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Die Nacht der Magierin

(von Assantora)

Die tiefstehende Sonne erreicht den Boden der schmalen Gasse nicht, welche eine Frau mittleren Alters gerade zielstrebig durchquert. Hier in den Schatten kündigt sich schon die abendliche Kälte an. Die Frau bemerkt das fünfzehnte Türchen nicht, obwohl sie dicht daran vorbeigeht, denn sie hat nur Augen für ihr Ziel. Zwei Gestalten erwarten sie schon im halboffenen Hauseingang. Sie nickt ihnen zu und als sich die Haustür langsam schließt, sieht man sie noch eine Treppe hinaufsteigen…

„Warum bist du Magierin geworden?“
Es war nur eine einfache Frage, doch die Antwort darauf bedurfte einen deutlichen längeren Gedankenprozess, als es Renos für nötig hielt.
„Taresia?“, fragte der Junge, der aufrecht im Bett saß und die Magierin betrachtete.
Sie seufzte nur und strich dem kleinen Jungen über seine haselnussbraunen Haare. „Ich bin mir da nicht so ganz sicher.“
Renos schien mit der Antwort überhaupt nicht zufrieden zu sein und verschränkte die Arme vor seiner Brust und versuchte möglichst schmollend zu blicken.
Taresia hatte den Jungen erst vor wenigen Tagen kennen gelernt. Ein schweres Fieber hatte ihn erfasst und erst als ihre Hilfe in Anspruch genommen wurde, ging es ihm schließlich besser.
Die Magierin hatte den Ursprung des Fiebers im Körper des Jungen gereinigt und ihm so bei der schnellen Genesung geholfen. Das Renos sehr aktiv auf magische Dinge reagierte, erleichterte die Behandlung sogar.
Taresia erinnerte sich noch sehr genau an dem Tag, als ihre magischen Fähigkeiten entdeckt worden waren, und ihr beinahe das Leben nahmen. Wären die Magier nicht gerade in der Nähe gewesen, hätte sie sich wahrscheinlich in einen Klumpen Asche verwandelt, wie alle Magier, deren Fähigkeiten zu früh erwachten und die nicht das Glück hatten, dass ein Magier ihre unkontrollierten Ausbrüche in Bahnen lenken konnten.
Die Magier hatten gedacht, zwei sehr starke Magier würden sich innerhalb eines Hauses duellieren. Doch das Kind war alles, was sie fanden und einige hofften, Taresia könnte eine enorm mächtige Magierin werden, die man formen konnte. Doch Taresia war nur in einem Gebiet der Magie zu etwas zu gebrauchen: Heilmagie. Alle anderen Gebiete erschienen ihr fremd und sie erlernte erst nach ihrer Ausbildung einige einfache Sprüche in der Kampfmagie.
Nicht weil sie nicht wollte, sondern weil sie die einfachsten Strukturen für Sprüche in diesem Bereich lange Zeit einfach nicht halten konnte. Die Enttäuschung einiger Magier ging ihr selbst jetzt nicht aus den Kopf.
„Du siehst so traurig aus“, bemerkte Renos einen Moment später.
Ja, dass war sie auch. „Ich bin nicht traurig. Ich bin vor allem froh, dass es dir wieder besser geht. Das ist alles. Nun solltest du aber schlafen, damit du wieder zu Kräften kommst.“ Eine sehr schwache Lüge, doch Taresia ignorierte ihre innere Stimme.
Der Junge akzeptierte die Antwort und legte sich hin. Es war schon lange dunkel und der Junge würde sich noch einige Tage richtig ausruhen, bevor er wieder in die Schule konnte.
Bei dem Gedanken gingen der Magierin einige Dinge durch den Kopf. Eine Schule hatte sie nie besucht, musste alles bei den Magiern lernen: Lesen, Schreiben, Rechnen. Darüber hinaus musste sie Unmengen an magischen Formeln und ihre Strukturen verinnerlichen, um neue Sprüche zu bilden. Es war mühsam und doch hatte sie einen gewissen Spaß daran gehabt, neue Dinge zu lernen und sie zu verfeinern. Freunde in dem Sinne hatte sie während der ganzen Ausbildung keine und hielt sich vor allem an die Ausbilder, die ihr Potenzial in der Heilmagie sehr schnell erkannten und entsprechend förderten.
Noch in Gedanken versunken verließ sie das Zimmer des Jungen, ging die Treppe hinunter und die beiden Eltern warteten schon ungeduldig auf sie in der Küche.
