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Wie Tanahareni Hattamananma bekämpfte

(von Vinni)

Sanfte Wellen schwappen um die Türpfosten des zweiten Türchens. Wer hindurchgeht, findet sich im seichten Wasser direkt vor einer wunderschönen grünen Insel stehend. Rechts und links des Türchens graben sich die hölzernen Rümpfe von Beibooten in den weichen Sand. Die Männer die in ihnen sitzen, tragen einen grimmigen Gesichtsausdruck. Ihr Anführer lässt seinen Blick über den Strand schweifen, er sieht eher nachdenklich aus...

Tanahareni wurde wiedergeboren im Schoß einer Königin der großen Inseln, in einer Zeit, als es dort noch Könige und Königinnen gab. Er wurde wiedergeboren als jüngerer Sohn, dem das Erbe des Thrones versagt war. Die Königin wünschte, er möge klug und stark werden und waffenkundig, um seiner Schwester, der nächsten Königin, als Feldherr dienen zu können. So nannte sie ihn Ati, das ist das Wort für Kriegspfeil in jener Gegend.

Im Königspalast wuchs Ati heran. Er lernte laufen und schwimmen, springen und fischen und jagen. Und er übte sich im Kriegshandwerk, lernte Speer und Bogen zu führen und war bald in jeder Kunst der geschickteste. Ein enges Band von Freundschaft und Liebe verband ihn dabei mit seiner älteren Schwester Omjeri, die einst Königin werden sollte. Die Geschwister verbrachten die Tage zusammen, lernten gemeinsam Lesen und Schreiben, Geschichtskunde, Rechtswissen und Kriegstaktiken. Und wenn Omjeri lernte, einem Staatswesen vorzustehen, vervollkommnete Ati seine Waffenkünste.

Mit den Jahren wurde Omjeri eine schöne und kluge Königin, die nur zu bald die Aufgaben der kränkelnden Mutter übernahm. Ati, in ihren Diensten, führte das Heer und war immer dort zur Stelle, wo Angriffe zurückgeschlagen und Feinde vertrieben werden mussten. Bald wuchs sein Ruhm über die Grenzen des Landes hinaus und glänzte wie ein Edelstein in der Krone des Reiches. Es war jedoch nicht Blutdurst, der seinen Kampfesmut antrieb. Er zollte auch Feinden Respekt und vergoss nicht ohne Not Blut. Sein Sinnen und Streben galt dem Schutz und der Stärke des Inselkönigtums.

Eines Tages fügte es sich, dass ein Teil des königlichen Reiches gegen die Krone aufbegehrte. Es war die schöne Insel Iamalak, die sich nicht länger der friedlichen Herrschaft fügen wollte, Abgaben verweigerte und die Gesandten der Königin beschämte und verjagte. Das war eine Anmaßung, die Omjeri nicht dulden konnte. Iamalak war eine Provinz, auf die man nicht verzichten konnte. Die Insel war reich und grün und so fruchtbar wie ein Euter voller Nahrung.

Omjeri ließ ihren Bruder rufen. „Ich sende dich nach Iamalak“, sprach sie, „nimm Schiffe und Krieger und zeige ihnen die Macht des Königreiches. Sie sollen unterworfen werden und ewige Gefolgschaft schwören.“

„Ich bringe dir die Aufrührer“, versprach Ati, „sie sollen ihre Aufsässigkeit bereuen.“

Schiffe wurde gerüstet, Soldaten gemustert, und es dauerte nicht lang, da hatte Ati eine schlagkräftige Truppe beisammen, die nach Iamalak segelte. Ohne Zwischenfälle erreichten sie die Insel. Die Schiffe legten an, und Ati und ein Teil seiner Truppe errichteten ein Lager an der Küste. Das blieb den Leuten von Iamalak freilich nicht lange verborgen. Sie sahen die Waffen, sie sahen die Schiffe, sie sahen die königlichen Farben der Segel, und da wussten sie, dass es zum Kampf kommen würde. Ati selbst rief ihnen zu, dass sie der Rebellion abschwören sollten und sich unterwerfen. Er wollte gnädig sein und die Königin würde verzeihen, wenn sie sich besannen. Es lag ihm nichts daran, ohne Not Blut zu vergießen. Da es galt, die Einheit des Inselreiches zu festigen, blieb jedoch nur Unterwerfung oder Kampf. Doch die Leute von Iamalak blieben bei ihrer Weigerung, die Königin als ihre Herrschaft anzuerkennen. Sie riefen Beleidigungen und Spott und schworen, die Eindringlinge von der Insel zu vertreiben. Dann sprachen die Waffen. Wie Brandung und Fels, die aufeinanderprallen, so trafen die Truppen aufeinander. Schwerter klirrten, Pfeile flogen. Ati war stets mitten im Gefecht. Mit schneller Hand und sicherem Auge fand er die Lücken der Verteidigung. Führte seine Leute kundig zwischen die Reihen der Feinde und hielt selbst blutige Mahd. Von seinem Schwert troff das Blut unzähliger Siege, als sich zum Abend die Truppen trennten. Atis Leute hatten wacker gefochten. Die Leute von Iamalak hatten unzählige Verluste erlitten – aber die Insel war groß, es mochte dort noch viele Männer und Frauen geben, die die Waffen gegen die königlichen Truppen erheben konnten. Ati tröstete seine Leute und sprach ihnen Mut zu. Er ließ die Verwundeten verbinden und die Toten bergen und gestattete auch den Gegnern, ihre Gefallenen vom Schlachtfeld zu holen. Sie mochten Feinde sein, doch das war Menschenpflicht, die keine Fronten kannte.

