Kampfbrüder

(von Assantora)

Das vierte Adventskalendertürchen besteht aus zwar stabilem aber etwas zu dünnem Holz, um das spartanisch eingerichtete Zimmer akustisch vom Rest des großen Gebäudes zu isolieren. So hat der Bewohner des Zimmers stets die Möglichkeit zeitnah auf plötzlichen Tumult zu reagieren - wie er jetzt gerade wieder von draußen ertönt. Ein leises Seufzen ist zu hören, gefolgt vom leisen Schaben eines zurückgeschobenen Stuhls.

Der Krach vor seinem Zimmer war deutlich zu vernehmen und mit einem resignierenden Kopfschütteln erhob er sich, um dem Treiben der jungen Männer endlich ein Ende zu bereiten. Die Arbeit von Hauptmann Nudrin Exes schien niemals ein Ende zu finden.
Um seiner Stimmung noch mehr Ausdruck zu verleihen, zog er seinen Spangenhelm über den Kopf und hielt sein Schwert in der Hand, als er seiner Wut freien Lauf ließ und mit einem wütenden Schrei seine eigene Tür aufwarf und in den Gang hinaus trat.
„Wer zum Henker hat schon wieder nichts Besseres zu tun, als sich zu prügeln?“
Seine Stimme trug weit und überdeckte deutlich den Geräuschpegel des Streits, der sich ein Stockwerk tiefer, in einem der Aufenthaltsräume der Garnison ereignete. Schlagartig verstummten die Geräusche und mit einem finsteren Lächeln schritt der Hauptmann den kurzen Weg zur Treppe und seine Schritte hallten laut in dem Gang, bis er schließlich den Raum erreichte. Er sah die Männer an, die sich inzwischen wieder erhoben hatten und stumm die Konsequenzen erwarteten.
Der Raum war nicht mehr in dem gleichen Zustand, wie vor dem Streit. Ein Tisch war umgeworfen, drei Stühle lagen zerbrochen herum. Bierkrüge waren verschüttet, Teller aus Blech lagen verstreut, die neue Kratzer und Dellen bekommen hatten.
Der Hauptmann atmete einmal tief durch, als müsse er seine Wut im Zaum halten. Sollten diese jungen Männer doch denken, dass er wütend genug war, von dem Schwert, welches in seiner Hand ruhte, Gebrauch zu machen. Er hatte einen gewissen Ruf und den würde er schon noch zu verteidigen wissen.
Nudrin sah jeden einzelnen an. Es waren fünf junge Männer. Sie waren alle neunzehn Jahre alt. Es war ihr erstes Jahr in der Garnison und trugen dem entsprechend eine ganz besondere Uniform, die in einem hellen Blau gehalten war. Sie hatten noch keinen Harnisch, noch kein Kettenhemd, nur einen Helm, der doppelt so schwer war, wie der, den der Hauptmann trug. Die Männer sollten sich an gewisse Schmerzen gewöhnen, um sie im Notfall ertragen zu können. Tatsächlich sollte er dazu dienen, seinen Nacken nicht schwach werden zu lassen.
Natürlich trug von den fünf Männern keiner einen Helm. Der erste hatte braunes Haar und schwitzte, während aus einer Schnittwunde an der linken Wange ein wenig Blut floss. Der zweite hatte helleres Haar, aber es war noch nicht blond. Er sah dem ersten sehr ähnlich, vielleicht Brüder, oder sogar Zwillinge, vielleicht lag es auch daran, dass dieser Junge ebenso einen Schnitt hatte, nur tiefer, der sich quer über die Stirn zog. Das Blut begann bereits in seine Augen zu fließen. Doch durch die Angst die der Hauptmann versprühte, wagte er nicht, die Hand zu heben und es sich weg zu wischen. Der dritte hielt den Arm angewinkelt, als sei er auf dem Ellbogen gelandet.
Die letzten beiden Männer sahen den Hauptmann an und standen stramm vor ihm. Insgesamt standen alle in einer perfekten Reihe.
Innerlich zollte er den jungen Männern Respekt, doch äußerlich sah er aus, wie der lebende Tod, der er vor zehn Jahren gewesen war.
Seine Schwerthand hob sich und mit einer unglaublichen Geschwindigkeit ließ er die Klinge auf den Tisch knallen, der bisher ohne Schaden davon gekommen war. Es war laut genug, dass es in den Ohren schmerzte. Die Stille wurde nur durch einen klappernden Teller gestört.
