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Die verfluchte Quelle

(von Assantora)

Es gluckert und plätschert leise, als sich das Wasser seinen Weg durchs siebzehnte Türchen bahnt. Um zu sehen woher es kommt muss man dem Verlauf des Bächleins folgen…

Es war schon zu später Stunde und die ersten Gäste hatten das Gasthaus schon verlassen. Nur jene, die ihren Kummer immer noch mit Bier und Wein zu ertränken versuchten, saßen tapfer auf den Stühlen und hielten sich meist an den Tischen fest, um nicht all zu sehr zu schwanken.
Die Gerüchte, die an diesem Abend entstanden, begannen damit, dass sich die Tür öffnete und ein Mann den Schankraum betrat. Er war ein großer muskulöser Kerl. Seine schwarzen Haare waren kurz geschnitten und er hatte einen feinen Bart, dem er scheinbar ebenso viel Beachtung schenkte, wie seinen Armen, die eher an Baumstämme erinnerten. Seine Kleidung war einfach, funktional und nicht zu übertrieben.
Der Mann sah sich nur kurz um und setzte sich in der hintersten Ecke an einen Tisch. Er wollte zweifellos seine Ruhe haben, doch diese war ihm nicht gegönnt. Er bestellte sich einen Krug Bier, kein ungewöhnlicher Wunsch in dieser Gegend.
Doch bevor der Riese sein Bier genießen konnte, trat ein anderer Mann in den Schankraum und die Laune des großen Mannes verfinsterte sich zusehends.
Ein Mann, wie ein dürrer Zweig stand in dem Raum. Seine Kleidung war aus feinster Seide. Er hatte eine sonderbare Kopfbedeckung, die kaum etwas von seinem grauen Haaren verdecken konnte. Als der dürre Kerl den Riesen entdeckte, lächelte er und seine Augen schienen zu funkeln. Eilig ging er zu ihm und setzte sich ungefragt an seinen Tisch. Das Lächeln in seinem Gesicht blieb auch, als der Mann mit einem Grummeln in der Kehle zu sprechen begann.
„Was wollt Ihr von mir?", fragte er und beugte sich vor. „Ich könnte Euch mit Leichtigkeit eure dürren Ärmchen brechen,", er lächelte böse, „oder Euer Genick."
„Ich habe Euch erklärt, warum ich Euch gesucht habe", sagte der Mann und fühlte sich in keinster Weise bedroht und betrachtete die anderen Menschen im Schankraum, die diese Unterhaltung mit anhören konnten. „Ich benötige Eure Hilfe."
Der Riese schüttelte den Kopf. „Das sagtet Ihr bereits, aber Ihr weigert Euch, mir den Grund zu nennen. Warum sollte ich Euch deswegen auch nur im Mindesten vertrauen?"
Der Wirt kam in diesem Moment, stellte dem Riesen einen großen Krug Bier vor seiner Nase und verneigte sich knapp, so als würde er einen König bedienen. Der Riese nahm den Krug und trank einige große Schlucke, um sich ein wenig zu beruhigen.
„Trinkt Euch satt", sagte der dünne Mann und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ihr werdet Euch morgen früh wünschen, dass Ihr auf mich gehört hättet. Ihr werdet davon furchtbare Kopfschmerzen bekommen."
„Besser, als das, was Ihr erwarten könnt", sagte der Riese und knallte den Krug auf den Tisch, dass man Angst haben musste, er würde zerbrechen.
Unbeeindruckt beobachtete der eine den anderen. Der Wirt stand immer noch neben den Tisch und wartete offenbar darauf, dass entweder die Situation eskalierte, oder aber der neue Gast sich ebenso etwas bestellte.
Schließlich stand der dünne Mann auf und betrachtete den Wirt einen Moment lang. „Das Bier wurde hier gemacht? Aus der Quelle der Umgebung?"
Der Wirt nickte zögerlich. „Gibt es einen Grund, warum Ihr das wissen wollt?" Der Wirt verschränkte die Arme vor der Brust. Der beleibte Bauch kam nun nur noch besser zur Geltung und verschaffte ihm dabei eine ganze eigene Form der Autorität.
