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Ein Hauch von Freundschaft

(von Lomaril)

Dichtes Efeu rankt sich um das elfte Türchen, welches auf eine sonnige Waldlichtung hinausführt. Nur bei genauerem Hinsehen bemerkt man den geduckten Jäger, der sich mit gezücktem Speer durch die Stämme der Bäume am Rande der Lichtung langsam, langsam an seine Beute anpirscht…

Behutsam setzte er seine nackten Zehen auf den mit Moos bedeckten Felsen. Leise, ganz leise, schlich er vorwärts, sein Ziel, einen stattlichen Filchet, fest im Blick. Vorsichtig bedacht kein Geräusch zu verursachen, hob er seinen mit Schuppen überzogenen Schwanz, damit dieser auch ja nicht über den Stein schleifte. Der kühle Morgenwind liess die Blätter rauschen und durch die Baumkronen schien viel Licht auf Quisbens nackten Oberkörper. Für ihn war es Gewohnheit, sich vor der Jagd der Kleidung zu entledigen, da sie seine Bewegungsfreiheit zu sehr einschränkte. Das Einzige, was er anbehielt, war seine kurze Wollhose. Sie schützten ihn zum einen vor den Dornen, welche sich allzu gerne in den Büschen versteckten und sich mit ihren kleinen Zähnen sofort an allem festbissen. Und ausserdem musste man schliesslich selbst hier im Wald mit ungebetenen Beobachtern rechnen. Eine Anzeige wegen „Verursachung öffentlichen Ärgernisses“ wollte er auf alle Fälle vermeiden. Seine krallenbewehrten Hände hielten den Speer fest umklammert. Vor acht Jahren hatte er diesen von seinem Vater zum Geburtstag geschenkt bekommen und jagte seither nur noch mit ihm. Das Tier stand immer noch auf der Lichtung. Dieser Prachtkerl würde ihm genug Geld für die nächsten zwei Wochen einbringen.

***

Er schwebte auf die Baumkronen zu, die Geschwindigkeit langsam abbremsend, seine Augen fest auf die offene Stelle im Blattwerk gerichtet und… Anstrengung und die Nachwirkungen der letzten Nacht (auf die letzte Flasche Jümor hätte er wohl besser verzichten sollen) machten sich bemerkbar, als er den Baum genau NICHT verfehlte. Mit einem unwirklichen Krachen stiess der Feji’lai mit der Buche zusammen. Er fiel und schlug dabei seine Arme, Beine und Schultern an den Ästen an. Instinktiv versuchte er seinen Kopf zu schützen, doch alles ging viel zu schnell. Allein seine Schwebelunge verhinderte das Schlimmste, als das Organ sich reflexartig ausdehnte, ein leichtes Ziehen im Brustkorb einsetzte und die Erde etwas weniger schnell auf ihn zu raste.

***

Ein Krachen erfüllte die Luft. Das Geräusch war nicht mal besonders laut, doch der Filchet stellte verängstigt seine Ohren auf und hüpfte davon. Ein Schrei entfuhr Quisbens Kehle. „Bei allen Seelen dieser Welt, was war das?“ Genervt liess er den Speer sinken und schaute sich um. Es hatte keinen Sinn jetzt noch leise zu sein, die meisten Tiere würden sich jetzt für die nächsten Stunden sowieso nicht mehr blicken lassen. Er wandte sich in die Richtung der Geräuschquelle und ging los.
Die Lärmursache war schnell ausfindig gemacht. Unter einem Baum lag jemand, neben ihm haufenweise Blätter und vereinzelte kleinere Äste. Ein Mensch? Aber welcher Mensch würde einfach so aus dem Himmel stürzen? Sein gegenüber war also ein Feji’lai. Von aussen nur an der feji’laitypischen Gesichtsform von einem “normalen“ Menschen zu unterscheiden.
Quisben blickte zum Loch im Blätterdach hinauf: „Schönen Flug gehabt?“
„Ja“, presste der Andere angestrengt hervor.
„An der Landung musst du allerdings noch arbeiten.“ 
Der Fremde versuchte sich aufzurichten, gab ein schmerzerfülltes Stöhnen von sich und liess sich wieder ins Gras fallen. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich heute noch fliegen muss… Aua, mein Kopf.“
„Solange es wehtut, bist du wenigstens noch nicht tot. Willst du hier liegen bleiben?“ fragte Quisben und musterte den Anderen genauer. Er schätzte ihn etwa im gleichen Alter wie sich selbst, also so um die zwanzig. Der Feji’lai trug eine schwarze Mütze, darunter lugte sein schulterlanges, blondes – nein, doch eher weissliches - Haar hervor. Um die Hüften war eine graue Jacke gebunden, welche in den höheren Lagen sicher nützlich war. Ansonsten war nichts Auffälliges an ihm. Die Kleidung, wie man sie halt in den grossen Städten trug: lange, graue Hosen, ein weisses Hemd und eine Weste aus Leder. Sie sahen jetzt nicht mehr ganz so sauber aus, aber das kam halt davon, wenn man mit einem Baum zusammenstösst. 
Mittlerweile hatte es der Feji’lai geschafft sich aufzusetzen und fuhr sich gerade mit den Händen übers Gesicht. „Das gibt ne tolle Beule“, meinte er nach einem weiteren Stöhnen.
„Ich bin Quisben. Und wie heisst du?“ wollte Quisben wissen.
„Viejel“, sagte Viejel mit einem abwesenden Blick, da er gerade dabei war seine Kleidung zu begutachten.
„Warte hier, ich gehe nur kurz mein Zeugs hohlen. Bin gleich zurück.“

