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Was die Götter sagen (Eine Erzählung Derbros)

(von Efyriel)

Eine Wolke von Bierdunst und Essensdüften dringt aus dem siebten Türchen, denn es öffnet sich hinein in eine Schenke, die neu ankommenden Gästen kaum mehr einen freien Sitzplatz bieten kann, so voll ist es heute abend...

Ar-Faria war wie immer dagegen, dass sie noch Derbros Erzählung zuhörten. Doch diesmal hatte Garid es geschafft seine Mentorin zu überzeugen noch zu bleiben. 
Wie immer saß der Rothaarige Geschichtenerzähler an seinem Tisch in der hinteren Ecke und hatte einen Krug schäumenden Bieres vor sich. Sein junger Freund Alik, saß ihm gegenüber. Garid beneidete den Jungen darum immer den Besten Platz zum zuhören zu haben. Andererseits war er aber auch ganz froh darüber, dass Ar-Faria zu seiner Mentorin geworden war. Sie und ihr Gefährte Iraso waren freundlich zu ihm und lehrten ihn alles was er wissen musste. Ob dies nun in Sachen Magie, Kampf oder dem Handwerk eines Tischlers war, er konnte sie alles fragen. Iraso erklärte ihm geduldig wie man mit Holz zu Werke ging und fertigte ihm Übungswaffen. Es war eine kämpferische Zeit und auch Garid sollte gerüstet sein, wenn es dazu kommen sollte, dass ihr Dorf angegriffen wurde. Ar-Faria kannte sich mit Magie aus und da Garid darin begabt war lehrte sie ihn den Umgang damit. 
Derbros räusperte sich vernehmlich und es wurde schlagartig still. Wie immer war die Schenke gut besucht und Derbros Geschichten hatten einen nicht geringen Anteil der Leute angezogen. Es hieß sogar einige würden einen Umweg in Kauf nehmen, nur um eine der Erzählungen zu hören. Er mochte es wenn ihm die komplette Aufmerksamkeit der Gäste gehörte. Sein Blick wanderte durch die Reihen seiner Zuhörer. Da waren die üblichen Arbeiter die sich hin und wieder ein Bier nach der Arbeit gönnten. Dort saßen ein paar Reisende, die das Abenteuer und die Gier nach Geschichten angelockt hatte. Lächelnd registrierte er das auch Ar-Faria und Iraso mit ihrem Schüler noch anwesend waren. 
Die beiden hatten den Jungen irgendwo aufgelesen und versuchten nun ihn zu einem anständigen Bürger des Dorfes zu machen. Derbros war sich noch nicht sicher, dass es gelingen würde. Seiner Meinung nach kam der Junge zu selten unter Leute. Vielleicht sollte er heute einmal eine besonders lehrreiche Geschichte erzählen. Ar-Faria mochte seine Abenteuergeschichten nicht besonders. Doch er kannte viele Erzählungen und wenn ihm danach war erfand er auch selbst Geschichten. Was gab es schöneres als Gesellschaft, ein Bier und eine gute Geschichte? 
„Nun, heute will ich euch eine Geschichte über die Götter erzählen," verkündete Derbros und rieb sich seine breite Nase, die über dem rostroten Bart hervor ragte. 
„Was die Götter sagen, ist nicht immer von Frieden Erfüllt, davon handelt diese Geschichte:

