Habeas Corpus

(von Ehana)

Das vierundzwanzigste Türchen besteht aus klarem Glas. Bei näherer Betrachtung entpuppt es sich als eine Balkontür, ein paar blasse Fingerabdrücke hier und da deuten an, dass sie oft geöffnet wird. Eine blonde junge Frau huscht auf den Balkon und späht einen Moment lang über das Geländer nach unten, ehe sie schnell wieder in die vergleichsweise warme Wohnung zurückkehrt. Sie seufzt und macht sich ans Aufräumen, doch als sie kurz darauf das Klirren der Wohnungsschlüssel hört, stiehlt sich ein Lächeln auf ihr Gesicht…

Rückblickend betrachtet war das dritte Jahr der Krise das schlimmste. Aber sein Weihnachtsfest sollte sich als dasjenige entpuppen, das Sam für den Rest seines Lebens am markantesten in Erinnerung blieb - ohne den Großteil des sonst üblichen Kommerzes und auf das Wesentliche reduziert. Dabei waren die Vorzeichen nicht die besten gewesen, denn begonnen hatte es wie alles in jenen Tagen: dunkel, von Sorgen überschattet und nasskalt.
Das Treppenhaus des beengten Sechziger-Jahre-Baus, in dem Sam und seine Familie seit Ende Oktober wohnten, glich auch am Weihnachtsabend einem Schlachtfeld aus Schneematsch und Tauwasser. Es präsentierte sich als zu hundert Prozent glaubwürdiger Zeuge der einzigen Devise, die dieser Tage galt: sich wann immer möglich in die sicheren vier Wände zurückzuziehen, den Energieverbrauch klein zu halten und darauf zu hoffen, dass die Regierung bald etwas Entscheidendes tat. Bis dahin konnte Sam es den Verantwortlichen nicht verdenken, wenn sie sich lieber um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten als um die Sauberheit der Flure in diesem Mietshaus. Gab er eben auf dem Weg hinauf in den vierten Stock besonders gut acht darauf, wo er hintrat. Auszurutschen und sich zu verletzen konnte er sich in diesen Zeiten wirklich nicht erlauben. Er hatte ohnehin schon Glück genug gehabt.
In den Monaten, in denen die Welt auf die Krise zugesteuert war, hatte Sam mit wachsender Beunruhigung darüber nachgegrübelt, dass Schreibtischtäter wie er wohl die ersten sein würden, deren Jobs die Entwicklung hinwegraffte. Heute dankte er Gott dafür, dass er sich geirrt hatte. Der fortdauernde Ausnahmezustand brachte zwar eine Einschränkung von Bürgerrechten mit sich, aber noch lange keine Abschaffung des Rechtsstaats. Und während Sam bis zum Sommer vor allem mit Patentstreitigkeiten für ein aufstrebendes kleines Technologieunternehmen im Energiesektor beschäftigt gewesen war, fand er sich nun, im Winter, wo die Energiekrise ihr hässlichstes Gesicht zeigte, immer häufiger auf den Fluren des Bezirksgerichts von Massachusetts wieder, am laufenden Band die Pflichtverteidigung für Menschen übernehmend, die in den letzten Monaten alles verloren hatten. Erst die Fähigkeit, die stetig massiv ansteigenden Strom- und Benzinpreise zu bezahlen. Dann ihre Jobs. Und zuletzt ihre Prinzipien, indem sie die Not, ihre Familien zu ernähren, die Hemmschwelle zur Kriminalität hatte überschreiten lassen. Eine Schwelle, die in dem Maße abzusinken schien, wie sich hier im Ballungsgebiet der Ostküste die Stromausfälle häuften, Alarmanlagen ausfielen und Gelegenheiten für Plünderungen lockten. Eine Entwicklung, der Polizei und Justiz kaum mehr hinterherkamen.
