Das Glasvögelchen

(von Vinni)

Steinerne Blöcke formen sich zum hohen Mauerbogen des zehnten Türchens, und geben den Blick auf eine nahe Burg frei. Wachposten stehen links und rechts Spalier und heben grüßend die Speere, als ein gutes Dutzend Berittener an ihnen vorübertrabt. Diese jedoch bemerken es kaum, mit leuchtenden Augen blicken sie der Burg entgegen. Fanfaren ertönen von ferne, und einer der Reiter, ein junger Ritter, schnalzt vor Ungeduld mit der Zunge und gibt seinem Pferd die Sporen.

Es war einmal ein König, der hatte zwar nur ein kleines Reich und eine kleine Burg, aber von überall kamen Ritter und Sänger, Händler und Reisende, um ihre Aufwartung zu machen. Der König hatte nämlich eine Tochter, die war so schön und lieblich, wie sich selbst am Hofe von Timarra keine zweite finden ließ. Prinzessin Illenira war schlank und rank wie eine junge Birke und doch fraulich in aller Holdseligkeit. Ihre Haut war rein und weiß, ihr Haar lockig und golden, und ihre Lippen rot und zart wie eine Mohnblüte. Sie liebte die Feste und die Turniere, und sie genoss, dass all die Menschen nur kamen, um sie zu sehen. Die Ritter fochten Kämpfe für einen einzigen Blick von ihr. All die Recken wetteiferten darum, ihr Geschenke zu machen und ihre Schönheit zu preisen. Doch hinter dem lieblichen Gesicht war die Prinzessin kaltherzig und eitel und liebte nur sich selbst. 

Der König hatte nun auch noch eine zweite Tochter. Prinzessin Hrandis war längst nicht so schön wie ihre Schwester. Ihr Haar war braun wie das einer Stubenmaus, Sommersprossen zierten ihr Gesicht und ihre Gestalt war die eines Bauernmädchens. Aber Prinzessin Hrandis hatte ein mitfühlendes Herz und einen heiteren Sinn. Es kümmerte sie nicht, dass all die Ritter und Reisenden nur ihrer Schwester huldigten und für sie selbst kaum Höflichkeit aufbringen mochten. Sie dachte vielmehr mitleidig, dass all die tapferen Helden nur der Eitelkeit von Illenira dienten. So manchem Ritter, der an die Gunst der schönen Prinzessin glaubte, hatte das schon das Herz gebrochen. So mancher war ausgezogen, um der Angebeteten einen Beweis seiner Liebe zu bringen. Sie alle wurden abgewiesen. Hrandis hätte vielen eine Warnung zurufen mögen, doch sie wusste, Liebe macht taub. 

Bald wurde ein weiteres Turnier ausgerufen, Illenira zu Ehren und zur Unterhaltung der vielen Gäste. Ritter aus nah und fern kamen, um sich im Kampfe zu messen. Sie fochten zu Pferd mit der Lanze, zu Fuß mit dem Schwert – und ein jeder hoffte, der schönen Prinzessin zu gefallen. Ein jeder wartete auf einen Blick von ihr, ein Zeichen, einen kleinen Wink. Illenira aber lächelte für alle und meinte doch keinen. 

Rüstungen glänzten und Fahnen wehten. Schwerter klirrten und Schilde krachten. Pferde preschten durch die Bahn, wo Lanzen splitterten. In unzähligen Zweikämpfen trafen die Ritter aufeinander, um den besten zum Sieger zu küren. Es war schließlich ein junger Ritter aus dem Norden, der die Kämpfe gewann. Tassir war sein Name und er war erst seit kurzem auf der Burg zu Gast. Auch er war bezaubert von der Schönheit Prinzessin Illeniras und beseelt von dem Wunsch, bei ihr zu sein. Als er nun den Preis aus ihren schlanken Händen empfing, glaubte er sich dem Himmel nah. 

„Oh, holde Prinzessin“, sprach er vor ihr und allen Leuten, „ich will Euch mein Herz zu Füßen legen. Gewährt mir Eure Gunst, ich will alles dafür tun.“ 

Illenira lachte, und nur Hrandis erkannte den Spott hinter dem lieblichen Ton. „Edler Ritter, ich will Euch gern einen Auftrag erteilen, mit dem Ihr Euch beweisen könnt. Bringt mir das Glasvögelchen, von dem die Barden singen, und mein Dank wird Euch gewiss sein.“ 

Ein Raunen erhob sich unter den Zuhörern. Niemand wusste, wo das Glasvögelchen zu finden war. Es sollte in einem fernen Garten leben und wunderbare Lieder singen. Und dabei war es doch aus zartem durchsichtigem Glas, das bei der kleinsten Berührung zerbrach. Vielleicht war es auch nur eine Legende, gesponnen aus dem Märchengarn der Barden. 

