Ein Tag im Leben von Cri, Steinwerker in der Tiraalifeste Hriscritris

(von Sturmfaenger)

Die letzten Sterne funkeln am Himmel, und einige wenige Sterne scheinen auch unten am Boden zu funkeln – genauergesagt auf dem steil aufragenden Felsenbuckel, der sich aus einem kleinen Bergzug mitten in der Wüste erhebt. Erst wenn man näher kommt, erkennt man, dass der Felsen nicht naturbelassen ist, und dass die Lichter am Boden in Wirklichkeit Fackeln sind. Eine davon beleuchtet das zweiundzwanzigste Türchen, und es führt mitten hinein in die Lebenswelt eines fremdartigen Volkes…

Der kalte Hauch der Nacht ist noch nicht von der Wüste gewichen, als das leise Zirpen in Cris Träumen sich verändert. Der Schwarm erwacht. Als einer der ersten treibt Cri aus den Tiefen des geteilten Unterbewusstseins nach oben, und wird sich seiner selbst wieder bewusst. Das Flüstern des Schwarmbewusstseins, in dessen Tiefen sein Geist die Nacht verbracht hat, rückt ein wenig in den Hintergrund.
Neben Cri regen sich schläfrig Hrssi und Shctirr. Cri stupst sie sachte an und zirpt leise, erhält aber nur schlaftrunkenes Mandibelklicken und vage in seine Richtung gezielte Gedanken des Wohlbehagens zur Antwort.
Cri hebt vorsichtig seine Vorderbeine und putzt sich erstmal seine Fühler. Diese beiden Faulpanzer wieder! Doch nicht mit Cri, nein, wehe ihnen! Denn nun ist er wach genug, um zum Schrecken des Morgens zu werden! Vorsichtig richtet er sich auf, verschleiert seine wahren Absichten hinter seinem Aufwachdurstgefühl und fällt über seine nichtsahnenden Gelegepartner her, um sie nach allen Regeln der Kunst durchzukitzeln. Mit findigen Fühlern erwischt er genau die Nervenflecken am Kopf, so schnell können Hrssi und Shctirr ihre Köpfe gar nicht wegdrehen, und dann gibt es ja auch noch die kitzligen Stellen dicht unter den Flügeln! Entrüstetes Tschirpen erfüllt die kleine Kammer, als die beiden zum Gegenangriff ansetzen, und Gleiches mit Gleichem vergelten, bis sie mit vor Fröhlichkeit bebenden Flügeln und kribbelnden Nervenflecken zu dritt durchs Zimmer tanzen, die Köpfe dicht aneinandergedrückt. Schließlich verebbt ihr Tanz, zu beschäftigt sind sie nun damit, sich gegenseitig liebevoll die Fühler zu putzen.
Cri teilt trillernd seine Zufriedenheit über den gelungenen Streich mit seinen zwei Liebsten, und erhält nachsichtiges Zirpen von Shctirr, während Hrssi ihn in gespielter Verzweiflung anschnarrt, und ihm ein Bild von Cri als Nestling sendet. Ein großes Kind ist er! Cri wackelt abwägend mit den Fühlern und zirpt dann fröhlich. Er und Hrssi beträllern sich noch ein paar Sekunden lang, auch Shctirr fällt ein. 
Wie jeden Morgen greifen alle drei nun in Gedanken zu ihren Nestlingen hinaus, während sie sich gegenseitig die zerzauselten Flügel putzen. Die vier Kinder sind natürlich längst wach und überschütten ihr drei Elter mit den Gedanken an Honigzuckerwasser, Fruchtmus und Tctcbrei. Wie immer nur Süßes im Kopf, diese Nestlinge! denkt Cri amüsiert und schüttelt nochmals kräftig seine Flügel, ehe er sie ordentlich auf dem Rücken zusammenfaltet. Er schlägt der Familie vor, sich in einer der kleineren Esshallen zu treffen, die zwar ein paar Stockwerke über ihren jeweiligen Schlafquartieren liegt, aber dafür mit einer großen Fensterreihe in Richtung Sonnenaufgang aufwarten kann. Da er zurzeit meist unter Tage arbeitet nutzt Cri jede Gelegenheit um ein paar Sonnenstrahlen zu ergattern. Nicht zuletzt, damit das Grün seiner Flügel nicht zu farblos wird, denn das sieht ungesund und krank aus. Den anderen macht der weitere Weg nichts aus, ihre Bestätigung dringt von allen Seiten auf ihn ein. 
