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Geborgen im Dunkeln

(von Nemedon)

Aus dem fünften Türchen muss man sich vorsichtig herauswinden, denn es besteht aus einem bunten Strangwirrwarr summender Kabel, die sich zusammen mit verschieden dicken Rohren und Energieleitern an der Oberseite eines schmalen, verwinkelten Ganges entlangwinden. Wenn man weiß wo man hochklettern muss gibt es an einer Stelle hier oben ein prima Versteck auf einem Verteilerknoten - für Erwachsene unerreichbar…

„Wo hast du dich versteckt, Adda?" Aufgebracht klappte eine dunkelhaarige Frau die Türen von Schränken und Service-Blenden auf, nur um sie kurz darauf wieder zu zuwerfen. „Ich weiß, dass du dich hier versteckt hast", knurrte sie. „Komm lieber raus, bevor ich noch wütender werde." Entnervt stemmte sie ihre Fäuste in die Hüften, und blickte den langen verwinkelten Gang entlang, in dem kein Fleckchen Seitenwand ungenutzt schien. 
Irgendwo in diesem engen Halbdunkel muss diese kleine Rotzgöre doch stecken, dachte sie bei sich. 
Wie zur Antwort baumelte einige Schritte vor ihr eine blonde Haarsträhne von einem Rohrbündel an der Decke herab, die sogleich wieder verschwand.
Ihre Wut verblasste so schnell, wie das Licht einer ausgeblasenen Kerze. An dessen Stelle kroch nun kalte Angst von ihrem Bauch aus den Rücken hinauf. Dort oben verlief ebenfalls die Hauptstromleitung.
„Adda?", sagte sie mit gepresster Stimme. Sie zwang ihre verkrampften Hände sich zu öffnen und räusperte sich. Langsam näherte die Frau sich der Stelle an der Decke. Beinahe heiser sprach sie weiter, ohne jedoch nach oben zu blicken. „Hey, wo mag bloß meine Addalina stecken? Langsam macht sich Mama Sorgen um ihr kleines Mädchen." Als sie noch immer nichts von dem Mädchen hörte, fuhr sie fort: „Wenn sie sich jetzt langsam zeigen würde, ohne mich zu erschrecken, dann würde ich ihr auch bestimmt nicht mehr böse sein."
„Wirklich nicht?", drang eine leise Kinderstimme von oben herab.
Die Frau musste schlucken. Dann blickte sie langsam hoch in die hellblauen Augen ihrer Tochter. „Wirklich nicht", antwortete sie mit sanfter Stimme. „Doch nun kommst du ganz vorsichtig da runter. Und gib Acht, dass du nicht die Kabel berührst."
„Is' ok, Mama." Erleichterung schwang in der Stimme Addalinas mit. Zögerlich ließ sie sich in die offenen Arme ihrer Mutter gleiten.
Fest umklammerte diese ihre Tochter. „Mach das nicht noch mal, Adda", flüsterte sie in die zerzausten Haare ihres Kindes. „Du hast mich fürchterlich erschreckt."
„Tut mir leid, dass ich deinen Anzug put gemacht hab'", wisperte das Mädchen zurück. „Ich wollte ihn mir nur ma' ankucken."
„Ach Adda, das war zwar falsch, doch das meinte ich nicht." Mit ihrem Kind auf dem Arm ging sie langsam den Flur weiter. „Dort oben bei den Rohren verlaufen auch die Energieleitungen. Wenn du zu stark daran gezogen hättest, oder wenn du hängen geblieben wärst …". Sie ließ den Satz unvollendet, als sie spürte, wie ihre Augen feucht wurden. „Was hätte ich denn ohne dich machen sollen, mein Schatz?" 
„Ach, mir passiert schon nix", meinte Addalina. Doch als sie der strafende Blick ihrer Mutter traf, fuhr sie augenblicklich fort: „Aber ich verspreche dir, dass ich nie wieder da rauf klettere."
Die Zwei erreichten das Ende des Flurs. Die Mutter musste sich leicht vorbeugen, als sie, noch immer ihre Tochter festhaltend, über die erhöhte Schwelle einer Sicherheitstür trat.
Zusammen schauten sie aus einem gewölbten Panoramafenster, hinter dem nur Dunkelheit zu liegen schien. Ein funktionaler Sessel umgeben von Steuerkontrollen war davor verankert.
Sanft wischte Adda eine verirrte Träne von der Wange ihrer Mutter. „Du weißt doch Mama, dass wir zu den großen Schwalf geh'n, wenn wir sterben. Dann stimmen wir ein in den ewigen Gesang und tanzen um den schwarzen Rauch."
„Schwalif heißen sie", korrigierte sie ihre Mutter. Ernst blickte sie ihr in die Augen. „Doch was passiert mit den Bösen? Hast du das etwa vergessen?"
„Nein Mama." Adda schüttelte ihren blonden Schopf. „Die Bösen kommen in den Himmel. Und an der feurigen Erde dürfen sie sich auch nicht wärmen."
„Na, dann will ich mal hoffen, dass du von nun an lieb bist." Neckend küsste sie ihre Tochter hinter dem Ohr.
„Das kitzelt", beschwerte sich Adda kichernd.
Ihre Mutter nahm in dem Sessel platz, und setzte sich die Kleine auf den Schoß. „Lass mich nur eben etwas überprüfen, dann gehen wir wieder nach hinten, und ich zeige dir wie man Mamas Anzug reparieren kann."
Sie kontrollierte die Anzeigen des Schiffes. Einer der Zeiger stand ruhig bei zweihundert Bar, und der Geschwindigkeitsmesser bei fast Zweihundertfünfzig.
„Über tausend Faden und genug Knoten für eine stabile Kavitation", murmelte sie. Kurz noch überprüfte sie den Kurs, bevor sie sich wieder erhob.
„So Addalina." Sie hob ihre Tochter unter den Armen hoch, und stellte sie auf den Boden. „Den Rückweg läufst du aber", meinte sie, während sie sie leicht unter den Achseln kitzelte. Lachend rannte die Kleine voraus, während ihre Mutter ihr einen Moment gedankenverloren hinterher schaute.
U-Boote waren wirklich nicht der passende Ort, um Kinder groß zu ziehen. Doch welche Wahl blieb ihnen als den Überlebenden dieser zugefrorenen Welt?

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