Ritter Tassir aber zögerte nicht. Die schönste aller Frauen hatte ihm ihren Wunsch genannt und er sah in ihren blauen Augen das Versprechen glücklicher Liebe. Bis ans Ende der Welt würde er gehen, um ihren Wunsch zu erfüllen. Nicht Sturm und Kampf noch Drachenfeuer würden ihn hindern können. Er würde ihr das Glasvögelchen bringen und dann würde sie seine Liebe erwidern. Noch in der selben Stunde packte er seine Sachen und ritt los. Illenira lachte und freute sich auf die Heldentaten, die er in ihrem Namen vollbringen würde. Sie lachte und feierte das nächste Fest. Hrandis aber sah dem Ritter bekümmert nach. Wieder einer, der auszog, der Kampf, Not oder gar den Tod fand. Wieder einer, den am Ende nicht der erhoffte Dank erwartete. 



Tassir, der junge Ritter, zog erst nach Süden zur Küste. Vielleicht, so glaubte er, fand sich dort an den freundlichen Gestanden ein Garten, der süß und herrlich genug war für einen solchen Zaubervogel. Er reiste viele Tage lang, doch jeder, den er fragte, schüttelte den Kopf. Wohl gab es Gärten voller Früchte, Farne und Vögel, aber ein Vogel aus Glas, nein, davon hatte hier noch keiner gehört. Tassir sah seine Vorräte zur Neige gehen, er schnallte seinen Gürtel enger und zog weiter. Diesmal lenkte er sein treues Ross in die weiten Wälder des Grenzlandes. Vielleicht gab es dort zwischen den alten moosbärtigen Bäumen einen verwunschenen Garten. Ritter Tassir reiste viele Wochen durch das weite Waldland. Er kämpfte gegen Wölfe und Bären dabei. Er half Holzfällern und Köhlern bei ihrer Arbeit. Er zerbrach die letzten Pfeile bei der Jagd und musste hungern. Aber wohin er auch zog und wen er auch fragte, nirgends gab es eine Spur von dem sagenhaften Geschöpf. Schließlich wandte er sein Pferd in Richtung Gebirge. Vielleicht gab es zwischen den schroffen Gipfeln und finsteren Tälern einen versteckten Platz voller Licht und Vogelsang. Tagelang, wochenlang irrte der Ritter nun durch die Berge. Ein Steinschlag tötete sein Pferd. Eisiger Wind und grimmiger Frost zwangen ihn in die Knie, aber er wollte nicht aufgeben. Konnte nicht aufgeben. Er hatte es Illenira versprochen, und der Gedanke an ihr holdes Antlitz gab ihm den Mut, weiterzugehen. So erreichte Tassir ein weiteres Tal, schmaler und finsterer als alle, die er zuvor durchschritten hatte. Der Wind heulte zwischen den Steinen wie ein hungriger Wolf. Der Weg aber, der steinige, schmale, kaum zu erkennende Weg, dem Tassir gefolgt war, der endete an einer unüberwindlichen Felswand. Der junge Ritter zog seine Decke um sich und machte Rast. Hier kam er nicht weiter – und zurück kam er heute auch nicht mehr. Er schlief ein. Zwischen Kälte und Windgeheul war es wie Funkeln und Klingen in seinem Traum. Wie warmes grünes Gras und plätscherndes Wasser. Tassir schlug die Augen auf und glaubte immer noch zu träumen. Die kalte Felswand war verschwunden und an ihre Stelle breitete sich ein sonniger Garten aus. Obstbäume trugen schwere Früchte, Gräser und Blumen wiegten sich in sanftem Sommerwind, Bächlein sprangen in glitzernden Kaskaden über Steine. Und über allem lag ein so zauberhaft süßer Gesang, dass es ihn schier zu Tränen rührte. Es waren Vögel, die so zauberhaft sangen. Wunderbunte Singvögel, wie er sie noch nie gesehen hatte. Staunend stand er vor dem Durchgang, wagte nicht, sich zu rühren oder gar den Garten zu betreten. Bis ihn schließlich eine schrille Stimme aus seiner Erstarrung riss: „Was stehst du hier herum?“ 

Tassir fuhr zusammen und bemerkte erst jetzt vor sich eine seltsame Gestalt. Eine alte, hutzelige Frau, klein wie eine Zwergin. Sie trug einen grasgrünen Umhang, der mit vielen bunten Federn verziert war. Unter der Kapuze quoll struppiges graues Haar hervor, das kaum die spitze Nase und die kleinen schwarzen Äuglein freiließ. Sie stützte sich auf einen langen Stock und schien nicht im Mindesten verwundert, einen Fremden hier zu sehen. „Komm in den Garten oder kehre um“, verlangte sie, „aber steh nicht so dumm im Eingang herum!“ 

