Der zertanzte Krug

(von Vinni)

Ein Mann tritt durch das zweite Türchen hinaus in seinen Hof und starrt sinnend seine zwei Mägde an, die gerade kichernd und schwatzend über den Hof gehen, die eine mit einem kleinen Getreidesäckchen im Arm, die anderen mit einem Melkschemel. "Ach, was soll's", murmelt er schließlich. "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Heda, ihr beiden! Kommt mal herüber." 

Tuza und Erli waren zwei Mägde, die bei einem Bauern in Dienst standen. Sie sorgten für Haus und Hof, fütterten die Hühner und molken die Kühe. Eines Tages schickte der Bauer die beiden zum Markt, um Milch und Eier zu verkaufen. Die Milch trug Tuza in einem irdenen Krug auf dem Kopf, die Eier Erli in einem Korb auf dem Rücken. Eifrig schwatzend machten sie sich auf den Weg zum Markt. Der Bauer wies sie an, gut auf den Weg zu achten und vernünftige Geschäfte zu schließen. Die Mägde lachten über die guten Ratschläge und freuten sich auf das bunte Markttreiben. 
Es war nun ein heißer Tag und der Weg war lang. Zwischen Feldern und Wiesen wanderten die beiden. Bald stach die Sonne auf sie herab und die Lasten drückten sie nieder. 
„Wir wollen rasten", sagte Tuza.
„Dort vorn an dem Baum im Schatten", stimmte Erli bei
Doch als sie den dicht belaubten Baum erreichten, da lag ein Bursche im Schatten und spielte auf einer Flöte ein lustiges Lied. Er sah recht schäbig aus mit einem altem Rock, geflickter Hose und bloßen Füßen, aber er war sauber und sein Hut trug bunte Bänder. Wie er die Mägde so anschaute, blitze es lustig in seinen Augen. 
„Du sitzt in unserem Schatten", beklagte sich Tuza, die ihren schönen Rastplatz verloren sah.
„Euer Schatten?" fragte der Bursche und ließ die Flöte sinken. „Nicht der Schatten des Baumes oder der Schatten der Sonne? Sie haben euch um Erlaubnis gefragt? Dann verzeiht, wenn ich das versäumte."
„Unser Rastplatz", erklärte Erli eifrig, „wir sind einen so weiten Weg gelaufen in der Sonne und tragen so schwer. Wir haben uns so auf die Rast gefreut."
„Nur zu", sagte der Bursche, „setzt euch zu mir und rastet. Es ist genug Schatten da für alle."
Die beiden Mägde sahen sich an. Sie trauten den freundlichen Worten nicht und waren noch immer verstimmt über den ungebetenen Gastgeber. „Das wäre eine schlechte Gesellschaft", sagte Tuza schließlich, „sieh dich doch an, deine Kleider sind abgerissen. Du bist ein Habenichts, ein Taschenleer. Jeder würde uns auslachen, der uns hier mit dir sieht."
Auch Erli wehrte ab. „Nein, wir wollen weiterziehen zum Markt und Eier und Milch verkaufen."
Der Bursche zuckte mit den Schultern. „Ich will euch nicht halten, wenn ihr es so eilig habt. Doch hätte ich gern den Schatten des freundlichen Baumes mit euch geteilt. Ich hätte euch ein Liedchen spielen können, das Müdigkeit vertreibt und euch frisch macht für den Rest des Weges."
„Wir brauchen deine Lieder nicht", sagte da Tuza.
Und Erli ergänzte: „Das wird ein rechtes Geflöte sein für Mäuse und Spatzen und anderes unnützes Getier."
Da seufzte der Bursche. „Ihr seid wahrlich liebreizend und höflich, ihr fleißigen Mädchen. Drum will ich um eine letzte Gunst bitten, bevor ihr weiterzieht: Gebt mir doch einen Schluck von eurer frischen Milch und ein paar Eier, dass ich mir ein Mahl bereiten kann."
„Pah", machten da die beiden, „dir Bettelmusikant unsere guten Sachen geben? Die sind für den Markt und die anständigen Leute."
„Ich wollt es nicht geschenkt", wehrte der Bursche ab, „ich will bezahlen mit gutem Geld."
„Behalte dein Geld", sagte Tuza schnippisch.
„Wir werden unsere Waren auf dem Markt gut verkaufen", ergänzte Erli, „wir brauchen nicht dein Bettelgeld."
Da blitzten die Augen des Burschen zornig. „Ich will euch eure Freundlichkeit vergelten, so wie ihr es verdient. Ich will euch ein Liedchen spielen, an das ihr noch lange denken werdet!" Damit setzte er die Flöte wieder an die Lippen und begann zu spielen. Schnell und laut klangen die Töne wie von einem wilden Tanzlied. Die Musik erfasste die Mägde und rief sie zum Tanz. Oh weh, schon sprangen ihre Füße im Takt. Sie drehten sich und regten sich gegen den eigenen Willen. Immer schneller und schneller. Und da ließ Tuza den Milchkrug fahren, so dass er zwischen sie niederfiel und die Milch auf dem Boden vergossen wurde. Die Mägde heulten auf vor Jammer, konnten das Tanzen aber nicht lassen. Sie hüpften und sprangen und tanzen den Krug in Scherben. Und auch die Eier im Korb sprangen in Scherben bei dem wilden Tanz. Erst da hielt der Bursche in seinem Spiel inne. Die Mägde rangen nach Atem, erschöpft und verstört. Und sie sahen, dass die gute Milch und die guten Eier verloren waren. 
„Weh uns", klagten sie da, „was hast du nur getan."
„Hättet ihr nur friedlich Rast mit mir gehalten, ich hätte es euch gedankt. Das ist nun der Lohn für eure Frechheit und euren Hochmut."
Da weinten die beiden Mägde und liefen davon, so schnell sie ihre Füße trugen. Der Bursche aber lachte hinter ihnen her. „Geschieht euch recht", rief er. 
„Geschieht euch recht", rief auch der Bauer, als er von der Geschichte hörte. Er warf die Holzschuhe nach den dummen Mägden. „Was fällt euch ein, einen Fremden zu beleidigen und ihm nicht einmal einen Gruß zu gönnen? Ihr dummen Gänse werdet mir nicht mehr auf den Markt gehen. Ihr könnt die Schweine hüten, vielleicht kommt ihr dann zu Verstand."
Und so geschah es. Tuza und Erli hüteten die Schweine und weinten noch lange dem Tag nach, an dem sie beinahe auf den Markt gewesen waren.

weiter zum nächsten Türchen