Community > Adventskalender > Adventskalender 2012 > Hoffnung zweier Seelen

Hoffnung zweier Seelen

(von Assantora)

Eiskalte Bergluft und dichter Schneefall macht den Aufenthalt beim neunzehnten Türchen nicht gerade angenehm, selbst mit warmer Schutzkleidung nicht, wie der Mann feststellen muss, der sich mühsam und keuchend Schritt um Schritt den Berg hinaufkämpft, um… ja, warum eigentlich?

Langsam fiel der Schnee der Erde entgegen und machte dem einsamen Mann mit seinem dicken Rucksack auf den Rücken den beschwerlichen Weg nicht gerade einfacher. Bei jeden Schritt sank er beinahe bis zu den Hüften die die weiße Pracht. Schließlich blieb er stehen und sah zurück auf dem Weg, den er bereits geschafft hatte und damit auch in das Tal, in welchem er aufgebrochen war.
Schon viel zu lange hatte er versucht die Tatsache zu ignorieren, dass er sein Ziel nicht erreichen konnte. Viel zu lange hatte er gewartet, um sich auf den beschwerlichen Weg zu machen. Nun steckte er im Schnee fest und versuchte nicht darüber nachzudenken, wie die Kälte langsam durch seine Kleider und schließlich auch in seine Knochen kroch um die letzten Reste Wärme aus seinem Körper zu saugen.
Es war so schon beschwerlich genug die alten und schweren Beine vorwärts zu bewegen. Fünfzig Winter lagen schon hinter ihm, doch er blieb nicht stehen, ruhte sich nie lange aus. Die Kälte würde ihm wohl umbringen, wenn er es täte.
Sein Blick richtete sich wieder in die Ferne. Nur Weiß sah er vor sich, zwar gedämpft durch den dichten Schneefall, der die Sonne nicht durch ließ, doch mittlerweile war dieses Grau so stechend in seinen Augen wie blenden helles Licht. Seine Augen würden sich daran wohl nicht mehr gewöhnen und am liebsten hätte er die Augen geschlossen, doch dann wäre er wahrscheinlich noch im nächsten Schritt eingeschlafen.
Was hatte er sich nur bei dieser Aktion gedacht? War er dem Haus und der Wärme entflohen, nur um sich sicher zu sein, dass er noch lebte? Warum Gefahren auf sich nehmen, die scheinbar sinnlos waren, die nicht von Bedeutung waren? Warum einer Hoffnung hinterher jagen, die nur in Legenden und alten Geschichten existierte?
Er starb. Er wusste sehr genau, dass er in dieser Kälte sterben würde, schneller als durch den Grund für seinen Marsch.
Schon vor Monaten hatte es begonnen. Er dachte, es sei nur eine harmlose Krankheit, dann brachen die Wunden auf und bluteten. Doch auch der Husten kam hinzu und was aus den Tiefen seines Rachens kam, war zunächst Gelb und schließlich schwarz.
Keiner, der der Medizin mächtig war, wusste, was ihm da heimgesucht hatte, oder warum es keine anderen Menschen um ihn herum befiel. Eine Heilung, zumindest der Glaube daran hatte ihn so weit getrieben. Er wollte leben und riskierte es nun. Weiterhin stapfte er durch den Schnee, langsam bergauf, wohl wissend, dass dort oben die Luft noch dünner sein werden würde, obwohl er jetzt schon kaum genügend Luft bekam.
Seine Schritte wurden langsamer, als er ein Geräusch vernahm. Es hörte sich wie ein Schrei an, spitz und unheilvoll. Doch er war zu weit weg, um einer Person in höchster Not zu helfen und er war sich nicht sicher, ob ihn seine Einbildung nicht einen Streich gespielt hatte.
Er wand sich einmal um sich selbst, versuchte zu entscheiden, wohin er gehen sollte, wohin ihn seine Füße tragen sollten.
Da! Erneut ein spitzer Schrei, der sich nun gequält anhörte. Er ging einen Schritt, dann einen weiteren. Als der Schrei sich wiederholte, war er sich sicher, wohin sein Weg ihn führen musste, um dem Schrei auf den Grund zu gehen.
