Das Verhör

(von Amanita)

Das sechzehnte Türchen mündet in einen langen weißgetünchten Korridor mit vielen Türen, deren einziges Unterscheidungsmerkmal die schlicht gehaltenene Beschilderung ist. Was hinter diesen Türen vorgeht, nun…

Die sarilische Geheimpolizei war dafür verantwortlich ausländische Spione, Terroristen, Aufrührer, Serienmörder sowie Land-und Wasserschänder aus dem Verkehr zu ziehen. In Sarilien selbst fand sich von diesem Gesindel nicht allzu viel, doch mit ausländischen Spionen hatte das Land immer wieder zu kämpfen. Die Arunier spionierten in Sarilien genauso wie überall sonst auch und die Avechai waren dort ebenfalls sehr aktiv. Die Geheimdienste beider Länder zeichneten für eine nicht geringe Anzahl an Sabotageakten und Mordanschlägen verantwortlich, doch dank der Geheimpolizei hielt sich ihre Erfolgsrate sehr in Grenzen. 
Deshalb war Orvan siru Avenco auch so stolz darauf, bei dieser Behörde zu arbeiten und seinem Land auf diese Art zu dienen. Dies tat er seit Ende des Krieges, also seit ungefähr zwanzig Jahren. 
Orvan verfügte über nicht unerhebliche magische Fähigkeiten, sie waren eine der Zugangsvoraussetzungen. Mentale Magie war eine der wichtigsten Waffen der Geheimpolizei. Falls er darauf getestet worden wäre, hätte man Orvans Gabe wohl als Natriummagie bezeichnet, doch er legte auf solchen Firlefanz keinen Wert. Zum Frühstück verspeiste er jeden Morgen ein ordentliches Stück Schinken, am liebsten vom Wildschwein und dann kam er auch gut durch den Tag.

An einem sonnigen Frühsommertag musste sich Orvan mit einem recht ungewöhnlichen Fall beschäftigen.
Zwei Beamten seiner Abteilung führten eine junge Frau oder eher ein Mädchen in den Verhörraum. Das erste, was an ihr auffiel, war ihr Aufzug. Sie trug einen sehr kurzen Rock und ein extrem eng anliegendes Oberteil, das nicht ganz herunterreichte, sondern eine Speckfalte zwischen den beiden Kleidungsstücken freiließ. Augen und Lippen waren beide unnatürlich angemalt. Es handelte sich hier ganz offensichtlich nicht um eine Sarilerin und auch nicht um eine Besucherin, die sich bemühte, nicht aufzufallen. 
Per Gedankenübertragung wandte Orvan sich an seine Mitarbeiter: „Warum ist die hier? Das ist doch was für die Behörde für Verstöße gegen die öffentliche Ordnung."
„Vermutlich arunische Spionin", erfuhr Orvan. „Angeblich mit ihrer Schule hier. Komplizen sind ebenfalls hier. Keine Waffen oder Magie."
Orvan bedankte sich für die Informationen und sagte: „Ihr könnt mich dann mit der jungen Dame allein lassen."
„Jawohl Doniku."
Die beiden verließen den Raum und Orvan wandte sich der jungen Arunierin zu. Sie war recht blass im Gesicht soweit man das unter der vielen Farbe erkennen konnte.