Tassir murmelte eine hastige Entschuldigung. Er betrat das Gras, immer noch staunend, dass es nicht bei der Berührung in Traumfetzen zerfloss. Aber er fasste sich schnell. „Ich danke dir, Mütterchen, für die Einladung.“ Er verbeugte sich höflich vor der seltsamen Alten. „Ich bin auf der Suche nach dem Glasvögelchen. Weißt du, wo ich es finde?“ 

Die Alte starrte ihn durchdringend an. „Ich weiß wohl, was du suchst.“ 

„Kannst du mir helfen?“ 

„Ich könnte wohl. Das Vögelchen, das du suchst, lebt in meinem Garten.“ 

Tassir atmete auf. Endlich war er am Ziel. „Würdest du es mir überlassen? Ich bin einen weiten Weg gekommen durch viele Abenteuer.“ 

Immer noch starrte die Alte. „Das weiß ich wohl. Und wofür? Für den Dank einer Prinzessin.“ 

„Für die Liebe einer Prinzessin“, gab Tassir zurück. 

„Schnickschnack, Papperlapapp“, fuhr ihn die Alte an, „was weiß eine Prinzessin von Liebe?“ 

„Sie ist die schönste Frau der Welt“, erklärte Tassir weiter, „Ich liebe sie und wenn ich ihr das Glasvögelchen bringe, dann wird auch sie mir ihre Liebe schenken.“ 

Die Alte schnaubte empört. „Was wissen Ritter schon von Liebe?!“ 

Darauf wusste Tassir nichts zu sagen. Er war seinem Herzen gefolgt, er war einen langen Weg gegangen, hatte viele Opfer gebracht, gefroren und gehungert – und jetzt, so kurz vor dem Ziel fehlten ihm die richtigen Worte. „Ich liebe sie“, sagte er schließlich, „ich würde alles für sie tun. Und für das Glasvögelchen. Ich bitte dich, hilf mir.“ 

Die Alte schaute wieder lange auf den jungen Ritter. Dann seufzte sie und winkte ihm, ihr weiter in den Garten zu folgen. Sie schritt an den Obstbäumen vorbei, folgte dem Bächlein bis zu einem kleinen Wasserbecken, das mit einem goldenen Geländer umkränzt war. Hier winkte sie mit einer Hand und stieß einen seltsam trillernden Pfiff aus. Die Vogelstimmen ringsum antworteten ihr – und dann löste sich ein glitzernder Schatten aus dem Vogelschwarm und landete auf dem goldenen Geländer. Ein Vogel, ein kleiner, zierlicher Vogel, ganz aus Glas. Er war so durchsichtig wie feinstes Kristall und lebte doch, bewegte sich und schlug mit den Flügeln. Und sein Gesang – das war der schönste von allen. Nur die Glocken des Himmels mochten lieblicher klingen. 

Die Alte nahm den Vogel auf die Hand, er war so winzig, dass er gerade ihre kleine Handfläche füllte. Sie hauchte den Vogel an – und wie durch einen Zauber erstarrte das Tier, wurde reglos und kalt, wie wirkliches Glas. 

Tassir beobachtete das staunend. 

Die Alte hob den gläsernen Vogel ein Stück. „Weil du sie so sehr liebst und so sehr an sie glaubst, will ich dir den Vogel geben. Aber höre mit welcher Bedingung: Nur die wahre Liebe kann den Vogel wieder zum Leben erwecken. Bring ihn zu deiner Prinzessin. Ich gebe dir drei Tage Zeit, dass der Vogel wieder erwacht. Singt er, dann werdet glücklich. Wenn das aber nicht geschieht – wenn sie dich nicht liebt – dann bringe den Vogel zu mir zurück. Und dann wirst du mir dienen, drei Jahre lang, als Preis, dass ich dir vergeblich geholfen habe.“ 

Tassir nickte. So stark war seine Liebe und so sicher war er, die Liebe Prinzessin Illeniras zu gewinnen, wenn er ihr nur das Glasvögelchen brachte. 

