Heimkehr

(von Amanita)

Ein alter Mann im roten, mit weißem Pelz besetzten Mantel späht zwischen den tief hängenden schneeschweren Zweigen eines Nadelbaums hindurch auf die zugewehte Zufahrtsstraße, die zu einem kleinen Dörfchen führt. 
Nach einer Weile lächelt er plötzlich. Es ist an der Zeit. Er nimmt einen alten Sack, schnürt ihn kurz auf und späht hinein. Ein paar Laibe Brot liegen darin. Der Mann lächelt, und bindet den Sack so fest, dass er gut sichtbar am stärksten Zweig baumelt. Dann zieht er sich wieder zurück. 
Selbst bei gutem Wetter hätte man von diesem Vorfall im Dorf nichts bemerkt. Doch es schneit, heftig, wie seit Tagen schon. Schwere Schneeflocken wirbeln vom grauen Himmel herab. Vom Wind in Schwärmen um Häuser und Bäume getrieben, legen sie sich wie dichter Flaum auf Köpfe und Schultern der dick gegen die Kälte vermummten Dorfbewohner, die gerade aus einem Gebäude ins Freie treten. Ein Husten ist zu hören, jemand schnieft. 
Eine Hand greift nach der großen Schaufel, die am abblätternden Holzrahmen des sechsten Türchens gelehnt hat. „Los, Leute. Pause vorbei. Es schippt sich nicht von selbst.“ Kurz darauf erfüllt wieder der kratzende Rhythmus von Schaufeln auf gefrorener Erde die Stille.

Die Schneeschipperei war anstrengend. Es schneite so heftig, dass die Arbeit ziemlich zwecklos war. Der Weg, den die Dorfbewohner freigeschaufelt hatten, war schon wieder von einer weißen Schicht bedeckt.
Rijuna hustete. Ein paar Leute schauten in ihre Richtung, doch dann setzten sie gleich wieder ihre Arbeit fort. Sobald es ging, tat Rijuna es ihnen gleich. Sie lebte und das war alles, was zählte. So viele andere hatte dieser Krieg getötet, sie musste froh sein. Nächstes Frühjahr würden es sechs Jahre sein. Rijunas halbes Leben. Ihren Vater sah sie nur noch an wenigen Tagen im Jahr, nie wusste sie, ob er zurückkommen würde. Doch sie hatte noch Glück, zumindest ihre Mutter war noch da und Rijuna musste nicht einem Heim für die Soldatenkinder aufwachsen. 
Sie musste weiterarbeiten, dann hatte sie wenigstens keine Zeit, sich zu fürchten. Sobald sie aufhörte, ging es an. Ob die Flugzeuge wiederkommen würden? Vielleicht würde dieser Tag ihr letzter sein. 
Seit jener Nacht hatten sie es aufgegeben, sich im Wald zu verstecken, auch dort waren sie nicht sicher. Keiner im Dorf wusste, was da draußen geschah, die Straßen waren zerstört, die Flüsse zugefroren, die Wege versanken im Schnee. Keine Zeitung schaffte es mehr hierher, Strom oder Batterien für die Radios gab es nicht mehr. 
Es schneite immer heftig und der Wind wurde stärker. Die Nacht brach herein. 
„Genug“, erklang schließlich die Stimme der Ortsvorsteherin. „Morgen geht’s weiter.“
Oder auch nicht. Niemand sagte diesen Satz, doch alle dachten ihn. Rijuna kehrte mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern zum Haus zurück. Wenigstens stand es noch, so viel Glück hatten die meisten Menschen in den Städten nicht gehabt.