Es war der übliche Strudel aus finsteren Gedanken über das, was im Lauf der letzten paar Jahre aus der Welt geworden war. Jeden Tag jagte er Sam auf dem Rückweg vom Gericht aufs Neue durch den Kopf. Aber genauso siegte stets mit jeder Stufe mehr, die er diese Treppe hinaufstieg, die Aussicht auf einen Abend mit seiner Familie über das schwarzmalerische Chaos in ihm. Dieses Mal nur mit dem Unterschied, dass er und seine Frau sogar einen seltenen Abend in Zweisamkeit würden genießen können - wenn auch eher unfreiwillig. Aber es genügte schon, wenn der Notbetrieb des Gerichts am Vierundzwanzigsten ihn selbst daran hinderte, es noch im Tageslicht zu seinen Eltern nach Back Bay zu schaffen, wo wie jedes Jahr mit der Verwandtschaft Weihnachten gefeiert wurde. Sein kleiner Sohn sollte nicht auch noch darunter leiden müssen. Zum Glück gab es da Sams älteren Bruder Tom, der auf dem Weg zur Familienfeier ohnehin hier vorbeikam und keine Gelegenheit ausließ, seine Qualitäten als Onkel unter Beweis zu stellen.
Sam kramte nach dem Wohnungsschlüssel. Die altmodischen mechanischen Schlösser waren etwas, das er dem Gebäude zugutehalten musste, funktionierten sie doch unabhängig von einer stabilen Energieversorgung. Beim Aufsperren fiel ihm wieder die Zahl ein, die er von einer Nachrichtenanzeige unweit des Gerichts aufgeschnappt hatte und die er unbedingt seiner Frau mitteilen wollte.
„Achtunddreißig Prozent!”, verkündete er laut in die Wohnung hinein, während er seine nassen Stiefel auszog. Keine Reaktion. Entweder hatte Rena ihn nicht gehört oder sie ignorierte ihn. Sam hätte das nur verstanden - schließlich handelte sich um keine sehr liebevolle Art der Kommunikation. Das konnte er wirklich besser. Rasch überquerte er die Schwelle und drückte die Tür hinter sich zu. Absolut gesehen konnte es in der Wohnung nicht sehr warm sein, aber im Vergleich zu draußen kam sie Sam wohlig einladend vor. Noch.
„Was ist das?”, erklang es nun doch von nebenan. „Die aktuelle Teuerungsrate?”
In den seltenen Fällen, in denen Rena diesen trockenen Humor zur Schau stellte, traf sie zielsicher den Kern der Dinge. Aber direkt nach seiner Rückkehr von der Arbeit war Sam der Ernst der Lage noch zu präsent, und so blieb ihm jegliches Lachen im Hals stecken. Er stellte seine Aktentasche und die Tüte mit den guten Schuhen für den Gerichtsflur in die Ecke und beeilte sich, ins Wohnzimmer zu kommen.
Seine Frau war anscheinend gerade dabei, Dinge umzuräumen. Auf ihrem Gesicht lag sichtliche Anspannung, die Sam unbedingt lösen musste. Er trat auf Rena zu, legte die Arme um sie. Bestimmt fühlte auch sie, dass er mit dem Kopf noch halb draußen in der rauen Wirklichkeit war, und doch legte Sam die nötige Zeit und Zärtlichkeit in seinen Kuss. Schließlich hatte er sich fünf Jahre zuvor, bei ihrer Hochzeit, geschworen, es niemals so weit kommen zu lassen, dass sie nur noch diese Hallo-Schatz-ich-bin-zuhause- oder Schatz-ich-geh-dann-mal-Schmatzer austauschten.
„Nein”, gab er zur Antwort, als sie sich voneinander lösten. „Das ist das aktuelle Meinungsbild im Kongress zu NICIA1. Ich dachte, du hättest die neue Umfrage schon mitbekommen.” Eigentlich gab es zig Dinge, nach denen es Sam nun eher dürstete als nach einer Diskussion des aktuell brisantesten innenpolitischen Themas. Aber noch am Vorabend hatte Rena lebhaft geäußert, sie könne sich nicht vorstellen, dass dem Gesetzentwurf eine Zukunft beschieden sei. Dies zum Stand der letzten Umfrage aus der Vorwoche. Seither hatten ganze 9 % der Abgeordneten den Schritt vom Lager der Unentschiedenen in das der Befürworter gewagt - ein großer Erfolg gegenüber dem schleppenden Vorankommen des Entwurfs in den letzten Wochen. Sam hatte anfangs ja auch seine Bedenken gehabt. Aber das, was er jeden Tag auf Gerichtsfluren und in Gefängnissen miterlebte, verdeutlichte ihm eindringlichst, dass die aktuellen Maßnahmen der Regierung nicht genügten, um die innere Sicherheit im Land aufrechtzuerhalten. Da konnte er noch so sehr Demokrat sein. Und in anderen Ecken der Welt hatte man mit ähnlichen Vorhaben bereits spürbare Erfolge erzielt.