Eine Schneewehe war ihm im Weg, als er dem Geräusch immer näher kamen. Mit aller Kraft überwand der Mann den aufgetürmten Haufen und wäre beinahe gestürzt, als er das Tier, welches den Schrei von sich gegeben hatte, sah.
Unsicher blieb er stehen. Er kniff die Augen zusammen. Nicht, weil er geblendet wurde, sondern wegen der Tatsache, dass das Tier, welches er sah hier so wenig hin gehörte, wie er selbst. Er war sich sogar ziemlich sicher, dass eine solche Kreatur hier absolut nichts zu suchen hatte. Er hatte keine Namen für diese Kreatur doch das nächste, an das es ihn erinnerte, war ein Drache.
Es hatte eine gelbe, lederartige Haut. Seine lang gezogene Schnauze mit spitzen Zähnen gaben dem Tier etwas von einem gnadenlosen Raubtier, dennoch sahen die schwarzen Augen des Wesens alles anders als gefährlich aus.
Es lag auf der Seite und gab erneut ein unheilvolles Geräusch von sich. Einen Moment lang brauchte er, um den Grund zu erkennen: Aus einer Wunde an einen seiner vier Beine floss rotes Blut und ließ den Schnee langsam schmelzen.
Es war ein Angriff gewesen, dessen war er sich ziemlich sicher. Doch welches Wesen konnte so etwas vollbringen?
Der Mann schätzte, dass die Kreatur mindestens so groß war, dass es ein Gewicht von einem halben Dutzend Männern entsprechen musste. Und doch war das Tier verletzt worden und es waren keine Spuren im Schnee zu sehen. Weder von dem Tier, welches klägliche Laute von sich gab, noch von dem Angreifer.
Unsicher blieb er stehen und wusste nicht, was er nun tun sollte. Was wenn der Angreifer erneut zurück kam? Die Augen des verletzten Tieres richteten sich auf ihn. Sie wirkten freundlich, nicht aggressiv. Vorsichtig ging er einen Schritt auf das verletzte Tier, wusste nicht genau was ihn dazu bewog. Weder konnte er dem Tier helfen, die Verletzung zu versorgen, noch ihn vor dem Angreifer schützen. Er hatte nur eine Waffe, die man im besten Fall als Dolch bezeichnen konnte. Nichts, womit er sich wirklich verteidigen konnte. Doch etwas zog ihn zu der Kreatur. Ein innerer Drang.
Schritt für Schritt ging er auf das Tier zu, welches dadurch immer ruhiger wurde. Es drehte sich auf den Rücken und begann ihn dabei anzublicken. Das Verhalten wollte ihm keinen rechten Sinn machen.
Sein Fuß setzte noch einen Schritt nach vorne. Er fand zunächst festen Halt, doch dann knirschte es unter seinem Fuß. Es knirschte genauso als wenn Eis unter einem zu hohen Gewicht zerbrach. Er sah zum Tier. Lag es auch auf dem Eis? Aber das konnte nicht sein.
Noch ehe er sich darüber bewusst werden konnte, stürzte er hinab in die Tiefe. Schwärze um ihn herum und das Gefühl unendlich leicht zu sein. Der Sturz war tödlich. Das war gewiss und zum ersten Mal seit langem bedauerte er es, diesen Schritt gegangen zu sein.

Nur langsam weckte ihn ein Feuer, welches in seiner Nähe knackte und einen flackernden Schein von sich gab. Er öffnete die Augen und stellte zunächst fest, dass der sicher geglaubte Tod ihm nicht gegeben war. Er war noch am Leben, doch wusste er nicht, wieso und weshalb er den Sturz überlebt hatte. Zudem wusste er auch nicht, wie er einen Sturz ohne Blessuren überstanden haben sollte.
Vorsichtig richtete er sich auf lehnte an die kalte Felswand, während er sich umsah und versuchte, sich neu zu orientieren. Kein Zweifel, er war in einer Höhle. Dunkelgrauer Fels breitete sich über ihn aus. Nur das Feuer spendete Licht. Ein Eingang war zu erkennen. Nachdenklich versuchte er zu entscheiden, ob er fliehen sollte, oder ob er das Risiko eingehen sollte, zu verweilen.
