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Auf Messers Schneide

(von RedScorpion)

Rostig und feucht ist der Rahmen des elften Türchens. Es liegt mitten in einem schummrigen Tunnel, der im Moment nur ein einziges Wesen beherbergt…

Tropf, Tropf, Tropf...
Das Geräusch hörte nicht auf.
Tropf, Tropf, Tropf...
Es wurde immer lauter. 
Tropf, Tropf, Tropf...
Langsam öffnete Es die Augen. Es erwartete, dass ihm helles Sonnenlicht in die Augen stechen würde, doch umgab Es blasse, grüne, kranke Helligkeit, die von schimmelartigen Gewächsen ausging, die an den umgebenden Tunnelwänden wuchsen. Mühsam richtete Es sich auf und schaute sich um. Es hatte in einer Wasserlache in einer Art Abflussrohr gelegen, die sich aus einem dünnen, metalischen Metallrohr speiste, das hinter ihm aus der grauen Wand ragte. 
Plötzlich hämmerte es in seinem Kopf, sodass Es sich mit einer seiner Hände an der Wand abstützen musste. Nachdem der Anfall abgeklungen war, durchfuhr Es ein Schrecken als Es seine Hand sah. Es waren schwarze, dünne Klauen, die kaum ein Gefühl übertrugen. Es wusste, dass die Wand, an der seine Hand kurz vorher geruht hatte, feucht sein musste, doch Es spürte es nicht. Es blickte weiter an sich herab. Die Arme ebenso schwarz und dürr, der Oberkörper aus einem kupferfarbenen Drahtgeflecht, die Beine dünne, verkohlte Stumpen. 
Aber warum wunderte Es sich überhaupt? Es wusste nicht so recht, was Es eigentlich erwarten sollte. Jedoch wusste Es auch, dass Es eben nicht so war, wie Es sein sollte. Aber wer war Es selbst eigentlich? Panik stieg in ihm auf, als Es sich selbst die Frage nicht beantworten konnte. Es wusste doch, dass Es jemand sein musste.
Was machte Es überhaupt hier? War Es entführt worden? 
Auch das wusste Es nicht. Genausowenig wie seinen Namen. 
Der Tunnel führte einige Schritte in die andere Richtung, bevor er sich leicht bog. Es beschloss nun endlich loszugehen und mehr über das Hier herauszufinden. Nach kurzes Zeit hatte Es die Kurve erreicht, hinter der es in geringer Entfernung einen Ausgang zu geben schien. Zumindest wurde es heller. In Richtung Helligkeit lief Es an den schimmelgrünen Wänden entlang, in der Hoffnung auf Licht und Antworten. 

