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Mireen & der Seelenfänger

(von datLy)

Ein alter Mann, der schwer an einem unförmigen Sack zu tragen hat, stapft zum sechsten Türchen und stellt ihn ächzend ab. 
Mit einem rotgewandeten Ärmel wischt er sich den Schweiß von der Stirn und zieht einen Flachmann voller Glühwein aus der pelzbesetzten Manteltasche hervor. Nachdenklich nimmt er einen Schluck und beißt von einem Lebkuchen ab, während er den Weg einer jungen Frau verfolgt, die unweit von ihm ihren Weg durch die Menge sucht. Gerade in diesem Moment greift sie einem Passanten in die Tasche. 
Der rauschebärtige Alte schnalzt mißbilligend mit der Zunge, runzelt dann aber kurz die Stirn und gibt ein verständnisvolles Brummen von sich. 
Dann klopft er sich die letzten Lebkuchenkrümel ab, nimm seinen Sack auf und rempelt auf der Straße einen Mann an, der sich empört nach ihm umdreht - und dann erstarrt als sein Blick auf die junge Frau fällt...

Viele Sommer waren seit Mireens Geburt vergangen - dem dunkelsten Tag in ihrem Leben. Niemand konnte ihr sagen, warum keine Seele vom Himmel gefallen war, um ihren Körper zu beleben. Ihre Mutter hatte die ganze Nacht, nach ihrer Geburt, mit ihrer Tochter im Freien verbracht, aber kein Stern war gefallen. Und auch in den folgenden nächsten wartete Mireens Mutter vergebens.
Mireen wusste davon viele Jahre nichts.
Erst als sie bereits mehrere Sommer zählte und die anderen sie mehr und mehr mieden, erzählte Mireens Mutter ihrer Tochter das Unaussprechliche.
Seit diesem Tag hatte sich Mireen mehr und mehr zurück gezogen; im Laufe der Zeit hatte sie es sogar geschafft sich einzureden, dass sie ohne Seele besser dran war.
Zumindest hatte sie keine Skrupel, ihre hart arbeitenden Eltern eines Tages, ohne eine Wort, allein zu lassen und heimlich aus ihrem Dorf zu verschwinden.
Letzten Endes atmeten die Dorfbewohner sogar auf, als sie realisierten, dass sie für immer gegangen war - selbst ihre Eltern.

Schon bald fand Mireen ihre Bestimmung und wurde in erstaunlich kurzer Zeit zu einer der geschicktesten Langfinger auf großen Märkten. Selbst kleine Börsen wechselten den Besitzer und Mireen schreckte auch vor Kindern nicht zurück.
Andere Diebe wussten oft nicht, ob sie die kleine Frau hassen oder bewundern sollten, aber obwohl sie Mireens Geheimnis nicht kannten, bezeichneten sie sie oft als seelenlos.

Mireen kümmerte es nicht ... bis zu dem Tag an dem sie einem Sol'ebienne begegnete.
Bis zu dem Tag hatte sie sie für einen reinen Mythos gehalten; die Erzählungen über sie für puren Unsinn. Doch als sie dem Sol'ebienne auf der Straße begegnete, stellten sich ihr alle Haare auf.
Es war ein Mann in den besten Jahren, klein gewachsen, aber dennoch gut aussehend. Mireen hatte nie geglaubt, dass ein blau umrahmtes Gesicht attraktiv sein könnte, aber diesem Mann verlieh es eine anziehende Exotik. Es stimmte also, dass die Sol'ebienne vom Ansatz des einen Ohrs, über die Schläfe, die Stirn, die andere Schläfe bis zum anderen Ohr eine bläulich schimmernde Haut hatten. Das Blau setzte sich im Haaransatz fort, bis es in ein weißes Blond überging. Auch seine Fingernägel waren blau, und zum ersten Mal in ihrem Leben fragte sich Mireen, wie dieser Mann wohl nackt aussehen würde und wo das Blau noch auf seinem Körper zu finden wäre.
Doch mehr als sein ungewöhnliches, anderes Aussehen zogen Mireen die Augen des Mannes an. 
Sein Blick war unstet, huschte stets von Ort zu Ort und schien nie etwas richtig zu fokussieren, geschweige denn zu sehen. Erst als sein Blick Mireen traf, verharrte er und ließ sie nicht mehr los. Und Mireen war so, als ob sie nicht nur ein Augenpaar anstarrte, sondern mindestens ein Dutzend.
Zunächst war Mireen wie erstarrt, und sie fühlte sich seit langer Zeit wieder einmal ertappt - erkannt als das was sie war: eine Diebin.
Erst im nächsten Moment begriff sie, dass er es wusste. Obwohl sie keinerlei Gespür für zwischenmenschliche Schwingungen hatte, wusste sie, dass er es wusste. Und Mireen rannte.
Sie wollte so schnell wie möglich fort von diesem Mann, der etwas über sie zu wissen schien, dass sonst keiner wusste - keiner wissen durfte, um nicht wieder vollkommen ausgeschlossen zu werden.