Schritte näherten sich und beendeten seine Überlegungen sofort. Eine Person betrat die Höhle und durch die Haltung des Körpers und die Kleider, welche einfacher Natur waren, erkannte er dass es eine Frau war. Ihr kantiges Gesicht gab ihr eine Strenge, die ihn unsicher werden ließ. Doch die spitzen Ohren warnten ihn. Sie war eine vom Volk jener Leute, die er zu finden gehofft hatte.
„Ich hoffe Ihr habt euch von eurem Schreck erholt“, sagte die Frau, kniete sich nieder und legte neues Holz in die Flammen. Danach machte sie sich daran zu schaffen, einen kleinen Kessel zu untersuchen, in dem etwas zu kochen schien. „Ihr habt lange geschlafen und seid sicher noch etwas schwach auf den Beinen.“
„Wo bin ich?“, fragte der Mann unsicher und musterte die Frau. „Was ist passiert?“
„Habt Ihr nicht nach mir gesucht?“, fragte die Frau eine Spur zu freundlich. „Kawran Antall. Das ist doch Euer Name?“
Er starrte sie an. „Woher...?“
„Ihr kennt doch die Geschichten“, sagte die Frau nur. „Ihr habt mich gefunden und ich weiß, dass Ihr eure Krankheit loswerden wollt. Aber ich will eine Entschädigung.“
Kawran sah die Frau unsicher an. Sie rührte mit einer kleinen Kelle im Topf herum und goss von der dampfenden Flüssigkeit, etwas in einem Becher.
Bisher war ihm der Geruch nicht aufgefallen, doch nun roch es angenehm nach Beeren und Kräutern. Wortlos erhob sie sich, ging um das Feuer herum und reichte ihm den Becher.
„Ihr werdet schnell wieder zu Kräften kommen“, versicherte die Frau gelassen und wortlos nahm der Mann den Becher entgegen.
Während er den Tee zu sich nahm, sprach keiner ein Wort. Die Frau begnügte sich damit, den Mann zu beobachten und sich später ein Urteil über ihn zu machen. Doch Kawran erging es ganz anders.
Immer wieder ging sein Blick zu ihren Ohren. Sie waren zwar spitz zulaufend, aber weit weniger groß, als er es erwartet hatte. Als er den Becher geleert hatte, reichte er ihn wieder der Frau.
„Ihr kennt meinen Namen, aber ich kenne Euren nicht“, stellte er möglichst trocken fest. Doch seine Hände zitterten bei der Frage beinahe.
„Tatsächlich“, stellte die Frau fest und lächelte ihr Gegenüber freundlich an. „Nennt mich Jara. Das kommt meinem richtigen Namen am nächsten.“
„Und warum Jara?“, fragte Kawran mutig. „Ich habe nach Euren wahren Namen gefragt und nicht nach einem beliebigen Namen.“
„Das ist kein beliebiger Name“, sagte die Frau und erhob sich. „Meine Freunde nennen mich so und ich bin gewillt, dass Ihr mich auch so nennt. Ich weiß, weswegen Ihr hier seid und deswegen vertraue ich Euch.“
„Kann ich Euch vertrauen?“, fragte Kawran angespannt. Mit jedem Wort wurde er mutiger und fühlte, wie die Lebensgeister sich in seinem Körper immer mehr regten und nach außen drängten. „Bevor ich aufgewacht bin...“
„Ihr habt die Bekanntschaft mit einem meiner Sucher gemacht“, sagte Jara freundlich und setzte sich wieder vor das Feuer, um die Hände zu wärmen.
