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Eine Prüfung der Götter? (Eine Erzählung Derbros)

(von Efyriel)

Ein kalter Luftstoß weht von draußen herein, als ein Gast durch das achte Türchen die Schenke verlässt. Die Gäste bemerken es kaum, obwohl es ungewöhnlich still ist. All ihre Aufmerksamkeit gilt dem Geschichtenerzähler in seiner Ecke…

Alik flüsterte seinem Freund Derbros etwas zu, woraufhin dieser zustimmend nickte. Ja, vielleicht war es Zeit die Geschichte zu erzählen. 
„Ihr Leute, es gibt noch eine weitere Geschichte über Sagorsan und Ubika, die ihr sicher noch nicht kennt." Es wurde wieder ruhig und verwunderte Blicke erfolgten in Richtung des Erzählers. Sie alle kannten viele Geschichten über die Götter, wie sollte Derbros da eine gänzlich neue zu erzählen haben? 
„Dann lasst mal hören!" forderte einer der Gäste, der regelmäßig Derbros Erzählungen lauschte. 
„Ihr kennt sicher die Felsenkluft des Fliegenbachtales. Dort trug sich diese Geschichte zu, welche ich selbst erlebt habe." Die Leute nicken und ein Raunen breitete sich im Raum aus. Die Felsenkluft war beinahe allen Anwesenden bestens bekannt. Ihr musste man folgen, wenn man ins Nachbardorf wollte. Ein eher schmaler Weg schlängelte sich an den Felskanten entlang. 

„Es war erst vor knapp drei Jahren, ihr wisst, zu dieser Zeit war ich noch auf Reisen und erzählte meine Geschichten in vielen Dörfern. So also wanderte ich das Tal des Fliegenbaches entlang und dachte nur daran, dass ich in dem kleinen Dorf in der Nähe der Quellfelsen etwas zu essen bekommen würde. Da lief ich also und überlegte für welche Geschichte ich einen Krug Bier bekommen würde, als zwei Wanderer auf mich zu kamen. Ich hatte sie nicht kommen sehen, vielleicht war ich einfach zu tief in Gedanken gewesen. 
Die Frau trug die Ortsübliche Kleidung und der Mann ebenfalls. Sie schienen sich zu unterhalten und ich grüßte nur nebenbei um sie nicht zu stören. Doch als sie mir direkt gegenüber waren blieben sie stehen und der Mann lächelte mich an. 
„Seid Ihr auf dem Weg zu den Quellfelsen?" wollte er wissen. Die Frau warf ihm einen bösen Blick zu, doch ignorierte er diesen einfach. 
„Ja, ich möchte im Dorf nahe der Felsen meine Geschichten erzählen," erklärte ich und entgegnete sein Lächeln. Er schien mir ein höflicher Mann zu sein. 
„Lass uns gehen Sagorsan, es wird bald dunkel!" drängte die Frau. Ich wunderte mich über den Namen, konnte aber nicht glauben, dass es womöglich der Gott selbst war. 
Ehe sie weiter gingen meinte der Mann noch zu mir: „Ihr solltet noch hier an der Höhle rasten, sonst werdet Ihr auf dem schmalen Pfad von der Dunkelheit eingeholt." 
Ich sah den beiden verwundert nach und warf noch einen Blick zur Sonne hinauf. Sicher würde sie noch mindestens eine Stunde genügend Licht ins Tal werfen um mir den Weg zu weisen. Schulterzuckend ging ich also weiter und ließ die Höhle links liegen. Warum sollte ich hier rasten, wenn das Dorf doch nicht mehr weit war? Also dachte ich nicht weiter über die Worte des Fremden nach. Sicher kannte er sich hier nicht genug aus und hatte die Entfernung falsch eingeschätzt. Demnach konnte er garnicht unser Sagorsan sein, dieser hätte sich niemals so sehr verschätzt. 
Doch als nach einer Stunde die Dämmerung einsetzte, war von dem Dorf noch nicht das mindeste zu sehen. Zwischen den nahem Bäumen raschelte es und ich wartete, um zu sehen was sich dort bewegte. Der Weg war gerade so breit, dass zwei Personen aneinander vorbei gelangen konnten. Rechts ging es steil hinauf und links war das Wasser des Baches, welches hier über einige Felsen plätscherte. Da schälte sich eine Gestalt aus der Dunkelheit, welche auf mich zu kam. Es war der Mann, welcher mir bereits vor einer Stunde begegnet war. Iritiert wartete ich bis er heran war. 
„Ich habe Euch doch gewarnt, nicht wahr?" fragte er dann. 
Verwundert sah ich ihn an und nickte leicht: „Ich glaubte Euch nicht, müsste ich doch eigentlich das Dorf längst erreicht haben." 
„Das Dorf ist immer so weit entfernt, wie Ihr es verdient," erklärte mir der Fremde und lächelte leicht. „Es ist möglich, dass eure Eile dafür gesort hat, dass ihr vom Weg abgekommen seid. Wenn Ihr auf meinen Rat gehört hättet, wäret Ihr nun im Gasthaus des Ortes und nicht hier auf dem schmalen Weg in der Dunkelheit." 
„Aber," so kam mir, „Ihr seid ebenfalls hier und seht sicher nicht mehr als ich." Das musste stimmen, denn es war inzwischen fast ganz dunkel geworden. Außerdem fragte ich mich, wie er es geschafft hatte mir erneut entgegen zu kommen. Er war doch bereits an mir vorbei gelangt und weiter hinab gestiegen. 
„Kennt Ihr Sagorsan?" fragte der Mann. 
„Natürlich!" entgegnete ich, überrascht ob der Frage. „Eure Begleiterin hat Euch ebenfalls so genannt, habt Ihr etwas mit unserem Gott zu tun?" 
„Ihr glaubt daran, dass er gütig auf die Wesen dieser Welt sieht?" fragte der Mann nach. „Aber sicher, er ist der Gütigste unter allen Göttern!" Daran glaubt ich, denn so hatte es mich schon meine Mutter gelehrt. 
„Ist es auch gütig, wenn man einen Mann wie Euch in die Irre führt?" wollte er dann wissen. Nun war ich völlig iritiert, war er etwa wirklich ein Gott? Ich hatte mir Götter immer herrlicher und unwirklicher vorgestellt. Da stand plötzlich die Frau neben ihm und ich erschrak, doch er lächelte und sie verzog das Gesicht. 
„Da siehst du es Ubika!" spottete der Mann, „ich bin der Gütigste der Götter! Auch dein Glanz und deine Illusion können nichts daran ändern. Und jetzt lass den armen Mann sein Ziel erreichen, er hat uns einen großen Gefallen getan. Damit hat er auch eine Belohnung verdient." 
Vor meinen Augen nahmen sie eine durchscheinende Gestalt an, es waren Sagorsan und Ubika! Ich konnte es nicht glauben und dennoch, wer sollten die beiden sonst sein? Sagorsan lächelte mich an und dankte mir für meine Worte. Ehe er und Ubika verschwanden hob er die Hand zum Abschied. 
Als sie fort waren, erkannte ich, dass ich mich ein Stück oberhalb der Höhle befand und nicht weit von mir das Dorf zu sehen war. Es konnten kaum mehr als eine halbe Stunde vergangen sein. Es war wohl wirklich eine Illusion gewesen. Das Licht des Gasthauses zeigte mir den Weg und ich konnte sicher dorthin gelangen. 
Hatte Ubika mir diese Illusion gesandt, nur um heraus zu finden, ob ich in meinem Glauben stark war? Ich weiß es nicht, doch Sagorsan glaubte an mich und ich konnte ihm bestätigen das wir an seine Güte glauben. 
Später erzählte man mir, man habe schon öfter zwei Wanderer auf diesem Weg getroffen, doch keiner hatte sie bisher als die beiden Götter erkannt. Vielleicht war es ein Zufall, dass ausgerechnet ich mit ihnen zusammen traf. Jedenfalls war es eine Begegnung die mir Kraft gab und mich darin bestätigte, dass ich das Richtige tue." 