„Was soll das hier eigentlich? Ich habe überhaupt nichts gemacht. Wir haben nur an unserem Schulprojekt gearbeitet", sagte die Arunierin. „Warum werde ich deswegen festgenommen?"
Sie ging offensichtlich davon aus, dass Orvan Arunisch sprach, was auch der Fall war. Trotzdem ärgerte ihn diese arunische Arroganz. Arunier glaubten immer, ihr Land wäre der Mittelpunkt der Welt. Ob es in Arunien üblich war, so mit der Polizei zu reden? Kein Sariler hätte sich das getraut.
„Ich stelle hier die Fragen und du gibst Antworten", stellte er klar. Das Mädchen war nicht älter als sechzehn und in Sarilien war es grundsätzlich üblich, Menschen gleichen oder niederen Ranges zu duzen. Die Anrede Bürgerin traf hier auch nicht zu, weil sie ja keine war.
„Wie heißt du?"
„Lorina, Lorina Mellea."
Das schien die Wahrheit zu sein. Jedenfalls wenn die Arunierin nicht gelernt hatte, ihre Gedanken abzuschirmen. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.
„Gut, Lorina. Weshalb haben die Kollegen dich hierher gebracht?"
„Ja, das weiß ich ja nicht. Wir haben gar nichts gemacht."
„Was genau habt ihr gemacht?"
„Ja nichts, ja, ich meine, wir haben an unserem Schulprojekt gearbeitet."
„Und was genau ist bei diesem Schulprojekt verlangt?"
„Ähm ja, nun, wir sollen Bilder machen, von allem, was uns irgendwie auffällt. Das gibt dann eine Kollage für die Schule. Ziemlich bescheuert, oder?"
Respekt vor den Lehrern hatte sie also auch nicht. 
„Was heißt, „alles was euch auffällt?" Könntest du da noch etwas konkreter werden?"
„Viel mehr hat uns unser Lehrer nicht gesagt. Wir sollen das selber entscheiden, was uns halt auffällt, was irgendwie anders ist als bei uns zuhause und so."
Die war ja ganz redselig, dachte sich Orvan. Anders als gemeinhin angenommen war es ihm und der Mehrheit seiner Kollegen wesentlich lieber, wenn sie ohne Zwang ans Ziel kamen. Natürlich würde er die Angaben des Mädchens noch überprüfen müssen. Eine Person ihres Alters würde auch nicht ins Gefängnis sondern höchstens in ein Jugendlager geschickt werden. Wenn die Lehrer an ihrer Schule und die Eltern das Problem nicht selbst in den Griff bekamen. 
„Wie heißt denn dein Lehrer?"
Lorina beantwortete auch diese Frage und Orvan teilte den Kollegen den Namen über Gedanken mit. So konnten sie gleich überprüfen, ob er schon einmal an fragwürdigen Projekten beteiligt gewesen war.
„Was ist dir und deinen Freundinnen denn so aufgefallen?"
Lorina begann zu erzählen und Orvan verstand langsam warum die Stadtpolizei von Benada Verdacht geschöpft hatte. Die Arunierinnen hatten unter anderem wichtige Amtsträger und das Chemiezentrum Benada mit einigen Schiffen fotografiert. 

Orvans Gefühl sagte ihm, dass die junge Arunierin wahrscheinlich die Wahrheit erzählt hatte, aber es war Vorschrift, das auch noch durch Gedankenlesung zu überprüfen. Wenn der Gefangene sich nicht gezielt wehrte, war das keine große Sache. Falls doch, konnte es recht unangenehm werden und gegebenenfalls würden auch weitere Maßnahmen erforderlich. Orvan hielt es allerdings für sehr unwahrscheinlich, dass eine Sechzehnjährige dazu in der Lage sein würde.
„Gut, Lorina. Wenn das alles stimmt, hast du selbst kein Verbrechen begangen. Du hast dich unangemessen verhalten, aber das lag wahrscheinlich daran, dass du es nicht besser weißt. Allerdings muss ich erst noch deine Gedanken lesen, damit ich sicher weiß, ob du lügst oder nicht."
Lorina wirkte erschrocken. „Gedankenlesen? Geht das wirklich?"
Orvan hatte überhaupt nicht daran gedacht, dass die gewöhnlichen Arunier kaum Ahnung von Magie hatten. „Ja, das geht wirklich. Eure Elementarmagier können das sicher auch."
„Keine Ahnung. Ich hab mit dem ganzen Kram nichts zu tun. Ach ja, na gut, tut das weh?"
„Nicht, wenn du nicht versuchst, irgendwas vor mir zu verstecken." Es war gut, wenn sie das vorher wusste.
„Aber, das ist doch Privatsache. Aber-"
Ihr fiel anscheinend auf, dass sie durch ihre Widerrede alles nur noch schlimmer machte. 
„Glaubst du wirklich, ich interessiere mich dafür, auf welchen Jungen du stehst, oder ob deine Monatsblutung regelmäßig ist."
Lorina errötete und schaute zu Boden. Orvan wusste, dass Arunier über dieses Thema nicht redeten und schon gar nicht mit Männern, aber peinliche Berührtheit machte den oder die Betroffene empfänglicher für die Magie.