„Einen Sucher?“, fragte Kawran und dann erinnerte er sich wieder. „Das verletzte Tier, das ich gesehen habe, bevor ich gestürzt bin.“
Jara lächelte matt. „Ihr seid nicht gestürzt. Es mag Euch vielleicht so vorgekommen sein, aber Ihr seid nicht gefallen.“
„Dann ist es wahr“, sagte Kawran und betrachtete die Frau noch einmal. „Ihr seid...“
„Nein“, sagte Jara hastig. „Ich bin keine meines Volkes. Nicht mehr. Mein eigenes Volk hat mich verbannt, als Ihnen klar geworden ist, dass meine angeborenen Fähigkeiten zu unnatürlich und gefährlich für die Anderen sind. Sie haben beschlossen mich hierher zu verbannen. Ich lebe an diesem Ort schon länger, als Ihr auf der Erde wandelt, aber ich habe meine Hoffnung nicht aufgegeben, genau wie auch Ihr nicht aufgegeben habt, der Hoffnung ein Zeichen zu setzen. Deswegen seid Ihr hier. Ihr werdet sterben, wenn ich Euch nicht helfe, aber ich helfe Euch nur unter einer Bedingung. Einer Bedingung, die vielleicht nur Ihr erfüllen könnt.“
„Und die wäre?“, fragte Kawran angespannt.
Jara zögerte und erhob sich, bevor sie eine Antwort gab. „Ich will ein Leben.“
„Ich verstehe nicht“, sagte Kawran vorsichtig.
„Ihr versteht es vielleicht besser, als jeder andere Mensch“, sagte Jara und wand sich ab. „Ich will, dass Ihr mich zu Euch nehmt. Ich will dieses Leben im Verborgenen nicht mehr führen, hätte mich niemals damit abfinden dürfen. Als mich mein Volk verbannte, handelte ich nicht und ließ mich in diesen Käfig einsperren. All die Jahre habe ich um meine verlorene Freiheit getrauert. Schließlich wusste ich, dass ich handeln musste und schickte meine Sucher in alle Himmelsrichtungen, um ein Wesen zu finden, welches mich aus diesem Bann befreien kann, jemand der die Ketten dieses Gefängnisses sprengen kann. Jemanden wie Euch.“
Jara drehte sich wieder um und kam auf ihn zu, kniete sich vor ihn und nahm sein Gesicht in beide Hände. „Ich will ein Leben führen, in Eurer Nähe, im Bereich eures Herzens.“
„Aber Ihr seid kein Mensch“, sagte Kawran vorsichtig.
Die Frau erhob sich und drehte sich einmal um ihre eigene Achse. Dann sah sie Kawran wieder in die Augen. In ihrem Gesicht spiegelte sich ein Lächeln und als er sie näher betrachtete, sog der Mann scharf die Luft ein, als sich ihre Ohren veränderten und auch ihre Züge sanfter und runder wurden. Nach nur wenigen Herzschlägen stand vor ihm eine Frau, wunderschön und menschlich. Nichts erinnerte mehr an ihre Abstammung. Vorsichtig kniete sie sich wieder nieder und berührte seine Brust. „Ich will nicht Euer Herz, doch ich spüre eine Verbindung zwischen Eurem und meinem. Diese Verbindung muss bestehen bleiben, sonst werde ich wieder an diesen Ort zurück geschickt. Nur Ihr könnt mich befreien, einzig und allein mit der Kraft eures Herzens.“
„Wie soll ich Euch helfen?“, fragte Kawran zweifelnd. Er betrachtete die Frau und war sich sicher, dass sie keine Antwort auf diese Frage hatte. Schließlich war er nur ein einfacher Mann, ein Mensch, der nicht in der Lage war die Magie zu entschlüsseln, die hier vonstatten ging, die sich hier entfaltet hatte und ihn umschloss.
„Wollt Ihr mir helfen?“, fragte Jara nur und erhob sich.
Kawran war sich schon lange nicht mehr über die Antwort einer Frage so sicher wie bei dieser. Langsam stand er auf und betrachtete die Frau einen langen Moment. „Ja. Ich möchte Euch helfen.“
Jara lächelte und eine Träne floss ihre Wange hinab. Sie legte ihre Hand auf seine Brust und schloss die Augen. Kawran bemerkte den fein gearbeiteten Anhänger, den sie trug. Seine Augen fixierten ihn, während sie sprach, konnten sich nicht abwenden, nicht davon lösen. „Es wird nicht weh tun, doch es wird sich mehr als sonderbar anfühlen.“
Kawran machte sich bereit und schloss die Augen, als er endlich den Blick von dem Anhänger lösen konnte. Eine Wärme breitete sich in ihm aus. Eine Wärme, die durch seinen Körper floss und zu einer Hitze wurde. Schweiß brach auf seiner Stirn aus und in wenigen Herzschlägen fühlte er eine sonderbare Schwäche, so als sei er stundenlang gerannt.