Am nächsten Morgen rief Ati wieder seine Forderungen an die Gegner. Sie sollten sich ergeben und wieder dem Königreich anschließen. Nur so konnte das Blutvergießen beendet werden. Wieder wehrten die Leute von Iamalak ab – aber ihr Spott war leiser geworden. Sie hatten Ati kämpfen sehen, seine Geschicklichkeit, seinen Mut und seine Tugend, sie wussten nun, dass ein bitterer Kampf bevorstand. Und so war es auch. Den ganzen Tag wogte wilder Kampf. Das Blut floss in Strömen und zahllose Tapfere verloren ihr Leben. Und wieder waren die Verluste der Feinde größer und Atis Truppen überlegen. Doch ein Sieg konnte nicht errungen werden. Wie lange mochte das so weitergehen?

Am dritten Tag schließlich stand Ati wieder an der Spitze seiner Leute und rief mit sicherer Stimme zu den Feinden: „Ergebt euch dem Königreich. Unterwerft euch, und ihr werdet Frieden haben, damit nicht noch mehr Blut Strand und Felder tränkt.“

Da trat ein alter Mann aus der Reihe der Gegner. Er hob die Hände hoch zum Himmel. „Wehe euch“, rief er laut, „wir wollen eurer Königin nicht dienen. Zu lange folgten wir dem Wort fremder Herrschaft. Doch nun ist Hattamananma unser Herr, der uns beschützt und auch in diesem Kampf beistehen wird. Wehe euch, er wird euch alle vernichten!“

„Ich kenne keinen anderen Herr als Omjeri, die Königin“, rief Ati, „und wer immer kommt und mit uns kämpfen will, dem werden wir uns stellen.“

Da hob der alte Mann wieder die Hände. „Hattamananma!“ rief er laut. Und all seine Männer und Frauen in Waffen riefen „Hattamananma!“ Wie eine Stimme klang der Ruf. Laut und drohend, dass es Atis Truppen kalt wurde. „Hattamananma!“ scholl es zum dritten Mal. Und da erhob sich von See ein großes Brausen. Das Wasser türmte sich auf und ein riesiger Wal brach an die Oberfläche. Er war weiß und sein Rücken war schrundig. Seine Schwanzflosse war größer als ein Schiff und rauschte durch das Meer mit der Kraft eines Mahlstromes. Sein riesiges Maul starrte vor Zähnen.

„Hattamananma!“ jubelten da die Leute von Iamalak. „Vernichte unsere Feinde, großer Hattamananma!“

Da richtete der Wal seine Augen auf Ati und dessen Truppen. Mit einem Brüllen tauchte er wieder unter und auf die königlichen Schiffe zu. Das erste zerbarst unter seinen mächtigen Schwanzhieben, das zweite wurde vom Anker losgerissen und trieb steuerlos davon. Schreiend sprangen die Seeleute über Bord, bemannten hastig die Rettungsboote. Manch Bewaffneter versuchte mit Speer, Schwert oder Bogen dem riesigen Wal stand zu halten, doch dessen urgewaltiger Kraft waren sie nicht gewachsen. Auch die Truppen am Ufer versuchten, den Wal anzugreifen. Auch gegen sie schwamm er an. Auch sie trafen die mächtigen aufgewirbelten Wellen und drohten die Hiebe der Schwanzflosse. Und dann waren da noch die Leute von Iamalak, die die Verwirrung nutzten und zum Angriff übergingen. Von zwei Seiten wurden die königlichen Truppen nun bedrängt und wehrten sich erbittert ihrer Haut. Ati war überall. Er kämpfte in vorderster Front, er eilte zum Strand, um die Boote zu verteidigen. Mancher Speer flog von seiner Hand gegen den Wal. Er griff zu, um Ertrinkende aus dem Wasser zu ziehen, ganz gleich, welcher Truppe sie angehörten. Er sprang seinen Leuten bei, um Lücken der Verteidigung zu schließen. Sein Schwert tanzte wie eine Schlange durch die Gegner und fand zahllose Opfer. Und immer wieder stellte er sich dem Wal, wich Schlägen aus und setzte Schwerthiebe und Speerstöße. Er war durchnässt und zerschlagen – aber er hielt stand. Und mit ihm hielt seine Truppe stand gegen den doppelten Angriff. Am Abend zogen sich die Kämpfer zurück. Es wurde still bis auf das Klagen der Verletzten und das Rauschen des Meeres. Ati sah auf das blutgetränkte Schlachtfeld und seine gelichtete Truppe. Und er sah, was alle dachten: einen weiteren Tag zwischen den Fronten würden sie schwerlich überstehen. Da ging Ati an den Strand, ohne Schwert, ohne Speer, ohne Schild. „Hattamananma“ rief er laut. Und tatsächlich, es rauschte und brauste und der riesige helle Wal näherte sich aus der Dunkelheit. „Lass uns reden“, rief Ati ihm entgegen, „wie ein Feldherr mit dem anderen.“

