Community > Adventskalender > Adventskalender 2012 > Von Göttern und Kindern

Von Göttern und Kindern

(von Veria)

Die Sterne glitzern über der einsamen Lichtung, an deren Rand man die Silhouetten des achtzehnten Adventskalendertürchens und der unter Tarnplanen versteckten Fahrzeuge erahnen kann. Einige Wachen patrouillieren oder spähen weg von der Lichtung, in die Dunkelheit. Die Guerillakämpfer der Viadras sitzen rund ums Feuer, ihre Aufmerksamkeit galt bis vor wenigen Augenblicken noch ganz den Streifen von Trockenfleisch, die es zum Abendessen gibt, doch nun beginnt ein alter Mann zu reden, und der Widerschein des Feuers tanzt in seinen Augen.

Es war ... Nichts.
Es war ... Nacht.
Ohne Beginn, dunkle Nacht, kalte Starre nur, und Nichts. Wie einst es war, Äonen zuvor, immer zuvor, ewig zuvor, es war ... Nacht. Es war ... Nichts.
Doch selbst Nichts überdauert nicht und Glitzern und Schimmern durchzuckte die Nacht ohne Beginn und schenkte ihr ein Ende. Es war ... Tag.
So hell der Tag, so schön der Tanz, wie sich umwinden Glitzer und Schimmer und entscheiden, was zu tun sei an diesem Tag, der ewigen Nacht entsprungen. Wie sie tanzen und springen und leuchten und singen, Glitzer und Schimmer, und berühren einander und den Tag selbst und teilten den Tag in Himmel und Erde. Und der Schimmer entflammte den Himmel und ward Kideba und der Glitzer strich über die Erde und ward Neer.
Es war ... Tag.
Wie sie tanzen und springen und leuchten und singen, Kideba und Neer, und berühren einander und den Tag selbst und schaffen den Keim der Zukunft damit, und es wächst Yaerka zwischen Himmel und Erde heran und in ihr das Wasser des Meeres. Und wie schön sie ist, die erste Tochter der Ewigkeit, wie ihre Wellen wogen und spielen und wie sie das Antlitz der Mutter spiegelt und über die Erde streicht wie der Glitzer des Vaters.
Welche Freude, welches Glück, welcher Stolz der Eltern, die erste Tochter der Ewigkeit. Sie spielt und wogt und doch findet sie die Ruhe und wacht über Himmel und Erde und Meer wie ihre Eltern.
Und dann ruhte Kideba und es ward Nacht.

Und dann weckte Neer ihren Schimmer und es ward Tag.
Wie sie tanzen und springen und leuchten und singen, Kideba und Neer, und berühren einander und den Tag selbst und schaffen den Keim des Lebens damit, und es wächst Abrut zwischen Himmel und Erde und umwogt vom Meer heran und in ihm das Feuer des ewigen Wandels. Und wie stark er ist, der erste Sohn der Ewigkeit, wie seine Flammen lodern und tanzen und wie er dem Strahlen der Mutter nacheifert und über die Erde streicht wie der Glitzer des Vaters.
Welche Freude, welches Glück, welcher Stolz der Eltern, der erste Sohn der Ewigkeit. Er tanzt und lodert und wandelt und formt die Erde gemeinsam mit seiner Schwester.
Und dann ruhten Kideba und Abrut und es ward Nacht.

Und während Kideba ruht und es Nacht ist, streichen Neer und Yaerka über die Erde und der Glitzer legt sich auf das Meer und das Wasser wogt und spielt und es wächst Telaree zwischen Himmel und Erde heran und in ihr der Wind der Mitte. Und wie sanft sie ist, die zweite Tochter der Ewigkeit, wie ihre Brise weht und streichelt und wie zart sie Himmel und Erde berührt bis zum Horizont.
Und dann erwachten Abrut und Kideba durch ihre Kühle und es ward Tag und sie sahen das Geheimnis.
Wie wütend sie ist, Kideba, das grelle Licht des Himmels, und Neer erfährt Furcht und zwängt sich durch einen Spalt in der Erde und verbirgt sich im Dunkel. Und wie stark er ist, Abrut, der erste Sohn der Ewigkeit, und seine Flammen lodern und seine Wut folgt dem Glitzer seines Vaters und entzündet das Innere der Erde, um ihn zu strafen.
Wie beschämt sie ist, Yaerka, das Wasser des Meeres, doch sie fürchtet sich nicht und fließt hinaus zum Horizont und wartet auf ihre Mutter, das Licht. Kideba strahlt grell, und um sie wogt Yaerka und ihre leise Gischt zeichnet das Leid der Mutter nach und schenkt ihr Ruhe.
Und dann ruhte Kideba und es ward Nacht.

Und dann weckte Telaree ihren Schimmer und es ward Tag.

Und Telaree kennt Kideba, denn Schimmer und Brise teilen den Tag. Und Telaree kennt Yaerka, denn Gischt und Brise teilen den Tag und die Nacht. Und neugierig weht und streichelt die Brise über den Spalt in der Erde und flüstert nach Feuer und Glitzer.
Neer wagt es nicht, die Nacht ist stets kurz, doch Abrut bricht aus der Erde und Feuer lodert durch die Nacht und umwindet die Brise und die Brise umwindet es. Und wie sie tanzen, Telaree und Abrut, und wie der Wind dem Wandel der Flammen folgt und wie die Funken im Sturm wirbeln.
Und wie sie sich treffen, Wandel und Bewegung, und es wächst ein Kind heran.

Kind des Feuers, Kind des Windes, umwogt von Wasser, bezeugt von Erde und bewacht von Licht, und es lebt. Es bleibt nicht alleine, denn Telaree und Abrut tanzen oft. Und die Kinder schaffen das Antlitz der Welt neu. Wo sie sind, sprießen Wälder, fließen Flüsse, wenden sich die Blicke junger Geschöpfe zu den Göttern und den Kindern der Veränderung und deren Kindern, denn auch sie tanzen.

Die jungen Geschöpfe werden alt und sterben, und sie sind unsere Ahnen. Wir werden alt und sterben. Die Kinder der Veränderung werden uns aufnehmen, denn sie haben uns gemacht.
Und Kideba strahlt vom Himmel ...
Und Yaerka wogt an die Ufer ...
Und Telaree weht über das Land ...
Und Neer versteckt sich im Dunkel ...
Und Abrut lodert strafend um ihn ... aber manchmal möchte Abrut tanzen, dann bricht der Fels über ihm und Feuer schießt aus der Erde hoch in die Luft empor.

Die Kinder der Veränderung sind um uns und zahlreich. Sie alle haben Namen, doch wir kennen wenige. Sie wohnen in Felsen, in Bäumen, in Bächen und achten auf uns. Ehrt sie, ehrt unsere Nachbarn, dankt ihnen, und nehmt ihnen nicht, was ihr nicht braucht.
Denn ihnen gehört die Welt, uns gehört nur das Land.

weiter zum nächsten Türchen