Echte Freunde

(von Silph)

Mit verträumtem Summen geht ein junger Mann dicht am zwanzigsten Türchen vorbei. Sein Gang ist beschwingt, sein Herz ist leicht und seine Augen leuchten. Zielstrebig schlägt er den Weg zu einem nahen Garten ein, sein leichtes Lächeln wird zu einem fröhlichen Grinsen, je näher er dem Gartentor kommt. Was er wohl zu erzählen hat?

Kihon hörte Ralukha schon, als der den Garten betrat. Er gab sich auch keine Mühe, leise zu sein, lachte, sprang über eines der Blumenbeete, rannte über das Gras und warf sich mit demselben Schwung neben Kihon auf den Boden in den Schatten des Baumes. Die Staffelei zitterte unter dem Luftzug. Kihon gratulierte sich selbst dazu, den Pinsel rechtzeitig von ihrer Oberfläche entfernt zu haben. Er wartete geduldig, dass alles wieder ruhig stehen würde.
„Schreib mir ein Gedicht!“ forderte Ralukha in diesem Moment fröhlich.
„Wozu?“ fragte Kihon amüsiert zurück. „Schreib selbst eins.“
„Meine Handschrift ist furchtbar. Schreib du es.“
„Warum sollte ich?“
„Ich habe das schönste Mädchen unter der Sonne getroffen! Sie verdient ein Gedicht!“
Kihon unterdrückte ein Lachen und nahm seine Malarbeit wieder auf.
„Wieso lachst du?“ beklagte sich Ralukha. „Sie ist das schönste Mädchen unter der Sonne!“
„Das sagst du immer.“
„Das ist auch immer wahr.“
Kihon nahm einen anderen Pinsel auf und sah sich nach dem Freund um. Ralukha hatte sich neben ihm ausgestreckt, auf den Rücken gedreht und die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Sein Blick ging hoch zu den dunklen Blättern und dem strahlenden blauen Himmel dahinter, doch er würde nichts davon sehen. Zwecklos. Wenn er in diesem Zustand war, half auch kein gutes Zureden. Kihon seufzte, um zu zeigen, was er von dieser Tollheit hielt. Trotzdem war es auch immer wieder amüsant.
„Was unterscheidet sie denn von den anderen?“ fragte er gutmütig.
Ralukha warf ihm einen bösen Blick zu. „Alles“, erklärte er vehement.
„Das hilft mir nicht“, erinnerte Kihon. „Ich habe dein schönstes Mädchen unter der Sonne nicht gesehen, du musst mir schon etwas geben, aus dem ich ein Gedicht machen kann.“
Ralukha zuckte die Achseln und sagte gar nichts. Starrte wieder hinauf zu den Blättern und zum Himmel. Kihon begann wieder zu malen. Ruhige, akkurate Striche mit genau dem richtigen feinen Schwung.
„Dann musst du sie mir vorstellen“, entschied er. „Dann sehe ich sie selbst und kann daraus ein Gedicht machen.“
„Das werde ich nicht tun“, widersprach Ralukha. „Sie könnte sich in dich verlieben und das würde ich nicht ertragen.“
„Was sollte sie an mir finden, wenn sie dich haben könnte?“
„Du bist gutaussehend, reich, gebildet und du kannst Gedichte schreiben.“
„Du bist fröhlich, charmant, unterhaltsam und einem jeden Mädchen treu ergeben. Zumindest bis zu nächsten, die das schönste Mädchen unter der Sonne ist.“
Ralukha versetzte Kihon einen Schlag gegen den Oberschenkel. Es sollte empört wirken, war aber nichts anderes als ein weiterer Scherz.
„Du machst meine Kleidung schmutzig“, bemerkte Kihon.
„Wenn ich gegen deine Staffelei schlage, wirst du wütend“, erinnerte Ralukha fröhlich. „Weil dann dein Bild ruiniert ist.“ Er stemmte sich auf die Unterarme. „Was soll es überhaupt darstellen?“
Kihon betrachtete die Leinwand nachdenklich, dann zuckte er die Achseln. „Es ist nur eine Übung.“
„Es sieht aus wie eine Landschaft.“
„Eine mentale Übung, du ungebildeter Straßenjunge! Ich suche die Perfektion.“
„Ah“, machte Ralukha. Er unterdrückte ein Lachen und ließ sich wieder umsinken. Auch Kihon unterdrückte ein Lächeln. Er legte ein Blatt vor die untere Hälfte der Leinwand und wartete.
„Sie ist wunderschön“, begann Ralukha nach einer Weile verträumt. „Ihre Augen leuchten wie der Abendstern an einem klaren Abend, wenn der Himmel ist wie tiefblauer Samt, überhaucht von einer Spur orangenen Goldes, so fein und zart wie der jugendliche Hauch ihrer Wangen. So klar ist ihr Blick wie ein Bergbach im Mondschein, in dessen silbernem Licht jeder Kiesel ein Juwel von schönstem Schliff zu sein scheint. Ihr Lachen perlt wie der Klang eben dieses Baches, rein und klar wie Diamant, und doch leise und bescheiden wie das Kleid des Dämmervogels, der dennoch die schönsten Lieder voller Süße siegt. Ja, wie die Stimme dieses Vogels ist ihre, süß und weich wie warmer Honig, voller Liebreiz und ohne jede Schärfe, die einen Missklang in der perfekt gegossenen Glocke ihrer Kehle erzeugen könnte. Ihre Lippen sind von anziehenderer Form als die schön geschwungenen Blütenblätter einer Rose, und ihre Wimpern sind ein schwarzer Vorhang aus winzigen Perlenschnüren, gegossen in den unnachahmlichen Schwung einer Welle, die im Moment ihres schönsten Bogens verhält. Ihr Haar ist eine Kaskade gesponnener Seide, die all ihren reichen Schmuck erbärmlich wirken lässt und für das noch die zu schönsten Blumen geschliffenen Edelsteine zu schäbig wären. Könnte ich diese Pracht nur einmal in ihrer ganzen Natürlichkeit sehen, ungebunden und ungeschändet durch all diesen modischen Tand, der ihre Schönheit nicht zu steigern vermag. Vielleicht kann der Nachtwind hoffen, ihr gerecht zu werden, wenn er mit den klaren Lichtern von Mond und Sterne Reflexe hineinsetzt, denen selbst die reinsten Silberstücke nicht gleichkommen können. Dann möchte ich mit der Hand hindurchstreichen und nach Worten suchen, die ihr gleichkommen.“ Er seufzte. „Natürlich werde ich keine finden. Es gibt ja keine.“
„Naja“, urteilte Kihon. „Das war ja schon mal kein schlechter Anfang.“
„Was?“
„Wenn du nur nicht immer so schnell reden würdest.“ Kihon betrachtete sein Blatt missmutig und die Reihen der Schriftzeichen darauf. „Ich könnte es viel ebenmäßiger aussehen lassen, wenn ich nicht versuchen müsste, es gleichzeitig in Verse zu setzen und mit dir Schritt zu halten. Andererseits“, er nahm das Blatt auf und blies darüber, um die Tinte zu trocknen, „könnte sie bei dieser Krakelei tatsächlich noch annehmen, dass du es selbst geschrieben hast.“ Er warf Ralukha einen Seitenblick und ein Grinsen zu. „Oder soll ich noch ein paar Schreibfehler reinmachen, damit es authentischer wird?“

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