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Der Oberste der Omiik

(von Efyriel)

Moose und Flechten behaupten trotzig ihre Stellung auf dem steinernen Bogen des fünften Türchens, welches sich farblich kaum vom verwitterten Fels der Bergflanke abhebt. Von hier oben hat man einen guten Blick auf ein Truppenlager im Tal, das um einige wenige Gebäude herum errichtet wurde. Um von dieser Höhe aus mehr zu erkennen, müsste man aber Augen wie ein Falke haben, doch… was war das für ein Geräusch? Es klang beinahe wie das Rauschen großer Schwingen…

Die Atmosphäre war mehr als angespannt. Wäre Arika eine Katze gewesen, hätten sich sicher all ihre Haare gesträubt. Müde rieb sie sich über die Augen. „Und von wo erfolgte der Angriff?“ fragte sie den Ungkitori, der die Meldung gemacht hatte. Er war einer der Befehlshaber vor Ort gewesen und hatte obendrein ihr vollstes Vertrauen. „Sie kamen von oberhalb der Tokarschlucht und durchquerten den Aktifur gegen Mitternacht.“ Der Aktifur war an dieser Stelle nicht sehr tief, da sich das Wasser über eine Breite mehrerer Ahren verteilte. Sicher hatten sie die Gegend zuvor schon erkundet. „Ist jemand der Dorfbewohner zu Schaden gekommen?“ Der Ungkitori schüttelte den Kopf und Arika atmete erleichtert auf. 
„Arika!“ erklang die Stimme ihres Bruders, man hörte ihn noch bevor man ihn sah, wie immer. „Guten Morgen Tzarkur, was gibts?“ gähnte sie ihm entgegen. „Sie haben sich zurückgezogen! Ich komme eben von der westlichen Tokarhöhe.“ Der Ungkitori runzelte die Stirn und machte Tzarkur Platz, als dieser mit schlammbespritzten Stiefeln in den Raum polterte. Ihr Bruder war nicht gerade der Eleganteste und weigerte sich das Tanzen zu lernen. Kramuk, ihr anderer Bruder war da ganz anders, darum war er nun auch nicht hier. 

„Sie haben sich einfach so zurückgezogen?“ hakte sie ungläubig nach. Es sah den Riostern gar nicht ähnlich einfach umzukehren. Besonders nicht, nachdem sie eine ganze Schlucht und die östliche Tokarhöhe erobert hatten. „Konntet ihr keinen Grund dafür erkennen?“ Tzarkur strahlte über beide Ohren und glühte dabei wie ein Kaminofen. „Doch, haben wir.“ Arika zog die Augenbrauen zusammen und er fuhr schnell fort, ehe sie etwas dazu sagen konnte. „Hat der Kjugi denn nichts Ungewöhnliches wahrgenommen? Wenn sich die Geflügelten ins Geschehen einmischen, sollte er das doch sofort merken.“ „Die Omiik haben eingegriffen?“ Tzarkur strahlte weiter und nickte. 
Die Omiik waren die Vogelmenschen aus den westlichen Bergen, welche sich sonst immer aus allen Streitigkeiten der Menschen heraus hielten. Nun hatten sie sich also dazu entschlossen sie zu unterstützen. Arika schüttelte ungläubig den Kopf, was war vorgefallen, dass sie nun für sie Partei ergriffen? Doch Tzarkur war noch immer nicht fertig: „Der oberste Omiik kam zu uns auf die Tokrahöhe. Seine Flügel sind wirklich überwältigend!“ Nun beugte Arika sich über den Tisch und suchte den Blick ihres Bruders. „Er kam zu euch?!“ 
Nun war ihr klar, warum Tzarkur so strahlte. Wenn er einen Omiik getroffen hatte, war das eine ganz normale Reaktion. Es kam nur selten vor, dass die Geflügelten sich mit den Menschen abgaben. Das der Oberste selbst von den Bergen herab kam, war beinahe schon ein Wunder. Als Arikas Vater sich vor acht Jahren mit dem obersten Omiik hatte treffen wollten, musste er dafür weit in die Berge hinauf steigen. Und nun, in dieser misslichen Situation kam er einfach herab und sprach mit den Menschen. Sicher hatte Tzarkur mit ihm gesprochen, als ranghöchster vor Ort. 
„Was hat er gesagt?“ Ihr Bruder grinste und setzte sich dann erstmal auf den Stuhl, welcher ihm der Ungkitori geholt hatte. Er nickte dankbar und erzählte dann, wie der Geflügelte gelandet war und erklärt hatte, dass sie es nicht akzeptieren konnten, dass die Rioster in ihre Gebiete vordrangen. Arika hatte zwar nicht gewusst, dass sie die Tokarhöhen zu ihrem Gebiet zählten, aber in diesem Fall war es ihr nur recht. Vielleicht konnte sie dann diese Nacht noch etwas schlafen. Die letzten Nächte hatte sie kaum Ruhe gefunden. 
„Hörst du mit überhaupt zu? Arika!“ Sie zuckte zusammen und rieb sich über die Augen. Was hatte er gesagt? „Er möchte dich sprechen!“ Plötzlich war sie wieder hellwach und sprang auf. „Mich? Er möchte mich sprechen?“ „Aber sicher!“ lachte Tzarkur. „Wer ist denn unsere Königin?“ Natürlich hatte Tzarkur recht. 

