Mutter und Sohn

(von Amanita)

Das erste Türchen des Adventskalenders 2013 öffnet sich gerade lange genug, um schnell hindurchzuschlüpfen. Dann knallt es zu, ein Schlüssel wird umgedreht, und man steht mitten auf einem abendlichen, nur teilweise asphaltierten Marktplatz. Die letzten Kunden werden gerade verabschiedet, die festen Buden der wohlhabenderen Händler für die Nacht gesichert, hier und da werden Warenkisten auf die Ladeflächen altersschwacher Lastwagen gehievt, die in großen Staubwolken davonknattern. Doch die meisten Verkäufer sind zu Fuß hier, so auch eine Frau, die drei kleine, nicht verkaufte Körbe auf dem Rücken trägt, und gerade mit ihrem Sohn den Platz verlässt...

Einst hatte dieser Teil der Hüttenviertel von Enes Tall die Flüchtlinge aus Arisaja beherbergt, doch arunisches Gift hatte in jener Nacht vollbracht, was den sarilischen Waffen verwehrt geblieben war. Kaum jemand hatte überlebt. 
Schon kurze Zeit später waren andere verlorene Seelen in die Hütten gezogen, die die Toten zurückgelassen hatten. Die Herren ihrer Dörfer hatten sie nicht mehr gebraucht. Wenn sie nicht verhungern wollten, mussten sie ihr Glück in der Stadt suchen. Keiner von ihnen wusste, dass in der Erde und dem Wasser dieses Viertels noch immer der Tod lauerte. Ihre Kinder kamen meist tot zur Welt oder starben bald. 

Eine Frau aus Arisaja lebte immer noch auf diesem trostlosen Stück Land, zusammen mit ihrem Sohn. Ihr Name war Kalilah, den Jungen hatte sie Varil genannt. Sie gehörte zu den wenigen, die zweimal überlebt hatten, doch kaum ein Tag verging, an dem sie sich nicht fragte, ob der Tod nicht besser gewesen wäre als dieses Leben. Die Antwort, die sich für sich fand, war immer dieselbe. Es musste einen Grund geben, einen Grund, warum sie überlebt hatte, warum ihr Sohn überlebt hatte, warum es ihn gab. Irgendwann würde sie die Antwort erfahren.
Man sah Kalilah immer noch an, dass sie einmal schön gewesen war, doch heute prägten Leid und Entbehrung ihr Gesicht. Sie selbst bemühte sich, so unauffällig wie möglich auszusehen. Wenn sie Blicke auf sich zog, bedeutete das Gefahr. 
Varil war ein guter Junge, ein Sohn, auf den jede Ehefrau stolz wäre, wenn sie ihn ihrem Mann geschenkt hätte. Doch Kalilah war keine Ehefrau und Varil kein gewöhnlicher elavischer Junge. Ganz egal, wie oft sie versuchte, es vor sich selbst zu leugnen, etwas an ihm war anders. Eigentlich war das nicht verwunderlich. Im Leben eines elavischen Jungen war der Vater der wichtigste Mensch und Varil hatte keinen Vater, hatte nie einen gehabt. 
Doch Kalilah wusste, dass das nicht alles erklärte. Selbst das feuchteste Holz brannte, wenn er das Feuer anzündete, seine Berührung half den Menschen, die kurz vorm Ersticken waren, wieder zu atmen, doch die, mit denen er Streit hatte, bekamen keine Luft mehr. 
Die Luft selbst schien sich seinem Willen zu beugen. So etwas sollte nicht sein, es war unheimlich, nicht richtig, es machte ihr Angst.
Der sarilische Soldat war ein Magier gewesen und je älter ihr Sohn wurde, desto häufiger glaubte sie, seine Züge in Varils Gesicht zu erkennen. Die „Gabe" jedenfalls hatte er an seinen Sohn weitergegeben und Kalilah wollte nicht wissen, was sonst noch. Vielleicht war das einzige, was sie in ihrem Leben erreicht hatte, dass sie ein Monster zur Welt gebracht hatte.
Immer wenn sie so dachte, schämte sie sich. Varil war ein guter Junge. Er half ihr beim Flechten der Körbe, obwohl das Frauenarbeit war, und er lernte fleißig, bestand all seine Prüfungen, obwohl er nur seine Mutter zur Lehrerin hatte. Das Schulgeld konnte Kalilah nicht bezahlen und die Programme für die Armen waren nur für elavische Kinder gedacht, für Kinder, die von ihrem elavischen Vater anerkannt waren.

