Wochenende

(von Veria)

Langsam, langsam, weicht die nächtliche Dunkelheit dem zögerlichen Grau der ersten Morgenstunden. Das erste Adventskalendertürchen hebt sich zunächst nur schwach von der umgebenden Dunkelheit ab. Doch dann errötet der Horizont immer mehr, und die Sonne schickt ihre Strahlen aus. Sie hauchen der Welt Farbe und Leben ein, und durchdringen das Adventskalendertürchen so mühelos als sei es aus Fensterglas…

Helle Sonnenstrahlen drangen durch die großen Fenster und durch die kunstvoll gestickten Seidenvorhänge, dann tanzten sie durch die Gläser der achtlos abgelegten Brille und zeichneten ihren Fokus auf das helle Holz des Schreibtisches. An der Schrankwand hüpfte ein Lichtpunkt hin und her, wann immer die Taschenuhr auf dem Bauch des im Sessel schlafenden alten Mannes sich mit dessen Atem bewegte. Auch die goldene Borte an seinem waldgrünen Samtjackett glänzte im Sonnenlicht, die seitlich an der Hüfte auftragslos baumelnde Gürtelschnalle klimperte vereinzelt leise und der offene Hosenknopf versteckte sich unter der beachtlichen Wampe, die auch die Knöpfe des roten Hemdes deutlich strapazierte.
Das Gesicht des Mannes war vom Alter gegerbt und zerknittert, eine rotbraune Perücke saß schief auf der dünnen grauen Strubbelfrisur, und auf der Perücke ein edelsteinbesetztes Prachtstück von Krone.

Mit einem Mal ging die eine weisse Türe auf, ein wirbelnder Meter in einem roten Kleid flitzte hinein, knallte die Türe zu, rannte durch den Raum, riss die andere weisse Türe auf und knallte sie hinter sich ebenfalls wieder zu. Das wiederholte sich auch sogleich mit einem wirbelnden Meter in einem blauen Kleid, und damit war der alte Mann wach.
Die eine weisse Türe öffnete sich wieder, ein halber Meter in einem gelben Kleid hing an der kaum erreichbaren Türklinke, tappte dann um die Türe herum und schob sie energisch wieder zu: Knall.
"Lianna!", donnerte der alte Mann, "Was habe ich euch gesagt?"
"Guten Morgen, Opa", sagte das Mädchen artig, ignorierte aber den Ausbruch und rannte zur anderen Türe.
"Lianna!"
"Ja, Opa?"
"Das hier ist das Arbeitszimmer!", erklärte er, "Das Spielzimmer ist im Nordflügel!"
"Und das Schlafzimmer auch!", gab Lianna frech zurück, streckte sich nach der Türklinke und zog die Türe auf. Und schon war sie weg, die Türe blieb offen.
Der alte Mann zog möglichst seinen Bauch ein, zwängte die Hose zu und schloss den Gürtel, dann rückte er auch noch Perücke und Krone zurecht. So war er bereit, den roten Wirbelwind beim nächsten Durchgang an der ersten Türe abzufangen und am Ohr zu packen.
"Aua, Opa, wir haben doch gar nicht gekreischt und geschrien!", protestierte das Mädchen.
"Aber mit den Türen geknallt, Mariket."
"Tschuldigung, Opa." Mariket befreite ihr Ohr und rannte zur zweiten Türe, die sie hinter sich zuknallte.
"Jaja ...", seufzte der alte Mann und verließ kopfschüttelnd das Arbeitszimmer.

"Guten Morgen, Majestät", grüßte ein Bediensteter.
"Guten Morgen, Levan."
"Ich hoffe, Majestät haben gut geschlafen."
"Aber ja, aber ja, nur, vielleicht sollten Schalldämpfer in den Türen erwogen werden."
"Sehr wohl, Majestät." Levan verneigte sich knapp und beide setzten ihren jeweiligen Weg fort.

"Ah, Papa", kam eine Dame im engen Reitanzug herbei, "bist du auch wach."
Der alte Mann kratzte sich verlegen am Hals und griff mit der anderen Hand nach seiner Taschenuhr, es war schon mitten am Vormittag. "Gute Güte! Wir waren aber doch nicht heute zum Ausritt verabredet?"
"Du hast Glück, nein", schmunzelte sie, "Woran hast du denn so lange gearbeitet?" Er seufzte leise und schlurfte kopfschüttelnd weiter. "Nichts? Du gehst zum schlafen ins Arbeitszimmer?"
"Ach, Mardina, natürlich nicht", murmelte er, "Ich habe gelesen."
"Was denn?"
"Heimat der roten Sterne."
"Seichter Kitsch", bemerkte Mardina.
Er zögerte einen Moment, dann nickte er: "Seichter Kitsch. Aber ich bin zu alt für tiefgründige Literatur."

