonne am Himmel stand und durch den offenen Zelteingang hineinschien, konnte er sehen, dass sein gesamter Oberschenkel verbunden worden war. - Wenigstens hatten sie anscheinend nicht die Absicht, ihn hier jämmerlich verrecken zu lassen.

Inzwischen hatte die Frau ihn von dem Verband befreit, und er sah nun, dass sein gesamter Oberschenkel von oben bis unten aufgerissen war und das Fleisch hervor trat. Die Frau hatte nun eine seltsam gelbliche Paste aus einem Beutel hervorgeholt und begann, sie auf seinem Bein zu verteilen. Die Salbe brannte wie tausend Feuer, aber Adrev verzog keine Miene. Er würde ihnen kein Anzeichen von Schwäche geben.

Nachdem die Salbe verteilt war, holte die Frau zwei Knochen von jeweils ungefähr einer halben Elle hervor und begann, diese rhythmisch über seinem Bein zusammenzuschlagen, während sie einen monotonen Singsang anstimmte.

Adrev beobachtete das Geschehen mit wachsendem Unbehagen und blickte sich ängstlich im Zelt um. Er erinnerte sich an diese Sache, die Cô'pga'dere gesagt hatte. Sie sei wütend.

Was war, wenn er Recht gehabt hatte? Er hatte genug Geschichten über die Côtai gehört, dass sie dunkle Geister riefen und mit ihnen schwarze Pakte eingingen. Ein Abend in einer belieben Taverne in Aidenra oder irgendwo im Umland, und man hörte genug solcher Geschichten. Wenn nur die Hälfte von ihnen wahr waren - und daran hatte Adrev nicht den geringsten Zweifel - dann waren die Côtai die verderbtesten Menschen, von denen er je gehört hatte.

Er war wirklich kein Mensch, dem man leicht Angst einjagen konnte. Aber er würde lieber alleine gegen 100 schwer bewaffnete Männer kämpfen, als auch nur einem Geist gegenüberzustehen. Es hieß, sie würden einen dazu bringen, dass man sich selbst verstümmelte oder ungeheuerliche Gräueltaten beging. Er erinnerte sich an die Geschichte von einem Geist, der jahrelang die Menschen in einem Dorf gequält hatte. Immer nachts bei Nebel hatte er sie geholt, hatte ihnen nur kurz in die Augen geblickt, und dann hatten sie ihre ganze Familie umgebracht. Danach hatte der Geist sie losgelassen, aber sie wurden von den Geistern der Ermordeten und ihren eigenen Schuldgefühlen so lange verfolgt, bis sie sich schließlich selbst umbrachten. Nein, mit Geistern war wahrlich nicht zu spaßen.

Die Frau fuhr noch eine Weile mit ihren Beschwörungen fort, aber es schien nichts zu passieren. Nach einiger Zeit hörte sie auf, dann blickte sie Adrev - zum ersten Mal, seit sie das Zelt betreten hatte - in die Augen und sagte einige Worte, die (obwohl er sie selbstverständlich nicht verstand) für Adrev bedrohlich und unheilsschwanger klangen. Dann beugte sich vor und fuhr mit ihrem Zeige- und Mittelfinger zweimal mit starkem Druck über seine Stirn. Danach drehte sie sich abrupt um und verließ das Zelt, gefolgt von dem Hünen.

Die nächsten Stunden vergingen quälend langsam. Er fragte sich, was diese Hexe wohl gemacht hatte, und ertappte sich bei dem Gedanken, dass er es bevorzugt hätte, wenn seine Befürchtungen eingetreten und irgendein Geist erschienen wäre, dann hätte er nun zumindest Gewissheit, doch er verbot sich solche Gedankengänge und verbannte sie aus seinem Kopf.

Nach einigen Stunden kamen zwei Männer zu ihm. Sie befreiten ihn vom Pfahl, fesselten seine Hände aber wieder sofort und führten ihn nach draußen, wobei sie Adrev gezwungenermaßen stützen mussten, da er aufgrund seines Beines kaum laufen konnte.

Der Anblick, der sich ihm dort bot, überraschte ihn. Das Lager schien eher ein Dorf zu sein. Er sah an die zwanzig Rundhäuser, die anscheinend anstatt mit Holz mit Filz verkleidet worden waren. Daneben gab es noch eine Handvoll etwas kleinerer Zelte, die aus Tierhäuten gefertigt worden waren, wie das Zelt, in dem man ihn untergebracht hatte. Das eigentlich Verwunderliche aber war, dass die Côtai anscheinend gerade dabei waren, eben diese Rundhäuser abzubauen und auf kleine, lange, zweirädrige Wagen zu verladen.