Vor lauter Aufregung konnte sie dann doch nicht schlafen. Tzarkur hatte ihr zwar versichert, dass sie noch genügend Zeit hatte, dennoch brach sie noch vor Sonnenaufgang zum Treffpunkt auf. Der Ungkitori begleitete Arika und war ebenfalls auf das Treffen gespannt. Sie überquerten den Aktifur und ritten auf die östliche Tokarhöhe hinauf. Dort wurden sie von einem kräftigen Wind empfangen, der die Kälte des kommenden Winters in sich trug. Scheinbar war Arika nicht die einzige, die dem Treffen entgegen fieberte. Auf dem Felsen, welcher sie „die Klippe“ nannten, stand eine dunkle Gestalt. Der Mond beleuchtete die Szene nur spärlich und dennoch zogen die gewaltigen Schwingen Arikas Blick geradezu magisch an. Auf einmal fühlte sie sich nicht nur aufgeregt, ein Gefühl der Unsicherheit hatte sich hinzu gesellt. Aus der Höhe glitt ein Schatten heran und ein weiterer Omiik landete anmutig auf der „Klippe“. Der Ungkitori kam ihr nach, als sie vom Rücken ihres Reittieres stieg und sich den Geflügelten näherte. 
Sein Gefieder war von einem kräftigen Braun und die Spitzen der Schwingen waren heller gefärbt. Sie konnte nicht sagen, was sie erwartet hatte, doch sah er ansonsten sehr menschlich aus. Auf seinem Kopf lockten sich dunkle Haare, keine Federn. Arika stockte der Atem, als der oberste der Omiik sich ihr zu wandte und sie ansah. „Der Wind sei euch wohl gesonnen“, sprach er mit seltsam klingendem Akzent. „Seid mir gegrüßt Herr der Höhen“, entgegnete Arika respektvoll. Er hatte seine Flügel zusammengefaltet, dennoch streiften ihre Spitzen den Boden. Sicher legten sie die meisten Strecken fliegend zurück. Arikas Blick wanderte zu seinen Füßen und sie stellte fest, dass er keine Schuhe trug. „Mein Name ist Seidheliesfin“, stellte er sich vor und lächelte, als sie voller Verlegenheit schnell wieder auf sah. „Ich heiße Arika. – Es freut mich euch kennen lernen zu dürfen.“ Der zweite Geflügelte trat einen Schritt nach vorn und flüsterte Seidheliesfin etwas in ihrer Sprache zu. Sein Gefieder war grau und an manchen Stellen weiß. Seidheliesfin nickte und der andere erhob sich mit einem Nicken in Arikas Richtung wieder in die Lüfte. „Meine Leute behalten die Umgebung im Blick, damit wir nicht von Riostern überrascht werden.“ Arika nickte verstehend und unterdrückte ein Gähnen. Vielleicht hätte sie zumindest versuchen sollen zu schlafen. Der Wind schien dem Omiik nicht das mindeste auszumachen, sie hingegen war über ihren dicken Mantel froh. 

„Ihr fragt euch sicher, warum wir erst jetzt mit euch in Verbindung treten. Es ist so, dass die Menschen uns oft nicht verstehen, darum halten wir Abstand. Aber wenn die Rioster meinen, sie müssten unsere Gebiete ebenso ausbeuten, wie sie es bei ihren und nun teilweise den euren tun, können wir nicht tatenlos zusehen.“ Das konnte Arika verstehen, die Rioster waren gierig und wollten immer mehr Land und mehr Erträge. Der Ungkitori stand sichernd neben seiner Königin und behielt die Umgebung im Auge. Die Wachen waren zurück geblieben um den Omiik nicht zu verunsichern. Nun meinte Arika, dass es ihn sicher nicht gestört hätte, wären sie ebenfalls näher gekommen. Er schien keine Angst vor den Menschen zu haben, die Menschen vor ihm hingegen schon. Einige waren scheinbar ganz froh einen gewissen Abstand halten zu können. Arika ging es ja kaum anders, etwas sehr fremdartiges ging von Seidheliesfin aus. Sie war sich sicher, es lag nicht nur an den Schwingen und den ungewöhnlichen Kleidern. Seine Ausstrahlung glich jener eines Kjugi, eines Magiebegabten. Arika zitterte ein klein wenig, als der Omiik ein paar Schritte näher kam. „Ich gedenke ab heute gelegentlich Besuche bei den Menschen zu machen. Es wird Zeit, dass wir uns besser kennenlernen.“ 
Arika freute sich schon auf weitere Treffen und darauf mehr über die Geflügelten zu erfahren, auch wenn er ihr etwas unheimlich war. Ein Ruf aus den Lüften beendete ihre Unterhaltung frühzeitig und Seidheliesfin musste sich verabschieden um zu sehen, was seine Leute entdeckt hatten. Mit dem Versprechen sie bald wieder aufzusuchen schwang er sich mit rauschendem Flügelschlag in die Höhe. Staunend stand Arika auf der „Klippe“ und sah ihm nach, bis seine Gestalt nicht mehr zu sehen war.

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