***

Quisbens Oberkörper war nicht mehr nackt, als er zurückkam. Er trug einen grün-braun-gemusterten Kurzarmpullover, darüber einen ledernen Brustharnisch, auf seinem Kopf trug er eine dieser Fliegerbrillen, wie sie seit kurzer Zeit in Mode waren und um seinen Hals hing lässig ein grau karierter Schal. Er sah eigentlich sehr menschlich aus, sah man mal von seinem schuppigem Schwanz und seinen mit schwarzem Fell bedeckten Armen und Beinen ab. Seine Beine glichen den Hinterläufen einer Katze. Ein Zehengänger also, ein Nagon. Um Quisbens linken Oberarm wand sich ein Tattoo, das verdächtig nach einem Wort aussah, allerdings in einer Sprache die der Feji’lai nicht lesen konnte. 
Viejel stand auf, wischte sich den gröbsten Schmutz von den Kleidern, griff in die Brusttasche seines Wamses, holte einen kleinen, versiegelten Umschlag hervor, drehte in prüfend in den Händen und steckte ihn wieder zurück. Auf den Briefumschlag war ein Symbol gemalt, welches Quisben nur zu gut kannte. „Wer höher steht…“
„…wird tiefer fallen!“ beendete Viejel ungläubig den Satz. „Da hat sich mein Absturz anscheinend doch gelohnt.“ Er blickte sich vorsichtig in der Gegend um. „Ich soll Orreo eine Nachricht überbringen. Kannst du mich zu ihm bringen?“ 
„Können schon, allerdings ist er heute nicht in der Gegend und kommt erst morgen zurück.“
„Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht so früh …“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht fasste er sich an die linke Schulter.
„Hier“, sagte der Nagon, kramte aus seiner Hosentasche eine Pflanzenwurzel und gab sie dem Feji’lai. „In den Mund nehmen, aber nicht kauen oder schlucken. Hilft gegen die Schmerzen.“ 
Viejel nahm dankend die Wurzel entgegen, nahm sie in den Mund und verzog angewidert das Gesicht. 
„Wenn du willst, bringe ich dich zu einem Arzt und danach in unser Versteck.“ 
Viejel nickte und kurze Zeit später trottete er schweigend neben dem Nagon her, der über die neusten Erfolge der Widerstandsbewegung erzählte, welcher er erst seit kurzer Zeit angehörte. Die Regierung von Srida hatte in den letzten Monaten neue Gesetze erlassen, welche die Freiheit der Bürger immer weiter einschränkten und die Steuern massiv in die Höhe trieben. Dagegen versucht Sridas Widerstand, wie die Gruppe sich nannte, mit allen Mitteln zu kämpfen und die Regierung zum Rücktritt zu zwingen. Je näher die Stadt rückte, desto schweigsamer wurde auch Quisben. Selbst in dieser abgelegenen Gegend gab es Spione der Regierung. Die Stadt Lalta, Viejel hätte eher stinkendes Kaff dazu gesagt, war nicht gerade gross und die Häuser sahen noch schäbiger aus als in den Armenvierteln von Rewa’Lun oder Glame. Lalta lebte vom Kohleabbau. Die Bevölkerung wechselte permanent, nur wenige blieben länger als zwei Jahre und noch weniger wollten hier ihren Lebensabend verbringen. Eine Arbeiterstadt halt; das perfekte Versteck für eine Widerstandsorganisation.
Viejels Schmerzen hatten während der kurzen Wanderung nachgelassen, jedoch verspürte er nun Hunger und Durst, deshalb spuckte er die Wurzel aus und schritt auf die erstbeste Kneipe zu, welche er finden konnte. Quisben verzog seinen Mund zu einem Grinsen und entblösste dabei seine spitzen Eckzähne: „Ich dachte mir schon, dass du nicht zum Arzt willst, so einen Stümper findest du nur hier. Glaub mir, ich weiss von was ich rede.“

