Lilien im Schnee

(von datLy)

Das dreiundzwanzigste Türchen ist seltsam unbeständig. Im einen Moment ist es von schönen, leuchtendbunten Blumen bedeckt, im nächsten trägt es eine dicke Schneekappe und eine Reihe funkelnder Eiszapfen. Ebensowenig scheint es sich entscheiden zu können, ob es in ein mit weichen bunten Teppichen ausgelegten Raum führen will, oder doch lieber in einen Wald, dessen vorherrschende Farben das dunkle Holz der Stämme und blendenweißer Schnee sind…

"Soll ich euch eine Leander-Geschichte erzählen?"
Auf ihre Frage hin fingen die Kinder an zu murren. Früher hatten sie ihre Leander-Geschichten gemocht. Jedes Mal, wenn sie diese Frage gestellt hatte, waren sie alle zu ihr gelaufen, hatten sich rund um sie auf den Boden plumpsen lassen und hatten sie mit großen Augen erwartungsvoll angeschaut. Doch seit einiger Zeit konnte sie die Kinder damit nicht mehr locken.
"Sind wir für solche Geschichte nicht langsam ein bisschen zu alt, Lillis?" fragte Lugis, einer der älteren Jungen.

Auf einmal verstand Lillis, warum die Kinder in letzter Zeit keine Leander-Geschichten mehr hören wollten. Sie fingen an zu zweifeln. Sie glaubten nicht mehr an die Geschichten von Leander, dem Traummagier. Da beschloss sie kurzerhand, ihnen eine Geschichte zu erzählen, die sie ihnen noch nie erzählt hatte. 
"So so - ihr fühlt euch also zu alt für die Geschichten des Traummagiers. Dann werde ich euch eine neue Geschichte von ihm erzählen. Die allererste Geschichte sozusagen - die Geschichte, wie ich Leander kennen gelernt habe."
"Du kennst Leander? Das geht doch gar nicht. Es gibt keine Traummagier." antwortete Lugis frech. Doch in seiner Stimme klang ein Hauch von Zweifel mit … vielleicht sogar Hoffnung, dass seine Worte unwahr waren und nicht die seiner Lehrerin.
"Lass mich die Geschichte erzählen, Lugis, und dann lass uns darüber reden, was wahr und was unwahr ist." erwiderte Lillis und winkte den Kindern, sich zu ihr zu setzen.


Und dann begann Lillis zu erzählen:

"Hoch im Norden - jenseits des Rings der Welt und jenseits des Herbst- und des Frühlingslandes - noch weiter im Norden, da herrscht der Winter. Tag für Tag ist es dort eisig kalt. Ihr könnt euch das hier im Sommerland gar nicht vorstellen. So heiß wie es hier ist, so kalt ist es dort. Man muss immer dicke Mäntel tragen, Mützen bis zur Nase und Handschuhe so dick, dass man kaum etwas damit greifen kann. Und es gibt dort keine Blumen - nur gewaltige, knorrige Bäume, deren Äste schwarz wie die Nacht nach den Wolken greifen. Statt Wasser gibt es nur Schnee und Eis. Ein Land so kahl wie die rote Wüste, doch klirrend kalt und eisig weiß.
Dies ist meine Heimat - dort bin ich geboren: im Winterland - dort habe ich Leander zum ersten Mal gesehen. Ich war ein kleines Mädchen, und alle hatten sie mich gewarnt, mich dem Dunklen zu nähern. So nannten wir Leander damals, denn als er über das endlose Meer zu uns gekommen war, hatte er uns seinen Namen nicht gesagt. Namen waren zu mächtig, hatte er gesagt. Wer den echten Namen eines anderen Menschen wüsste, der hätte viel Macht über ihn. Und so weigerte er sich, seinen Namen zu nennen, und wann immer man ihm seinen eigenen Namen nennen wollte, zuckte er zusammen und unterbrach sein Gegenüber herrisch: "Nenne mir nie deinen Namen, wenn du am Leben bleiben willst."
Dies führte dazu, dass der Dunkle bald von jedem gemieden wurde. Er wohnte abseits des Dorfes unter einem abgestorbenen Baum und kam nur dann zu uns, wenn er bei der Jagd so viel Erfolg gehabt hatte, dass er nicht alles allein essen konnte. Auf diese Weise sah ich ihn zum ersten Mal, als er meinem Vater einen ganzen Schneefuchs anbot. Ich war gerade einmal so alt wie ihr und hatte ihn zuvor noch nie gesehen. Seine Haut war tatsächlich fast so dunkel wie die unserer Bäume - so ganz anders als meine oder die meiner Eltern oder aller, die ich sonst kannte.
Damals warf er mir keinen zweiten Blick zu. Er tauschte den Schneefuchs gegen ein Paar geschliffene Zähne zum Enthäuten der Tiere und verschwand wieder.
Ich hatte so viele Fragen, wollte wissen, wo er herkam und wie es da aussah. Ich wollte wissen, wer er war, wie er hieß und was er bereits alles erlebt hatte. Doch meine Eltern konnten all diese Fragen nicht beantworten. Und auch kein anderer aus unserem Dorf konnte es, denn schließlich redete derDunkle mit keinem mehr als notwendig. Was blieb mir da anderes übrig, als zu ihm selbst zu gehen?
So schlich ich mich, wann immer ich die Zeit dazu hatte, zu seiner Höhle und versuchte ihn zu beobachten. Doch dazu kam es nicht oft, denn die meiste Zeit war er gar nicht da, sondern jagte draußen im Eis. Nur manchmal, wenn er gerade zurückkam, konnte ich ihn dabei beobachten, wie er die Felle aufspannte und das Fleisch aufhing. Doch das war nichts, was ich nicht auch von den anderen Männern her kannte. Er war wie jeder andere Mann - nur seine Haut war eben schwarz und nicht weiß wie die aller anderen.
Langsam begann ich mich zu langweilen und schlich mich immer seltener zu ihm. Und ihn direkt ansprechen, traute ich mich damals nicht.
Ich war schon lange nicht mehr bei ihm gewesen, als ein heftiger Schneesturm über unser Dorf hereinbrach. Mehrere Tage konnte keiner von uns seine Höhle verlassen, und wir dachten schon, dass die Welt untergehen würde. Wir lagen nur mehr unter unseren Fellen und erzählten uns Geschichten, wenn wir nicht gerade schliefen oder aßen. Wir hatten jedes Gefühl für Tag und Nacht vollkommen verloren, bis mein Onkel eines Tages seinen Kopf zu uns in die Höhle steckte und meinte, es wäre endlich vorbei. Erleichtert waren wir unter den Decken hervorgekrochen und nach draußen an die Sonne gekrabbelt und hatten die frische Luft eingeatmet. Überall um uns herum gruben sich unsere Nachbarn unter ihren Bäumen hervor - teilweise musste man ihnen von außen helfen, weil die Schneeschicht zu fest gefroren war, um von innen durchbrochen zu werden. In diesem Moment fiel mir der Dunklewieder ein, und ich fragte mich, ob er sich alleine aus seiner Höhle befreien konnte, oder ob er darin eingeschlossen war. Besorgt stampfte ich durch den Neuschnee und sank mit jedem Schritt fast bis zu den Oberschenkeln ein. Es dauerte ewig, bis ich bei der Höhle des Dunklen war und ich feststellte, dass ich mir keinerlei Sorgen hätte machen müssen: rund um seinen Baum lag keinerlei Neuschnee. Ich stolperte fast auf den festgetretenen Schnee, als ich die Grenze vor lauter Überraschung, ohne nachzudenken, übertrat. Auf einmal war es spürbar wärmer und während ich mir noch die Augen rieb, wuchsen Blumen aus dem Schnee. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Tulpen, Narzissen, Krokusse und Schneeglöckchen. Danach Vergissmeinnicht und Männertreu, Lilien und Chrysanthemen, Rosen und Veilchen. So viele kräftige, leuchtende Farben wie ich sie mir nie hätte vorstellen können. Und dieser Duft - all diese Blumen überdeckten den Geruch nach frischem Schnee und Kälte und betäubten mich.
Ich war von diesem Wunder so fasziniert, dass ich erschrocken zusammen zuckte, als der Dunkle hinter seinem Baum hervortrat und mich sah.
"Was machst du hier?" fragte er mich unwirsch und im selben Moment waren die Blumen, die Farben und die Gerüche verschwunden und ich stand knietief im Neuschnee. Auch die Wärme war verflogen und so stand ich zitternd vor Angst und Kälte da und erinnerte mich wieder daran, weshalb ich eigentlich hergekommen war. "Ich wollte sehen, ob du Hilfe brauchst. Andere im Dorf konnten sich nicht alleine aus ihren Höhlen befreien."
Der Dunkle schaute mich sichtlich überrascht an. Wahrscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, dass sich jemand um ihn Gedanken machen würde … was ja offensichtlich auch nur ich tat, denn von den anderen war keiner auf die Idee gekommen und hatte nach ihm gesehen.
"Aber du scheinst ja keine Hilfe zu brauchen. Du kannst es warm werden lassen … so warm, dass Farben aus dem Schnee wachsen. Wie machst du das?" fragte ich ihn.
"Das geht dich nichts an. Und jetzt geh zu deinen Eltern, bevor sie sich Sorgen machen." Und nach einem kurzen Zögern setzte er hinzu: "Danke, dass du dir Sorgen um mich gemacht hast und mir helfen wolltest. … Aber nun geh."
"Meine Eltern machen sich um mich keine Sorgen. Sie wissen, dass sie mich eines Tages verlieren werden. Das ist meine Bestimmung." antwortete ich ruhig, aber drehte mich trotzdem um, um zurück zu gehen. Ich wusste ja, dass der Dunkle nicht gerne sprach und warum sollte er ausgerechnet mit mir kleinem, dummen Mädchen sprechen wollen?
"Wie meinst du das?" rief er mich zurück, und verwundert drehte ich mich wieder zu ihm um. "Ich komme aus einem anderen Sternbild. Mein Volk zählt wenige und die wenigen stammen aus nur einer Handvoll Sternbilder. Ich komme aus einem anderen Sternbild. Bei meinem Volk heißt dass, dass ich gehen werde. Ich werde eines Tages meine Eltern, mein Dorf und wahrscheinlich auch dieses Land verlassen. Deshalb macht sich keiner um mich Sorgen. … Oder will viel mit mir zu tun haben. Schließlich will man niemanden verlieren, den man gerne hat."
Mit dieser Tatsache lebte ich nun schon einige Zeit. Anfangs war es schwer gewesen zu verstehen, was mir meine Eltern sagen wollten, als sie es mir erklärten. Ich war ja noch ein kleines Mädchen damals. Aber wenn keines der anderen Kinder mit dir spielen will, dann begreifst du recht schnell, was diese Worte bedeuteten. Zuerst hatte ich furchtbare Angst, weil ich meine Eltern gar nicht verlassen wollte. Doch mit der Zeit begriff ich, dass ich wirklich anders war. Das Leben meiner Eltern war mir schon bald zu eintönig. Sie machten jeden Tag das Gleiche. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich mein ganzes Leben lang auch immer jeden Tag das Gleiche machen würde.
Die traurige Stimme des Dunklen riss mich aus meinen Gedanken: "Das ist wohl wahr. Ich habe meine Frau und meine Tochter verloren … niemand möchte einen geliebten Menschen verlieren."
Eisige Tränen glitzerten auf seinen schwarzen Wangen. 
"Es tut mir leid." flüsterte ich, drehte mich um und stampfte zurück zu meinen Eltern.