„Ich bin heute noch zu gar nichts in der Richtung gekommen”, durchdrang Renas Antwort seine Gedanken. „Tom war auch spät dran. Es ist gerade eine halbe Stunde her, dass die beiden weg sind.”
„Tut mir leid”, murmelte Sam. „Ich wollte früher zurück sein, aber dann habe ich noch einen Habeas-corpus-Fall zur Prüfung übertragen bekommen. Das muss ich mir die Tage noch anschauen. Aber heute nicht mehr.” Den letzten Satz hatte er sich hinzuzufügen beeilt, bevor Rena Protest anmelden konnte. „Also hat alles so geklappt wie abgemacht?”
Rena nickte. „Ja. Aber mir wäre es trotzdem lieber gewesen, wenn wir schon heute Nachmittag zu dritt hätten gehen können.”
„Ich hatte dir ja gesagt, dass ich auch allein nachgekommen wäre.” Sam begann, sich seines Mantels und des Schals zu entledigen, solange er sich noch nicht an die Innentemperatur gewöhnt hatte.
Rena machte einen hastigen Schritt auf ihn zu, als gelte es einen Vorwurf zu entkräften - aber sie wollte ihm nur die Sachen abnehmen. „Nein, das ist okay.” Sie klang wenig überzeugt. „Nicht nur, dass es für Kinder gar nicht geht, wenn sie am Weihnachtsmorgen nicht gleich vor Ort sind. So haben wir auch einmal einen Abend nur für uns.”
Das waren jedenfalls ihre Worte. Aber im nächsten Moment sah sie zum Fenster hinüber; es war der von Sorge erfüllte Blick einer Mutter, der nicht wohl bei dem Gedanken war, ihren fünfjährigen Sohn über Nacht nicht bei sich zu haben, mochte er bei seinen Großeltern noch so gut aufgehoben sein. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen - keine halbe Stunde mehr, bis es vollkommen dunkel sein würde. „Vielleicht sollten wir jetzt noch -”
Sam schüttelte heftig den Kopf. „Auf keinen Fall, das schaffen wir niemals vor Einbruch der Dunkelheit.” Dass dieser Tage mit abnehmender Helligkeit die Kriminalitätsrate exponentiell anstieg, brauchte er nicht extra zu erwähnen. Aber er sollte etwas sagen, das Renas Sorgen ein wenig zerstreute. Er setzte eine aufmunternde Miene auf. „Wir gehen direkt morgen früh, sobald es hell ist. Dann können wir auch gleich aus erster Hand vom Weihnachts-Neuschnee berichten.”
Der Anflug eines Lächelns auf Renas Gesicht war im nächsten Augenblick schon wieder verschwunden. Kein Wunder - um aktuell noch so etwas wie Winterfreuden empfinden zu können, durfte man das Grundschulalter nicht überschritten haben. „Vielleicht wäre es bei uns unten in Rhode Island doch sicherer.”
Sam runzelte die Stirn. Die Diskussion hatten sie bereits viele Male geführt, und jedes Mal endete sie mit derselben Erkenntnis: der, dass von den beiden er derjenige mit dem Studienabschluss war, der die Familie zu ernähren hatte. Und dass er die nötigen Verbindungen, um auch in Krisenzeiten wie diesen an ausreichend Mandate zu kommen, nur in Boston, seiner Heimatstadt, hatte. Abgesehen davon würde er auch nicht in Providence eine halbe Meile zu Fuß im Dunkeln gehen wollen. Rena waren all diese Argumente wohlbekannt, und so bedachte sie Sam nur mit einem wissenden Blick. Und versuchte es sodann anders.
„Tom hat da vorhin etwas anklingen lassen. Anscheinend haben eure Eltern damit begonnen, das alte Arbeitszimmer deines Vaters auszuräumen. Sie loten wohl die Idee aus, dass wir zu ihnen rüberziehen könnten.”