Seine beiden Begleiter führten Adrev hin zu einem alten abgestorbenen Baum und bedeuteten ihm, dort stehenzubleiben. Von dieser Stelle hatte Adrev einen recht guten Überblick über das Lager und war erstaunt, wie schnell der Abbau vonstatten ging, auch wenn der Abbau der großen Filzplanen durch den immer noch heftig wehenden Wind teilweise deutlich erschwert wurde.

Nach kurzer Zeit war das Holzgestell, das die Rundhäuser aufrecht gehalten hatte, auf die kleinen Karren verladen und die verschiedenen Planen, die Wände und Dach gebildet hatten, auf Pferde verteilt. Vorräte, Werkzeuge, Felle und Hausrat wurden verstaut. Eine große Herde von Pferden, die etwas abseits gegrast hatte, wurde von mehreren Reitern zusammengetrieben.

Schließlich, als nahezu alles verstaut war, wurde er zu einer alten Stute geführt, die ihre besten Tage schon lange hinter sich gebracht hatte, und man deute ihm, aufzusitzen. Seine Begleiter saßen ebenfalls auf, auch wenn ihre Pferde von ungleich besserer Statur waren.

Adrev vermutete, dass die Reise weiter nach Westen gehen sollte, hinein in die Amacara, die westliche Steppe, die die Côtai ihr Zuhause nannten, und damit weiter weg von dem Einfluss Liuns. Nun, das war an sich nicht weiter verwunderlich, was Adrev allerdings beschäftigte, war die Eile, die sie an den Tag legten. Er hätte erwartet, dass sie - da sich das Lager doch sicher ein ganzes Stück abseits von potenziellen Kampfgebieten befand - sich die Zeit nehmen würden, damit die Tiere sich erholen und die Verwundeten auskuriert werden konnten. Die Tatsache, dass sie es so eilig hatten, konnte nur heißen, dass sie verfolgt wurden - wahrscheinlich von einer Grenzpatrouille Liuns, schlussfolgerte Adrev.

Das war seine Chance. Wenn er es irgendwie schaffte, sich von dem Trupp zu lösen, ohne dass sie sein Verschwinden sofort bemerkten, so hatte er einerseits eine gute Chance, auf die Patrouille zu stoßen, wenn sie den Spuren der Côtai folgten, und andererseits war - selbst wenn er nicht auf die Patrouille stoßen sollte - die Wahrscheinlichkeit, dass die Côtai zurückreiten würden, um ihn zu holen, doch sehr gering, wo sie doch einen Verfolger im Rücken hatten.

Der Ritt nach Westen war für Adrev sehr leidvoll. Zum einen hatte sich sein Kopf noch nicht von dem Treffer, den er bei der Schlacht erhalten hatte, erholt, und jede Erschütterung bereitete ihm Schmerzen, und zum zweiten scheuerte beim Ritt seine Beinwunde die ganze Zeit am Körper des Pferdes, wodurch diese wieder aufriss. Dennoch versuchte Adrev, sich nichts anmerken zu lassen, und wartete auf eine Gelegenheit, sich unbemerkt davonzustehlen.

Die Dämmerung kam früh, und der Wind hatte zum Abend hin weiter zugenommen und blies ihnen jetzt mit ganzer Kraft ins Gesicht. Adrev kniff die Augen zusammen und versuchte, den pochenden Schmerz hinter seiner Schläfe zu ignorieren.

Da hörte er das entsetzte Wiehern einiger Pferde hinter sich, gefolgt von einigen gebrüllten Befehlen.

Adrev drehte sich um. Offenbar waren einige der Pferde aus der Herde, die hinter ihnen hergetrieben wurde, durch irgendetwas erschreckt worden. Die Treiber, die dafür sorgten, dass die Herde zusammenblieb, versuchte, die Pferde zu beruhigen, doch da stürmten schon die ersten Pferde los und suchten ihr Heil in der Flucht. Sofort war Adrev hellwach.