An jenem Abend war zunächst alles wie immer. Kalilah hatte die Körbe auf dem Markt verkauft und Varil begleitete sie. Das tat er, seit er alt genug war sie zu beschützen und dafür hatte er schon früh Mittel und Wege gefunden. Seine kräftige Statur und sein entschlossener Blick ließen inzwischen niemanden mehr auf die Idee kommen, dass Kalilah schutzlos und daher ein leichtes Opfer für Diebe und Schlimmeres war. 
Varil hatte seine Umgebung immer genau im Blick. Diese Frau dort drüben wartete auf Freier. Das war nach elavischem Gesetz streng verboten, doch dieses Gesetz wurde regelmäßig ignoriert und wenn die Bestechungsgelder hoch genug ausfielen, drückte die Polizei ein Auge zu. So wie immer in Elavien. Die Dirne beachtete ihn nicht, ein Mann, der mit seiner Mutter unterwegs war, versprach keine Kundschaft. Aus einer Hütte hörte Varil Stockschläge und die Schreie einer Frau. Der Mann versuchte nicht einmal sein Tun zu verheimlichen, er wusste, dass er keine Strafe zu befürchten hatte. 
Wenn er alleine unterwegs gewesen wäre, hätte Varil wohl nicht für sich behalten, was er von solchen Feiglingen hielt, doch das war er nicht, und er musste seine Mutter heil nach Hause bringen. Nicht mehr lange und es würde dunkel werden. 
Sie erreichten die Bushaltestelle am Rand der Hüttenviertel, an der die Schüler abgeholt wurden, die anders als Varil zu den Erwünschten zählten. 
Wenn sie hier abbogen, mussten sie an der alten Fabrik vorbei, um zu ihrem bescheidenen Heim zu kommen. Kalilah mied diesen Weg wann immer es irgendwie möglich war. Sie bog nach rechts ab, auf den Weg, der durch die besseren Teile von Enes Tall führte. Dieser Weg nahm mehr Zeit in Anspruch und manchmal wurden sie fortgejagt, aber sie bevorzugte ihn trotzdem. Allzu oft geschah das auch nicht, viele Polizisten und private Wächter erkannten, dass Kalilah und Varil kein Diebesgesindel waren.
Hier gab es feste Häuser, viele von ihnen mit mehreren Stockwerken. Die Bewohner gingen ehrlicher Arbeit nach und die Kinder zur Schule, zumindest die Söhne. Die Straßen waren breiter und der Müll weniger. Ein Lufthauch wehte durch die Straße, Wind aus dem Westen, Sarilien. 