„Wird er wieder ganz gesund?“, fragte die Mutter und krallte sich an den Arm ihres Mannes.
„Alles ist in bester Ordnung“, sagte Taresia gelassen und aus dem panischen Gesichtsausdruck der Mutter wurde ein dankbares Lächeln. „Nur eine schwere Magen-Darm-Erkrankung.
Bitte sagen Sie mir Bescheid, sollte sich sein Zustand wieder verschlechtern und warten Sie nicht mehr so lange.“
Die Mutter nickte. Sie fühlte sich schuldig, war sie es doch, die sich vor der Behandlung durch eine Magierin gefürchtet hatte. Taresia kam in allerletzter Minute und konnte gerade noch so, das Leben des Jungen retten. Den Grund für das Misstrauen der Frau kannte Taresia nicht.
„Ich wünsche Ihnen noch einen guten Abend“, sagte Taresia freundlich und verabschiedete sich von den Eltern wobei sie für den Jungen noch einen netten Gruß da ließ.
Als sie vor die Tür ging, zog sie ihren Umhang enger um sich. Kein Umhang eines Magiers. Dafür hätte sie in der Akademie arbeiten müssen und da es ein gegenseitiges Verständnis gab, dass sie dort weder arbeiten wollte, noch konnte, stand es ihr frei, ganz normale Kleidung zu tragen, wodurch sie sich von anderen Bürgern nicht unterschied.
Die Luft im Frühjahr war noch kühl, fast schon kalt. Dampfende Wolken bildete ihr Atem und sie zog es vor schnell nach Hause zu gehen.
Renos Frage wollte ihr nicht aus den Kopf gehen. Warum war sie eigentlich Magierin geworden? Sie hätte es nicht gemusst. Ihre magischen Fähigkeiten brachten ihr zwar die Möglichkeit, doch durch ihr Wissen, welches sie während der Ausbildung gesammelt hatte, hätte sie auch einen anderen Beruf ausüben können. Doch sie wäre dann in den Augen der Magier jemand Ungewöhnliches gewesen.
Taresia war in Wirklichkeit keine gewöhnliche Magierin. Ehrlicherweise musste sie zugeben, dass sie zu den wenigen Magiern gehörte, die man nicht in eine Kategorie pressen konnte.
Jeder im Umkreis von einigen Meilen, sollte er magische Fähigkeiten haben, würde sehr wohl wissen, wo sie sich befand. Magier sahen die Magie durch ihren Geist wie ein Mensch Rauchschwaden sieht. Taresia hingegen leuchtete wie ein Leuchtturm in der Dunkelheit.
Sie stellte sich das verwunderte Gesicht eines Magiers vor, wenn er über den Markt schlenderte und eine Magierin entdeckte, die Kräuter und Gemüse verkaufte. Bei dem Gedanken musste sie lächeln und folgte dem Weg zu ihrem Zuhause.
Bald zwanzig Jahre später lebte sie allein in ihrem kleinen Haus, welches sie sich vor Jahren gekauft hatte. Die Hoffnung, einen Mann zu finden hatte sie schon lange aufgegeben. Magier heirateten meist andere Magier und die normalen Menschen blieben unter sich, doch Taresia tanzte so sehr aus der Reihe, dass es kaum ein Magier in ihrer Nähe aushalten konnte. Ihre magische Aura bereitete anderen Magiern auf langer Sicht Kopfschmerzen und Unwohlsein.
Das war der ausschlaggebende Grund, warum sie allein lebte und arbeitete. Ihre Aufträge bekam sie von der Akademie zugestellt.
So in Gedanken versunken, bemerkte sie nicht, wie sie sich von ihrem eigentlichen Weg entfernt hatte. Sie wusste nicht so recht, was sie nun tun sollte. Plötzlich erschien ihr die Umgebung sonderbar vertraut. Sie wusste sehr genau, wo sie war, so als sei sie erst vor kurzem hier gewesen und doch war sie sicher, noch nie diese Straße betreten zu haben.
Unsicher blickte sie sich um. Sollte sie einfach zurück gehen und ihren alten Weg wieder aufnehmen? Ein Schrei unterband jegliche Entscheidung und sie wirbelte herum. Der Schrei wiederholte sich und sie war sich bewusst, dass ein Menschenleben in Gefahr schwebte.
Taresia rannte los. Der Schrei erklang ein drittes Mal. Dieses Mal schwächer und doch ernster als die davor. Es musste etwas Schreckliches passiert sein.