"Guten Morgen, Majestät", grüßte der Tafelmeister, als Vater und Tochter den prächtigen, aber menschenleeren Saal betraten. Für vierhundert Menschen wäre Platz, gedeckt war für sieben und einer der prächtigen Sessel war durch einen einfachen hölzernen Hochstuhl vom Möbelhaus ersetzt.
Der alte Mann setzte sich ächzend und verhedderte seine Füße für einen Moment im langen Tischtuch.
In den nächsten Minuten trudelte auch fast der ganze Rest der Familie ein, schließlich trugen zwei Bedienstete das Frühstück auf. Obst und Brot und Käse für die Erwachsenen und das Mädchen im roten Kleid, Joghurt mit Nussgetreideflocken aus der bunten Pappschachtel mit tollem Gewinnspiel für Adea mit dem blauen Kleid und die Jüngste im Hochstuhl.
Der Tafelmeister verneigte sich knapp und wies fragend auf einen Sessel.
"Nur zu", sagte der alte Mann und der Tafelmeister setzte sich.
"Majestät, Meran hat gesagt, dass der Nyc-Botschafter schon wieder einen Aufstand macht, weil es ihm nicht passt, dass die Leute demonstrieren."
"Pah ... hat der seinen Chef überhaupt schon angerufen?", grummelte der Alte.
"Mit Sicherheit nicht. Majestät, soll Meran ein Schreiben aufsetzen, damit das auch ankommt?"
"Jaja", nickte er zwischen zwei Bissen, dann fuhr er mit vollem Mund, aber dennoch deutlich fort: "Dyacel Castass Lynida, Kaiser von Lyn, Herzog von Pipapo, Erzgraf Dings und so weiter, der dem Parlament von Tecandria in Nycobet seine volle Wertschätzung et cetera versichert, weist ernst darauf hin ..." Noch ein Bissen und begleitend eine Sprechpause. "... dass der Abschuss des lynidischen Rettungsbootes Sowieso trotz gegebener Hinweise ... dieHinweise sind wichtig, Beweise sind es keine! ... auf eine Übernahme durch Terroristen der sogenannten Dinaman-Bewegung, immer noch einen aggressiven ... äh ... Luyen, helfe er mir bitte!"
"Immer noch einen aggressiven Akt gegenüber dem lynidischen Volk und Staat darstellt, Majestät."
"Genau, Luyen. Danke."
Der Tafelmeister schaltete das Diktiergerät aus. "Ich gebe das Band an Meran weiter", sagte er.
"Ja, tue er das", nickte Kaiser Dyacel.
"Sehr wohl, Majestät." Luyen erhob sich, verneigte sich knapp und ging.
"Die Nycs sind doof", tat Mariket im roten Kleid grimassierend kund.
"Doof doof doof doooooof", wiederholte die kleine Lianna und patschte ihren Löffel in ihre Frühstücksflocken, dass die Milch spritzte.
"Unsinn", sagte Mardina, die Mutter der drei Mädchen, und ihr Gatte Darestan ergänzte: "Die haben halt Angst vor Dinaman, denn die sprengen Sachen und Leute in die Luft."
"Die Nycs sind trotzdem doof", beharrte Mariket, "Wir sind ja nicht Dinaman."
"Mariket!", tadelte Mardina, "Das macht sie nicht doof! Los, erklär mir, was Dinaman will und warum die Nycs dagegen sind!" Das Mädchen zog ausgiebig eine Schnute, griff nach einem Veloraschnitz, tauchte ihn in Karamellcreme und biss ab. "Mariket, Antwort!"
"Mamaaa ...", seufzte Mariket als ganz kurze Unterbrechung ihrer schmatzenden Tätigkeit.
"Wo sind die Nycs?", fragte Darestan streng und klopfte mit seiner Gabel auf den Tisch.
"Ganz im Norden."
"Der Staat heißt?"
"Tecandria."
"Hauptstadt?"
"Nycobet."
"Sehr gut", nickte Mardina, "Und Dinaman? Wo sind die?"
Mariket rollte mit den Augen. "Überall!"
"Nein."
"Na gut, fast überall", grummelte sie und rutschte fast vom Stuhl, "Sind bestimmt bei uns auch welche ..."
"Das meint deine Mutter nicht", brachte sich Darestan wieder ein, "Sie meint, dass sich Dinaman aus der tecandrinischen Politik entwickelt hat."