„Schau mich an!", befahl Orvan.
Die Arunierin gehorchte, doch es fiel ihr ganz offensichtlich schwer den Blickkontakt zu halten. Das schadete aber nichts, denn auch das bedeutete, dass ihre Abwehrfähigkeiten schlechter waren.
So war es tatsächlich. Lorinas Gedanken waren kaum abgeschirmt und Orvan fiel es nicht schwer, etwas zu finden. Wie eigentlich immer bei dieser Prozedur erhaschte er Blicke auf alles Mögliche, was ihn nicht interessierte. Lorinas Füße taten weh, weil sie in Arunien so viel laufen musste, zuhause wurde sie immer von der Mutter mit dem Auto zur Schule gefahren. Ihre Schuhe waren dafür nicht geeignet. Außerdem fand sie, dass Orvan gut aussah, ein Punkt, der seine Gefangenen sonst überhaupt nicht interessierte. Lorina schien absolut keine Ahnung vom Ernst der Lage zu haben. 
Er suchte gezielt nach den Erinnerungen, die ihm das zeigten, was Lorina erzählt hatte. Der fragliche Lehrer, er unterrichtete Geographie, kam ihm tatsächlich bekannt vor. Er würde sich das Gesicht gut einprägen, vielleicht fiel ihm oder einem der Kollegen etwas dazu ein. Lorina selbst war beim Fotografieren aber offensichtlich wirklich völlig naiv vorgegangen und hatte sich nur für die spannenden Uniformen und Symbole interessiert. Außerdem hatte sie anscheinend noch nie ein Chemikalientankschiff gesehen, weil sie nicht an einem Fluss wohnte.

„Gut, das war alles von unserer Seite", sagte er schließlich.
Lorina war schneeweiß im Gesicht und zitterte. Orvan wunderte sich darüber nicht unbedingt. Jeder wusste schließlich, dass Arunier extrem zart besaitet waren, vor allem ihre Frauen. Anscheinend war das dort sogar eine Art Ideal. Sein sowieso schon recht geringer Respekt für die arunischen Männer sank noch weiter, wenn er darüber nachdachte, dass die Kleidung wie Lorina sie trug offensichtlich attraktiv finden mussten. Sonst würde sie sich ja nicht so anziehen. 
„Du gehst mit den Kollegen mit. Die begleiten dich zum Amt für öffentliche Ordnung. Dort bekommst du etwas Ordentliches zum Anziehen. Sie werden dir auch erklären, wie man sich in Sarilien verhält. Wir gehen davon aus, dass du dich aus Unwissenheit falsch verhalten hast. Noch einmal gilt diese Entschuldigung aber nicht."

Die Nachforschungen mit den Kollegen ergaben, dass Lorinas Lehrer tatsächlich selbst schon einmal in einen Fall von Spionage verwickelt gewesen war. Anscheinend hatte er nun seine Schulklasse, die mit einer Kollegin nach Sarilien fuhr, missbraucht, um seine Arbeit fortzuführen. Er hatte wohl gehofft, dass die Kinder in ihrer Naivität die „richtigen" Dinge fotografieren würden und zumindest bei Lorina hatte er damit auch Recht gehabt.
Alle waren sich darüber einig, dass diese Vorgehensweise abstoßend und niederträchtig war. Niemand wunderte sich darüber, wenn es um die Arunier ging. Orvan würde dem Sicherheitsminister die Sache melden, der würde sie vor die Staatslenkerin bringen und die würde sich beim arunischen Botschafter beschweren. Wie schon so oft würde der entweder jede Verantwortung von sich weisen oder sich schlicht weigern irgendwas zu tun.

Orvan kannte dieses Spiel inzwischen recht gut. Er wusste auch, dass die gewöhnlichen Arunier häufig wesentlich zugänglicher waren, vor allem, wenn ihre eigene Sicherheit oder die ihrer Kinder bedroht wurde. Deswegen würde er dafür sorgen, dass die Eltern von Lorina und ihren Klassenkameraden von der Sache erfuhren. Dann würde sich die Lehrerkarriere dieses Menschen wohl schnell dem Ende zuneigen. 
Wenn es bloß eine Möglichkeit gäbe, ihn ganz von der Spionage abzuhalten, aber das war nicht möglich. Der Arm der sarilischen Geheimpolizei reichte nicht bis ins Ausland. Die Sariler wollten sich nicht in die Angelegenheiten anderer Völker einmischen und wünschten sich dasselbe von den anderen, vergeblich, wie Orvan immer wieder feststellen musste.
Ahnungslose Kinder so vorzuschicken war aber wirklich der Gipfel der Feigheit, die Arunier übertrafen sich immer wieder selbst.
Orvan war froh darüber, dass er die Situation relativ schnell durchschaut hatte. Übermäßige Härte gegen dieses ahnungslose Mädchen hätte es den Aruniern erlaubt, sich als Opfer darzustellen und Vorwürfe zu erheben. Das war so nicht möglich, solange sie Lorina keine Lügenmärchen in den Mund legten. 
Jetzt ging es mit dem nächsten Gefangenen weiter. Ein Landwirt, der seine Pestizidreste im Wald vergraben hatte, statt sie ordnungsgemäß abzugeben.

weiter zum nächsten Türchen