„Aber höre, wenn du den Vogel zerbrichst – dann gehört dein Leben mir.“ Sie hob die Hand mit dem Vogel, so dass er nur noch zugreifen musste. „Hast du mich verstanden?“ 

Tassir nickte wieder. „Ich habe verstanden.“ 

„Dann will ich dir noch weiter helfen. Ich gebe dir ein Pferd, das dich im Handumdrehen zum Schloss zurückbringt. Setz dich in seinen Sattel, nimm die Zügel und puste ihm dreimal ins linke Ohr. Willst du hierher zurück, dann puste dreimal in das rechte Ohr.“ Damit stieß sie ihren langen Stock auf den Boden. Es gab einen Schlag als träfe Donner auf Stein und wie aus dem Boden gewachsen stand ein großes weißes Pferd vor Tassir. Ein Schimmel mit roten Augen und rot schimmernden Ohren. „Damit kommst du im Handumdrehen zurück – und du hast drei Tage Zeit.“ 

„Ich bin dazu bereit.“ Tassir griff nach dem gläsernen Vogel, ganz vorsichtig, um ihn nicht mit seinen waffengewohnten Händen zu zerbrechen. Und es war wirklich Glas, wie das Meisterstück eines großen Künstlers. Kaum vorstellbar, dass der Vogel eben noch gelebt und gesungen hatte. „Ich danke dir“, sagte er zu der Alten. 

Die reichte ihm die Zügel des Pferdes. Sie schüttelte dabei bedenklich den Kopf. „Danke mir nicht, mein Junge, danke mir nicht.“ 

Doch der Ritter achtete nicht mehr auf ihre Worte. In seinem Herzen war eine wilde Freude, die Aufgabe gelöst zu haben. Er hatte das Glasvögelchen gefunden. Alles würde gut werden. Er schwang sich in den Sattel, barg den Vogel sorgsam in seinem Gewand und griff nach den Zügeln. „Ich danke dir“, wiederholte er noch einmal. „Und leb wohl, denn wir werden uns nicht wiedersehen.“ Damit pustete er dreimal ins linke Ohr des Pferdes. Der Schimmel schnaubte, stampfte mit den Hufen – und im Handumdrehen standen sie im Hof der königlichen Burg, und auf dem Söller standen der König und seine Töchter. 



Es war genau ein Jahr nachdem Ritter Tassir aufgebrochen war. Wohl erinnerte sich Prinzessin Illenira, dass sie einen jungen Ritter ausgeschickt hatte, das Glasvögelchen zu suchen, sein Gesicht hatte sie jedoch längst vergessen. Doch selbst wenn sie sich an den schmucken siegreichen Recken erinnert hätte, der ihr am Ende des Turniers alle Wünsche erfüllen wollte, hätte sie ihn kaum in der abgehärmten Gestalt auf dem weißen Pferd erkannt. Prinzessin Hrandis hingegen hatte den jungen Ritter nicht vergessen. Sie hatte in dem Jahr oft an ihn denken müssen und sich um ihn gesorgt. So erkannte sie auch jetzt seine hellen Augen und seine schmal gewordenen Züge. 

Bevor jemand noch fragen konnte, erhob Ritter Tassir die Stimme. „Schönste Prinzessin“, begann er, „Ihr habt mich ausgeschickt, das Glasvögelchen zu suchen. Nun bin ich erfolgreich zurückgekehrt, so wie ich es versprochen hatte.“ 

Illenira errötete voller Entzücken. Das Glasvögelchen, von dem die Barden sangen, sollte nun ihr gehören. Dies einzigartige Wesen, um das sie viele beneiden würde. Sie lächelte betörend für den jungen Ritter, dass diesem schier die Sinne schwanden. „Seid willkommen zurück. Ruht Euch aus und dann erwarten wir Euch in der großen Halle. Wir alle brennen darauf, von Euren Abenteuern zu hören.“ Und sie schenkte ihm noch einen Blick, der alle Versprechungen von Glückseligkeit zu enthalten schien. Prinzessin Hrandis aber senkte die Augen und war traurig. 

Schnell hatte man für das Zauberpferd einen Stall gefunden und für den jungen Ritter ein Zimmer. Er wusch sich und kleidete sich neu, um der Liebsten zu begegnen. Die erwartete ihn längst ungeduldig in der großen Halle, so wie alle Hofleute und Hofdamen, Ritter und Barden. Ein jeder wollte das sagenhafte Glasvögelchen mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören. Der König auf seinem Thron empfing den Ritter freundlich. Und an seiner Seite saß Prinzessin Illenira, schöner als je zuvor. Prinzessin Hrandis verblasste neben ihr wie eine Kerze neben der hellen Sonne. 

Ritter Tassir schritt frohen Herzens durch die wartende Menge, ging vor der Prinzessin in die Knie und reichte ihr das so mühevoll errungene gläserne Vögelchen. 