Das war ein Vorschlag, der das erste Mal laut ausgesprochen wurde. Aber Sam hatte die ganzen letzten Wochen über vermutet, dass etwas in der Richtung im Busch war, denn seine Mutter wurde nicht müde, ihm ihre Kritik an der Entscheidung für diese Wohnung kundzutun. Wenn sie jetzt auch noch Rena und Tom in die Diskussion einbezog, brachte das Sam endgültig in die Defensive.
„Die haben doch gar keinen Platz für noch drei Leute.”
„Den haben wir hier auch nicht”, tat Rena den Einwand mit Blick auf den Wohnzimmertisch ab, auf dem sich Dinge stapelten, die eigentlich in einen Schrank gehörten.
Sam sah sich um. Objektiv betrachtet war das wirklich kein geeignetes Domizil für eine junge Familie. Zwei verwinkelte Zimmer, eine winzige Küche und dringend renovierungsbedürftiges Bad. Aber es gab nur wenige Außenwände und war insgesamt das beste, was sie auf die Schnelle hatten finden können. Überall türmten sich noch unverräumte Sachen, Relikte ihres hastigen Umzugs vor drei Monaten, als die exorbitant gestiegenen Energiepreise ihre alte Wohnung, schön, licht und groß, hatten unerschwinglich werden lassen. 
Nein, Platz war nicht der eigentliche Grund für Sams Vorbehalte. Vielmehr könnte er es niemals mit sich selbst vereinbaren, auf seine Eltern zurückzugreifen. Er war dreißig Jahre alt, gut ausgebildeter Junganwalt und vertrug einiges an Belastung. Wenn er da nicht selbst für seine Familie sorgen konnte, machte er etwas gravierend falsch, auch in Zeiten wie diesen. Eher ließ er sich zusätzlich zu seinem Job in der Wirtschaftskanzlei noch mehr Pflichtmandate zuteilen.
Davon war er jedenfalls bisher felsenfest überzeugt gewesen. Doch nun, da seine Eltern die Dinge selbst in die Hand zu nehmen schienen, regte sich in Sam plötzlich die nagende Einsicht, dass der Vorschlag etwas hatte, und sei es nur um der sichereren Nachbarschaft willen. Mit fahrigen Bewegungen befreite er sich von Anzugjacke und Krawatte. In dieser Angelegenheit ging es ums Prinzip, und dass ihm sein Verstand da mit einem Mal so in den Rücken fiel, passte ihm gar nicht. „Wenn es ihnen ernst ist, werden sie morgen bestimmt darauf zu sprechen kommen”, gab er vermittelnd von sich und hoffte, das Thema damit vorerst vom Tisch zu bekommen.
Rena strich ihm lächelnd über den Arm, wusste sie doch genau, dass eine solche Aussage von ihm bereits einen Teilsieg darstellte. Sie deutete auf das Sofa. „Setz dich, du bist bestimmt hungrig. Draußen auf dem Balkon sind noch ein paar Sandwiches, ich hole dir welche.”
„Balkon-Sandwiches? Sehr gut!”, verkündete Sam in dem übertriebenen Versuch, seine Gedanken von der Wohnungsdebatte zu lösen. Er ließ sich auf das Sofa fallen. Noch immer war ihm unerklärlich, wie es in dieser schmalen Wandnische, unterhalb eines Fensters, Platz gefunden hatte. Rena verschwand kurz um die Ecke des L-förmigen Wohnzimmers, eine Tür ging, und wenige Augenblicke später suchte sich ein kalter Hauch den Weg nach drinnen. Vor einigen Wochen hatten sie beschlossen, ihren Kühlschrank aus Kostengründen vom Strom zu nehmen und sich stattdessen die Außentemperaturen zunutze zu machen. Im nächsten Moment stand ein Teller mit einem kleinen Stapel Sandwiches vor Sam. Dankbar griff er zu.
Er aß langsam, wie er es sich in den letzten Monaten angewöhnt hatte - nicht nur, um für den Fall einer akuten Lebensmittelknappheit mit der Fähigkeit gewappnet zu sein, sein Hungergefühl auch mit wenig Nahrung zu beherrschen. Nein, er tat es vor allem aus Genuss. Rena verstand es, trotz der Umstände und auch mit wenigen Mitteln etwas Leckeres auf den Tisch zu bekommen, und jeder Bissen, in dem sich die Geschmäcker der einzelnen Zutaten zu einem köstlichen Ganzen verbanden, zeugte von der Liebe, die sie in die Zubereitung gesteckt hatte.