Rijunas Mutter schloss sofort alle Türen und Fensterläden. So wenig Wärme wie möglich sollte nach draußen dringen, denn sie hatten kaum Brennholz. Es war alles vergiftet, genau wie das Essen auf den Feldern. Sie mussten sich mit dem begnügen, was man ihnen aus anderen Teilen des Landes gebracht hatte. Schon lange war keine Lieferung mehr in diese abgelegene Region gekommen. Gas gab es überhaupt nicht mehr, es wurde gar nicht mehr hergestellt. Die Magier hatten wichtigere Aufgaben zu erledigen, sie mussten die Menschen vor den Angreifern aus dem Süden schützen. 
Vor der Kälte mussten sich jeder selber schützen. 
Rijunas Mutter benutze eine alte Zeitung, um dem Herdfeuer auf die Sprünge zu helfen. Rijuna konnte die Schlagzeile vorne drauf noch lesen. „Staatslenker tot, Partei bestimmt Donika Anesèja zur Nachfolgerin.“
Schon seit über zwei Monaten hatten sie eine neue Staatslenkerin, doch geändert hatte sich nichts. Trotzdem hofften alle, dass sie ihnen endlich den Sieg bringen würde. Es musste doch möglich sein. Sie waren im Recht, die Geister der Wälder standen auf ihrer Seite. Ewig würde sich der frevelnde Feind nicht halten können. So sagte es jedenfalls die Partei in Radio und Zeitung, solange die noch gehört wurden.
Alle drei Kinder sammelten sich ums Feuer, als es endlich brannte. Sie würden auch alle in diesem Raum schlafen, in den anderen war es viel zu kalt.
Rijunas Mutter griff in die Kiste mit den Kartoffeln, Rijuna schaute ihr dabei über die Schulter. Sie wurde immer leerer, dabei sparten sie doch schon so. Rijunas Mutter kochte eine Suppe mit viel Wasser und etwas Salz, dazu eine kleine Kartoffel für jeden. 
„Was machen wir, wenn die Kartoffeln alle sind?“, fragte Rijunas Schwester.
„Es wird wieder jemand kommen und uns neue bringen“, sagte ihre Mutter entschieden. „Es kommt sicher jemand. Die Partei sorgt für uns.“
Rijuna seufzte tief. Sie war sich nicht sicher, ob ihre Mutter selbst daran glaubte, oder ob sie nur die Kleine trösten wollte. Jedenfalls passte sie extrem auf, dass sie nicht zu viel verbrauchte. Zu essen gab es immer dasselbe. Morgens Haferbrei und sonst Kartoffeln und Rüben. Rijuna konnte sich kaum noch daran erinnern wie richtiges Brot schmeckte, besser sie dachte nicht daran. Sonst wurde sie nur noch hungriger.
Sie musste schon wieder husten. War das die Grippe oder immer noch die Vergiftung? Sie hatten im Krankenhaus behauptet, dass alles in Ordnung wäre, angeblich hatte die Magie sie geschützt. Rijuna wusste nicht, ob es wirklich stimmte. Hoffentlich würde es nicht schlimmer werden, denn Medikamente hatten sie kaum noch.
Endlich war die Suppe fertig. Wirklich satt wurde davon niemand, aber sie wärmte doch den Magen und Rijuna fühlte sich etwas besser.
Draußen vor dem Fenster fiel immer noch der Schnee. Hoffentlich würde er die Feinde vom Angreifen abhalten. In diesem Wetter konnte man kein Flugzeug fliegen, oder? 

„Mama, erzählst du uns eine Geschichte?“, fragte Rijunas Bruder und sie tat es. Alle vier kuschelten sich eng aneinander und hörten sich an, wie die tapfere Atorka damals die dreiköpfige Schlange vom Roten See besiegt hatte. Rijuna mochte diese Geschichte. Diese Atorka hatte es wirklich geschafft etwas zu tun und die Menschen, die am Roten See lebten von dieser Schlange zu befreien. Sie hatte immer ihre Tiere gestohlen und manchmal auch Kinder, die allein unterwegs waren. 
Außerdem ging es in dieser Geschichte nicht darum Menschen zu töten. Das hatte Rijuna in letzter Zeit oft genug gesehen.
Ihre Schwester war bald eingeschlafen, doch Rijuna hörte gerne zu. Wenn sie doch nur auch so tapfer sein könnte wie Atorka. Doch sie war nicht tapfer. Sie wollte keine Soldatin werden und Feinde töten, Feinde, die auch Menschen waren. Das wusste Rijuna nämlich, sie hatte schon welche von ihnen gesehen.
Am Ende der Geschichte war die Schlange tot und alle Dorfbewohner feierten ein großes Fest. Normalerweise gehörte zur Geschichte auch noch eine Beschreibung der tollen Gerichte, die zum Fest serviert worden waren, doch diesen Teil ließ Rijunas Mutter weg. Sonst würden nur alle wieder Hunger bekommen.
Langsam merkte auch Rijuna wie sie immer müder wurde. Die Arbeit im Schnee war doch ziemlich anstrengend gewesen. Als sie jedoch schlief hatte sie einen schrecklichen Traum. Fremde Soldaten drangen in ihre Wohnung an, und wollten ihnen etwas Schreckliches antun. Entsetzt schlug sie die Augen auf. Da klopfte wirklich jemand an der Tür. Rijuna machte sich ganz klein. Kamen sie etwa wirklich? Das durfte nicht sein. Sie mussten sich verstecken. 
Es klopfte wieder.