Aber aus der Hitze wurde wieder eine angenehme Wärme. Dann verschwand sie komplett und er öffnete seine Augen wieder.
Jara sah ihn an, lächelnd und glücklich über ihre Tat. „Ihr werdet leben“, sagte sie.
Sie schwankte einen Moment und bevor sie stürzte, packte Kawran sie am Arm und zog sie zu sich heran. „Alles in Ordnung?“
„Ja“, hauchte Jara, doch ihre Beine versagten im gleichen Moment ihren Dienst. Langsam ließ Kawran die Frau zu Boden gleiten und strich ihr das braune Haar aus dem Gesicht.
Die spitzen Ohren waren wieder da, genau wie das typische Gesicht ihres Volkes. Doch ihre Haut war blass und ihre Atmung unregelmäßig. Und der Anhänger, den sie trug schien noch immer schwach zu leuchten. War das die Quelle ihrer Macht?
„Jara?“, fragte Kawran unsicher. „Was ist passiert?“
Unsicher lächelte die Frau und strich mit ihrer Hand über seine Wange. Die zarte Berührung ließ ihn zittern. „Es ist geschafft, dank Euch“, brachte sie nur mit Mühe hervor.
„Ich werde leben?“, fragte Kawran vorsichtig und Jara lächelte.
„Ja“, sagte sie und schien überglücklich. „Euer Herz ist wieder stark und unsere Verbindung hat auch den Bann gebrochen. Ihr seid ein freier Mensch und ich ebenso. Dieses Gefängnis hat seine Aufgabe erfüllt. Die Ketten sind gerissen und die Schlösser zerstört. Helft mir, die Höhle zu verlassen. Folgt einfach dem Weg.“
Unsicher nickte Kawran, legte einen Arm um ihre Taille und so gingen sie Schritt für Schritt. Nachdem sie die Höhle, in der Kawran aufgewacht war, verlassen hatten, wurde es zwar dunkler, doch durch Risse in der Decke der Höhle kam genügend Licht, um den Weg zu beleuchten. Kawran hatte Schwierigkeiten, die Frau zu stützen. Immer wieder war sie kurz davor das Bewusstsein zu verlieren. Er wusste nicht so recht, was er anderes tun konnte, als einfach weiter zu gehen. Als sie eine weitere Biegung erreichten, kam ihm ein Windhauch entgegen. Keine eisige Kälte, wie er vermutet hatte, sondern eine warme Brise. Das Licht, welches vom Eingang der Höhle kam, blendete ihn einen Moment und als er endlich wieder normal sehen konnte, konnte er seinen Augen nicht trauen. Er war nicht in einer schneebedeckten Wildnis, sondern stand auf einer kleinen Lichtung und die Bäume waren voll mit sattem Laub. Die Büsche um ihn herum strotzten nur so vor Lebenskraft und die Vögel in den Bäumen sangen ihr Lied, als ob sie nur auf die Besucher gewartet hätten.
„Das ist nicht möglich“, sagte Kawran leise und sah Jara an und erschrak in den Grundfesten seines Seins. „Jara!“
Die Frau hatte sich erneut verändert. Ihre braunen Haare waren grau geworden und tiefe Falten zogen sich über ihr Gesicht. Sie hob nur langsam den Kopf. Noch schwerer schien es ihr zu gelingen, die Augen zu öffnen.
„Wir sind da“, hauchte sie müde und lächelte.
Sanft legte Kawran sie auf den Boden. „Was passiert mit Euch?“
„Ich sterbe“, sagte Jara und lächelte. „Aber Ihr habt mich befreit.“
„Wie kann dies sein? Warum sind wir hier?“, fragte Kawran und während er sich umsah, fragte er sich, wo dieses Hier war.
