Idiotenbruder

(von Silph)

Der Marktplatz, auf den das zwölfte Türchen führt, wird von einem Flickenteppich aus farbenfrohen Baldachinen überspannt, um die stärksten Sonnenstrahlen von den Kunden fernzuhalten. Menschen von nah und fern - viele in nicht minder farbenfrohen Gewändern - tummeln sich unter ihnen, sie erwecken den Platz in einem Gewirr von Licht und Schatten zum Leben. Einer von ihnen ist ein zerlumpter Junge, der sich zielstrebig durch die Menge bewegt...

Als der Händler ausholte, stürmte Ralukha heran, laut schimpfend und Kihon mit Verwünschungen bedeckend, und genau das war es, was den Händler zurückhielt. Überraschung. Er senkte die Hand nicht, aber er schlug nicht zu, während Ralukha Kihon eine Kopfnuss versetzte.

„Ich habe dir gesagt, du sollst am Brunnen auf mich warten!" schimpfte er. „Kannst du nicht einmal das tun, was ich dir sage? Ich weiß wirklich nicht, womit ich dich verdient habe! Nutzloser Idiot! Ich hoffe, er hat euch keine Unannehmlichkeiten gemacht?" wandte er sich nahtlos an den Händler. „Etwas zerbrochen? Zerstört? Nicht? Oh, das ist gut." Er gab Kihon einen weiteren Stoß. „Dummer Bengel. Entschuldige dich!"
„Aber ich…"
„Halt den Mund! Werter Herr, Ihr müsst entschuldigen. Mein kleiner Bruder ist nicht so ganz…" Ralukha deutete ein verlegenes Grinsen an und machte ein paar vage Gesten. „Ihr wisst schon. Darum muss ich auf ihn aufpassen, aber das ist nicht immer so einfach, wenn man auf dem Markt…"
„Hey!" empörte sich Kihon und fing sich einen Ellbogenstoß dafür.
„Ich bitte vielmals um Vergebung, sollte er Euch belästigt haben." Ralukha machte eine Verbeugung, griff in Kihons Nacken und zwang ihn, sich ebenfalls zu verbeugen. Mehrmals. Dabei entschuldigte er sich ununterbrochen weiter.
„Ihr seid beide nutzlose Bengel!" unterbrach der Händler schließlich grollend. „Weg von meinem Stand jetzt!"
Ralukha öffnete den Mund, aber der Mann hob die Hand drohend höher, also packte Ralukha Kihon am Kragen und zerrte ihn mit. Zwang ihn, in ein paar Schritten Entfernung nochmals stehenzubleiben und sich vor dem Händler zu verbeugen, dann griff er seinen Arm und sie rannten davon. Über den ganzen Markt, durch eine Seitenstraße, über einen Hof, durch ein Tor und dann schubste Ralukha Kihon zu einer Leiter.
„Rauf!" befahl er. Kletterte ihm nach und zwang ihn so, das hohe Tempo aufrecht zu erhalten, bis sie oben auf dem Dach ankamen. Kihon natürlich als Erster, und so war Ralukha auf die Tirade gefasst, die losbrechen würde, als er sich über die niedrige Brüstung schwang. Kihon war außer Atem, aber so sehr nun auch wieder nicht.
„Was sollte das denn?" herrschte er Ralukha an. „Diese ganze alberne Geschichte von deinem kleinen Idioten-Bruder? Wieso hast du dich überhaupt eingemischt? Ich hatte alles unter Kontrolle. Ich hätte dem fetten Schwachkopf problemlos ausweichen können! Der ist viel zu langsam, um mich zu treffen!"
„Und dann?" knurrte Ralukha zurück. „Hättest du zurückgeschlagen?"
„Der hätte keine Chance gegen mich gehabt!"
„Und genau das ist es! Du kannst nicht in diesen Lumpen herumrennen und Leute auf dem Markt zusammenschlagen!"
„Er hat angefangen!"
„Natürlich hat er angefangen! Er hat dich für einen Dieb gehalten!"
„Ich habe nicht versucht, etwas zu stehlen."
„Das wäre ja auch noch schöner gewesen", empörte sich Ralukha. „Du kannst dich nicht einmal glaubwürdig für einen Bettler ausgeben! Bettler schlagen keine ehrbaren Händler zusammen! Zumindest nicht am helllichten Tag mitten auf dem Markt!"