In Gedanken immer noch bei den Nestlingen verlassen Cri, Hrssi und Shctirr ihre Schlafkammer, und reihen sich in den morgendlichen Verkehr ein, der inzwischen in den Gangsystemen der Wohnfeste herrscht. Die flugunfähigen Erwachsenen müssen die großen Gänge nehmen, die jüngeren Nestlinge wuseln auf den breiten Simsen über den Köpfen der Erwachsenen entlang. Die älteren Nestlinge, die schon Schwärmlinge sind, benutzen meist die Flugschächte, die ganz Hriscritris durchziehen und zugleich der Belüftung dienen.
Aus dem Halbdunkel der nur spärlich beleuchteten Gänge kommen sie schließlich in die vom Morgenlicht durchflutete Esshalle, die Platz für vierzig oder fünfzig Erwachsene und ihre Nestlinge bietet. Hier wird schon eifrig gezirpt, geklickt, getrillert und gefuttert. Die zwei Schwärmlinge Ctissi und Tsihic aus ihrem ersten Gelege warten schon auf sie. Rircti und Shish - die beiden jüngeren - kommen kurz darauf hereingehuscht. 
Cri liebt die stürmische Begrüßung seiner Kinder, die sich begeistert auf ihre Eltern stürzen, sie betrillern und sich in ihre zerzauselten Erwachsenenflügel kuscheln. 
Mit Rircti huckepack krabbelt Cri zu den Trinkrinnen, die an die Wasserversorgung der Wohnfeste angeschlossen sind und stets von Frischwasser durchströmt werden. 
Mit ausgefahrenem Saugrüssel trinkt er abwechselnd und gibt Rircti zu Trinken. Der ist zwar schon groß genug um alleine trinken zu können, doch genießen beide die körperliche Nähe zueinander, denn sie sind nur einen kleinen Teil des Tages wirklich zusammen und haben sich sonst nur im Schwarmbewußtsein.
Nach dem Trinken stellt sich jeder aus der Familie in einer anderen Schlange an, und jeder kommt mit einer anderen großen Schüssel zurück, die sie in einer der vertieften Esskuhlen abstellen, um die sie sich nun versammeln. 
Die Kleinen starten wie immer einen Krieg der Saugrüssel, weil sie am liebsten von allem gleichzeitig probieren wollen, und sich dabei gegenseitig im Weg sind, und wie immer ertragen es die Erwachsenen eine Weile lang mit stoischer Gelassenheit. Als Tshihic jedoch seinen Saugrüssel zu wild herumschlenkert und Cri und Hrssi von oben bis unten mit Tctcbrei bekleckert, schnarrt Hrssi warnend, und Cri sendet einen mahnenden Impuls an seine Brut. Es ist genug!
Von da an herrscht mehr Ruhe. Als der erste Hunger gestillt ist, erzählen die Kinder was sie heute tun werden: die beiden Schwärmlinge werden bei einem Versorgungsflug zu einem der kleineren Aussenposten des Schwarms mitmachen, wo Späher in dieser Jahreszeit Ausschau nach Zugvogelschwärmen halten. Die Jüngeren werden Flügelübungen machen, und beim Ausräumen einer ungenutzten Kammerflucht helfen, die zu einer Schlüpflingsstation umgebaut werden soll. 
Nach dem Frühstück gibt es wieder einen kleinen Tumult, als die drei Elter jedem Nestling zum Abschied von ihren Honigzuckersäckchen abgeben, die sie an gewundenen Schnüren stets bei sich tragen, weil natürlich jeder das größte Säckchen haben will, obwohl alle gleichgroß sind und gleichviel Honigzucker enthalten. Cri sieht zu wenig von der Sonne um ihn selbst herzustellen, aber er hat selbstverständlich auch immer welchen dabei, denn eine bessere Zwischenmahlzeit gibt es nicht. Er bindet das letzte Säckchen mit dem Geschick langer Übung an Ctissis Oberkörper fest, wischt dem Schwärmling die letzten Essenskrümel vom eingerollten Saugrüssel und stupst ihn dann belustigt an, denn seit Ctissi durch die Abkürzungsluftschächte fliegen kann bummelt er immer am meisten herum, die anderen sind schon längst mit raschen Impulsen des Abschieds davongekrabbelt.
