Rendezvous

(von Nemedon)

Das vierzehnte Türchen verbirgt sich im Dunkel zwischen einigen Bäumen, durch die sich ein im Sternenlicht bleicher Pfad auf den nächtlichen Strand hinausschlängelt. Alles scheint ruhig - doch… hat sich dort vorne nicht etwas bewegt? 

Vrona schreckte hoch. War sie etwa eingenickt? Das stete Rauschen der Brandung und die lauwarme Nacht mussten sie eingelullt haben. Mit Sicherheit hatte die Müdigkeit nach dem Tagwerk ebenfalls ihren Teil dazu beigetragen. Doch war da nicht gerade ein Geräusch gewesen? Vrona spitzte ihre Ohren und blickte sich in den Sanddünen um.
Eine dunkle Gestalt eilte mit fliegender Mähne am flachen Stand unterhalb von ihr entlang. Erst als er nur noch wenige Meter von ihr entfernt war, erkannte sie ihn im Sternenlicht.
„Dékon!", rief sie halblaut, um das Meer gerade noch zu übertönen. „Hier bin ich."
Der Gerufene verhielt augenblicklich im Schritt und stapfte durch den feinen Sand zu ihr hoch.
„Vrona, wo hast du gesteckt?", fragte Dékon knurrend. „Ich bin bereits einmal den kompletten Strand bis zum Clanhaus abgelaufen."
Obwohl er offenbar wütend klingen wollte, konnte sie seiner Stimme entnehmen, wie froh er in Wirklichkeit war, sie gefunden zu haben. So senkte sie den Blick, und neigte entschuldigend den Kopf leicht zur Seite. „Tut mir leid, Dékon. Heute gingen meine Eltern so früh schlafen, dass ich mich früher aus dem Haus schleichen konnte." Sie schielte ihn von unten an. „Ich fürchte, ich bin eingeschlafen, während ich auf dich wartete."
Seine Züge entspannten sich bei ihren Worten sichtlich. Sanft ergriff er ihre Schultern, nur um sie fast übergangslos zu umarmen. „Ach Vro. Hauptsache es geht dir gut."
Glücklich schmiegte sie sich an seine breite Schulter. Die eingeflochtenen Holzperlen in seinen Bart störten sie nicht, zeugten sie doch davon, dass er kürzlich das Übergangsritual zum Mann bestanden hatte. So standen die Zwei eng umschlungen, ohne sich zu rühren. Als wenn der Augenblick für sie nie vergehen sollte. Sowohl einander als auch den Moment für immer festhalten wollend.
Nach einer gefühlten Ewigkeit ließen die Beiden dann doch zumindest soweit voneinander ab, dass sich ihre Blicke wieder trafen. Langsam beugte sich Dèkon zu ihr herab, bis sich ihre Nasen berührten. Liebevoll rieben sie sie aneinander, bis er seinen Kopf in ihrem kurzen Haar vergrub und tief ihren Duft einsog. Mit leisem Knurren wanderte seine Nase abwärts zu ihrem Hals, während sie atemlos in seinen Armen lag.
„Warte", flüsterte sie, während ihre Hand kraftlos versuchte ihn von sich zu schieben. Doch Dékon reagierte nicht darauf. Fordernd begann er an ihrem Hals zu knabbern.
„Stop!", entfuhr es Vrona. Mit einem Schmerzenslaut taumelte ihr Freund unvermittelt zwei Schritte rückwärts und griff sich an die Brust.
„Verdamm, Vro! Was sollte denn das?", stieß er zornig hervor.
Wütend fauchte sie zurück. „Diese Frage steht doch wohl eher mir zu!" Vrona stemmte ihre Hände in die Hüften, während sie heftig durchatmete. „Was bei den Göttern ist in dich gefahren?"
Für einen Sekundenbruchteil wirkte es fast so, als wenn er sich auf sie stürzen wollte. Ob seine Zurückhaltung seiner Selbstbeherrschung oder seinem Schmerz geschuldet war, wusste sie nicht zu sagen. Doch sein wilder dunkler Blick schien mit jedem Herzschlag klarer zu werden, je länger sie einander anstarrten.
Schließlich stieß Dékon einen Seufzer aus. „Ich …", begann er nach Worten suchend. „Es ging mit mir durch. Entschuldige Vro." 
Auch ihre Stimme verlor an Schärfe. „Du weißt doch, dass ich jünger bin als du. Hab noch etwas Geduld."
Missmutig schaute ihr Freund auf ein sich im Wind wiegendes Federgrasbüschel zu seinen Füßen. Er hüllte sich in Schweigen, während sie vergeblich seinen Blick suchte. Nach einer Weile entfuhr ihr ebenfalls ein, wenn auch verhaltener, Seufzer.
Sie musterte ihn, wie er so still vor ihr stand. Die abstehenden hellen Haare, die fast seine Ohren verbargen. Der langsam länger werdende Wangenbart, der gerade mal die ersten Perlen zu halten vermochte. Die locker fallende Weste über seiner ansonsten nackten Brust, sowie die übliche knielange Hose mit einer dunklen Schärpe um die Hüfte. Seine nackten Füße wirkten noch immer ein wenig verkrampft.
Vrona fasste sich ein Herz und trat eine Schritt auf ihn zu. Zögernd griff sie mit ihrer Rechten nach seiner Hand, die noch immer auf seiner Brust ruhte. Irritiert registrierte sie ein paar glitzernde Tropfen auf ihren dunklen Nägeln. Sie zog ihre Hand ein Stückchen zurück und stellte entsetzt fest, dass etwas Blut und Haare an ihren Fingerspitzen klebten.
Mit geweiteten Augen griff sie mit beiden Händen nach seiner Brust, doch wagte sie nicht seine Hand wegzuzerren.
