Community > Adventskalender > Adventskalender 2012 > Ein Brief von Berthold

Ein Brief von Berthold

(von PolliMatrix)

Hinter dem vierzehnten Türchen tut sich eine verschneite Hochebene auf, aus der ein einzelner, nicht zu übersehender Hügel heraus ragt. Doch dieser Hügel ist alles andere als einsam und verlassen, denn in ihm sind viele kleine Fenster, aus denen er in der Abenddämmerung leuchtet, und einige kleine Kamine, aus denen er qualmt und dampft: Im Inneren leben etwa zweihundert Zwerge, unter ihnen lebte auch einst einer namens Berthold Runschildner…

Es war ein klarer Winterabend wie heute. Berthold freute sich bereits auf ein entspannendes Schlammbad, um seine alten Knochen nach stundenlangen Nahkampfübungen in der Kälte wieder aufzuwärmen. Doch bis es so weit war, setzte er sich mit einer Tasse Tee an seinen Tisch, um einen Brief zu verfassen. Irgendetwas, um eine bestimmte Lefhin in der eisigen Jahreszeit etwas aufzuwärmen.
Wenn er sich die Umstände hätte aussuchen können, wie er sie kennengelernt hatte, wären es sicher ganz andere gewesen. Andererseits hatte er mit der Freundschaft, die sich zwischen ihr und ihm entwickelt hatte, eine schrecklichen Tragödie doch zu einem guten, oder zumindest weniger schlimmen, Ende gewendet. In jedem Fall war er es ihr schuldig, etwas Nettes zur herannahenden längsten Nacht des Jahres zu schreiben.
Der alte Zwerg überlegte kurz, wovon er berichten konnte. Das erste was ihm einfiel war der heutige Tag mit seinen drei Lehrlingen, der zwar mühsam, aber auch erfüllend war. So legte er das Pergament in den Schein einer alten Froschlampe, stellte das Tintenfass neben sich und griff zu einer schlichten, aber sorgsam gefertigten Stahlfeder.

Hej-Ho, werte Freundin Cheulanya!

Das Fest der Wintersonnenwende steht kurz bevor und ich freue mich, dir endlich einmal aus freudigerem Anlass schreiben zu dürfen.
Meinen Lehrlingen Ina, Ida und Burkhart geht es auf jeden Fall prächtig und sie beherrschen den Schild schon wunderbar! Und das, obwohl sich immer noch ein paar Hochnasen finden, die etwas gegen meine Trainingsmethoden haben. Manchmal habe ich dabei das Gefühl, sie wären neidisch, dass wir Zwerge so kompakte Körper haben. Bei den jetzigen Temperaturen kann der von Vorteil sein, wenn man draußen mal ein paar Übungen ohne Kleidung macht, aber ich als Zwerg finde nicht, dass ihr Lefhen euch deswegen für eure filigrane Figur schämen müsst. 

Der grauhaarige Zwerg hatte diesen Absatz noch nicht ganz zu Ende aufs Pergament gebracht, als es an der Tür klopfte. "Einen Moment" rief er und schrieb den letzten Satz noch zuende, bevor er aufstand und öffnete. Dort stand eine große, ziemlich feiste menschenähnliche Gestalt, weder Mann noch Frau. "Holerö!" rief das seltsame Wesen und wischte sich die pink, grün, blond gesträhnten Haare aus dem Gesicht "Na, wie geht's dir, Bert?" - "Hey-Ho, Momphley! Mir geht es gut." grüßte Berthold zurück "Ich schreibe gerade einen Brief an Cheulanya."
"Oh! Das ist ja fabulös!" lächelte Momphley und hielt ihm einen glutorangen Kristall vors Gesicht, der noch mehr glitzerte als die silbernen Ringe, die es in Nase und Oberlippe trug. "Kannst den hier von mir der Tschöö zur Wäntnacht schenken? Lefhen mögen doch auch Glitzerkram, oder? Hihihihihi! Glitzer, Glitzer! Hihihi!" - "Ja, das wäre wirklich ein schönes Geschenk." nickte der Zwerg und nahm den Kristall "Wünschst du dir eigentlich etwas Bestimmtes zum Fest?"
"Ooooh jaaaa!" rief Momphley und kicherte, dass der aus der viel zu knappen Hose quellende Speck wackelte wie Pudding. Das Wesen kramte ein pechschwarzes, nur mit einem dreispeichigen Sonnenrad verziertes Buch aus der Tasche, schlug eine Seite auf und zeigte auf eines der vielen, unerwartet farbenfrohen Bilder "So was! Melina sieht damit sooo süß aus! Hast du das Kapitel schon gelesen?"
"Nein und ich habe jetzt leider auch keine Zeit dafür. Ich möchte heute noch den Brief zu Ende schreiben und ein Bad nehmen. Wenn du möchtest, kannst du gerne morgen früh wieder kommen. Im Schlafsaal sollte für dich auch noch ein Bett frei sein." - "Null Problemo! Ich kenn mich ja hier im Kessel aus..." lächelte Momphley "Ta-ta!" - "Bleib munter!" verabschiedete sich Berthold mit einem freundlichen Faust-an-Faust-Stoß, schloß die Tür und setzte sich wieder an den Schreibtisch, um seinen Brief fortzusetzen.