„Wer hat diesen Streit begonnen?“, fragte der Hauptmann kalt und musterte die fünf. „Wer?“
Augen zuckten hin und her, schließlich trat der zweite in der Reihe vor und wagte kaum, in das Gesicht des Hauptmanns zu blicken.
„Ich, Hauptmann“, sagte er nur und schluckte gleich zweimal, um seine Angst im Zaum halten zu können.
Nudin lächelte kalt und als er sich vor den jungen Soldaten stellten, knirschten seine Lederstiefel auf den steinernen Boden. Er musterte den Jungen noch einmal gründlich, bevor er ihn eine sehr einfache Frage stellte. „Warum?“
Der Junge schien Mut zu fassen und blickte den großen Mann mit den durchdringenden, fast schwarzen Augen an. Versuchte aber gleichzeitig die Narbe zu ignorieren, die von der rechten Wange über den Nasenrücken lief. Mit ein wenig Glück, hatte Nudrin sie sich erkauft, und war dafür mit dem Leben davon gekommen.
„Es ging um ein Mädchen“, sagte der Junge und schluckte wieder seine Angst hinunter.
Nudrin lächelte. Nicht, weil er diesen Grund für einen Streit verabscheute, sondern weil es ihn doch sehr an seine eigene Vergangenheit erinnerte. Er war vielen Mädchen hinterher gelaufen, doch mit seinen fast sechzig Jahren war diese Zeit beinahe vorbei, beinahe zumindest.
„Ist sie hübsch?“, fragte Nudrin mit eisiger Stimme, dennoch lächelnd und mit einem schief gelegten Kopf.
„Ja“, sagte der Junge und entspannte sich. „Ich würde sie vor jeden Mann, der ihr Böses antun will, beschützen.“
Nudrin nickte. „Wer ist dein Gegner? Wer von diesen vier Männern ist der Böse?“ Sein Blick ging über die Männer hinweg, und blieb bei dem hängen, der sich den Arm hielt.
„Tritt vor“, sagte Nudrin knapp. „Nenne mir deinen Namen.“
„Speran“, sagte der Junge und bekam kaum die Zähne auseinander.
„Und du?“, fragte Nudrin kalt und sah zu dem Jungen, der den Streit begonnen hatte.
„Mesos“, sagte er nur.
„Gut“, sagte Nudrin lächelnd und entledigte sich seines Helms, den er dem Jungen namens Speran reichte. Seine pechschwarzen Haare, die am Ansatz langsam ergrauten, zeugten von seinen Jahren im Dienste des Militärs.
Der Junge sah den Hauptmann unsicher an. Nudrin starrte ihn an und presste den Helm so in seine Finger, dass er ihn beinahe fallen ließ.
„Setz den Helm auf“, sagte er und wandte sich seiner Waffe zu, nahm sie und reichte die Klinge dem Jungen, der um sein hübsches Mädchen kämpfte.
Der Junge verstand, dass er die Waffe in die Hand nehmen sollte, doch seine Finger zitterten, als er sich der Klinge näherte.
Als er das Schwert endlich in der Hand hielt, ging Nudrin ein Stück zurück.
„Speran hat meinen Helm auf“, begann Nudrin. „Es ist ein Spangenhelm, den die Soldaten im Felde verwenden. Er ist ungewöhnlich leicht, aber in diesem Fall ist es dein einziger Schutz.“
Der Hauptmann wand sich an den anderen Jungen.
„Mesos, du wirst nun mit Speran kämpfen. Und ich will, dass du die Klinge so hart gegen seinen Helm schlägst, dass er bricht.“
Die Angst trat in den Augen aller Männer und die beiden Kämpfer sahen sich aneinander an und waren einen Moment lang vollkommen fassungslos. Was man von ihnen verlangte war der reine Wahnsinn und Nudrin wusste dies sehr genau.
„Was ist?“, fuhr er die beiden Jungen dennoch an und begann, die drei anderen Jungen aus dem Weg zu schieben, um Platz für ein Kampf zu machen. „Stellt euch auf und dann kämpft um die Ehre des Sieges.“
Angst und Furcht waren in dem mit Kohlenpfannen erleuchteten Raum nun deutlich greifbar. Es war für die jungen Soldaten unerträglich kalt geworden und auch die drei Männer, die nicht betroffen waren, hatten die gleichen Emotionen eine Bedeutung. Angst und Furcht. Man konnte sie beinahe auf der Zunge schmecken.