Eine Weile sah Rena ihm einfach nur beim Essen zu, dann beugte sie sich nach vorn, um ihr Com2 vom Wohnzimmertisch zu nehmen.
Sam hielt inne. „Was hast du vor?”
„Keine Sorge, ich will nicht unseren gemeinsamen Abend im Internet verschwenden. Lass mich nur kurz in die Nachrichten schauen. Du bekommst den ganzen Tag genug mit von der Welt da draußen, aber ich war bis vorhin noch Köchin, Aushilfskindergärtnerin und Spielgefährtin in Personalunion. Dagegen kommst du mit deiner Haftprüfung nicht an.”
Sam grinste und fischte nach einer der Decken, die einsatzbereit am anderen Ende des Sofas aufgestapelt lagen. So langsam klopfte die Erkenntnis an, dass es in der Wohnung nicht viel mehr als fünfzig Grad3 haben konnte. 
„Audio?”
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Da draußen sind Lärm und Chaos genug. Hier drinnen will ich jetzt nichts weiter hören als deine Stimme.”
Das entlockte Rena ein Lächeln. Sie schlüpfte zu ihm unter die Decke. „Dann iss du weiter und ich lese vor.”
Mit dem Mund voller Truthahn, Salat und köstlicher Senfsauce verzichtete Sam auf einen Widerspruch und kam so in den Genuss der Schlagzeilen des Tages, auf schmerzhaft treffende Weise kommentiert von seiner hinreißenden Frau.
„’Monatliche Teuerungsrate erreicht 15 %’. Gut, doch keine 38, aber trotzdem beunruhigend. ‚Lichterbaum am Rockefeller Center unter Polizeischutz’. Zapfen sie den jetzt auch schon an? Manchen ist echt gar nichts heilig. ‚Präsidentin Garland zieht Rede zur Lage der Nation auf Anfang Januar vor’. Ob man so etwas direkt nach den Feiertagen halten muss? Da fängt das neue Jahr ja gut an.”
„Wenn es die Lage der Nation erfordert …”, murmelte Sam und wischte sich Brotkrümel aus dem Mundwinkel. „Eigentlich ist es eine Schande. Da haben wir endlich eine Frau als Präsident, und dann fällt die größte globale Krise seit dem Zweiten Weltkrieg ausgerechnet in ihre Amtszeit.”
„Meine Rede. - Hier, das dürfte dir gefallen: ‚Umfragen zu NICIA signalisieren wachsende Zustimmung in der Bevölkerung’. Ich habe da ja immer noch meine Bedenken … Ich meine, kann eine Registrierungspflicht der Bürger wirklich Meldungen wie diese verhindern? ‚10 Todesopfer bei Innenstadt-Schießerei in Philadelphia’.” Ihre Stimme hatte inzwischen jeden ironischen Unterton verloren, klang zunehmend belegter. „Oder hier: ‚Familienvater stirbt an Hochspannungsmast’. Die Verzweiflung der Leute bleibt doch die gleiche.”
Darauf wusste Sam beim besten Willen auch keine Antwort - und so etwas kam wirklich nicht oft vor. Lange Augenblicke vergingen, während derer sich die beiden einfach nur schweigend ansahen. Dann schaltete Rena in einer demonstrativen Geste das Gerät aus und beförderte es zurück auf den Tisch.
„Du hast recht. Das hier soll unser Abend sein.” Sie drapierte die Decke wieder über sich, lehnte sich zurück, ließ den Kopf schließlich etwas auf die Seite rollen, hin zu seinem. Und dann kam ihr etwas über die Lippen, das Sam verdeutlichte, dass die düstere Wirklichkeit seine Frau, wenn sie auch die meiste Zeit zu Hause verbrachte, genauso beschäftigte wie ihm selbst. Es war eine Frage, die ihn so aus heiterem Himmel traf, dass er hochschrak. „Bereust du es, dass wir ein Kind in diese Welt gesetzt haben?”