Wir sind für eure Verhältnisse vielleicht ziemlich dickschädlig, aber nicht engstirnig, zumindest was unser Gefühl für Ästhetik betrifft. Gerade Momphley erinnert mich stets daran, dass es mehr als eine Art von Schönheit gibt.
Was dieses wundersame Wesen angeht, scheint es* übrigens die verloren geglaubte Freude, wie es sie früher versprühte, wieder zurückgewonnen zu haben. Erst kürzlich hat Momphley die ersten Kapitel von einer zauberhaften Bildererzählung gelesen und meinte, sie wäre mindestens fünf Myriaden mal besser als der beliebteste Liebesroman Lefhenims. Außerdem lässt es fragen, ob du gerne Kristalle und anderen Glitzerkram magst. Dabei kichert es wie ein kleines Mädchen, wenn es "Glitzerkram" sagt und wünscht sich zum Fest mit rosa Plüsch bezogene Handfesseln. Bei all meinen seltsamen Launen als Zwerg: Auch gutmütige Dämonen können manchmal etwas merkwürdig sein, findest du nicht?
Andererseits scheint der Schaffer der Bildererzählung das Zusammenspiel von Natur und Artefakt so gut verstehen, wie sonst kaum ein anderer Langbeiner. Ich habe nur wenig gelesen, aber wie die Hauptpersonen es schaffen, ihre gegenseitige Zuneigung auch in ihren reizenden Kleidern auszudrücken, ist wirklich wundervoll. Was ich sonst von diesem Werk mitbekommen hatte, war auch sehr witzig. Selbst die Szenen, die mich irgendwie an Inga und ihren Sühneweg erinnerten. 

Berthold hielt einen Moment inne. Ihm fiel es schwer, über Inga zu schreiben. Aber nun wo er den letzten den Halbsatz geschrieben hatte, gab es kein Zurück mehr, denn hätte er seine Runen in Stein gehauen, hätte er sie auch nicht einfach wegkratzen können. 
Er dachte an Momphleys Narben und fragte sich, ob auch Cheulanyas so gut verheilt waren. Nachdem die verfluchte Klinge ihres Cousins zerstört worden war, konnte auch Momphleys Seele wieder genesen und auch sonst hatte die Hatz auf unschuldige Naturgeister ein Ende.
Aber hatte die Lefhin Inga wirklich das verziehen, was sie ihrem geliebten Verwandten angetan hatte, um an die Waffe zu gelangen? Allzu oft war das Wort eines Lefhen weniger wert als der Atemzug, mit dem er es sprach.
Doch dann erinnerte er sich, dass Cheulanya noch eine der wenigen war, die ein wahrhaftes Herz besaßen. 
Er goß sich einen Schuss Gerstenbrand in den eh schon lauen Tee und grübelte noch eine Weile darüber nach, wie er von Inga berichten konnte, ohne dem Brief zu viel von der Freude zu nehmen, die er eigentlich schenken wollte. Dass Inga und er in ihrem ersten Brief gezwungen waren, Cheulanyas Herz zu brechen, war schlimm genug. 
Diesmal sollte es anders werden, dachte sich Berthold, als er seinen letzten Satz noch einmal durchlas, und leerte seinen Becher. Dann atmete er noch einmal tief durch und griff wieder zur Feder.