Varil schaute über die Häuser der Stadt hinweg zu den Silhouetten der Berge, die das Dalin-Tal umgaben. Sie wirkten sehr nah, doch zu Fuß war man einen guten Tag unterwegs. Als Varil ein kleiner Junge war, hatte seine Mutter ihm erzählt, dass sein Vater ein Krieger aus diesem Land jenseits der Berge war. Damals hatte er sich oft vorgestellt, dass sein Vater irgendwann kommen würde, um ihn und seine Mutter aus dem Elend dieser Stadt wegzuholen.
Sie hatte nicht gelogen, aber sie hatte einen wichtigen Teil der Wahrheit für sich behalten. Varil wusste, dass sie es getan hatte, um ihn schonen, doch er war kein Schwächling, der das nötig hatte. Wenn Träume entstanden und wieder geraubt wurden, war das schlimmer als jede schmerzhafte Wahrheit. Ganz hatte Varil jedoch nie aufgehört so zu denken. Er sah jeden Tag, wie die Menschen hier in diesem Land miteinander umgingen. Konnte es dort wirklich schlimmer sein? Manchmal zweifelte er daran und wünschte sich immer noch zu wissen, wie das Volk seines Vaters lebte. Und dann schämte er sich vor seiner Mutter für diese Gedanken. 
Sariler konnten keine Milch vertragen, das hatte sie ihm gesagt, denn auch Varil konnte das nicht. Kalilah musste auf dem Markt Heuschrecken und Maden kaufen, damit er nicht unter Mangel litt. Sie hatte von Anfang an auch davon gegessen, damit er es tun würde, doch zu Beginn hatte sie sich davor geekelt. Inzwischen war sie es gewohnt wie so vieles andere hier in Enes Tall auch.

Varil hörte jemanden heftig husten. Es hörte sich nicht gut an. Er schaute, wo das Geräusch herkam und sah ein Mädchen zusammengekauert am Straßenrand hocken. Sie rang nach Luft, wahrscheinlich krank oder eine der vielen, denen das Gift den Atem gestohlen hatte.
„Ist es in Ordnung, wenn ich kurz nach ihr schaue?", fragte Varil seine Mutter.
„Ja, natürlich. Vielleicht kannst du ja helfen", sagte Kalilah.
Genau das hoffte Varil auch. Er wusste nicht wieso das passierte, doch ihm war schon oft aufgefallen, dass er in solchen Fällen helfen konnte.
„Sei gegrüßt. Ich bin Varil", sagte er zu dem Mädchen. Ihr lockiges schwarzes Haar fiel ihr ins Gesicht und verdeckte es fast. „Wer bist du denn?" Er wollte ihr keine Angst einjagen. Deswegen berührte er sie auch nicht. Das gehörte sich sowieso nicht. 
„Versuch dich aufzusetzen, dann bekommst du mehr Luft", sagte er. Ansonsten schaute er sie nur an und folgte dem Weg der Luft, die nicht dort ankam, wo sie gebraucht wurde. Er musste einfach nur wollen, dass sie das doch tat und schon atmete das fremde Mädchen ruhiger, der Husten ließ nach.
Sie beeilte sich auf die Beine zu kommen.
„Ruh dich ruhig noch ein bisschen aus", sagte Kalilah.
„Nein, nein, das geht schon wieder. Alles in Ordnung", sagte sie und hustete wieder, nachdem sie so viel geredet hat. „Das war alles meine Schuld. Ich weiß, dass ich nicht schnell rennen darf, aber ich wollte unbedingt noch den Bus erwischen."
„Das Unglück?", fragte Kalilah.
Das Mädchen nickte. „Ja, was sonst? Ich bin übrigens Lenima Carsah. Danke, dass Sie sich um mich gekümmert haben."
„Das ist doch eine Selbstverständlichkeit", sagte Kalilah. „Wir sind hier alle darauf angewiesen, dass wir einander helfen."
„Das sagt Mandana auch immer", meinte die kleine Lenima.
Varil hatte den Namen „Mandana" schon gehört, doch er wusste nicht genau, wer sie war. Nur, dass es sich wohl um eine sehr angesehene und einflussreiche Frau handeln musste.
„Jetzt muss ich aber weiter, halt zu Fuß", sagte Lenima. „Nochmal danke."
„Ein kleines Mädchen wie du sollte um diese Uhrzeit nicht mehr allein unterwegs sein", bemerkte Kalilah. 
„Ich bin kein kleines Mädchen, ich bin schon elf Jahre alt", stellte Lenima klar. Varil musste grinsen.
„Trotzdem. Wo musst du denn hin? Vielleicht können wir dich ja begleiten."
„Zur Hevela-Klink. Das dauert so eine halbe Stunde."
Von dieser Klinik hatte Varil noch nie gehört. Es gab ein Krankenhaus, das sich um die Opfer des Unglücks kümmerte, aber es hieß anders. Die meisten mieden es, wenn irgend möglich. Nicht vielen Patienten wurde dort wirklich geholfen.
„Gut, wenn du den Weg kennst, gehen wir mit dir hin", sagte Kalilah. 
„In Ordnung. Dann können Sie Mandana gleich kennenlernen."
Das wollte Varil auf jeden Fall gerne tun.