Die menschenähnliche Gestalt bedeckte ihre Augen, als sie den Tunnelausgang erreichte. Niedergeschlagen merkte Es, dass es doch nicht die gleißende Helligkeit war, die Es eigentlich erhofft hatte. Die Umgebung war nebelverhangen und in trübes Licht getaucht, sodass Es nicht weit sehen konnte. Doch was es erkennen konnte, war nur trostlos. Graubrauner, schlammiger Boden und Schrott und Müll. Aber wieder wusste Es eigentlich nicht, warum Es etwas anderes erwartete. Und da fiel es ihm ein. Die Sonne! Ja genau! Es hatte Sonne erwartet. Vor seinem inneren Auge sah Es eine grüne Wiese mit Gras und vom Himmel leuchtete es gleißend hell herab. Das war die Sonne und auf der Wiese war Gras. Frisches, grünes Gras. Es erinnerte sich an den Geruch von frisch gemähtem Rasen. Es wurde aus seinen Erinnerungen gerissen, als Es etwas hörte. Ein Rumpeln, aber dabei auch ein Geräusch, das scharfes Metall verursacht, wenn es grob auf anderes Metall trifft. Aus dem Nebel schälte sich langsam die Silhouette einer schwebenden Kugel aus Metallschrott, der innerhalb der unsichtbaren Grenzen der Kugel in rasendem Tempo rotierte. Man brauchte nicht viel Fantasie, um zu erahnen, was mit jedem lebenden Wesen passieren würde, dass zu nahe an die Entität geriet. Es verfiel in Panik und rannte so schnell wie möglich weg von der Schrottkugel, die es anscheinend auf Es abgesehen hatte. Es rannte so schnell von der Kugel weg, wie es konnte, aber der Abstand wurde nicht geringer. Hastig stolperte Es einen flachen Hügel hinauf, der aus nassem Schlamm bestand, auf dem Es immer wieder ausglitt. Die Kugel hatte Es fast auf der Kuppe erreicht, als Es sich fallen ließ und den Berg herabkullerte. Vor Schreck, dass die Kugel Es fast erreicht hatte, schrie Es auf und versuchte sich wieder zu fangen, als sich ein kleiner Spalt auf der Schräge des Hügels vor ihm auftat, in den das menschenähnliche Wesen hineinfiel. Es versuchte sich am Rand der kleinen Grube festzuhalten, aber starke Hände zogen es hinab, warfen Es zu Boden und verschlossen die Luke gleich hinter ihm wieder. Von hellem Licht geblendet und festgehalten, versuchte Es sich loszumachen und um sich zu schlagen. Doch der Griff war zu fest und allmählich klärte sich sein Blickfeld. Vor ihm stand ein Wesen mit eingefallenem Gesicht, dass von einer dicken, schwarzen Brille dominiert wurde. Es hatte genauso dürre Gliedmaßen wie es selbst, die der Stärke, die anscheinend in ihnen steckten, spotteten. 
„Hast du dich wieder beruhigt edle Dame? Ich habe dich schon eine ganze Weile beobachtet, musste aber warten, bis du in die Nähe einer unserer Luken kommen würdest", erklärte das andere Es mit einem spottenden Unterton. Die Augen des angesprochenen Wesens weiteten sich. Es war also eine Frau. Vor ihrem inneren Auge erschienen nun Bilder von Menschen mit feinen Gesichtern und vorwiegend langen Haaren. 
Erst spät reagierte sie mit einem zögerlichen Nicken auf die Frage, nachdem das andere Wesen sie schon längst losgelassen hatte, als sie aufgehört hatte sich zu wehren. Jede Menge Fragen rasten durch ihren Kopf und jetzt sprudelten sie aus ihr heraus: „Wo sind wir? Wie bin ich hier hingekommen? Was sind wir? Was war das hier draußen? Wie heißt du?" 
Das andere Wesen machte eine beschwichtigende Geste und führte sie durch einen kurzen Gang, der einfach in die Erde gegraben worden war, in einen kleinen Raum in dem nur eine alte Couch stand. 
„Setz dich doch!", sagte das andere Wesen und nahm demonstrativ auf dem alten Möbel Platz. 
Kurz entschlossen setzte sie sich ebenfalls, so weit weg wie möglich von dem anderen. Ruhig und mit einer etwas heiseren Stimme begann es zu erzählen:
„Ich bin Rosti. Zumindest werde ich so genannt. Wir sind die Erwachten und wir sind in den Niemandslanden, oder auch die Welt im Nebel genannt. Was das da oben ist... Sagen wir etwas, was uns nicht freundlich gesonnen ist. Wie du hier hergekommen bist?..." Es machte eine kurze Kunstpause und kicherte dann, was sich anhörte wie eine mit Schrauben gefüllte Dose. „Also hier in meinem bescheidenen Außenposten bist du durch die Luke gekommen, mehr weiß ich auch nicht. Auf jeden Fall bist du jetzt hier... Wie soll ich dich denn nennen?"
Sein Gegenüber hob nur traurig die Schultern. Rosti überlegte einen Moment und sprach dann:„Ja… Fallen. Ich nenne dich Fallen. Was hältst du davon?" Sie nickte nur kurz und dankbar und grübelte dann weiter über sich selbst nach. „Mit der nächsten Ablösung bringe ich dich zurück in die Stadt. Ruh dich jetzt ein wenig aus."
Daraufhin verließ Rosti das Zimmer in einen anderen Tunnel, der von dem Raum abzweigte und ließ sie allein mit ihren Gedanken auf der Couch zurück. 

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Rosti pfeifend wieder und führte sie wieder durch einen anderen Tunnel, der von Gaslampen sporadisch erleuchtet war. Er war etwas angespannt, hatte nun eine Kettenweste angezogen und trug einen Stab in der Hand an dessen Ende eine aufgeklappte Schere mit Draht festgebunden war. Woher sie wusste, dass es eine Schere war und wie man sie benutzte, wusste sie auch nicht, was sie fast rasend machte. Durch eine schwere Eisenluke verließen sie das Erdreich, um an die trostlose Oberfläche zu kommen. Sie befanden sich in einer trüben, nebelverhangenen Schrottebene. Jedoch blinkte vor ihren Füßen etwas. Es war ein kleines, graviertes Namensschild aus Metall. Auf ihm stand ein Name. „Paula" , las sie. Der Name weckte etwas in ihr. Sie spürte, dass er zu ihr gehörte. „Rosti... Sagt dir der Name Paula etwas?", fragte sie vorsichtig. Schlagartig änderte sich seine Miene. Die Gedanken und das Uhrwerk rasten in seiner Brust, dann umarmte er sie heftig. „Ja! Du bist meine Geliebte!", sagte er laut schluchzend. „Ich bin dein geliebter Mark." Und jetzt fiel es auch ihr wieder ein. Erinnerungen strömten ihr Gedächtnis.
Sie mit Mark in einem Restaurant bei Kerzenschein. Sie in seinen Armen. Sie allein auf einer Parkbank mit ihm. Dann sie beide in einem Auto. Plötzlich kommen sie von der Fahrbahn ab. Mark neben ihr mit blutendem Kopf. Er liegt in einem Krankenhauszimmer, vollgestopft mit Schläuchen, die ihn am Leben halten. Dann sie wieder alleine. Eine Pistole liegt in ihrer Hand, die sie auf sich selbst richtet...
In ihren Armen sprach Rosti, alias ihr geliebter Mark wieder: „Du bist gekommen, um mich wieder zu retten!"
„Ja", antwortete Paula. Hand in Hand sackten die beiden Wesen zusammen. 

In zwei verschiedenen Krankenzimmern des selben Krankenhauses erwachten gleichzeitig wieder zwei Menschen, die eigentlich für tot gehalten worden waren.

weiter zum nächsten Türchen