Leben

(von Heinrich)

Dunkelheit hält das Land umfangen. Eisenratten und Rostlinge huschen durch die Ruinen der Stadt. Eine von ihnen beschnüffelt das neunte Türchen, beschließt jedoch, ihr Glück beim Aufspüren alter Batterien woanders zu versuchen. Sonst regt sich nichts. Zu Hören ist nur das leise Heulen des Windes, der zwischen den verrosteten Streben eines eingebrochenen Hochhauses hindurchstreicht. Doch… bewegt sich da vorne nicht etwas? 
Organisch, lebendig, wie ein Fremdkörper in dieser toten Welt, nähert sich eine Gestalt im Schutzanzug…

Dolgoon stand auf einem Felsvorsprung des Tarkon und sah hinab auf die Stadt. Seine Kiemen juckten heute wieder fürchterlich. Das Wasser im Anzug war schon einige Wochen alt, aber wenn hier irgendwo Wasser zu finden war, so war es verseucht. Zwanzig Jahre wanderte er schon als Verbannter durch die Oberwelt. Das machte sich bemerkbar. Früher war er gesund und stark gewesen, war der Schnellste beim Wettschwimmen und hatte die Länder mit seinen Kumpanen erkundet. Heute fühlte er sich wie die Ruinen unter ihm: verbraucht und müde. Sein Rücken schmerzte, seine Augen trübten sich und seine Haut war verschrumpelt und voller Knoten. Er wusste, dass die Knoten ihn irgendwann töten würden, aber hier oben gab es keine Ärzte. Hier oben gab es niemanden. Wer wollte auch schon in einer Gegend leben, die nur den Tod zu bieten hatte? Dolgoon betrachtete das Detrimeter in seiner Hand. Die Werte waren sogar für die Kuppelvölker viel zu hoch. Sein Anzug war für eine so starke Verseuchung nicht ausgelegt. Er würde sich beeilen müssen, wenn er wieder lebend aus dem Tal heraus kommen wollte. Aber wollte er das überhaupt? Was trieb ihn noch an, weiter zu machen? Das Gerät wieder an den Gürtel hängend, machte er sich an den Abstieg. Nur nicht darüber nachdenken. So hatte er es immer getan. Seit zwanzig Jahren.
Sicher kletterte er die Felsen hinunter und kam schließlich unten an. Von hier aus hüllten sich die Skelette der Geisterstadt in einen grauen Schleier und eine gespenstische Stille umgab den Ort. Nach einem Moment der Ruhe, machte sich Dolgoon auf den Weg in die Stadt. Alte Ruinenstädte wie diese boten oft viel Material, das sich in den Schmugglerstädten an der Grenze zur Oberwelt gut verkaufen ließ.
Er betrat das erste Haus, das er sah. Das Dach musste sich schon vor langer Zeit verabschiedet haben und von der zweiten Etage ragten nur noch einige Bruchstücke der Außenwände empor. Die Zwischendecke war herabgestürzt und bedeckte den Boden. Einen Keller schien das Haus nicht gehabt zu haben. Das war gut, da dann keine Absturzgefahr bestand. Keller neigten dazu, sich in heimtückische Fallen zu verwandeln, wenn man darüber her schritt.
Plötzlich überfielen ihn stechende Kopfschmerzen und auf dem Boden bildete sich eine Wasserlache. Aus einem Riss an seinem Bein verflüchtigte sich seine Atmosphäre. Panik überfiel Dolgoon. Ersticken war wohl kaum eine angenehme Art zu sterben. Hastig sah er sich um. Was konnte er tun? Er musste schnell handeln, bevor es zu spät war. Da. Ein Stück grauer Stoff, eingeklemmt zwischen zwei großen Steinbrocken. Er riss mit aller Kraft daran. Es tat sich nichts. Dolgoon versuchte, noch stärker zu ziehen.
Dann, mit einem Ruck, löste sich der Stoff und er fiel auf den Rücken. Für einen Augenblick bekam er kein Wasser mehr und ihm wurde schwindelig. Aber Dolgoon war zäh und erholte sich schnell wieder. Er band sich seine Errungenschaft, das Stück Stoff, um sein Bein, damit das Wasser nicht mehr auslaufen konnte. Er musste schnell sauberes Wasser besorgen, sobald er hier fertig war.
Leider bot das Haus nicht mehr als wertlose Trümmer und er musste es verlassen, ohne ein Sammlerstück oder wertvolles Metall gefunden zu haben.
Im nächsten Gebäude, es musste sehr groß gewesen sein, fand er einen alten Stahlschrank. Viel zu groß, um ihn mitzunehmen, aber wenn sich die Türen herauslösen ließen, könnte er davon einen ganzen Zyklus leben. Mit einem kleinen Lichtschneider, den er am Gürtel trug, machte er sich an die Arbeit. Nachdem er ein Stück herausgelöst hatte, fiel sein Blick auf sein Messgerät. Er stutzte. Die Werte waren stark abgesunken und hatten nun ein Niveau erreicht, das deutlich unter den Grenzwerten lag. War sein Detrimeter nun auch beschädigt? Es war unmöglich, dass sich die Seuche an dieser Stelle einfach aufgelöst haben könnte. Die Seuche konnte nicht einfach verschwinden. Aber er wollte auch nicht glauben, dass sein Detrimeter defekt war. Das durfte nicht sein. Das Instrument war zu wichtig, es sicherte sein Überleben. Dolgoon schnitt die Tür endgültig ab und legte sie beiseite. Zwischen bröseligem, schwärzlich verfärbtem Papier lag ein kleiner, blauer Kristall. Zumindest sah er aus, wie ein Kristall. Auf den zweiten Blick aber sah Dolgoon, dass es ein Tier war. Es bewegte sich ganz langsam, ohne dass man Gliedmaßen erkennen konnte. Je näher er mit seinem Gerät an das Wesen heran kam, desto tiefer sanken die Werte. Ein Tier, das die Seuche neutralisierte? Von so etwas hatte er noch nie gehört. Die Seuche ließ sich nicht einfach entfernen. So hatte er es gelernt und so lehrten es ihn seine Erfahrung und seine Instinkte. Aber hier hatte Dolgoon den Gegenbeweis. 
Übelkeit unterbrach seine Gedanken. Die Seuche lief bereits durch sein Blut und wenn er nicht schnell von hier fort kam und neues Wasser fand, würde er daran sterben. Er band sich die Stahltür auf den Rücken. Ohne die Tür wieder zu gehen, hätte bedeutet, sinnlos sein Leben in Gefahr zu bringen und noch einmal hierher zurückkehren, das wusste er, konnte er nicht mehr, dafür war er bereits zu ausgelaugt. Doch als er sich mit der Stahltür auf den Weg machte, blickte er noch einmal auf das kleine blaue Tier. Und in ihm keimte Hoffnung auf, dass alles gut werden würde.

weiter zum nächsten Türchen