Hastig fasste Sam unter der Decke nach Renas Händen, suchte ihren Blick. „Auf keinen Fall.” Er bemühte seine ernsteste Miene, wie sie immer beim Schlussplädoyer vor dem Richter Anwendung fand. Entsprechend dick aufgetragen kam ihm auch seine Antwort vor - aber das machte sie nicht weniger ehrlich. „Weltkriege und Hungersnöte haben die Menschheit nicht davon abgehalten, Kinder zu bekommen, dagegen haben wir es hier noch richtig gut.” Im nächsten Moment wich seine anwaltliche Souveränität wieder der Fassungslosigkeit über die Frage. „Wie kommst du denn auf solch einen Gedanken? Denkst du im Ernst, ich würde das tun?” Er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ich weiß auch nicht”, meinte sie leise, wohl bestürzt über seine Reaktion. Sie senkte den Blick. „Mir kam das neulich irgendwie, und seitdem beschäftigt mich das.”
„Du bereust doch nicht die Sache mit dem College?” Rena hatte ihr Literaturstudium im zweiten Jahr wegen der Schwangerschaft abgebrochen.
„Ach, das College ist mir gerade vollkommen egal, das kann ich später immer noch nachholen. Ich mache mir nur manchmal Vorwürfe, weil es mit allem so bergab geht. Eine krisengebeutelte Kindheit lässt sich nämlich nicht nachholen.”
Sam legte die Arme um sie, zog sie etwas zu sich heran. „Die Frage ist doch, wie viel man in dem Alter überhaupt von solchen Vorgängen mitbekommt”, versuchte er ihr die Sorgen auf seine Weise zu nehmen. „Oder erinnerst du dich daran, was außerhalb von Familie und Kindergarten passiert ist, als du fünf Jahre alt warst?” Einen Augenblick befürchtete er, Rena würde sich angesichts dieser nüchternen Analyse unverstanden fühlen. Andererseits kannte sie ihn zu gut, um etwas anderes von ihm zu erwarten. Und vielleicht wollte sie gerade etwas in der Art hören, dass ihre Sorgen objektiv unbegründet waren. Die seinen waren es jedenfalls, denn die Worte zeigten sogleich Wirkung.
„Du hast wohl recht. Auch mit dem, was du vorhin gesagt hast. Verglichen mit anderen haben wir es wohl noch richtig gut.”
Ein kurzer, etwas betretener Moment der Stille. Aber Worte benötigten sie auch gar nicht, denn letztlich setzten sie beide gleichzeitig zu einer Umarmung an und begruben so die impliziten Vorwürfe. Als sie sich voneinander trennten, wirkte Rena sichtlich erleichtert. Um ihr auch noch die letzten Bedenken zu zerstreuen, hob Sam die Decke ein Stück an und machte eine einladende Geste mit Blick auf seinen Schoß. Rena nahm die Beine hoch auf das Sofa und ließ sich nach hinten in seine Arme sinken. Sorgsam drapierte Sam den dicken Stoff um ihrer beider Körper, und erst als er ihn für überall gut festgestopft befand, erlaubte er sich selbst die Entspannung.
Für den Rest des Tages bestand keinerlei Anlass mehr, die wohlige Wärme, die die beiden bald unter der Decke erzeugten, gegen die Raumtemperatur einzutauschen. Und so vergingen Stunden, die sie dort liegen blieben, zärtliche Berührungen austauschend, sich immer wieder leise unterhaltend, aber die meiste Zeit einfach nur einander spürend. Anfangs klopften sie noch an Sams Bewusstsein, die düsteren Gedanken aus dem Treppenhaus - aber dann sog er einfach den wundervollen Anblick Renas in sich auf und versperrte ihnen so den Zutritt. Und irgendwann schließlich dachte Sam an gar nichts mehr und genoss einfach nur den Moment.

Das nächste, woran er sich erinnern konnte, war der fahle Silberschein des neuen Tages, der durch die Fensterritzen kroch. Und sein rechter Arm, der höllisch wehtat, weil Rena die ganze Nacht lang darauf gelegen hatte. Bemüht, sie nicht zu wecken, stemmte Sam die Fersen in den Boden und versuchte, seine schmerzenden Knochen so in eine angenehmere Position zu schieben. Aber als stets etwas zu besorgte junge Mutter hatte Rena nur einen leichten Schlaf, und die Bewegungen unter ihr ließen sie schnell wach werden.