Die hat sich übrigens zu den Schwarzfüßen in ein Kloster hier im Hochland von Nelkyberde zurückgezogen. Dort will sie sich um den Garten kümmern und im Herbst einen Apfelbaum für deinen Cousin Almafiel, "Sohn des Apfelbaums", pflanzen. Sie ist immer noch beeindruckt davon, wie du es geschafft hast, einer Grausigen wie ihr zu verzeihen. Besonders bewundernswert fand sie es, weil sie noch in ihrem letzten Brief geschrieben hatte, dass sie wohl niemals Vegetarierin wird. Aber so wie ich sie kenne, wird es für sie zum Festmahl wahrscheinlich den einen oder anderen Rebbsen-Krepel geben. Vielleicht habe ich selbst den einen oder anderen dafür verdient, dass ich nicht den Mut hatte, deinem Cousin selbst das Schwert abzunehmen.
Was mich angeht, hoffe ich, dass du an diesem Brief Freude hast, auch wenn ich vielleicht am Ende weniger freudvolle Erinnerungen erweckt habe. In jedem Fall bin ich einfach nur dankbar dass es noch Spitzohren wie dich gibt. 
Deshalb erhebe ich jetzt meinen Becher voll Nurrak auf dich und deine Familie. Zum Fest werde ich dir auf jeden Fall etwas guten Ziegenkäse, ein paar Plumknutzen und eine kleine Überraschung schicken. Vielleicht sehen wir uns auch irgendwann einmal wieder. 
Möge Mardok-Ishar stets mit einem Lächeln auf euch blicken!

Dein stets treuer und hilfsbereiter Freund

Berthold Runschildner

Als er endlich seinen Namen unter das Schreiben gesetzt hatte, seufzte Berthold laut, denn ihm fiel der letzte Teil wirklich nicht leicht. 
Dann kam aber die Zuversicht, dass Cheulanya spätestens jetzt Inga verstehen würde: Wäre sie es nicht gewesen, dann wäre es der fanatische Wahn gewesen, der Almafiel ins Verderben geführt hätte und mit ihm viele andere.
Schließlich rollte der Zwerg den Brief mit einem Lächeln zusammen und steckte ihn in eine bereits fertig adressierte Baumgrasröhre, auf die er zu guter letzt einen Pfropfen steckte. Jetzt fehlte nur noch das Siegel, aber das würde er am nächsten Tag beim Postamt bekommen, also legte er die Röhre wieder auf den Tisch.

Schließlich ging er ins Badezimmer, wo er feststellte, dass das Feuer im Badeofen längst erloschen war. Stets nett zu den Spitzohren zu sein war eben nicht leicht, wie seine Übungen. Aber die Freundschaft war ihm letztlich wichtiger als der Badeofen. Vielleicht würde er damit etwas verändern, wie mit seinen Übungen.
Letztlich war ihm selbst das völlig egal. Zu seinem Glück genügte es ihm, einfach zu tun, was getan werden musste.

Damit war er bei weitem nicht der einzige Zwerg, aber das ist eine andere Geschichte....

---
* im zwergischen Original geschlechtsneutral, aber nicht sächlich
Kessel = Unterirdische Zwergensiedlung, insbesondere der zivile Teil, in dem sich auch Schlafsäle für Gäste befinden.
Rebbsen-Krepel = Krepel sind ein Fettgebäck, das oft auf verschiedenste Art gefüllt wird. Rebbes-Beeren, kurz Rebbsen sind eine saure und manchmal leicht bittere Beerenart. Krepel mit Rebbsen-Füllung werden traditionell denen serviert, die ein mitunter schmerzhaftes, aber ansonsten relativ ungefährliches, zwergisches Sühneritual ehrenhaft über sich ergehen lassen.
Nurrak = Alkoholisches Getränk, das aus Honig, Kakao und verschiedenen Gewürzen hergestellt wird. Im Winter wird es auch gern heiß getrunken.
Plumknutzen = Süßes, zwergisches Gebäck mit Trockenobst und Nüssen.
Baumgras = Dickhalmige und besonders winterharte Bambusart, die auch in kühleren Gebieten der Zwergenreiche heimisch ist.

weiter zum nächsten Türchen