„Mama“, sagte Rijuna mit zitternder Stimme. „Mama. Da ist jemand.“ Die Angst kroch durch ihren Körper wie kaltes Wasser. Was würden sie mit ihnen machen?
Ihre Mutter stand auf und nahm die Waffe in die Hand, die hinter der Türe hing. Rijuna lugte um die Ecke. Sie hatte Angst, aber sie wollte auch wissen, was da geschah, ihrer Mutter notfalls zur Hilfe kommen.
Sie öffnete die Tür, dort draußen stand wirklich ein Mann in Uniform. Einen kurzen Augenblick lang hielt Rijuna die Luft an, doch dann erkannte sie, wer es war. 
„Papa, du darfst heute heimkommen?“, fragte sie ungläubig. Davon hatte sie gar nichts gewusst. 
Ihre Mutter umarmte ihn. „Derian! Mit dir habe ich ja überhaupt nicht gerechnet.“
Rijunas Vater umarmte nun auch seine Tochter. „Ja Riju, ich darf heute heimkommen. Und hierbleiben.“
„Wie kommt das?“, fragte Rijunas Mutter, sie selbst begriff überhaupt nicht, was sie da hörte. „Lasst mich erstmal reinkommen“, sagte Rijunas Vater. 
Während er seinen Mantel aufhängte, sagte er: „Ihr habt ja wirklich ein Mistwetter hier. Die Post wird gar nicht durchgekommen sein, oder?“
„Nein, wir haben schon seit Tagen nichts mehr gehört“, sagte Rijunas Mutter. „Komm rein ins Warme.“
Die drei setzten sich neben die Reste des verglühenden Herdfeuers, Rijuna wollte ihre Geschwister wecken, doch ihr Vater winkte ab. „Lass die Kleinen schlafen, wir haben morgen noch genug Zeit.“

„Ich will die frohe Botschaft gar nicht mehr länger für mich behalten“, sagte Rijunas Vater nun. „Es ist vorbei. Der Krieg ist aus.“ Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Sie haben begriffen, dass sie uns nicht in die Knie zwingen, ganz egal was für Schändlichkeiten sie sich ausdenken.“
Rijuna hörte seine Worte, doch zuerst hatten sie überhaupt keine Bedeutung für sie. Langsam, ganz langsam begriff sie. „Der Krieg ist vorbei? Wirklich vorbei?“ Seit sie sechs Jahre alt war, war immer Krieg gewesen. Sie konnte sich das kaum vorstellen.
„Ja, er ist vorbei. Und wir werden frei bleiben. Sie haben ja noch gehofft, dass sie siegen werden, nachdem sie den Staatslenker getötet haben, aber da haben sie sich getäuscht. Unsere neue Staatslenkerin ist ihnen genauso entschlossen entgegengetreten.“
Rijuna schaute auf die Reste der verbrannten Zeitung. 
Rijunas Mutter umarmte ihren Mann noch einmal. „Ihr habt wirklich unheimlich tapfer gekämpft“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Da hatten selbst die keine Chance.“
Der Krieg war vorbei. Die Feinde würden nicht in ihr Dorf kommen und sie auch nicht mehr aus der Luft angreifen. Sie hatten begriffen, dass sie Rijunas Volk nicht besiegen konnten.
„Es lebe Staatslenkerin Anesèja!“, sagte Rijunas Mutter. „Sie wird unser Land in eine glückliche Zukunft führen, ohne noch mehr Krieg.“
„Das hoffen wir alle. Es wird nicht einfach werden, dafür wurde zu viel zerstört, aber wir können jetzt neu anfangen“, sagte Rijunas Vater. 
„Auch du Rijuna“, er schaute seiner Tochter tief in die Augen. „Ich habe gehört, dass du eine Magierin geworden bist, Rijuna.“
Rijuna errötete. Sie hatte nur ein einziges Mal in jener Nacht so etwas wie eine Gabe benutzt. Seitdem hatte sie nichts mehr davon gemerkt, während des letzten Kriegsjahres war es nicht sicher gewesen Magier auszubilden, die Feinde hatten die Schulen direkt angegriffen. 
„Du weißt davon?“ fragte sie.
„Selbstverständlich. Donika Brajana war mit uns im Feld, nachdem sie hier den Opfern des Massakers geholfen hatte“, sagte Rijunas Vater. „Sie hat dich in höchsten Tönen gelobt.“
Rijuna fasste sich an die Stirn. Sie war ganz heiß, trotz der Kälte im Haus. Sie hätte nie gedacht, dass sich eine so wichtige Frau wie Brajana ihren Namen merkte. 
Der Krieg war vorbei, sie würde nicht getötet werden, sondern konnte endlich lernen, ihre Magie zu benutzen. 
Es war wie ein schöner Traum, Rijuna wartete darauf, dass sie aufwachen würde.

Doch als sie am nächsten Morgen tatsächlich erwachte, war ihr Vater immer noch da. Der Duft von Brot erfüllte die Stube.
„Es ist nicht mehr ganz frisch, aber ich wollte es euch trotzdem mitbringen. Ich weiß ja, dass es hier ziemlich knapp aussieht“, sagte er.
„Danke“, sagte Rijuna und half schnell dabei den Tisch zu decken. „Wir hatten hier schon seit Ewigkeiten gar kein Brot mehr. Da ist es doch egal, wie frisch es ist.“
Draußen hatte es aufgehört zu schneien und die Sonne schien auf das kalte Land. 
Es war kein Traum. 
Der Krieg war vorbei, sie hatten alle überlebt und für ganz Sarilien stand ein neues Leben bevor.

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