Lenima war ein sehr quirliges Mädchen und eilte vorneweg. Anscheinend hatte sie schon wieder vergessen, wie schnell sie Atemprobleme bekam, oder sie beachtete das einfach nicht. Wenn Varil sie länger anschaute, fiel ihm etwas auf, was ihn beunruhigte. Dieses Mädchen hatte etwas Seltsames an sich, etwas, was ihn entfernt an das Gift in der alten Fabrik erinnerte. Es war ganz schwach, aber es war da, ein Eindruck, den Varil sich nicht erklären konnte. Eine Stimme in seinem Kopf fragte, ob es wirklich richtig war, mit ihr mitzugehen. Womöglich war es irgendein Dämonenkind, das die Gestalt eines unschuldigen kleinen Mädchens angenommen hatte, um Menschen ins Unglück zu locken. Varil wusste nicht, ob sie sie wirklich zu einem Krankenhaus führen würde. Wenn ja, würde er sich dort mit Sicherheit nicht behandeln lassen.

Als sie die Hevela-Klinik schließlich erreichten, war sich Varil da nicht mehr so sicher. Es handelte sich um einen freundlichen Gebäudekomplex auf einem Hügel mitten in der Stadt. Alles wirkte reinlich, aber nicht so übertrieben, dass es beängstigend wäre, jedenfalls im Eingangsbereich. Hinter den Gebäuden erstreckte sich ein großer Garten mit einer Hecke außenherum. Der würzige Geruch von Kräutern lag in der Luft. Näher zuordnen konnte Varil die aber nicht, weil er sich mit so etwas nicht auskannte.
Eine sehr schlanke Frau mit glatten Haaren kam auf sie zugeeilt. „Leni, da bist du ja. Warum bist du so spät dran? Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht."
„Alles in Ordnung, Mama. Hier bin ich ja", sagte Lenima.
Varils letzte Zweifel verflogen. Lenimas Mutter war ganz offensichtlich eine völlig normale, hart arbeitende elavische Frau, an der nichts Furchteinflößendes war.
Lenima selbst berührte wie zufällig die Salzlampe im Eingangsbereich und das beunruhigende Gefühl, das Varil in ihrer Nähe gehabt hatte, verflog. Ihm wurde etwas klar. Das, was an Lenima anders war, unterschied sich nicht wesentlich von dem, was an ihm anders war. Vielleicht war sie auch ein Halbblut wie er. Ein Vater war nirgendwo zu sehen und ihre Mutter musste offensichtlich arbeiten.

Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass mit Lenima alles in Ordnung war, wandte sich Frau Carsah nun an Varil und seine Mutter. „Kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen? Möchten Sie sich behandeln lassen?"
„Nein, vielen Dank, wir haben auch kaum Geld. Wir sind nur mit Ihrer Lenima mitgekommen, damit sie nicht alleine abends durch die Stadt läuft. Sie hat ziemlich übel gehustet, als wir sie gefunden haben."
„Oh, vielen Dank. Leni, du weißt doch, dass du dich nicht überanstrengen darfst. Wegen des Geldes müssen Sie sich keine Sorgen machen. Die Überlebenden des Unglücks werden hier kostenlos behandelt. Wenn es nicht sehr dringend ist, sollten Sie aber vielleicht besser morgen wiederkommen."
„Danke, aber uns geht es wirklich relativ gut", versicherte Kalilah. „Da gibt es viele andere, die nötiger Hilfe brauchen."