„Ich danke Euch“, sagte die Prinzessin beiläufig, während sie das Glas betrachtete. Es war ein Vogel, so naturgetreu, wie ihn kein Künstler zu schaffen vermochte. Jede Feder, jedes winzige Detail war erkennbar, glitzernd und durchsichtig aus kühlem Glas. „Aber warum singt er nicht?“ 

Tassir neigte den Kopf und berichtete von dem Garten und der alten Frau, die ihm den Vogel gegeben hatte. „Nur wahre Liebe kann ihn zum Leben erwecken“, sagte er schließlich, „ich liebe Euch von ganzem Herzen, schönste Prinzessin. Schenkt mir Euer Herz und lasst uns zusammen glücklich sein. Und der Vogel wird leben und singen.“ 

Illenira sah auf das Glas in ihrer Hand. „Ich will, dass er singt“, verlangte sie. „Ihr habt versprochen, mir das Glasvögelchen aus den Legenden zu bringen. Das singende Vögelchen und keine tote Figur. Ihr habt es versprochen, ohne Bedingung, ohne Frage nach meinem Herz und meiner Hand. Also haltet Euer Versprechen und ich will Euch dankbar sein.“ 

Der junge Ritter konnte kaum glauben, was er hörte. So oft hatte er sich ausgemalt, wie er zurückkehrte. Wie er der Angebeteten das Pfand seiner Liebe brachte – und wie sie ihm ihre Hand reichte, dankbar und voller Liebe. Und nun diese harten Worte. „Teuerste Prinzessin“, bat er, „habt Geduld, der Vogel wird singen. Nehmt ihn mit Euch und hört auf Euer Herz. Denkt an mich und was ich für Euch getan habe. Ich bin so weit gereist, habe so viele Gefahren überstanden, nur für Euch. Könnt Ihr nicht meine Liebe fühlen und erwidern?“ 

Doch die Prinzessin sah nur kühl auf ihn herab. „Wir werden sehen, ob er singt.“ Damit wandte sie sich ab, verließ den Raum und nahm den Vogel mit sich. 

Ritter Tassir hingegen kehrte still in seine Kammer zurück. Sein Mut war gesunken, aber er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Sie wird mich lieben, sagte er sich selbst, es kann nicht alles umsonst gewesen sein. 

Am nächsten Tag zur selben Stunde trafen alle wieder in der großen Halle zusammen. Ritter Tassir war blass, als er vor die Prinzessin trat. 

„Er singt nicht“, sagte Illenira und wies auf den gläsernen Vogel. Nur Glas, kaltes, totes Glas, kein lebendes singendes Wesen. „Ich will, dass er singt.“ 

„Das liegt allein bei Euch, liebste Prinzessin. Nur wahre Liebe kann den Vogel erwecken und zum Singen bringen. Ich biete Euch all meine Liebe, aufrichtig und aus tiefsten Herzen.“ Er senkte den Kopf. „Bedenkt es gut, denn wenn der Vogel auch am dritten Tag nicht singt, dann muss ich ihn zurückbringen und meine Schuld begleichen.“ 

„Aber ich will den Vogel nicht hergeben“, beharrte die Prinzessin, „ich will, dass er singt!“ 

Der junge Ritter sah sie traurig an und seine Hoffnung sank. Die Prinzessin verließ wieder die Halle, nahm wieder das gläserne Vögelchen mit. Und auch Tassir ging. Er wanderte ruhelos durch die Burg. Schließlich trat er zu dem Zauberpferd. Er strich dem Schimmel durch die Mähne und musste an die Worte der Alten denken. „Was weiß ein Ritter schon von Liebe“, sagte er bitter. „Ein Ritter, der an ein gegebenes Wort glaubt, an Wahrheit und Treue und Redlichkeit.“ Er schüttelte den Kopf und machte sich selbst Mut. „Es ist noch nichts verloren. Sie ist so schön und so rein und so gut. Sie wird ein ehrlich gebotenes Herz nicht von sich weisen. Ich muss daran glauben.“ 

Er merkte dabei nicht, dass Prinzessin Hrandis ihm leise gefolgt war. Seine Traurigkeit tat ihr weh und sie wusste, dass alles Hoffen auf Liebe vergeblich war. Die Schwester liebte nur sich selbst. Aber Hrandis wagte nicht, ihn zu trösten. 