Als sie nach vielen Straßen, Kreuzungen und Brücken schließlich außer Atem stehen blieb, blieb ihr fast das Herz stehen, als sie jemanden, ebenso atemlos, hinter sich fragen hörte: "Warum läufst du vor mir weg?"
Erschrocken drehte sich Mireen um und schaute in die irritierenden Augen des Sol'ebienne. Erneut hatte Mireen das Gefühl, dass sie mehr als ein Augenpaar beobachtete, aber in dem kleinen Hinterhof, in dem sie angehalten hatten, waren sie allein.
"Warum läufst du mir hinterher?"
"Weil du meine Hilfe brauchst."
"Wieso sollte ich deine Hilfe brauchen?"
"Du hast keine Seele!"
Es war eine Feststellung - ohne Wertung. Nicht der Hauch eines Zweifels war in seiner Stimme zu hören.
Mireen schluckte. Sie fühlte sich Jahre zurück versetzt. Zurück versetzt an den Tag, an dem ihre Mutter ihr die Wahrheit erzählt hatte. Damals hatte sie ihre Erklärung mit genau den gleichen Worten beendet. Und wie damals antwortete Mireen: "Das kann nicht sein."
Mireens Mutter hatte seinerzeit geschwiegen, der Sol'ebienne hingegen widersprach: "Du weißt, dass es so ist. Aber ich kann dir helfen. Ich kann es wieder gut machen."
Mireen war verwirrt: "Wieder gut machen? Du maßt dir an, einen Fehler der Götter korrigieren zu können?"
"Wahrscheinlich war es kein Fehler der Götter. Wahrscheinlich war es einer von meinesgleichen, der dir das angetan hat."
"Einer von deinesgleichen?"
"Ich bin ein Seelenfänger."
Erneut lief es Mireen eiskalt den Rücken hinunter. Seelenfänger waren Gruselgestalten aus Geschichten, die Eltern ihren Kindern erzählten, wenn sie unartig waren.
>> Pass auf - wenn du das nächste Mal unartig bist, dann kommt der Seelenfänger und holt deine Seele. <<
Und jetzt stand angeblich einer vor ihr und bot ihr seine Hilfe an.
"Selbst wenn, wie solltest du oder ein anderer für meinen Zustand verantwortlich sein?"
"Du weißt, dass für jedes Neugeborene eine Seele vom Himmel fällt und in dessen Körper fährt. Aber in ganz seltenen Fällen, bekommt ein Neugeborenes eine Seele von einem gleichzeitig Verstorbenen. ... Wenn sie nicht vorher von uns aufgehalten wird ... Wenn wir unserer Bestimmung nachgehen, denken wir nicht daran, dass wir wir vielleicht jemandem seine Seele wegnehmen..."
Mireen wurde schlecht. 
Den Rest konnte sich Mireen selbst zusammen reimen.
"Du meinst, dass einer von euch meine Seele gefangen genommen hat?"
Mireen wurde schlecht. Ihr ganzes bisheriges Leben hatte sie geglaubt, dass sie für etwas bestraft worden war, dass ihre Eltern falsch gemacht hatten; waren sie doch nie besonders gottesfürchtig gewesen. Und jetzt erzählte ihr dieser Mann, dass es vielleicht nur ein dummer Zufall gewesen war.
Der Sol'ebienne nickte.
"Aber ich kann es wieder gut machen, wenn du willst." Und nach einer langen Pause fügte er hinzu: "Ich kann dir eine Seele geben."
Das war zu viel für Mireen - die Beine gaben unter ihr nach, und sie fiel in Ohnmacht.