„Guten Abend", eine weitere Frau gesellte sich zu der kleinen Gruppe. Ihre Haltung war viel aufrechter, als Varil das normalerweise von Frauen kannte. Sie gab sich keine Mühe, den Blick züchtig gesenkt zu halten, sondern schaute ihr Gegenüber direkt an. Ihre Stimme war sehr klar und deutlich. Schon bevor die Frau sich vorstellte, ahnte Varil, dass es sich hier um Mandana handeln musste.
Sehr furchteinflößend schien Mandana auf die Menschen, die sie kannte jedoch nicht zu wirken, denn Lenima plapperte sofort drauf los. „Das sind Varil und Kalilah. Sie haben mir vorhin geholfen, als ich einen Hustenanfall hatte und mich hierher begleitet, damit ich nicht allein gehen muss."
„Vielen Dank, dass Sie sich um Lenima gekümmert haben." Mandana schaute kurz zu dem Mädchen hinüber. „Trotzdem sollst du nicht einfach mit Leuten mitgehen, die du nicht kennst. Du könntest auch Pech haben."
„Ja, es tut mir leid", sagte Lenima und schaute zu Boden. 
„Sie ist ein richtiger Wildfang, manchmal schwieriger zu hüten als ein Sack Flöhe", sagte sie zu den Erwachsenen. Nun ja, Varil war wohl noch nicht ganz erwachsen, aber im Vergleich zu Lenima kam er sich schon so vor. Vier Jahre machten in ihrem Alter einen großen Unterschied. 
„Ich werde auf jeden Fall noch ein ernstes Wort mit ihr reden", sagte Lenimas Mutter.
„Wie sieht ihr Vater das denn?" Varil wusste, dass diese Frage ziemlich taktlos war, aber er konnte seine Neugierde einfach nicht im Zaum halten. Er wollte wissen, ob auch Lenima ein Sarilerkind war.
„Lenimas Vater ist beim Unglück gestorben, genau wie ihre Geschwister", sagte Frau Carsah. „Und ich möchte dich nicht auch noch verlieren, weil du dauernd irgendwo rumstrolchst."
„Ja Mama", sagte Lenima betreten und entschuldigte sich noch einmal. 
Dann war sie also eine echte Elavierin, dachte Varil. Und trotzdem so, so anders. Inzwischen bemerkte er davon gar nichts mehr, vielleicht hatte er es sich auch einfach nur eingebildet.