Ungläubiges Gemurmel setzte ein als er endete. Ar-Faria verdrehte die Augen: „Glaubt er etwa, dass kauft ihm jemand ab?" fragte sie. 
„Das tut er," urteilte Iraso und grinste, er wusste genau, dass seine Gefährtin solche Geschichten nicht mochte. Sie hielt sie für angeberisch und vermutlich steckte nicht viel Wahres darin. Garid hingegen war fasziniert. Andere fanden die Geschichte auch interessant und einige Münzen mehr wanderten in das Körbchen, woraus Darbros sein nächstes Bier bezahlen konnte. Einige waren unzufrieden und wollten noch eine andere Geschichte, doch der Erzähler vertröstete sie auf den nächsten Abend. 
Vielleicht hatte der Geschichtenerzähler an diesem Abend vor drei Jahren ein paar Bier zu viel gehabt und Dinge gesehen, die es nicht gab. Warum sollten sich die Götter derart in das Leben der Dörfler einmischen? Die Erste Geschichte hatte doch gezeigt, dass Götter zwar durchaus auch launisch sein konnten und sich stritten, doch ihre Vielzahl sorgte für ein Gleichgewicht. Meist griffen sie ohnehin nur ein, wenn sich große Veränderungen anbahnten. 
Alik lächelte dem älteren Freund zu, er war sich bewusst, dass nur die Hälfte der Leute die Geschichte glaubten und davon wieder die Hälfte glaubte, Derbros habe sie sehr ausgeschmückt. Aber das spielte keine Rolle, er war davon überzeugt, dass sie stimmte. Sicher hatten die Götter den Erzähler geprüft und seine Antwort hatte ihnen gefallen. 
Ar-Faria und Iraso nahmen ihren Schützling mit sich und verließen die Taverne, da es schon später Abend war. Garid dachte noch lange darüber nach, was ihm die Geschichten gesagt hatten. Vielleicht sollte er auch einmal allein den Weg zum Nachbardorf gehen.

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