Nun wird es auch Zeit für ihn, und ein paar kurze Fühlerstreicheleinheiten später macht sich Cri auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz tief unten in der Feste. Er arbeitet mit drei dutzend anderen Tiraali an einem neuen Komplex aus Großwasserbecken in einem bisher wenig ausgebauten Teil des großen Felshangs, in den die Wohnfeste Hriscritris geschlagen ist.
Er soll als Trinkwasserspeicher für die Trockenzeit, aber auch als Fischbecken genutzt werden, und die Wasserzuströme und Trennstrukturen, die die Steinwerker hineinschlagen sind noch lange nicht fertig. Es werden noch Monate vergehen bis die Becken geflutet werden können.
Cri meißelt an den Uferstellen des neuen Fischbeckens, er fertigt Haltevertiefungen und die Rinnen für die Wasserkreisläufe an der Beckenrandbepflanzung, denn hier werden später genügsame Höhlengewächse angepflanzt werden: filternde Hcihcimoose, das lichtscheue Wasserhaar und weitere Grünhelfer, die den Fischkulturen Unterschlupf bieten und zugleich die Wasserqualität erhalten sollen, während die Fische wiederum die Algen kleinhalten. 
Hier unten gibt es im Moment noch nicht genug Licht für diese Pflanzen, denn die Spiegelschächte, die das Sonnenlicht an hellen Tagen heruntertragen werden sind noch nicht fertig. Es wird hauptsächlich mit Tastsinn, Leuchtwürmchenlampen und Fackeln gearbeitet, einige Leuchtsteine gibt es auch, aber die sind alt, aus der Zeit als die Menschen noch wussten wie man sie herstellt. 
Cri mag Leuchtsteinlicht, vor allem wenn er mit Säure arbeitet, wie heute, um den Fels besser kleinzukriegen. Tageslicht mag er zwar noch lieber, aber durchs Schwarmbewußtsein fühlt er sich nicht ganz davon abgeschottet - wenn er den Wunsch dazu verspürt lässt ihn jederzeit einer der anderen Tiraali durch seine Augen einen Blick auf die Sonne werfen. 
Ein paar Mal an diesem Vormittag heißt Cri auch die Präsenz eines derer in seinem Geist willkommen, die den Gesamtfortschritt der Baustelle im Blick behalten, und mehr als einmal greift er geistig hinaus um seine Gelegepartner und die beiden in der Feste verbliebenen Nestlinge kurz zu berühren. Er tauscht auch Fragen, Bitten um Werkzeuge oder Eindrücke mit den anderen Steinwerkern, und krabbelt mehr als einmal zu einem der anderen hinüber, um ihnen kurz bei Arbeiten zu helfen die zu zweit oder mehreren besser zu schaffen sind. 
Gegen Mittag breitet sich eine Unruhe in Hriscritris aus, die in Wellen durch die gesamte Feste schwappt. Ein Sandsturm braut sich in der Wüste ausserhalb der Feste zusammen, ungewöhnlich für die Jahreszeit. 
Zerstreut beschließt Cri, dass er eine Pause braucht. Er denkt die ganze Zeit nur an Ctissi und Tsihic, die jetzt da draußen sind, auf dem Weg zum Außenposten. Sturm in der Sicherheit der Feste ist gemütlich, Sturm im Freien draußen kann tödlich sein.
Cri hat keinen Appetit auf seinen üblichen Mittagsimbiss, der von einigen Nestlingen vorbeigebracht wird. Unbeachtet steht die Schale mit dem Pilzragout am Baustellenrand. Ob die Schwärmlinge es rechtzeitig schaffen, sich in Sicherheit zu bringen? 
Zunehmend nervös tänzelte Cri auf der Baustelle hin und her, beachtet kaum die mitfühlenden Trillerlaute der anderen Tiraali, die seine Besorgnis spüren. Ihr geistiger Beistand kann ihn nicht beruhigen. Schließlich hält er es nicht mehr aus und stakst auf dem kürzesten Weg zurück nach oben in den Wohntrakt, um Hrssi und Shctirr zu finden. Sie warten in der Schlafkammer auf Cri, und Rircti und Shish sind bei ihnen. Sie sind allesamt unruhig und huschen Cri entgegen, bleiben schließlich alle eng aneinandergedrückt in der Mitte des Raumes stehen. Die Fröhlichkeit des Morgens erscheint Cri nun fast unwirklich. Er fühlt sich machtlos.