Als der Dunkle das nächste Mal Fleisch zum Tauschen brachte, nickte er mir freundlich zu, und als keiner hinhörte, flüsterte er mir leise zu: "Du wolltest doch wissen, wie man Farben aus dem Schnee wachsen lässt. Komm zu mir und ich zeige es dir."
Ich schaute ihn mit großen Augen an und nickte aufgeregt. Sobald ich mit meiner Arbeit fertig war, lief ich mit pochendem Herzen zu seiner Höhle. Und da waren sie wieder! All die herrlichen bunten Blumen und ihr betörender Duft.
Der Dunkle lächelte mich an und erzählte mir seine Geschichte.
Er sei ein Traummagier und könne allein durch die Kraft seiner Träume und Wünsche Dinge real werden lassen … wenigstens für eine kurze Zeit. So könne er auch Blumen - ich hörte das Wort damals zum ersten Mal - im Schnee wachsen lassen. Natürlich stellte ich ihn auf die Probe und wollte wissen ob er auch einen Schneefuchs vor meinen Füßen auftauchen lassen könne. Kaum ausgesprochen war er auch schon da und wand sich um meine Knöchel. Ich war begeistert und streichelte den kleinen Fuchs, während ich immer wieder fragte: "Kannst du auch ….?"
Er erfüllte mir jeden Wunsch. Und mit jedem Wunsch wurde sein Lächeln breiter, doch seine Augen wurden trauriger.