Die beiden Soldaten rührten sich nicht, während er sie anstarrte. Schließlich schritt er zu dem, der die Klinge in die Hand hielt.
„Bist du so ergriffen von der Chance, deinen Widersacher nieder zu machen, dass du nicht mal mehr die einfachsten Übungen beherrschst?“
Der Junge öffnete unsicher den Mund und versuchte zu antworten. Sein Gestammel war so leise, dass Nudrin es kaum zu verstehen vermochte.
„Lauter!“, fuhr der Hauptmann ihn an und dieser zuckte zusammen - ihm entglitt das Schwert, das scheppernd auf den Boden fiel.
„Ich kann nicht“, sagte Mesos und starrte an den Hauptmann vorbei auf den anderen Soldaten. „Speran ist ein Freund.“
„Ein Freund?“, fragte Nudrin kalt und erinnerte sich an die Ereignisse, die ihm einen solchen Ruf eingebracht hatten. „Ich hatte auch einen Freund, beinahe schon ein Bruder. Er hat mich betrogen und hintergangen. Speran wird dir früher oder später in den Rücken fallen. Mir ist es so ergangen. Warum sollte dir nicht das Gleiche passieren?“
„Aber er ist mein Freund“, sagte Mesos und sah den Hauptmann flehend an. „Ihr könnt nicht verlangen, dass ich gegen ihn kämpfe und ihn umbringe.“
„Aber mit Fäusten ist es euch recht?“, fragte Nudrin den Jungen und seine Stimme wurde sanft. „Nimm das Schwert in die Hand.“
Unsicher sah Mesos seinen Hauptmann an. Ruhig erwiderte er den Blick und schließlich wagte der junge Soldat es, sich nieder zu knien und das Schwert zu umfassen. Vorsichtig hielt er es in den Händen. Nudrin blickte dem Jungen in die Augen, während er sich erhob.
„Weißt du, was für ein Schwert du da in Händen hältst?“
Unsicher nickte der Junge.
„Betrachte es und erzähle mir, was du siehst.“
Der Junge schien im ersten Moment nicht so Recht zu verstehen, was der Hauptmann von ihm wollte, doch er folgte den Anweisungen und betrachtete die Klinge, den Griff, die feinen Verzierungen, die entlang der Schneide ins Metall eingearbeitet worden waren. Schließlich hob der Junge den Kopf und sah den Hauptmann fragend an, als solle Nudrin ihm sagen, was er hören wollte, doch dieser schwieg nur.
Mesos musste schlucken, um genügend Mut aufbringen zu können, Worte in seinem Mund zu formen.
„Es ist die Klinge, die Taberus getötet hat“, sagte er und reichte dem Hauptmann das Schwert zurück. „Es ist Euer Schwert und niemand außer Euch sollte es in Händen halten.“
„Mit dieser Klinge wurde Taberus aber nicht getötet“, sagte Nudrin und die Bestürzung dieser Tatsache ließ Mesos keuchen und er blickte sich zu seinen Kameraden um.
„Aber die Geschichten...“
„Die Wahrheit liegt viel näher, als du vielleicht glaubst“, sagte Nudrin. „Ja, ich bin mit diesem Schwert gegen Taberus angetreten, den letzten der neun Kriegsherren von Rekoras, doch diese Klinge hat nur einen winzigen Tropfen vom Blute Taberus' getrunken.“
Nudrin lächelte, als den Jungen dämmerte, wie wenig Wahrheit in einem Gerücht steckte. Wie wenig Glauben man in den Berichten von Augenzeugen legen konnte.
„Taberus starb hierdurch.“
Nudrin zog seinen Dolch. Ein schmuckloses Ding, auf dessen Klinge eingetrocknetes Blut klebte. Nach den Jahren der Verwahrlosung war die Klinge stumpf und mit Rost besetzt. Es war nicht die Waffe eines Kriegers, es war die Waffe eines Meuchelmörders.
Schockiert ließ Mesos die Klinge erneut fallen und starrte den Dolch an. „Was wollt Ihr von uns?“
„Ich will, dass ihr etwas begreift“, sagte Nudrin und hob seine Klinge selbst wieder auf. „Ihr seid junge Männer und ihr werdet in drei Jahren eine Uniform tragen, die euch Privilegien, aber auch Pflichten abverlangt. Ihr werdet diese Stadt schützen. Ihr werdet eurem Land dienen und im Notfall für dieses Reich sterben.