Mit belegter Stimme hob sie an: „Zeig mir das mal bitte."
„Ist schon gut", erwiderte er ruhig. 
„Es ist nicht gut, Dékon." Ihre Gedanken überschlugen sich. Energischer fuhr sie fort: „Dékon K'Témis! Zeig mir sofort deine Brust."
Widerwillig ließ er seine Hand sinken, die vier offene Furchen in seiner Brust offenbarte. Blut hatte sein Brusthaar dunkel verfärbt und troff nun ungehindert seinen Bauch hinab.
Kurz nur starrte Vrona auf die Wunde, dann griff sie zu ihrer eigenen Schärpe und riss sie der Länge nach entzwei. Mit flatternden Händen versuchte sie mehr schlecht als recht die eine Hälfte des Stoffgürtels um seine Brust zu wickeln. Vrona kämpfte sowohl mit dem Stoff, als auch mit seiner Weste, als auch mit ihren vor Nervosität fahrigen Fingern. Zumindest so lange, bis Dékon ruhig aber fest ihre Hände ergriff, und sie damit zwang zu ihm aufzuschauen.
„Atme erst mal durch, Vro." Tief blickte er ihr in die Augen. „So kann das nichts werden. Lass mich erst mal hinsetzen und die Weste ausziehen." Leicht neckend fügte er noch hinzu: „Danach darfst du gerne noch mal versuchen mich zu verarzten, kleine Wildkatze."
Da Vrona sich nicht zu entscheiden wusste, ob sie ihn dafür ohrfeigen oder küssen sollte, beschloss sie seinem Vorschlag vorerst zu befolgen und nickt einfach.
Dékon entließ ihre Hände aus seinem Griff, streifte sein Oberteil von den Schultern und lies es achtlos in den Sand fallen. Vro hätte schwören können, dass er dabei leicht geschmunzelt hatte. Dieser Mistkerl löste ein regelrechtes Wechselbad der Gefühle in ihr aus. Heute stärker, denn je. Zumindest ihre Finger gewannen zunehmend ihre alte Sicherheit zurück, als sie ihn erneut verband. Kritisch prüfte sie den Halt der Stoffbahnen. Sie sahen nicht perfekt aus, doch der Verband erfüllte zweifelsohne seinen Zweck, wie sie nicht ohne einen gewissen Stolz feststellte. 
Als sie Dékons Blick auf sich ruhen spürte, schmolz ihre gerade wiedergewonnene Selbstsicherheit allerdings dahin. Natürlich bemerkte er das und wackelte mit den Ohren, auf die Art und Weise, die sie stets zum Lachen brachte. Mistkerl!
„Lass uns einfach da vorne auf die Düne legen und die Sterne beobachten", schlug Dékon vor.
So etwas hatten sie beim ersten nächtlichen Treffen ebenfalls gemacht. Die damit verbundene Ursprünglichkeit und Unverfänglichkeit der Situation beruhigte Vronas strapaziertes Nervenkostüm ein wenig.
So lagen sie, Seite an Seite, an der Flanke eines spärlich bewachsenen Hügels und starrten in den Himmel. Der Wind trug die Gerüche des Meeres heran und der feine Sand unter ihr fühlte sich weich und angenehm kühl an. Als der zweiunddreißigste Teil eines Tages verstrichen war, versank auch Tinés, der kleinste der Monde, hinter dem Meer. Eine langgestreckte ellipsenförmige Sternenansammlung, die sich von Horizont zu Horizont erstreckte, zeichnete sich nun deutlicher ab als zuvor.
Ungewollt durchlief Vrona ein Schauer bei diesem Anblick. Dékon musste es aus dem Augenwinkel bemerkt haben, denn er wandte ihr den Kopf zu.
„Ist dir etwa kalt? Möchtest du nach Hause, Vro?" 
„Nein." Sie schüttelte den Kopf. „Ich musste nur gerade an die Geschichten über das Dämonenauge denken."
„Ernsthaft?", fragte Dékon. „Das ist doch nur ein Märchen, dass man den Kindern erzählt, wenn sie nicht ins Bett gehen wollen." Er setzte sich auf und hob mit theatralischer Geste an: „Das böse Dämonenauge sucht noch immer nach uns im Dunkeln der Nacht. Sollte es uns jemals finden, kehren die bösen Götter zurück und fressen uns alle auf." Bei den letzten Worten kippte Dékons Stimme zunehmend ins Kichern.
Vrona knuffte ihn in gespielter Empörung in die Seite. „Hör auf mich aufzuziehen. Nur weil ich an die Götter glaube, bedeutet das noch lange nicht, dass ich nicht weiß, was das da oben ist."
„Ach, wirklich?", frotzelte Dékon fröhlich weiter.
„Ja, wirklich!" Sie blickte wieder zu den Myriaden von Sternen, aus denen das Auge der Dämonen bestand. „All das sind Sonnen, ähnlich unserer Eigenen. Doch was sagt dir, dass dieses Märchen nicht einen wahren Kern enthält? Das dort", wobei sie mit ausgestrecktem Arm nach oben wies, „nicht irgendetwas Furchterregendes auf uns lauert."
„Hm", sinnierte ihr Freund, „dann brauchen wir nur bis zum ersten Jahresgeviert warten, denn dann ist das Dämonenauge vom Nachthimmel abgewandt."
„Vielleicht", antwortete Vrona unsicher. „Doch die Sterne sind doch eigentlich immer da, oder?", grübelte sie.
„Ach, ist doch egal", fuhr sie nach kurzer Pause fort. „Erzähl mir lieber mal, ob du ernsthaft darüber nachdenkst, dem Orden beizutreten. Glaubst du deine Eltern stimmen dem zu?"