Als Mireen wieder die Augen aufschlug, dröhnte ihr der Kopf, und sie fühlte Blut an ihrem Hinterkopf. Im ersten Moment glaubte sie, dass sie erwischt worden war, aber dann kam die Erinnerung schlagartig zurück. Und im nächsten Augenblick trat der Sol'ebienne in ihr Blickfeld.
"Geht es dir gut?"
"Was denkst du?"
Mireen rappelte sich in eine sitzende Position hoch und legte ihren schmerzenden Kopf auf ihre angezogenen Knie.
"Blöde Frage, entschuldige. Wenn ich geahnt hätte, wie du reagierst, hätte ich dich vorher gebeten, dich zu setzen."
"Danke!" antwortete Mireen leicht patzig und betastete ihren blutenden Hinterkopf.
Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, bis Mireen sich wieder einigermaßen gefasst hatte und leise fragte: "Es ist möglich, einem Menschen eine Seele einzuverleiben?"
"Ja! Wir können sie am Aufsteigen hindern, bewahren und sie in andere Menschen übertragen. Normalerweise nehmen wir sie nur selbst auf, damit kein Wissen verloren geht, aber wenn wir Menschen wie dir begegnen, wäre es nicht zu verzeihen, dir nicht zu helfen."
"Wie?"
Der Sol'ebienne griff hinter seinen Rücken und zog eine große Tasche nach vorne, aus der er einen kleinen Beutel hervorholte. Danach ging er vor Mireen auf die Knie und öffnete den Beutel vorsichtig. In seinem Inneren erblickte Mireen eine Menge dunkelgrüner, unförmiger Kugeln, die allesamt schwach aus sich selbst heraus leuchteten.
"In jeder Moosperle befindet sich eine Seele. Wenn du willst, kannst du dir eine nehmen."
"Egal welche?"
"Egal welche!"
Mireen wollte darüber nachdenken, die Konsequenzen abwägen, aber der schwache Schimmer in dem Beutel zog sie magisch an. Mireens rechte Hand schwebte bereits über dem Beutel, als sie heiser fragte: "Was wird sich ändern?"
"Du!"
Das war für Mireen ausschlaggebend. Sie hatte sich noch nie besonders gut leiden können, und so griff sie zu. Die Kugeln fühlten sich weich und kühl an und verursachten ein seltsames, unvergleichliches Geräusch, als Mireen die Finger darin kreisen ließ.
Plötzlich fühlte sie etwas Warmes an einer ihrer Fingerspitzen und griff zu. Als sie die Hand öffnete, leuchtete in ihrer Hand eine kleine Kugel in einem tiefen Orange.
"Was bedeutet das?"
"Das bedeutet, dass diese Seele dich ausgesucht hat. Vielleicht ist es sogar deine ..."
"Und was muss ich jetzt tun?"
"Schlucken!"
"Du meinst essen?"
Mireen schaute den Sol'ebienne ungläubig an, doch dieser nickte.
Und so schluckte Mireen die kleine, grüne Kugel und verlor erneut das Bewusstsein.

Als Mireen erwachte, fühlte sie zum ersten Mal in ihrem Leben die Gegenwart eines anderen, noch bevor sie die Augen aufschlug. Ansonsten fühlte sie sich so wie immer. Irgendwie hatte sie etwas anderes, Gewaltigeres erwartet.
"Und wie geht es dir jetzt?"
"So wie immer."
"Gut!" Damit stand der Sol'ebienne auf und wandte sich zum Gehen.
"Ich wünsch dir alles Gute."
Und damit verschwand er und ließ Mireen allein.

Es dauerte noch eine ganze Weile, bis Mireen sich ebenfalls aufrappelte und sich auf den Weg nach Hause machte. In dieser Zeit hatte sie in sich hinein gehorcht, doch keine Änderung festgestellt. Sie fragte sich, warum sie all die Jahre so verbittert und traurig darüber gewesen war, keine Seele zu haben.
Enttäuscht tauchte sie in das bunte Treiben in den Straßen ein, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass die Menschen um sie herum anders aussahen. Es waren nicht nur Menschen, sondern auf einmal glaubte sie die Geschichte eines jeden in seinem Gesicht ablesen zu können. Sie erkannte plötzlich Erfolg und Leid. Und zu ihrem Entsetzen sah sie, dass sie einst Leute bestohlen hatte, denen es selbst nicht gut ging.
Und damit begriff sie was passiert war, und was der Seelenfänger gemeint hatte.
Und zum ersten Mal in ihrem Leben weinte Mireen.

weiter zum nächsten Türchen