Ihr seid jung und unerfahren und ihr zankt euch um ein Mädchen. Einer von euch wird sie bekommen, oder keiner. Ihr wisst nicht, ob ihr in einem Jahr überhaupt noch am Leben seid. Ihr wisst nicht, wie es ist, im Krieg zu sein.
Ihr habt wohl immer gedacht, Soldat zu werden, ist ehrenhaft und man wird mit Auszeichnungen überschüttet, einfach weil es so viele gibt. Aber ihr irrt euch.“
Nudrin sah die anderen jungen Soldaten an. Keiner wagte es, ein Wort zu sagen und Speran hatte immer noch seinen Helm auf. Er streckte die Hand aus und der Junge zog sich den Helm wieder vom Kopf und überreichte ihn ihm.
„Dieser Helm ist nicht jener, mit dem ich mit meinen Kampfbrüdern in diese entscheidende Schlacht gezogen bin. Taberus war ein Riese. Bevor auch nur einer von uns fünfen zuschlagen konnte, hieb dieses Ungeheuer meinem Nachbarn ein Bein ab. Den Schrei werde ich nie vergessen. Ich hatte einen Helm, ähnlich wie diesen. Doch der gewaltige Kerl schlug auch mich nieder und spaltete meinen Helm. Die Klinge drang nicht in meinem Schädel ein, doch mein Haar verdeckt eine Narbe, die mich jeden Tag daran erinnert, wie knapp ich dem Tod entkommen bin.“
Nudrin musterte die Jungen und entspannte sich. Er ließ den Dolch wieder verschwinden und betrachtete seine Waffe, bevor er sie wieder einsteckte.
„Ihr seid keine dummen Menschen. Ihr seid Soldaten, die hier lernen, wie man sich im Fall des Falles zu verteidigen hat. Ihr seid Soldaten, die das Land verteidigen sollen, doch ihr kämpft um ein Mädchen. Ist das richtig? Mesos, antworte mir.“
„Nein“, sagte der Junge.
„Falsch“, sagte Nudrin und lächelte, als die Soldaten ihn verwundert ansahen. „Ein Mädchen ist ein guter Grund zum Kämpfen. Doch ihr solltet nicht untereinander kämpfen. Ihr könnt für dieses Mädchen kämpfen, ihr alle, indem ihr sie vor Gefahren beschützt, vor denen sie kein normaler Mann beschützen kann.
Die Kriegsherren sind tot und deswegen kann dieses Mädchen in Freiheit leben. Bedankt euch bei mir, oder jenen, die tapfer gestorben sind.“
Das Schweigen im Raum schien für Mesos, Speran und die Freunde mehr als unangenehm zu sein. Nudrin hingegen nutzte die Zeit und betrachtete den Jungen, der ebenso eine Verletzung abbekommen hatte, bisher aber schwieg.
„Bist du zwischen die Fronten geraten?“, fragte er ihn freundlich.
„Ich habe versucht sie zu trennen“, sagte der Soldat und blickte zu Boden. „Hat nur nicht so geklappt, wie ich es mir vorgestellt habe.“
„Verstehe“, sagte Nudrin und betrachtete die Gruppe noch einmal. „Ab Morgen werdet ihr einen Monat lang von mir unterrichtet. Ich werde euch zeigen, dass eure Streitigkeiten vollkommen unangebracht sind. Ihr werdet härter und länger trainieren, als alle anderen jungen Soldaten in dieser Garnison. Ihr werdet lernen, dass ein schmerzender Muskel noch lange kein Grund ist, mit den Übungen aufzuhören. Ihr werdet ab Sonnenaufgang die Übungen beginnen. Ihr werdet in voller Rüstung üben und ihr werdet mit zwei Einhandschwertern umgehen. Ich hoffe, ich habe mich klar genug ausgedrückt.“
„Ja, Hauptmann“, antworteten die Soldaten im Chor.
„Gut“, sagte Nudrin gelassen und wandte sich um, um den Raum zu verlassen. Er hatte beinahe schon die Tür erreicht, als seine Ohren etwas aufschnappten.
„Danke, ihr zwei Chaoten“, zischte eine leise Stimme.