Der Wal grollte und brummte, aber es klang belustigt. „Wenn du es wagst“, sagte er schließlich, „dann komm zu mir. Zu dem Felsen hier draußen, da können wir reden.“

Ati machte sich ohne zu zögern daran, ein Boot ins Wasser zu schieben. Entsetzt versuchten seine Freunde, ihn zurückzuhalten. Er konnte doch nicht zu diesem Ungetüm hinausfahren, ohne Sicherheit, ohne Rückendeckung! Sie schalten ihn wahnsinnig und konnten ihn doch nicht zurückhalten. Ati ruderte furchtlos hinaus, stieg auf den Felsen vor der Küste und machte das Boot fest. Der Wal aber war die ganze Zeit in seiner Nähe gewesen, neben ihm, unter seinem Boot, wie eine drohende, wilde Gefahr. „Du bist mutig, Mensch“, grollte der Wal, als er schließlich vor Ati den mächtigen Kopf aus dem Wasser hob. „Ich habe dich beobachtet, die ganze Zeit. Du bist mutig und ehrenhaft und dennoch werdet ihr den Kampf verlieren.“

Ati hob achtungsvoll die Hände. „Du bist mächtig und klug, großer Wal“, sprach er, „und es mag sein, dass wir den Kampf verlieren und unser Leben. Aber siehe, wenn wir unterliegen, dann werden andere kommen, mehr und mehr und die Insel mit Feuer und Tod überziehen. Und mehr noch, sie werden die Insel abschließen nach außen. Keiner wird mit Iamalak handeln, keiner wird euch Gastrecht gewähren oder auch nur Kunde von außen. Eure Schiffe werden überall gejagt. Ist es das wert, nur um euren Stolz gegen das Bündnis zu stellen, das all die Jahre bestand und für alle Früchte trug?“

Wieder brummte der Wal und schlug mit der Flosse, dass die Wellen gegen den Stein klangen. „Du kämpft mit Worten wie mit Waffen, Mensch“, sagte er dann und es klang Achtung aus seiner Rede. „Doch du musst verstehen, dass die Leute dieser Insel sich keinem Herrn unterwerfen, weil sie mich zu ihrem König erkoren haben. Es ist nun meine Insel, es sind meine Gewässer und nicht mehr das Land deiner Königin.“

Ati neigte das Haupt. „Aber würde das Bündnis nicht auch dir mehr nützen als schaden? Und wenn deine Leute sich so dem Reich nicht unterwerfen können, dann kannst du doch mit der Königin ein Bündnis eingehen? In Freundschaft und Respekt und gegenseitigem Nutzen? Ist das nicht besser als endloses Blutvergießen?“

Wieder grollte und brummte der Wal, aber er bedachte Atis Worte. Seine Aufrichtigkeit gefiel ihm, so wie zuvor schon seine Tapferkeit. Und auch, dass er sprach wie der Gleiche zum Gleichen, ohne Hochmut und auch ohne kriechende Unterwürfigkeit, wusste Hattamananma zu schätzen. So sprachen sie lange von dem, was für die Insel von Nutzen war, für die Königin und für den Wal. Sie sprachen, wie ein Feldherr zu dem anderen – und schließlich wie ein Freund zum anderen. Als dann der Morgen dämmerte und Atis Freunde längst seinen Tod beweinten, da stieg der wieder in sein Boot und ruderte zurück an Land. An seiner Seite – für Freund und Feind gut zu sehe – schwamm einträchtig und friedlich der riesige Wal. Gemeinsam verkündeten sie den staunenden Truppen, dass nun wieder Frieden herrschen sollte auf Iamalak. Dass die Insel dem Königreich in Freundschaft verbunden sein solle zum Nutzen aller. Groß war da das Erstaunen auf beiden Seiten der Front. Doch da alle der Kämpfe müde waren, Schmerz und Erschöpfung übermächtig, wurde der Entschluss freudig begrüßt. Endlich konnte man ausruhen und die Verletzungen pflegen. Und so geschah es. Aus beiden Kriegslagern wurde eines, die Truppen mischten sich, und gleich welcher Herkunft wurden die Verletzten versorgt. Die Leute von Iamalak brachten Speisen und Getränke und dann wurde ein Fest gefeiert. Zögernd zunächst, doch dann in Gewissheit des Friedens ausgelassener. Hattamananma ließ sich im seichten Wasser vor dem Strand treiben und erfreute sich an dem Fest. Und Ati, der war an seiner Seite, so wie er den Freund auch später auf einer langen Reise begleitete.

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