Sie regte sich, noch nicht ganz im Klaren darüber, wo sie sich befand, blinzelte - dann erfühlten ihre Finger Sams Knie und sie gab einen fragenden Laut von sich, der wohl sein Name sein sollte.
„Guten Morgen”, begrüßte er sie mit seiner sanftesten Stimme.
„Ist es schon -?” Sie setzte sich abrupt auf, wandte sich zu ihm um und schenkte ihm einen verwirrten Blick.
Sam nickte kaum merklich. „Ja, wir sind eingeschlafen. Und du sahst so gelöst und zufrieden aus, ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht, dich zu wecken.” Das klang furchtbar platt und abgedroschen, und so fühlte er den Drang in sich aufsteigen, die Aussage mit etwas Galgenhumor zu relativieren. „Außerdem wärmst du mich mehr als die beste Decke.”
Prompt traf ein Sofakissen sein grinsendes Gesicht. Er wehrte sich spielerisch, dann rang er es Rena aus den Händen, beförderte es auf seinen Schoß und umfasste ihre Schultern mit den Armen. So der Möglichkeiten zur Gegenwehr beraubt, ließ sie sich wieder zurück in die Liegeposition sinken, schloss die Augen.
Das entsprach so gar nicht der angespannten Rena vom Vortag, und so fühlte sich Sam zur Nachfrage verpflichtet. „Du wolltest heute doch so früh wie möglich los.”
„Ja. Aber es ist gerade so schön.” Ihre Hände umschlangen bestätigend seinen Unterarm.
Dagegen konnte er nun wirklich nichts vorbringen. Eine Weile blieben sie weiter so liegen. Sam zeichnete mit dem Finger die Konturen von Renas Wange nach, ließ ihn über den Kieferbogen, die Sehnen ihres Halses und das Schlüsselbein streichen und weiter ihren Arm hinab. Als könne er sie sich so für die Zeit, die sie nicht gemeinsam verbrachten, noch genauer einprägen. Zumindest ihren Körper.
Körper. Es war wohl die morgendliche Verwirrtheit, die bei diesem Wort als nächstes die Erinnerung an den letzten Fall des Vortags in ihm wachrief. Habeas corpus. Du mögest einen Körper haben. Sam spürte ein Grinsen auf sein Gesicht treten. Oh ja, im wörtlichen Sinne hatte er das gerade - er lag da, mit Renas Körper in seinen Armen. Eine Interpretation, die Sam spontan für viel sympathischer befand. In seiner eigentlichen, juristischen Bedeutung stellte ein Habeas-corpus-Antrag für so manchen Verurteilten das letzte Mittel dar, das er noch einlegen konnte, um seine Freiheit zurückzuerlangen. Und gleichsam gab es für Sam, wenn sonst nichts gegen die Sorgen und Existenzängste in diesen finsteren Zeiten half, nur einen Weg zur Befreiung: Rena. Sie brauchte dafür auch nichts Unmögliches zu tun. Sie musste einfach nur da sein, damit er sie halten konnte.

Manchmal konnte es so leicht sein - wenn er nur einmal seinen Kopf ausschaltete.
Zärtlich ließ er seinen freien Arm weiter über Renas Oberkörper streichen. Am liebsten würde er ewig mit ihr so liegen bleiben, diese seltenen Stunden der Zweisamkeit niemals enden lassen. Aber es war Weihnachten, sie mussten dringend los. Und wie zur Bestätigung zog es in seiner linken Schulter mehr denn je.
Rena rührte sich, sie hatte seine Unruhe gespürt. Dem Bedauern auf ihrem Gesicht nach befand sie sich im selben Zwiespalt wie Sam. Ihre Blicke fanden sich - und all seine Schmerzen waren vergessen.
„Frohe Weihnachten, Rena.”
Ein letztes Mal kuschelte sich enger an ihn, schloss die Augen, und nach einem kurzen Moment reinsten Genusses kam die Erwiderung, so leise wie liebevoll: „Frohe Weihnachten, Sam.”

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1 NICIA = National Identity Card Introduction Act.
2 Com = Kurzform von communication device, einfach das Äquivalent heutiger Smartphones.
3 50 °F = 10 °C.

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