„Als ob ich das nicht wüsste!"
„Dann tu es nicht!" brüllte Ralukha. „Wenn du einen Bettler darstellen willst, kannst du nicht reagieren wie ein Prinz."
Kihon öffnete den Mund, und für einen Moment glaubte Ralukha, er würde tatsächlich „Aber ich bin ein Prinz!" antworten oder etwas ähnlich Bescheuertes. Etwas, was sie keinen Schritt weiterbrachte hier, genauso wenig wie die anderen albernen Dinge gerade. Aber Kihon war auch nicht dermaßen blöd, und so fiel ihm gerade in letzter Sekunde selbst auf, wie dämlich er sich gerade anstellte.
„Oh", sagte er nämlich.
Ralukha seufzte. „Na, immerhin", bemerkte er sarkastisch.
„Tut mir leid", antwortete Ralukha. Er versuchte ein Grinsen. „Idiotischer kleiner Bruder, was?"
Ralukha verdrehte die Augen. „Vielleicht sollten wir versuchen, dir die Rolle beizubringen. Könnte erfolgversprechender sein."
„Es lief gut", verteidigte sich Kihon. „Bis er angefangen hat, mich zu beleidigen."
„Er hat dich nicht beleidigt", korrigierte Ralukha genervt. „Er wollte dich loswerden, weil dir anzusehen war, dass du nichts kaufen wirst. Aber dann bist du auf die bescheuerte Idee gekommen, dich daran zu erinnern, dass du ihm körperlich überlegen bist. Das hat deine ganze Körpersprache verändert und darum ist die Sache eskaliert."
„Er hätte mich nicht schlagen können."
„Ja, eben. Das versuche ich die ganze Zeit, dir zu sagen. Wenn du in den Klamotten da herumläufst, kannst du es dir nicht leisten, zu signalisieren, dass du jeden Angriff abwehren wirst. Dann wirst du angegriffen."
„Aber wenn ich…"
„Finde ich das toll und großartig und bewundere dich unendlich dafür, wenn du das willst", unterbrach Ralukha. „Abgesehen davon ruiniert es deine gesamte Verkleidung. Es reicht nicht, so auszusehen wie das, was du darstellen willst. Du musst dich auch so verhalten. Dich so halten."
„Wenn er mich beleidigt…"
„Beleidigt er das, was er sieht. Das heißt, bis dahin warst du ganz gut. Recht glaubwürdig. Aber dann hast du dich aufgerichtet."
Kihon runzelte die Stirn. Ralukha seufzte wieder.
„Was glaubst du, warum du seit deiner Kindheit ständig angehalten wirst, dich aufrecht zu halten?" fragte er geduldiger. „Dich ordentlich zu setzen, den Kopf gerade zu halten, das Kinn zu heben, Menschen in die Augen zu sehen, all der Kram?"
„Gute Manieren?" Es klang wie eine Frage. Kihon wusste, es war die falsche Antwort, aber zuzugeben, dass er keine Ahnung hatte, stand außer Frage.
„Deinen Platz behaupten", korrigierte Ralukha. „Egal, was für ein Platz das ist, du musst dich entsprechend halten, damit es glaubwürdig ist."
„Darum die ganze Verbeugerei grade?"
„Und das ganze Getue, ja." Ralukha zog zwei Orangen hervor und reichte Kihon eine davon. „Aber ich schätze, für deinen ersten Versuch war's okay. Wir üben vor dem nächsten halt intensiver."
„Wo hast du die her?" fragte Kihon statt einer Antwort.
„Von dem Händler, den du nicht bestohlen hast", antwortete Ralukha einfach. „Je länger ich drüber nachdenke, umso besser finde ich die Idee mit dem idiotischen Bruder. Das lenkt ab… auch an der Rolle müsstest du natürlich erst noch eine Weile üben."
Kihon zog eine Grimasse.
„Und deine Eitelkeit ablegen", ergänzte Ralukha grinsend. „Ja, ich glaube, das wird eine sehr nützliche Lektion. Wenn du erst mal glaubhaft sabbern kannst…"

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