Am dritten Tag schließlich, wieder zur selben Stunde, trat Ritter Tassir vor den König und seine Töchter. Prinzessin Illenira war schön wie der Sommerhimmel, aber ihre Augen blickten kalt auf den jungen Ritter. „Der Vogel singt nicht“, erklärte sie störrisch wie ein kleines Kind. „Ich will, dass er singt. Ich will, dass er lebt.“ 

Tassirs Hoffnung sank. „Nur die Liebe kann den Vogel beleben“, erklärte er ein weiteres Mal. „Seht mich an, schönste Prinzessin, fragt Euer Herz, könnt Ihr mich nicht lieben? Bin ich Euch so zuwider?“ 

„Ihr seid mir egal“, beschied die Prinzessin kurz. „Ich will, dass der Vogel singt.“ 

Die Worte trafen tief. All die gebotene Liebe, die Abenteuer, die Anstrengungen, all das war ihr egal, sie wollte nur ihr Spielzeug. Die Alte hatte recht gehabt. Was wusste eine Prinzessin schon von Liebe? Tassir sah sie lange an. „Dann wird der Vogel nicht singen. Gebt ihn mir zurück, damit ich ihn in den Garten bringen kann, wo er hingehört. Wo er singen und fliegen kann.“ 

Die Prinzessin presste den Vogel an sich. „Nein“, wehrte sie ab. „Er gehört mir, ob er nun singt oder nicht, er gehört mir. Ihr habt versprochen, ihn für mich zu suchen und ihn mir zu bringen.“ 

„Ich habe ihn Euch gebracht“, antwortete Tassir ruhig. „Ich habe mein Wort gehalten, so wie Ihr das Eure gehalten habt. Gebt ihn mir wieder.“ 

Da schrie die Prinzessin vor Zorn, weil sie ihren Willen nicht haben konnte. Ihr schönes Gesicht verzog sich zu einer trotzigen Grimasse. „Dann nehmt Euren Vogel und verschwindet!“ Damit warf sie den Vogel vor seine Füße. Er traf auf den Stein und das Glas zersprang. Atemlose Stille herrschte im Saal. Der junge Ritter sah auf die tausend glitzernden Scherben. Mit dem Glas schien auch sein Herz entzwei gesprungen. Vielleicht auch sein Leben, das er für den Vogel verpfändet hatte. Er neigte den Kopf vor der Prinzessin, verbeugte sich vor dem König und verließ wortlos die Halle. Auch Prinzessin Illenira rauschte wortlos davon. Prinzessin Hrandis aber, die eilte herbei, um die Scherben des gläsernen Vögelchens aufzusammeln. Jeden Splitter, jeden noch so kleinen Rest barg sie in einem seidenen Tüchlein. Damit eilte sie dem Ritter nach. Sie fand ihn im Stall bei seinem Zauberpferd. 

„Herr Ritter“, rief sie ihn an, „verzweifelt nicht. Es liegt nicht an Euch, dass Illenira Euch nicht lieben kann. Sie ist so schön, aber ihr Herz ist kalt. Ich bitte Euch, verzweifelt nicht.“ 

Tassir sah sie an. „Ich danke Euch für Eure Worte“, sagte er höflich, „aber es ist zu spät. Ich habe ihre Schönheit gesehen und an ihre Liebe geglaubt. Aber ich habe mich geirrt.“ Damit schwang er sich in den Sattel und griff nach den Zügeln. 

„Was ist nun mit dem Vogel?“ 

„Er ist zerbrochen. Ich habe mit meinem Leben dafür gebürgt, und ich werde den Preis dafür zahlen. Lebt wohl.“ Damit beugte er sich vor, um dem Pferd dreimal ins rechte Ohr zu pusten. 

Prinzessin Hrandis schrie auf in heller Angst und umklammerte den Hals des Pferdes. Sie konnte ihn nicht so verzweifelt ziehen lassen. Sie konnte ihn nicht in den Tod gehen lassen. Sie liebte ihn, dass war ihr nun klargeworden. 

Der Schimmel schnaubte, stampfte mit den Hufen – und im Handumdrehen stand er in dem felsigen Tal im Gebirge. Mit Tassir im Sattel und mit Hrandis, die noch immer seinen Hals umklammerte. Es war heller Tag und statt dem sonnigen Garten war da nur die unüberwindliche Felswand. 