Die Magierin versuchte die Strecke so schnell wie nur möglich zu überwinden, sie bog um eine Ecke. Geräusche und Stimmen waren zu vernehmen, doch noch war sie zu weit entfernt. So schnell ihre Beine trugen bog sie noch ein letztes Mal ab und sah endlich, was die Ursache für die Schreie war.
Zwei Männer und eine Frau. Sie standen in einer Ecke einer Sackgasse und das Mädchen sah panisch aus, ihre Kleider zerrissen, ihr Körper entblößt. Die Magierin brauchte keinen Herzschlag, um zu verstehen, was hier vor sich ging. Einer der Männer hatte das junge Ding an ihrem schwarzen Haarschopf gepackt und sie erneut gegen die Wand gestoßen.
„Lasst sie los“, schrie Taresia. Sie war noch einige Schritte entfernt. So nah und doch so fern.
Der Mann, der das Mädchen hielt, packte sie am Arm, riss sie herum und nutzte sie als lebenden Schutzschild. Die dunklen Augen fixierten sie und Hass und Verlangen gleichermaßen sprachen aus ihnen.
„Was haben wir denn da?“, fragte der Mann mit dem nachtschwarzen Haar lüstern. Er sah aus, als sei er einem Rabenei entsprungen. Mit einem Kopfnicken gab er seinem blonden Komplizen den stillen Befehl, sich um Taresia zu kümmern. Durch das schwache Licht konnte Taresia aber seine Gesichtszüge kaum erkennen.
Dennoch war sie im Vorteil. Die beiden Männer hätten wahrscheinlich sofort die Flucht ergriffen, hätten sie gewusst, dass die Frau, die mutig stehen blieb, eine Magierin war. Sie trug nicht den Umhang eines Magiers, keine goldene Schärpe, kein Mitglied der Akademie.
Sie hätte in einer Schänke arbeiten können, oder auf dem Markt. Niemandem wäre es aufgefallen, niemandem außer einem Magier. 
Sie stand da, bereit loszuschlagen mit den Waffen, die ihr zur Verfügung standen. Sie hatte vielleicht nur einen Versuch und würde ihn nutzen müssen.
„Ich habe gesagt, Ihr sollt sie loslassen“, wiederholte Taresia möglichst streng. Sie war sich ihrer Lage bewusst und dennoch war Angst in ihrem Inneren, verborgen hinter dem Mantel jener Entschlossenheit, die eine mutige Frau empfand, um ein junges Mädchen zu retten.
„Wollt Ihr mit der Kleinen den Platz tauschen?“, fragte der Mann und rüttelte an dem Mädchen während er mit einem Lächeln sein Gebiss zur Schau stellte. Trotz seines Alters waren schon die meisten Zähne verschwunden. Es verstärkte nur den Anschein eines hohlen Lächelns. Das Mädchen wimmerte nur und wagte nicht mehr, sich zu Wort zu melden.
Der Blondschopf war in dieser Zeit bis auf fünf Schritte heran gekommen. Er würde jeden Moment los sprinten und Taresia mühelos einholen.
„Ich warne Euch ein letztes Mal“, sagte Taresia angespannt und fokussierte sich schon auf den einzigen Zauberspruch, der in seiner Struktur in ihrem Geist schon fertig war und nur noch abgeschlossen werden musste, um ihn zu wirken.
„Hol sie dir“, sagte der Rabenmann knapp und der Komplize tat einen Schritt vor.
Taresia machte keinen Schritt zurück, sondern einen vor, hob die Hand und entlud den Spruch, den sie seitdem sie in der Gasse eingebogen war, langsam formte.
Die Luft verzerrte sich und schoss auf den Mann zu. Da er gerade in der Vorwärtsbewegung war, bekam er die ganze Energie des Spruches ab. Er wurde nach hinten geschleudert und schreiend gegen die Wand geworfen. Sein Kopf knallte unsanft gegen den Stein und Taresia rannte los, direkt auf das Mädchen zu.
„Verdammt“, zischte der Rabenmann. Im nächsten Moment hatte er ein Messer in der Hand und holte aus.
„Nein“, schrie die Magierin und versuchte durch einen neuen Spruch zu verhindern, was nicht mehr zu verhindern war. Der Spruch streifte den Mann an der Schulter, doch es war zu spät. Die Klinge hatte sie bereits tief in den Unterleib des Mädchens gebohrt. Ohne einen Schrei sondern mit einem klagenden Stöhnen ging sie zu Boden und der Mann wirbelte herum, fasste sich an die Schulter und begann seine Flucht anzutreten.