Mandana begann nun, Kalilah ein paar Dinge zu fragen, unter anderem auch nach ihrer eigenen Familie. Varil war das peinlich. Er wusste, wie die Leute reagierten, wenn sie die Wahrheit erfuhren. Wahrscheinlich würde Lenimas Mutter sofort denken, dass sie ihre Tochter vor ihm beschützen musste, wie es so viele Eltern von Töchtern taten.
Damit er nicht zuhören musste, nahm er sich eine der Broschüren der Klinik und begann zu lesen. Das hörte sich wirklich interessant an. Sie arbeiteten mit Medikamenten, die in Fabriken hergestellt wurden, aber auch mit Kräutern, die die Elavier schon lange kannten. 
Mandanas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Du kannst das lesen?", wollte sie wissen.
„Ja, natürlich. Ich schreibe jedes Jahr die Schulprüfungen. Meine Mutter hat mir das alles beigebracht."
Mandana wirkte überrascht, als sie das hörte. „Sie haben ihm das alleine beigebracht?"
„Ich habe nichts, aber das heißt nicht, dass ich nichts gelernt hatte", sagte Kalilah. „Ich bin in Sarilien ganz normal zur Schule gegangen, bis ihnen eingefallen ist, dass wir Elavier ihrer Meinung nach keine richtigen Menschen sind."
„Bitte verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht vor den Kopf stoßen", sagte Mandana. „Die meisten ärmeren Frauen, die hierher kommen können nicht lesen. Das ist kein Grund sich zu schämen. Sie hatten nie die Chance, es zu lernen."
„Ich muss mich entschuldigen. Ich sollte nicht so aufbrausend sein", sagte Varils Mutter. „Es sind einfach all diese Erinnerungen. Damals in Arisaja wollte ich Lehrerin werden, jetzt flechte ich Körbe und komme damit gerade so über die Runden."
„Das verstehe ich vollkommen und Sie hatten recht. Es ist falsch, vorschnelle Schlüsse ziehen. Wenn Sie es wirklich schaffen, Ihrem Sohn alleine das Schulwissen beizubringen, ist das sehr bewundernswert. Wissen Sie, Frau Tarmar, ich suche schon seit längerem nach einer Frau, die unterrichten kann. Selbst bin ich ja eigentlich nicht für die Klinik verantwortlich, sondern leite ein Heim für Mädchen und junge Frauen, die niemanden mehr haben, oder auf die schiefe Bahn geraten sind. Bildung ist für sie sehr wichtig. Ich würde Sie gerne näher kennenlernen und vielleicht können Sie mir dann dort helfen. Selbstverständlich nur, wenn Sie das möchten."
Varil schaute seine Mutter an. Wenn die Frau das ernst meinte, wäre es doch eine tolle Chance. Und wenn nicht, wenn sie glaubte, dass sie seiner Mutter falsche Hoffnung machen konnte, würde sie es mit ihm zu tun bekommen.
„Das wäre eine große Ehre für mich, aber ich weiß nicht, ob ich dafür die richtige bin. Ich glaube nicht, dass ich irgendjemanden auf den richtigen Weg zurückbringen kann." Sie schaute Varil an. „Sie wissen schon, ein Sohn, kein Mann."
„Selbstverständlich muss ich zuerst etwas mehr über Sie wissen, aber das alleine ist sicherlich kein Hinderungsgrund. Sie haben sich dieses Leben schließlich nicht ausgesucht und selbst wenn es so wäre, gibt es jede Menge schlimmere Vergehen."

Mandana fuhr die beiden nach diesem Gespräch mit ihrem eigenen Auto nach Hause. Anscheinend gehörte sie zu denjenigen, die genügend Geld hatten, um sich so etwas leisten zu können und keine Angst davor, damit in die schlechteren Teile der Stadt zu fahren. 
Nach dem ersten Treffen besuchten Varil und seine Mutter die Klinik fast täglich. Kalilah verbrachte viel Zeit mit Mandana, während Varil sich überall umschaute, wo er durfte. Lenimas Mutter arbeitete im Kräutergarten und erklärte ihm einiges und manches behielt er sogar. 
Nach und nach schwanden seine Zweifel. Anscheinend gab es tatsächlich reiche Elavier und Fremde, die versuchten hier zu helfen, ohne schwierige Gegenleistungen zu verlangen. Das einzige, was sie taten, waren Proteste gegen die Firma, die für das Unglück verantwortlich war und ihre reichen arunischen Besitzer. Sie hofften offenbar, dass Kalilah als Arisaja-Elavierin dort mehr bewegen könnte als die anderen, denn schließlich waren die Arunier wegen der Verbrechen, die die Sariler gegen Menschen wie sie begangen hatten, in den Arisaja-Krieg eingetreten. 
Varil dachte sich, dass die Sache diesen Preis wert war. Auch er wollte, dass diese Arunier einsahen, dass sie auch für Elavier Verantwortung übernehmen mussten. Am besten war für ihn jedoch, dass sich Mandana nicht für seinen Halbblutstatus interessierte. Hier war er einer von vielen jungen Helfern, ein ganz neues Erlebnis für ihn.

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