***

Die beiden bestellten das Beste von der Karte, also eigentlich das einzige Gericht auf der Karte, und dazu je einen Krug mit Bier. Das Essen, ein Eintopf mit undefinierbarem Inhalt, schmeckte nicht so schlecht, wie es aussah. Selbst das Bier war geniessbar. Für diese Gegend eine erfreuliche Tatsache. Nach dem sie genug gegessen und getrunken hatten bezahlte Viejel und sie traten hinaus auf die Strasse. Draussen stand eine Gruppe, offenbar betrunkener, Männer. Als sie Quisben sahen fingen sie an zu lachen. Der hässlichste und fetteste der Runde machte einen Schritt auf den Nagon zu und öffnete sein Maul für eine Beleidigung: „Na, du Missgeburt einer…“ 
Quisben wollte reagieren, doch Viejel war schneller. „Ich würde vorsichtig sein, mein Freund, sonst wirst du es mit mir zu tun bekommen.“ Der Fette wand sich nun an Viejel und liess seinen Blick prüfend über dessen Körper streifen. „Ach sie an, ein Feji’lai. Wo hast du den deinen Bogen? Und Pfeile sehe ich auch nirgends. Wie willst du dich denn verteidigen?“ Die Gruppe hinter ihm fing an zu grölen.
Viejel zog eine Pistole unter seiner Jacke hervor. „Tut mir leid dich enttäuschen zu müssen. Du hast das Pech, ausgerechnet auf den einzigen Feji’lai zu treffen, der dir lieber ein Loch in den Kopf schiesst, als einen Pfeil in deinen fetten Bauch bohrt.“ 
Dem Jungen entgleisten die Gesichtszüge. So schnell wie es ihm möglich war, wandte er sich um und rannte auf die nächste Strassenecke zu. Der Rest der Gruppe folgte ihm und nach kurzer Zeit war die Strasse wieder wie ausgestorben. 
„Wo hast du denn die her?“
„Die? Hab ich mir letztens in Rewa besorgt. Du musst nur die richtigen Leute kennen.“
Sie blickten sich an und brachen in schallendes Gelächter aus.

***


Den Rest des Tages schlenderten sie durch das Städtchen und unterhielten sich dabei über alles, was ihnen gerade in den Sinn kam. Als es langsam dunkel wurde, legten sie sich in einen grasüberwachsenen Hinterhof und beobachteten den Himmel. Musik drang aus einem der angrenzenden Häuser. 
„Willst du auch?“ Quisben deutete auf seine Hosentasche und verdrehte bedeutungsvoll die Augen. Er zog einen Beutel hervor und öffnete ihn vorsichtig.
„Du hast wohl nicht wirklich…“
Quisben lachte: „Doch! Zerfil, das Beste, das du finden kannst. Selbst gepflanzt. Willst du nun? Wenn du hinter den Schleier der Gedanken blicken willst, musst du es unbedingt mal probieren. Du wirst die Welt mit ganz anderen Augen sehen.“
„Danke, mein Leben ist mir auch so schon spannend genug. Aber wurdest du denn noch nie erwischt?“
„Noch nie.“ Er holte zwei Zerfil-Blätter aus dem Beutel, legte eines neben sich ins Gras und zerbröselte das getrocknete vorsichtig über dem noch frischen. Danach rollte er das Blatt zusammen und zündete es sich an. Nach mehreren Zügen wurde Quisben immer entspannter. Auf einmal schoss er auf, sprang auf einen der Bäume zu, welche am Rande des Hinterhofs wuchsen und kletterte an ihm hinauf. Im nächsten Augenblick hing er kopfüber, an einem Ast. Seinen Schwanz als zusätzliche Stütze ebenfalls um den Ast geschlungen, blickte er zu Viejel. "Die Welt ist nicht rund, sondern einfach nur ungerecht."
Der Feji'lai trat langsam auf den Baum zu: „Du weisst schon, dass so viel Blut im Kopf nicht gut tut. Ausserdem könnte der Ast brechen.“
„Musst du an allem herummeckern?“ 
„Ich hab doch gar nicht gemeckert. Ich hab dich bloss auf die Risiken hingewiesen, was du damit anstellst ist mir aber egal. Ich bin nicht der Typ, der andere versucht zu erziehen. Ich lass jeden so leben wie er mag.“
So blieben sie die ganze Nacht, Viejel an den Baum gelehnt und Quisben, nachdem er gemerkt hatte, dass es wohl doch nicht so eine gute Idee war, auf dem Boden liegend, beobachteten sie die Sterne und lauschten der Musik. Der Beginn einer langen, verrückten Freundschaft.

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