Taresia wusste, dass sie einen Fehler beging, als sie ihn verfolgte, einen neuen Spruch formte und ihn mit aller Gewalt auf den wehrlosen Mann los ließ.
Der Spruch krachte ihm in den Rücken und brach ihm beide Beine und das Genick. Er stürzte wortlos zu Boden. Taresia wusste, dass er nie wieder aufstehen würde und wirbelte herum, zurück zu dem Mädchen.
Als sie bei ihr war, schwand ihre Hoffnung. Das Blut hatte eine große Lache gebildet. Sie ging auf die Knie und spürte, wie das Blut den Stoff tränkte. Die Klinge steckte noch und hatte nicht das Rückgrat verletzt.
Taresia zog das Mädchen zu sich, welches schmerzhaft aber nur leise aufschrie und umarmte das Mädchen fest mit beiden Armen. Taresia spürte, dass sie eiskalt war und zitternd hielt sie sich an der Magierin geklammert, während Taresia sie wärmte. So konnte sie immer noch die Wunde versorgen und legte die Finger an den Griff. Sie würde schnell handeln müssen. Sie konnte die Verletzung nicht heilen, solange die Klinge steckte. Doch sobald sie daran zog, würde die Blutung ihr noch mehr Lebenskraft nehmen.
„Es wird weh tun“, sagte Taresia und packte den Griff. Dann zog sie die Klinge heraus. Sie benötigte einige Kraft und ließ die blutige Klinge auf den Boden fallen.
Sie presste ihre beiden Hände auf die Wunde, schloss die Augen und ließ all ihre Kunst in den geschändeten Körper fließen. Der Spruch für die Heilung war leicht und schnell zu formen, doch sie spürte, wie der Herzschlag des Mädchens schwächer wurde, wie das Leben aus ihr floss. Viel zu langsam ging die Heilung vonstatten. Schweiß stand ihr auf der Stirn, als sie begann, auch ihre letzten Kraftreserven zu verbrauchen. Muskeln wuchsen wieder zusammen, Blutgefäße verbanden sich und Haut wuchs wieder zusammen. Es würde nur eine Narbe zurück bleiben, ein Beleg für diese Nacht, für diese Tat.
Taresia sackte zusammen, als auch der letzte Tropfen ihrer Macht aus ihrem Körper war und sie nichts mehr tun konnte, als zu hoffen, dass es reichen würde.
Sie fühlte nach dem Puls des Mädchens. Er war schwach, aber wenigstens schlug das Herz noch. Taresia zog sich mühsam ihren Umhang aus und wickelte das Mädchen darin so gut es ging ein. Sie selbst spürte die Kälte um sich herum kaum. Früher oder später würde jemand kommen und sie finden. Sie konnte das Mädchen nicht bewegen, nicht in ihrem jetzigen Zustand. Und die Ausübung von Magie, vor allem bei zwei Sprüchen in der Kampfmagie, würde die Akademie wahrscheinlich in helle Aufregung versetzen.
Da fiel ihr plötzlich die Frage von Renos wieder ein: „Warum bist du Magierin geworden?“
Bei dem Gedanken blickte sie sich um und versuchte die beiden Männer zu ignorieren, die sich nie wieder erheben würden. Aber ein Lächeln bildete sich dennoch auf ihren Lippen, als sie das Mädchen betrachtete. Sie wusste im Inneren, dass sie es schaffen würde. Das dieses Mädchen, trotz der Pein, die sie ertragen musste, leben würde.
Vielleicht war sie deswegen in diese Gasse gegangen. Vielleicht war sie eine der wenigen Magier, die eine Vorahnung von ihren Taten hatten, noch bevor sie geschahen. Viele Geschichten hatte sie darüber gelesen. Vielleicht aber waren die Götter einfach nur gnädig zu ihr gewesen und hatten ihr eine Antwort auf eine Frage gegeben, die sie bisher nicht beantworten konnte.
„Warum bist du Magierin geworden?“
Taresia hatte nun eine Antwort: Um denen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können.
Sie schloss die Augen dankbar, als sie die Geräusche von schnellen Schritten vernahm. Hilfe war unterwegs. Taresia lächelte und wünschte sich nur noch ein heißes Bad.

weiter zum nächsten Türchen