Triumphierend setzte sich Mariket wieder ganz auf. "Na sag ich doch! Die Nycs sind ganz selber schuld! Die haben ihre Politik halt so blöd gemacht, dass es jetzt Dinaman gibt." Darestan und Mardina war der stumme Seufzer deutlich anzusehen. "Oder?", heischte Mariket noch nach Zustimmung.
Nun beschloss der Kaiser, sich einzumischen. "Sag mal, Mariket, was will Dinaman, was die Nycs nicht wollen?"
"Die Dinaman-Leute aus dem Gefängnis."
"Das auch", seufzte er, "Aber womit hat es angefangen?"
"Die haben demonstriert", sagte Mariket fest, "und das ist bei den Nycs verboten, nicht so wie bei uns, wo man das darf."
Kollektives Seufzen bei den Erwachsenen.
"Sie haben ihre Macht demonstriert, nicht einfach so demonstriert", bemühte sich Darestan, "Das bestand damals darin, eine Schule zu sprengen!"
"Oh."
"Ja, oh! Wenn du nicht ständig neben den Nachrichten mit irgendwelchen Freundinnen telefonieren würdest, hättest du auch alles davon mitbekommen! Oder wenn du mal diplomatische Notizen lesen würdest! Oder Archiveinträge!"
"Wenn ihr die Nachrichten im Fernsehen hättet wie halbwegs moderne normale Leute, statt in dem popligen Radio, dann hätte ich es auch sehen können!", wurde Mariket patzig, "Richtig moderne Leute haben sogar Satellitenempfang! Warum sind ausgerechnet wir so prähistorisch?"
"Weil der Inhalt überall derselbe ist!", knurrte Mardina, "Wir brauchen die blöde Kiste einfach nicht."
"Mamaaa!"
"Es ist ein Glück, dass die politisch ungebildetste Tochter des Hauses auch am hinteren Ende der Thronfolge steht", ergänzte sie bissig.
"Lassen wir das", beeilte sich Darestan, seine Gattin zu unterbrechen, jene schluckte die weitere Fortsetzung der Rede auch brav hinunter. "Also, Mariket, warum haben Dinaman die Schule gesprengt? Was hat ihnen nicht gepasst?"
"Die U-Boote und die Raketen."
"Ja. Warum sind sie gegen U-Boote und Raketen?"
"Weil wir Menschen dann den Anspruch auf die Welt verlieren", war Mariket stolz zu wissen.
"Ja, sie glauben, dass das passiert, wenn Menschen ins All fliegen", nickte Darestan, "Bei den U-Booten ist es anders. Wie ist es da?"
"Dann ... müssten wir unter Wasser wohnen?"
"Nein."
"Überschwemmungen?"
"Nein."
"Ähhh ... aber die Fische würden schon wütend, oder?"
Erleichtert nickte ihr Vater. "Ja, Dinaman glauben, dass die Válun sich dann mit bösen Außerirdischen gegen uns verbünden würden, anstatt uns zu beschützen."
"Die sind bescheuert", beschloss Mariket, "Die spinnen. Die haben doch noch nie einen Válun gesehen. Wer hat denn schon mal einen Válun gesehen? Gibt es die überhaupt wirklich?"
"Ja", sagte der Kaiser energisch, "und ich habe schon einmal welche gesehen. Hunderte!"
"Echt jetzt?"
"Ja, Mariket", seufzte er, "und sie werden bestimmt nicht wütend, nur weil wir Menschen U-Boote bauen. Ich war immerhin in einem U-Boot da unten!"
"Boah!"
"Steht alles in den Archiveinträgen", schmunzelte er, "Das ist spannender als deine Dämonenjägerliteratur. Na?"
Mariket verzog ihr Gesicht gewaltig und vertiefte sich in einen Veloraschnitz von beachtlicher Größe. Die Erwachsenen zuckten mit den Schultern und widmeten sich den eigenen Tellern.
"Die Nycs sind trotzdem doof ...", erklärte Mariket schließlich, "Immerhin haben sie ein Boot von uns abgeschossen."
"Tja ..." Der Kaiser seufzte ausgiebig. "Ich gehe wieder arbeiten", sagte er dann, "und, Mariket, kein Türknallen, und halte auch deine Schwestern davon ab."
"Ja, Opa", nickte sie nun ganz artig.