Tassir sah erstaunt auf die weinende Prinzessin. Sie sollte nicht hier sein, sie musste zurück in die Burg. Man würde sich um sie sorgen. „Gebt mir Eure Hand, ich bringe Euch zurück.“ 

Hrandis sah sich fassungslos um und konnte kaum glauben, plötzlich im fernen Gebirge zu sein. Bei seinen Worten aber trat sich zurück, das Tüchlein mit den Scherben fest an sich gepresst. „Nein“, sagte sie, „ich werde Euch nicht allein lassen. Es ist nicht Eure Schuld, Ihr sollt nicht für die Hartherzigkeit meiner Schwester büßen müssen.“ 

„Ich danke Euch“, sagte Tassir freundlich, „aber Ihr könnt mir nicht helfen. Gebt mir Eure Hand.“ 

Hrandis schüttelt entschlossen den Kopf. „Ich gehe nicht. Ihr müsst mich schon zwingen mit grober Gewalt.“ 

„Ihr seid eine Dame, das kann ich nicht.“ 

„Ich weiß.“ Damit ließ sich Hrandis auf einem flachen Felsen nieder. Sie zog das dünne Seidenkleid über ihren Knien glatt und öffnete vorsichtig das Tüchlein mit den Scherben. Geduldig versuchte sie, die gläsernen Splitter wieder zusammenzusetzen. Sie achtete dabei nicht auf Tassir, sie kümmerte sich auch nicht darum, dass ihr die Scherben die zarten Finger zerschnitten und Blutstropfen die feine Seide tränkten. 

Der junge Ritter sah hilflos auf die Prinzessin, nicht sicher, was er nun tun sollte. Ihr Einsatz rührte ihn, aber es war viel zu gefährlich hier. Was sollte aus ihr werden, wenn die Alte ihren Preis forderte? „Bitte, Prinzessin, kehrt zurück in die Burg.“ 

„Nein“, antwortete sie, ohne aufzusehen. 

Tassir stieg vom Pferd. Es war noch weit bis zur Nacht, vielleicht verhalf die Zeit der unvernünftigen Prinzessin zur Einsicht. Es war kalt und unheimlich hier in dem Tal, sie würde selbst nach Hause zurück verlangen. Er versorgte das Pferd, so gut es hier möglich war. Dann zögerte Tassir, legte aber doch vorsichtig seinen Umhang um ihre Schultern. Prinzessin Hrandis zitterte bereits im eisigen Bergwind. Ihr Seidenkleid war für den Tanzsaal gemacht, nicht für das kalte Gebirge. Sie bedankte sich, hielt aber nicht in ihrer Aufgabe inne. Wieder und wieder versuchte sie, die Scherben zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Tassir suchte sich seinerseits einen Platz und beobachtete sie dabei. Wie konnte diese Prinzessin sich nur so für ihn einsetzen? Wie konnte sie nur so anders sein als ihre Schwester? Sie war nicht so schön, aber sie hatte ein mitfühlendes, hilfsbereites Wesen. Und Schönheit… deren Wert hatte er eben erst bitter erfahren dürfen. 

Die Stunden vergingen. Längst warf die Sonne lange kalte Schatten auf die beiden Menschen. Tassir starrte blicklos auf die Felswand und wartete. Er dachte nichts, fühlte nichts, wartete einfach nur auf das Unausweichliche, das folgen musste. Hrandis aber versuchte unermüdlich, die Vielzahl der Scherben zusammenzusetzen. Doch kaum hatte sie die größeren Teile aneinandergefügt und nach den kleinen Splittern gegriffen, da fiel alles auseinander. Begann sie am Schnabel, dann konnte sie die übrigen Teile nicht halten. Glaubte sie, ein passendes Stück gefunden zu haben, dann fiel ihr der Rest lose aus den Fingern. Es war zum Verzweifeln. Längst waren ihre Finger wund und klamm vor Kälte. Aber sie wollte nicht aufgeben, wollte sich nicht damit abfinden, dass alles verloren war. Schließlich brach die Dämmerung herein. Und noch immer lag der gläserne Vogel in Scherben. Prinzessin Hrandis brach in Tränen aus. Es war alles umsonst. 

Das bitterliche Weinen riss Tassir aus seiner Versunkenheit. Überrascht sah er auf die Prinzessin, auf ihre zuckenden Schultern und das glatte braune Haar. „Weint nicht“, bat er sie, „es ist nicht Eure Schuld. Ihr könnt mir nicht helfen. – Es ist wohl besser, ich bringe Euch jetzt zurück.“ 

„Nein“, schluchzte die Prinzessin, „ich will Euch nicht allein lassen.“ 

Der junge Ritter trat an ihre Seite. „Warum nicht?“ 

„Ich will Euch nicht verlieren. Ich liebe Euch doch.“ 

Gerührt von diesem Geständnis fasste er nach ihrer Schulter. Sie blickte zu ihm hoch und in ihren Augen stand so viel Gefühl und echte Wärme und Liebe, dass er es glauben musste. Und er stellte fest, dass er diese verweinten, sorgenden, liebevollen Augen sehr viel schöner fand als die kalten makellosen Augen ihrer Schwester. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, fiel sein Blick auf die Scherben. Sie waren verschwunden! Unter ihren Tränen hatten sich die Splitter wie von selbst wieder zu dem gläsernen Vögelchen zusammengefügt! Tassir konnte es kaum fassen. Hrandis folgte seinem ungläubigen Blick – und auch sie konnte das Wunder kaum glauben. Mit einem Jubellaut sprang sie auf die Füße, das Vögelchen mit zitternden Händen umfassend. „Es ist wieder heil! Euer Leben ist gerettet!“ 