Nudrin wirbelte herum. Es war der Junge, der die beiden Streithähne auseinander halten wollte. Nudrin richtete seinen Blick auf diesen jungen Mann. „Ihr solltet wirklich dankbar sein. Ihr werdet von mir ausgebildet. Gibt es eine größere Ehre, als mit dem Retter des Landes trainieren zu können? Trainieren, mit einem Helden?“
„Wir sollen gegen euch kämpfen?“, platzte es aus dem Soldaten heraus. „Das ist vollkommen unmöglich.“
„Ich bin nicht mit diesen Fähigkeiten auf die Welt gekommen“, mahnte Nudrin den Soldaten. „Ich habe viele Jahre hart üben müssen, um diesen Rang zu erreichen. Und im Übrigen habe ich diesen Rang mehr als verdient.“
Er drehte sich um und verließ den Raum. Er konnte das breite Grinsen auf seinem Gesicht kaum mehr verbergen.
Die fünf naiven jungen Soldaten würden schon sehr bald lernen, dass Nudrin Exes nicht der brillante Taktiker im Zweikampf war. Er war nicht der beste Soldat des Landes, aber er hatte entscheidend dazu beigetragen, das Land vor einer großen Gefahr zu befreien, vor einem Überfall barbarischer Krieger, die sich gegen die Autorität der Zivilisation stellten und die die Freiheit vieler tausend Menschen beenden wollten.
Er war kein Soldat gewesen, als er mit dem Kriegsherrn gekämpft hatte. Er war wie von Sinnen gewesen, als Taberus seine Kameraden einfach abgeschlachtet hatte. Er hatte nicht mehr an die Übungen gedacht, die ihm eigentlich helfen sollten, am Leben zu bleiben. Er war nur auf Rache aus und er hatte sie genossen.
Der Kriegsherr hatte ihn zu Boden geschleudert. Die Narben an seinen Armen waren nass vom Blut und sein Schädel hämmerte wie verrückt. Nudrin hatte damals mit dem Leben abgeschlossen an jenem Ort, wo sich die Zukunft nicht nur seines Landes, sondern vielleicht auch der ganzen Welt entscheiden sollte.
Taberus war mit einem Lächeln im Gesicht und mit dem stolzen Gang eines Siegers auf ihn zugekommen und hatte seine Zweihandaxt über den Kopf gehoben, um Nudrin endgültig das Leben zu nehmen.
Der verzweifelte, von Trauer und Schmerz so gepeinigte Soldat hatte seinen Kummer genutzt, um sich noch einmal auf ihn zu werfen und der kleine Dolch, mit einer Klinge nicht länger als eine Handspanne fand eine Lücke in dem dicken Leder und bohrte sich tief in seiner Brust und löste einen Schrei von seinen Lippen.
Nudrin erinnerte sich noch genau, dass sie beide geschrien hatten. Sie beide hatten Schmerzen, aber im Gegensatz zu Taberus überlebte Nudrin Exes schwer verletzt und mit einem steifen Unterarm und konnte seine Geschichte erzählen.
Doch die Menschen wollten nur die phantastische Geschichte eines Soldaten hören, der mit Mut und der Gewissheit des Sieges in die Schlacht gezogen war und unbeschadet daraus wieder hervorgegangen war. Mit dem Tod der Kriegsherren war der Mut der Krieger gebrochen. Keiner wusste warum, einige vermuteten, dass die riesigen Kriegsherren eine Art Magie besaßen, mit denen sie den Kriegern Kraft, Ausdauer und Stehvermögen gaben.
Doch Nudrin interessierte dies nicht mehr. Dies war eine andere Geschichte und sie würde sich wahrscheinlich niemals wiederholen. Nudrin würde alt werden, im Bett sterben und nicht in der Schlacht. Mittlerweile empfand er dieses Schicksal als angenehm und er ging mit einer gewissen Gelassenheit zurück in sein Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter sich.
Nudrin Exes, der Retter der Welt. So wurde er genannt. Nun war er Ausbilder und diese Wendung seines Lebens war besser, als alles andere, was er zuvor erlebt hatte.
Doch eine Sache würde Nudrin niemals vergessen.
Nachdem Taberus tödlich getroffen war, sprach er ein Wort aus, welches sich in Nudrins Gedächtnis brannte und ihn daran erinnerte, dass die Bedrohung von Außen immer noch real war. Denn Taberus sprach damals nicht für sich sich allein, sondern für jeden einzelnen Barbaren, der den Krieg überlebt hatte und sich in die Weiten des Westens zurückgezog um seine Wunden zu lecken. Sie durften in ihrem Bestreben, die Grenzen zu sichern niemals nachlassen. Dafür wollte Nudrin sorgen. Er schloss die Augen, als das Wort durch seinen Geist hallte: Rache.

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