"Du bist wie meine kleine Rosalie. Hast so viele Träume und Wünsche … so viel Schönes in deiner Seele. … Und siehst die Schattenseiten nicht."
Die Worte waren nicht für mich bestimmt gewesen. Der Dunkle hatte sie lediglich geflüstert. Und zunächst verstand ich sie nicht. Bis ich begriff, dass Rosalie seine Tochter gewesen sein musste und dass es nicht nur schöne Träume gab.
"Was ist passiert?" fragte ich ebenso leise. Ich erwartete eigentlich keine Antwort, aber der Dunkle war mit seinen Gedanken so weit fort, dass er mir ohne nachzudenken antwortete.
"Meine Frau und ich wollten Rosalie Edador zeigen … die Stadt in den Wolken … die Sonne auf Erden. Die Reise war ruhig und das Meer wunderschön. Wir hatten die Korallenstadt gerade hinter uns gelassen, als dunkle Wolken aufzogen. Ich machte mir darüber keine weiteren Gedanken, aber mein Unterbewusstsein scheinbar schon. Als ich in der Nacht schlief, träumte ich von einem heftigen Sturm, der unser Schiff kentern ließ. Ich wachte auf, weil ich Salzwasser schluckte. Heftig strampelnd versuchte ich mich an die Wasseroberfläche zu kämpfen. Irgendwann verlor ich das Bewusstsein. Als nächstes wachte ich in der Korallenstadt auf. Man hatte mich und einige der Seeleute retten können, doch meine Frau und meine Tochter waren ertrunken. Ihre Sterne leuchteten wieder klar am Nachthimmel. Als ich mich erholt hatte, beschloss ich hierher zu kommen, wo mich niemand kannte. Ich beschloss alleine zu leben, damit ich nie wieder jemanden verletzen könnte."
Die Stimme des Dunklen wurde immer leiser, bis sie schließlich ganz erstarb. Und mit ihr verschwanden all meine Wünsche, so dass wir, anstatt auf Blumen, wieder auf reinem Schnee saßen.
Wieder glitzerten Tränen auf seinen dunklen Wangen, doch diesmal ging ich nicht. Ich blieb einfach neben ihm sitzen und versuchte zu begreifen, was er mir soeben erzählt hatte. War es wirklich sein Traum gewesen, der den Sturm verursacht hatte, oder wäre er nicht so oder so heraufgezogen? Wahrscheinlich quälte ihn diese Frage jeden Moment seines Lebens.
Ich weiß nicht, wie lange wir so dagesessen sind, doch die Dämmerung war mittlerweile hereingebrochen und die Sternbilder begannen sich am Himmel zu zeigen. So fragte ich ihn schließlich: "Welche Sterne sind sie?"
Der Dunkle blinzelte seine Tränen fort und schaute nach oben.
"Meine Frau ist der 14. Stern des kleinen Fisches. Meine Tochter war der 2. Stern des Kraken, doch ist der Stern bereits kurz nach ihrem Tod wieder gefallen."

Zuerst glaubte ich, ich hätte ihn falsch verstanden. Es gab unendlich viele Sterne in den Sternbildern … da konnte es doch nicht sein … 
Mein Herz begann schneller zu schlagen, während meine Bestimmung in meinen Ohren dröhnte: 'Du wirst dieses Land eines Tages verlassen - du kommst aus einem anderen Sternbild. Das Sternbild des Kraken war noch nie ein Sternbild, in dem einer unseres Volkes geboren wurde. Dein Stern findet woanders seine Bestimmung, aber nicht hier im Winterland.'

Nur an diesem Abend konnte ich ihm nicht sagen, dass seine Tochter und ich den gleichen Stern in sich trugen. Ich konnte es ihm lange Zeit nicht sagen. 
Wir wurden immer dickere Freunde, und irgendwann hatten wir einen Punkt erreicht, an dem jedes Geheimnis zwischen Freunden unerträglich wird, und da sagte ich es ihm.
Zunächst war er furchtbar wütend auf mich und wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Doch dann umarmte er mich. Und ich sah in seinen Augen etwas, was ich dort noch nie so gesehen hatte: Lebensfreude!
Wenig später bat er mich ihn zu begleiten - in den Süden, dort wo die Farben auch ohne Traummagie wachsen.
Und da ich hier bin, könnt ihr euch ja denken, dass ich mit ihm gegangen bin."


Die Kinder rund um Lillis kehrten langsam zurück aus der Welt aus Schnee und Eis, die keine wirklichen Farben zu kennen schien. Etwas, dass sie kaum verstehen konnten, da Farben hier im Süden gar nicht schrill und grell genug sein konnten.
"Und wo ist Leander jetzt?" wollte Lugis wissen.
Lillis wollte ihm die Frage gerade beantworten, als eine tiefe Männerstimme stattdessen die Frage beantwortete: "Denk doch mal nach Lugis. Eure Lehrerin wohnt mit einem Leander zusammen, den sie als ihren Vater bezeichnet. Wo könnte also der Traummagier aus ihren Geschichten sein?"
Besagtem Leander gehörte die tiefe Männerstimme und er lächelte seine Tochter liebevoll an. Kaum hatte er seine Frage gestellt, begannen überall im Zimmer Blumen zu blühen und Lillis und er lachten, während die Kinder ungläubig auf die Blumen starrten.
Es gab sie also doch: Traummagier, die Wünsche wahr werden lassen konnten.

weiter zum nächsten Türchen