Auch Tassirs Hände zitterten. Er legte sie sacht auf die Schultern der Prinzessin. „Ich danke Euch“, sagte er warm. „Mein Leben ist damit gerettet. Nun schulde ich nur noch den Dienst von drei Jahren, dafür, dass das Vögelchen nicht singt.“ Er spürte hinter sich ein Rumpeln und Grollen und wusste, gleich würde sich der Weg zum Garten öffnen. „Doch was sind schon drei Jahre?“ 

Hrandis hielt ganz still bei seiner Berührung. Sie lächelte mit tränenfeuchten Augen. Er hatte die Hoffnung zurück. Und auch sie wollte hoffen. „Ich werde auf Euch warten, wenn ich nicht bei Euch sein darf. Drei Jahre oder dreißig, soviel es eben sind. – Wenn Ihr das wollt.“ 

Das Rumpeln und Grollen nahm zu, und schon klang Vogelzwitschern und Bächleinsang dazwischen. Sommer und Sonnenstrahlen quollen zwischen den Felsen hervor. Tassir aber achtete nicht darauf. Er sah nur auf Prinzessin Hrandis. Die tapfere, aufrichtige, warmherzige, ehrliche – und ja, auch schöne Prinzessin Hrandis. „Von Herzen gern, wenn Ihr solange auf mich warten wollt.“ 

Da zuckte und zappelte es plötzlich zwischen Hrandis’ Händen. Das Glasvögelchen war erwacht! Es schüttelte sich wie nach langem Schlaf und versuchte, sich aus ihren Händen zu befreien. Hrandis sah staunend auf das wundersame Geschöpf. Sie ließ es frei – und mit herzzerreißend schönem Gesang erhob es sich in die Lüfte. Tassir und Hrandis sahen ihm beide wie verzaubert hinterher und verstanden erst dann, was es bedeutete. Das Glasvögelchen sang! Übermütig vor Freude und Glück umfasste der junge Ritter die Prinzessin und wirbelte sie herum. Sie lachten beide, hielten einander fest und konnten ihr Glück kaum fassen. Erst als eine schrille Stimme erklang, fuhren die beiden auf aus ihrer Glücksseligkeit. 

„Da hast du ja doch noch die richtige Prinzessin gefunden.“ Die kleine, alte Frau im grasgrünen Umhang stand vor den beiden. Sie musterte sie eindringlich und winkte sie dann hinein in ihren Garten. „Kommt, Kinder“, sagte sie, „ihr sollt nicht die Nacht hier in Kälte und Finsternis verbringen. Seid meine Gäste und morgen wird euch der Schimmel wieder nach Hause bringen.“ 

Und so geschah es. Hrandis und Tassir wanderten die ganze Nacht durch den sommerlichen Garten. Sie hielten sich an den Händen und hatten sich viel zu sagen. Dabei sangen und klangen ringsum die Vogelstimmen für die Liebenden. Das klare Wasser des Bächleins schmeckte süß wie die Früchte der Bäume. Wie ein Traum verging diese Nacht, und am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich herzlich von der Alten. Und wieder brachte sie das Zauberpferd im Handumdrehen auf die Burg zurück. Doch seltsam, hier war nicht eine Nacht vergangen, sondern zehn ganze, lange Jahre. Feste und Turniere waren vorbei, da der König alle Ritter ausgeschickt hatte, die verschwundene Prinzessin zu suchen. Und Prinzessin Illenira – der hatten die Jahre, die Launen und die Lieblosigkeit Falten ins Gesicht geschnitten, die sie mit Schönheitsmittelchen zu übertünchen suchte. Wie groß war ihr Neid, als sie die jung gebliebene Schwester sah! Der Sommer des Zaubergartens hatte ihrem braunen Haar einen goldenen Schimmer verliehen und die Liebe und das Glück ließen ihre Augen strahlen. Und Tassir hatte nur noch Augen für seine Hrandis. Vor lauter Neid und Groll und Eifersucht schloss sich Illenira in ihrem Zimmer ein und ward auf dem ganzen großen Freudenfest nicht zu sehen. Man feierte die Rückkehr und man feierte Hochzeit! Hrandis heiratete ihren Ritter und nie sah man ein glücklicheres Paar.

weiter zum nächsten Türchen