Es war vor langen Jahren, als ein Streit unter den Göttern ausbrach, denn sie waren sich uneinig. Ja, jeder von ihnen wollte etwas anderes erreichen und hatte ein anderes Ziel. Auch Götter sind sich nicht immer einig, das sagen uns auch die Priester. Das soll nicht heißen, dass sie ständig streiten, nein es muss schon eine große Meinungsverschiedenheit sein, um einen richtigen Streit auszulösen. 
Da war Ubika, die große und weise Göttin der Gelehrsamkeit und der Künste. Sie überstrahlte alle anderen Götter in ihrer Schönheit und Weisheit. Neben ihr war ihr enger vertrauter Sagorsan, der die Natur und ihre Wesen liebte. Er war eher unscheinbar, doch voller Güte. Bei ihnen standen auch Perikot und Barangil, die beiden Brüder des Kampfes. Ihre Gestalten waren mächtig und prachtvoll gerüstet. 
Ihnen gegenüber standen Aidiama, mit dem schwarzen Haar und Dusdabiaih aus den Höhen. Die eine führte die Toten und bewachte die Reisenden, die andere überblickte den Himmel und wachte über das Wetter. Neben ihnen gab es noch Irb, Fafahi und Dago, welche sich meist eher aus den Taten der anderen heraus hielten. Ihre Fachgebiete waren Liebe, Arbeit und Glaubwürdigkeit. Zwischen allen tanzte Garga umher, die kleine und muntere Göttin der Freude. Es gab der Götter noch mehr, doch sie beteiligten sich nicht an diesem Zwist und sollen hier unerwähnt bleiben. 
Ubika hatte zu diesem Treffen gerufen, sie war mit Aidiama in Streit darüber geraten, ob es sinnvoll sei die Menschen in ihrem Leben zu begleiten. Die weise Göttin war der Meinung, Götter sollten sich aus ihrem Leben heraushalten und lediglich beobachten. Aidiama war gegenteiliger Ansicht, da sie darauf bedacht war auch die schwachen zu begleiten. 
Garga lachte über die Streitfrage und meinte lediglich, die Freude könne sich nicht aus dem Leben der Menschen heraushalten. Dabei stand sie keinen Moment still und sprang zwischen den anderen umher. Sagorsan bedachte sie mit einem freundlichen Lächeln. 
Jede Göttin beharrte auf ihrem Standpunkt und Perikot und Barangil stellten sich schließlich je auf eine Seite. Die Brüder des Kampfes zogen ihre Schwerter und begannen die Sache auf ihre Art auszutragen. Blitze zuckten über den Wolkenverhangenen Himmel und Donner grollte, dass es den Menschen Bange wurde. 
Dusdabiaih sah darin eine Einmischung in ihr Tätigkeitsfeld und reagierte wütend auf die beiden. Es entstand ein brausender Sturm, der die Wolken zerteilen sollte. Regen prasselte hernieder und die Menschen verkrochen sich in die tiefsten Winkel ihrer Häuser. 
Irb nutzte die Lage und sandte übermäßige Liebe zu den Menschen, welche sich in der Enge ihrer Häuser und Hütten in die Arme fielen. Fafahi jedoch versuchte ihn davon abzuhalten. Zwar konnten mehr Menschen auch mehr arbeiten, doch solange der Sturm tobte würde niemand arbeiten können. Dago sah die Glaubwürdigkeit der Priester bedroht, da auch lautes Beten nichts half, weswegen er besorgt in die Runde sah. 
Garga tanzte rund um die Streitenden und verteilte überall da ihre Freude, wo Verzweiflung drohte. Sagorsan sah auf die Erde und ihre Bewohner und wurde grimmig. Mit einem einzigen wütenden Wort brachte er die anderen dazu inne zu halten. 
„Biodakai" – sprach er – „meine Welt". 
Alle Blicke wandten sich dem sonst so ruhigen Gott zu. Bestürzung lag in ihren Blicken. Nur Garga drehte sich weiter im Kreise und erfreute sich der ganzen Aufregung. Das Wetter und das Geschehen der Welt, unbeachtet durch die anderen, wurde so fröhlich und munter wie schon lange nicht mehr. 
Sagorsan forderte die anderen dazu auf hinzusehen und das zu erkennen, was sie angerichtet hatten. Ubika bat ihn als Erste um Verzeihung, ihr folgte Aidiama mit bestürztem Blick. Als sie feststellten, was mit der Welt in diesem Moment geschah und was Garga da tat, mussten sie alle lachen. Die kleinste und unsteteste unter ihnen schaffte die größten Wohltaten auf der Welt.
Als Garga die anderen Götter zusammen lachen sah, blieb sie verzückt stehen und ihr Lächeln überstrahlte alle Dunkelheit dieser Welt. Darum wurde Garga auch zur Göttin von Licht und Wärme.
„Ich denke," so sprach schließlich Sagorsan „Garga hat uns die Frage deutlich beantwortet und ich sollte vielleicht manchmal deine Weisheit in Frage stellen Ubika." 
Die Göttin war ein wenig verwundert ab der Worte ihres Gefährten, doch hatte er wohl recht. So unbeständig Garga auch sonst war, sie hatte ihnen die Antwort geliefert. 
„Das ist wahr Sagorsan. Du hast dich aus Liebe auf meine Seite gestellt, doch lag ich falsch. Wir sollten die Menschen lenken und ihnen helfen, wenn sie nicht weiter wissen," sprach die Göttin." 

Es war heute eine etwas kürzere Geschichte, mit weniger spannenden Stellen, dafür regte sie umso mehr zum Nachdenken an. Ar-Faria war zufrieden, Derbros war ja doch in der Lage vernünftige Geschichten zu erzählen. Garid sah es ihr an, dass sie es nicht bereute, geblieben zu sein. 
„Darum haben wir ja auch viele Götter und verlassen uns nicht auf einen einzigen," meinte Ar-Faria und nickte. „Stell dir vor wir hätten nur Ubika. Es gäbe dann zwar keinen Streit, aber die Welt wäre sicher nicht so vielfältig und bunt." 
Garid nickte ebenfalls. Es klang logisch was seine Lehrerin da sagte und ein einzelner Gott würde sich doch sicher schnell langweilen. Wohin das führen würde, wagte er sich nicht vor zu stellen. Er selbst neigte dazu Unfug zu machen, wenn ihm langweilig wurde. Ein Gott der sich die Zeit damit vertrieb, mit der Schöpfung zu spielen, wäre wohl nicht gerade angenehm. 
Iraso lächelte milde und erinnerte dadurch irgendwie an den ruhigen Gott Sagorsan. Der Junge musterte ihn, ehe er sich mit seiner Münze durch die Menge zu Derbros schlängelte um sie in sein Körbchen zu werfen. Nach solchen Geschichten fanden die Münzen nicht so reichlich den Weg dorthin, wohl würde der Erzähler heute noch eine andere Geschichte erzählen müssen.

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