„Ich habe Euch zu mir geholt, fern Eurer Heimat“, sagte Jara. „Ich habe über ein Jahrhundert auf jemanden wie Euch gewartet. Einen Menschen, der in der Lage ist, mich zu befreien. Jemanden mit einem reinen Herzen.“ Sie hob ihre Hand und deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Nur eine Illusion. Die einzige, die ich nicht beherrschen konnte, weil sie von zu vielen Geistern geformt worden war.“
Als Kawran aufblickte, sah er, wie die Höhle selbst verschwand. An ihrer Stelle befand sich nach einigen Momenten ein dichtes, undurchdringbares Gestrüpp aus Buschwerk.
„Wurdet Ihr deswegen verbannt?“, fragte Kawran angespannt und dachte über seine Begegnung mit dem Sucher nach und strich ihr über die Wange. „Weil Ihr zu mächtig wart und Euer Volk sich fürchtete, ihr könntet Ihnen schaden?“
„Ja“, sagte Jara. „Bitte. Seid nicht traurig, dass ich sterbe. Wenn Ihr nach Süden geht, werdet Ihr einem Pfad finden, folgt ihm und Ihr werdet ein kleines Dorf von meinem Volk finden. Berichtet Ihnen, was Ihr gesehen habt, und das es vorbei ist. Ich habe ein langes Leben gehabt und ich wäre gerne mit Euch gegangen. Ich will, dass Ihr mich in Erinnerung haltet und jedes Mal, wenn Euer Herz schwer ist, einen Gedanken an mich hegt, um Euch selbst damit Kraft zu geben. Dann wird es Euch leichter fallen. Unsere Verbindung wird über den Tod hinaus gehen. Lasst mich hier liegen und ich zeige Euch den letzten Zauber meines Lebens.“
„Das werde ich“, sagte Kawran und entschied sich das zu tun, das einzige, was er tun konnte, um nur im Mindesten zu zeigen, wie dankbar er der Frau war.
Er beugte sich vor und gab der Frau einen sanften Kuss auf ihren Lippen. Die Wärme, die ihn erfasste beschämte ihn, doch er ließ die Lippen, wo sie waren. Nur langsam löste er sie wieder und blickte in die Augen der Frau.
„Jara?“, fragte er sanft, doch er bekam keine Antwort. Die Augen blickten reglos zum Himmel, doch ihr Gesicht zeigte noch immer ein sanftes Lächeln.
Er schloss ihr die Augen und stand langsam auf. Er konnte und wollte die Tote hier nicht liegen lassen. Das hatte sie nicht verdient. Er traf daraufhin die einzige Entscheidung, die er treffen konnte.
Doch noch bevor er die Frau wieder berühren konnte, schien ihre Haut zu leuchten. Goldenes Licht strömte aus ihren Körper und schwebte hinauf zum Himmel. Wie eine Illusion begann sie zu verblassen. Nur etwas blieb zurück und als Kawran sicher war, dass es ungefährlich war, hob er es auf.
Es war der Anhänger, ein Beweis, dass sie hier war. Der einzige Hinweis, dass alles, was Kawran erlebt hatte, kein Traum und keine Illusion war. Lange blickte er ihn an, bevor er ihn einsteckte und somit sicher verwahrte.
Er würde sie niemals vergessen. Er würde sie in Erinnerung halten, als das was sie war, was sie immer sein wollte, doch nie sein konnte: Ein Wesen, welches nur Güte in sich trug und er würde sich noch lange an den Kuss erinnern. Ein letzter im Leben, ein Kuss, der ihm Kraft geben würde, sein eigenes Leben wieder in rechte Bahnen zu lenken.
Er wusste nicht, wohin ihn sein Weg führen würde, doch er würde nicht vergessen, was Jara gesagt hatte: „Ihr seid ein freier Mensch.“
Kawran beschloss in diesem Moment, dass er sein Leben führen würde, so wie es sich Jara gewünscht hätte.

weiter zum nächsten Türchen