Nach einem achten Teil eines Tages verfärbte das Morgenrot schließlich den Himmel.
„Jetzt muss ich aber wirklich zurück", gähnte Vrona.
Mit wehmütigem Lächeln nickte Dékon. „Treffen wir uns nächsten Voll-Tisén wieder hier am Strand?" Klang da etwa ein Hauch Unsicherheit mit in seiner Stimme?
„Natürlich." Sie schenkte ihm ihr schönstes Lächeln, das ihre Eckzähne entblößte. Zärtlich strich sie über die Härchen an seinen spitzen Ohren, bis das Kitzeln ihn unwillkürlich mit den Lauschern zucken ließ.
Deutlich erkannte sie, wie seine senkrechten Pupillen sich durch das zunehmende Licht zusammen zogen. Sie hätte ewig in diese herrlich rotgoldenen Augen blicken können.
Dékon erhob sich und zog sie mit sich hoch. „Auf bald Vro." Plötzlich nahm er eine feierliche Haltung ein. Er fuhr die schwarze Kralle seines Daumens aus und strich damit langsam sein Brustbein hinab bis zum Bauch. Dabei rezitierte er feierlich die ersten Worte der Bindung: „Ich, Dékon K'Témis, schwöre hiermit beim Blute des Clans Nehéma, dich mit meinem Leben zu schützen."
Völlig perplex starrte Vrona ihn an. Doch dann stahl sich wieder das schalkhafte Lächeln auf seine Züge, bei dem sie immer rätselte, ob er etwas ernst meinte, oder sie nur veralberte. Kurz nickte er ihr zu, dann rannte er unvermittelt los in Richtung des Hofes seiner Sippe.
Hatte er das gerade ernst gemeint? Wollte er tatsächlich den Bund mit ihr eingehen, wenn sie alt genug geworden war? Ihr Innerstes kribbelte, als wenn es mit perlendem Mineralwasser angefüllt worden wäre. Ungläubig imitierte sie Dékon, indem sie das Schwurzeichen auf der eigenen Brust nachzog.
Der Himmel verfärbte sich bereits zusehends. Ein deutliches Anzeichen dafür, dass die Sonne in Kürze über den Horizont spähen würde. Rasch klopfte sie den Sand aus ihrem Kurzhaarfell, dann spurtete sie nach Hause, ein freudiges Knurren im Hals.

weiter zum nächsten Türchen