Kaum waren die ersten Pferde losgeprescht, war auch schon die ganze Herde in Bewegung. Laut donnerten ihre Hufe über den harten Boden der Steppe, als die Herde direkt in den Zug der Côtai stürmte. Verzweifelt versuchten diese, die aufgebrachten Pferde unter Kontrolle zu bringen oder wenigstens die eigenen Güter zu schützen. Doch es war vergebens. Die Herde galoppierte weiter und riss dabei Wagen um und trampelte jene nieder, die ihr im Weg standen. Auch einige der Reiter verloren die Kontrolle über ihre Pferde und wurden mitgerissen in den flüchtenden Strom. Auch Adrevs Stute wurde nervös und begann, unruhig von einem Bein aufs andere zu treten, während um sie herum das Chaos ausbrach. Plötzlich bäumte sie sich wiehernd auf, und Adrev, der sich aufgrund seines verletzten Beines nicht halten konnte, landete unsanft auf der Erde.

Im ersten Moment drehte sich alles um ihn, und erst nach ein paar Momenten gelang es ihm, sich wieder soweit zu fangen, dass er sich orientieren konnte.

In diesem Moment trat der Huf eines Pferdes nur wenige Fingerbreit vor seinem Gesicht auf den Boden. Eilig raffte er sich auf und versuchte dabei möglichst gut, die aufkommenden Schwindelgefühle zu ignorieren. Zweimal stolperte er über einen Côtai, der leblos am Boden lag, doch schließlich gelang es ihm, aus dem Tumult zu entkommen.

Jedoch in dem Moment, in dem er meinte, sicher zu sein, hörte er, wie eine Stimme hinter ihm etwas sagte, und spürte seine feste Hand auf der Schulter.

Er drehte sich um, und hinter ihm stand einer der beiden Wachen, die ihn den ganzen Weg eskortiert hatten.

Adrev hatte keine Ahnung, wie der Kerl in dem Durcheinander bemerkt hatte, dass er entwischt war, aber letztendlich war das auch egal. Er dachte nicht lange nach, sondern packte den Mann an den Armen und rammte ihm sein gesundes Bein ins Gemächt.

Der Mann, sichtlich unvorbereitet, sackte in sich zusammen, und Adrev nutzte die Gelegenheit, noch mal nachzutreten. Doch zu seiner Überraschung hatte sich sein Gegner schon wieder soweit gefangen, dass er in der Lage war, Adrevs Tritt mit seinen Händen abzufangen und festzuhalten. Der Griff war nicht fest und normalerweise hätte sich Adrev wohl ohne Probleme aus ihm befreit, aber heute stand er auf einem schwer verletzten Bein, und das konnte die unerwartete Gewichtsverlagerung nicht auffangen. Kaum dass sich Adrev versah, lag er auch schon auf dem Boden.

Der Côtai richtete sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Ein hasserfülltes Blitzen lag in seinen Augen, als er ein langes Messer zückte, das hinten in seinem Gürtel gesteckt hatte. Auch Adrev kam langsam wieder auf die Beine.

Er stand kaum, da griff der Côtai ihn auch schon an. Mit Mühe konnte er ausweichen, indem er sich zur Seite warf und den Stich ins Leere gehen ließ. Innerlich verfluchte er sein verletztes Bein, das ihn im Moment mehr hinderte als nützte.

Adrev wollte sich gerade aufrichten, da durchzuckte ein stechender Schmerz seinen rechten Arm und ließ ihn unter dem Gewicht von Adrevs Körper zusammensacken. In seinem rechten Oberarm steckte das Messer des Côtai, das dieser zielsicher geworfen hatte. Plötzlich war der Côtai über ihm und schlug wild auf den nun beinahe hilflosen Adrev ein.

Adrev merkte, wie ihm langsam die Sinne schwanden. Er war schon längst nicht mehr in der Lage, sich zu wehren, dennoch schlug der Côtai immer weiter auf ihn ein. Trotzdem schien der Schmerz nicht zu-, sondern abzunehmen, so als würde sein Körper den Schmerz nicht mehr wahrnehmen, so als wäre es gar nicht sein Schmerz, sondern der Schmerz jemand anderes. Die Welt um ihn herum schien irgendwie weiter wegzurücken. Die Bilder wirkten weit entfernt und unecht, die Geräusche klangen dumpf.

Alles verblasste.

Alles war so weit weg.

Der Hufschlag der Pferde rückte in immer weitere Ferne, bis er schließlich verstummte, genauso wie das Wiehern und die Rufe der Côtai.

Und am Ende verstummte sogar der Wind.

 


1 Ein Gebirgszug, der die "zivilisierten" Länder im Osten von der westlichen Ödnis mit ihren Nomadenstämmen trennt.

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