Zurück im Arbeitszimmer öffnete Dyacel als erstes den unangenehm engen Gürtel und bei der Gelegenheit auch gleich den Hosenknopf, erst dann fiel ihm auf, dass am Schreibtisch ja jemand sass. "Lialan", murmelte er geschreckt und beeilte sich, die entstandene Kleidungsunordnung irgendwie mit seinem Jackett zu verdecken.
"Morgen, Papa", gähnte die Frau im Nachthemd auf seinem Sessel, "Hast du hier irgendwo das Zeug vom Landwirtschaftsminister? Der ist mir gestern Abend so auf die Nerven gegangen, Dürre hier, Wassermangel da ... und ich wusste nicht einmal, was Sache ist." 
"Äh ..."
"Auch egal, ich frage beim Ministerialarchiv nach." Sie stand auf und stöckelte mit grünglitzernden hochhackigen Schuhen los. Im Nachthemd!
"Äh ... sag mal, was willst du denn mit den Schuhen?"
"Filmfest", sagte sie.
"Meine Güte! Das ist heute?"
"Ja, Papa."
"Meine Güte!", griff er sich an den Kopf. "Aber du hast doch gar nichts Richtiges an!" Er wandte sich hektisch um und lief aus dem Raum.
"Papa!", schallte es hinter ihm her, "Ich laufe doch nur die Schuhe ein, es ist doch erst am Abend!"
Erleichtert kehrte er ins Arbeitszimmer zurück. "Ah, ja, wann ist es denn?"
"Der Garderobenmeister hat alles im Blick, beruhige dich", sagte Lialan, "Aber du solltest deine Tabletten nehmen und viel trinken."
"Tabletten?"
"Tabletten." Sie ging zum Schreibtisch, nahm die Medikamentenschachtel und schüttelte sie, dann runzelte sie die Stirn und öffnete den Deckel. "Papa! Die Tabletten für gestern sind noch da! Du musst doch etwas für dein Gedächtnis tun!"
"Ahjaaa!" Jetzt fiel es ihm wieder ein.
"Gut." Lialan öffnete eine Geheimtüre und füllte aus dem Wasserhahn dahinter ein Glas mit Wasser, dann reichte sie dieses, eine gelbe Tablette und eine gelb-rote Tablette ihrem Vater, der die Medikamente auch brav einnahm. "Und mach die Hose zu", sagte sie schließlich. Auch das tat er sogleich. "Papa, wenn du so weitermachst, blamierst du dich noch irgendwann fürchterlich und vor allem öffentlich."
"Oh, du weißt doch, Lilili, in der Öffentlichkeit bin ich gleich ein ganz anderer Mensch."
"Nur vergisst der andere Mensch seine Tabletten auch ... Papa, du musst auch den Leibarzt öfter rufen, am besten soll er einfach alle paar Tage herkommen." Sie fasste ihn an den Schultern und sah ihm in die Augen. "Wenn Blutdruck, Blutzucker und werweißwasnoch Purzelbäume schlagen, könnte alles Mögliche passieren. Ich bin nicht scharf drauf, ganz schnell Kaiserin zu werden."
"Aber Lilili ..."
"Komm mir nicht mit Lilili!", unterbrach ihn Lialan energisch, "Du darfst deine schwindende Gesundheit nicht einfach links liegen lassen. Der Leibarzt wird zweimal wöchentlich herkommen! Klar?"
Der Kaiser schrumpfte in sich zusammen und murmelte kleinlaut: "Klar."
"Gut", sagte seine Tochter, "Ich ziehe mir was an, dann rufe ich ihn an und mache das aus. Das Ministerialarchiv kann warten."
Dyacel sah ihr nach, wie sie aus dem Arbeitszimmer eilte, dann setzte er sich hinter den Schreibtisch und lehnte sich zurück. Nach all dem musste er sich dringend etwas ausruhen. Er öffnete wieder Gürtel und Hosenknopf, ließ sich bequem in den Sessel sinken und machte ein Nickerchen.

weiter zum nächsten Türchen