Sie können bei dem Sturm wenig tun, nur den Geist offenhalten und warten. Schließlich verbinden sich die drei Erwachsenen, um hinauszugreifen so weit sie können. Auch ein paar andere besorgte Elter, deren Schwärmlinge draußen sind, klinken sich ein und vergrößern so die Reichweite des Rufs. Ihre Frage hallt durch den ganzen Schwarm.
Sind die Schwärmlinge in Sicherheit? Wie hoch wirbelt der Sand? Könnten sie ihn in den Lüften überfliegen oder ist der Wind zu stark? Haben sie im Außenposten Schutz gefunden?
Unbeweglich stehen Cri und die anderen Rufer da, während rings um sie die Feste endgültig sturmsicher gemacht wird. Klappen werden über Luftschächten geschlossen und gesichert, der breite Aufgang zu den Sonnenterrassen wird verschlossen, Fenster werden zugehängt und abgedichtet. Doch was ist mit denen, die noch draußen sind? 
Der Ruf erreicht ein paar Trockenhirten, die gerade ihre kleine Viehherde in einen Notfallunterstand im vorgelagerten Felsland von Hriscritris getrieben haben. Die greifen hinaus und treten in Kontakt mit einer kleinen Karawane, die von der Feste Hricaassith
kommend in einer Höhle Unterschlupf gefunden hat. Die haben den Schwärmlingstrupp gesehen und gedanklich im Vorbeiflug gegrüßt, doch wo ist er jetzt?
Ein weiterer Tiraali, ein heimkehrender Néchajäger, der sich in seinem Notzelt im offenen Gelände verschanzt hat, schließt die Kontaktkette – endlich, der Außenposten antwortet! Über den Jäger, die Karawane und die Hirten erreicht die erlösende Nachricht die Feste Hriscritris: Ja, die Schwärmlinge sind alle angekommen, und alle in Sicherheit.
Cri fühlt sich auf einmal ganz leicht. Er spürt seine beiden Partner und die Nestlinge neben sich, und die anderen beiden sind auch in Sicherheit. 
Er zirpt leise, reibt seine Vorderbeine an den zwei Kleinen und versucht mit beiden Fühlern gleichzeitig Hrssi und Shctirr zu streicheln. Auch von ihnen kommt eine Woge der Erleichterung, die sie an den restlichen Schwarm weitergeben. Frohes Zirpen und Trillern erklingt überall, auch das Heulen des nun mit voller Kraft einsetzenden Sandsturms kann diese Laute von Freude und Erleichterung nicht übertönen. 
Nach diesem Schrecken braucht Cri jetzt erstmal ein bisschen Honigzucker, denn nun merkt er doch wie hungrig er eigentlich ist. Zusammen machen sie es sich auf den weichen Matten gemütlich, auf denen sie immer die Nacht verbringen, und ausnahmsweise darf heute hier im Bett genascht werden. 
Es ist zwar erst Nachmittag, aber Cri und seine Familie denken gar nicht daran, sich wieder von ihrem Lager zu erheben. Sandsturmzeit ist Ausnahmezustand, und dass ihre Familie noch zu siebt ist, muss sowieso gefeiert werden. 
Der Schwarm findet das auch, und ein paar Nestlinge bringen ihnen neues Pilzragout, mehr Honigzucker, Früchte und Wasser. Den Rest des Tages verbringen sie in einem zunehmend krümeliger werdenden Schlafgemach, trillern sich Lieder, zeigen sich im Geiste Träume und Geschichten und freuen sich jetzt schon auf den Zeitpunkt, wenn Ctissi und Tsihic wieder bei ihnen sind. Als die Sonne irgendwo weit hinter den aufgepeitschten Sandwolken untergeht, schlafen sie zufrieden ein, und lassen sich in das unermüdliche Zirpen des Schwarmbewußtseins hinabsinken.

weiter zum nächsten Türchen