„Euch wurde übel mitgespielt", sagte der Mann und sah den Wirt traurig an. „Ereignisse sind geschehen, die das Leben in dieser Region vollkommen verändert haben. Dinge, die nicht zu erklären sind, sind passiert. Manch einer von Euch spricht von einem Fluch." Der dürre Mann betrachtete den Wirt, dessen Augen ihn aufgeregt musterten. „Ihr wisst, wovon ich rede, nicht wahr?"
Der Wirt nickte.
Der Riese runzelte die Stirn und erhob sich. Er sah sich im Schankraum um. Niemand sprach mehr ein Wort. Alle Blicke waren auf ihn, den Wirt und den fremden dünnen Mann gerichtet.
„Wovon sprecht Ihr?", fragte er vorsichtig. Irgendwie erschien ihm die Situation zu angespannt. Obwohl er keine Angst hatte, war er vorsichtig und war versucht zu ermitteln, ob dieser Fremde eine Gefahr darstellte.
Der Fremde sah den Riesen an. „Habe ich endlich Euer Interesse geweckt?" Er lächelte schwach, bevor er weiter sprach. „Mein Name ist Inotan Rekios und ich bin Magier. Ich brauche Euch, um einen Fehler wieder gut zu machen, den ich vor vielen Jahren begangen habe."
„Was für einen Fehler?", fragte der Riese und starrte den Wirt an. „Was meint er?"
Der Magier sah den Wirt an und nickte ihm zu, dass er sprechen sollte.
Der Wirt räusperte sich und bekam beinahe nicht einmal die Zähne auseinander. Er war es wohl nicht gewohnt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, besonders dann, wenn ein solch schlimmes Schicksal die Region erfasst hatte.
Unruhig blickte er den Magier an. „Ihr behauptet, Ihr hätte einen Fehler begangen. Seid Ihr euch dessen sicher?"
Der Magier ließ die Schultern hängen und blickte den Mann seufzend an. „Ich bedaure, aber ja, ich bin für diesen Fluch verantwortlich."
Obwohl er leise sprach, konnte jeder im Raum seine Stimme hören und einige Leute murmelten schon miteinander, andere zischten, dass sie gefälligst wieder ruhig sein sollten. Doch der Riese starrte den Magier nur an und hatte nur eine einzige Frage:
„Was für einen Fluch meint Ihr?" Er sah sich in dem Raum um. Den Menschen schien es gut zu gehen. Sie hatten Geld, um sich abends zu betrinken. Ihre Kleidung war nicht zerschlissen und niemand schien seinen Körper zu vernachlässigen. Alles in allem, sah es so aus, als würde es den Menschen hier an nichts mangeln.
Der Magier legte dem Wirt eine Hand auf die Schulter. „Sagt, was sich hier zugetragen hat und was noch immer passiert."
Der Wirt nickte und räusperte sich. Er wagte kaum, das angespannte Gesicht des Riesen zu betrachten. Es schien, als würde er Angst haben, von dem großen Mann geschlagen zu werden.
„Die Kinder", stammelte er leise. „Es sind die Kinder."
Der Riese runzelte die Stirn und betrachtete den scheinbar verzweifelten Mann. „Was ist mit ihnen?"
„Es begann vor sechs Jahren", sagte der Wirt und seufzte. „Meine Frau war eine der Ersten. Sie gebar ein totes Kind und war eine der letzten, die überhaupt schwanger wurden. Seit sechs Jahren hat niemand mehr den Schrei eines Babys in diesem Dorf gehört und jene, die schwanger waren, gebaren nur tote Kinder."
Der Riese schluckte und packte den Magier am Kragen. „Und Ihr gebt zu, für diese Schande verantwortlich zu sein?"
„Ja", sagte der Magier und blickte dem Riesen in die Augen. „Ich habe eine Fehler gemacht und ich bereue es jeden Tag, was ich getan habe, aber genau deswegen bin ich hier. Ich will meinen Fehler wieder rückgängig machen und dafür sorgen, dass in diesem Dorf wieder Kinderlachen erschallt und dass sie in den Obstbäumen klettern und den Menschen mit ihrem Lächeln das Leben ein wenig einfacher machen. Ich möchte, dass alles wieder so wird, wie es vorher war, aber alleine bin ich machtlos."
„Ihr seid ein Magier", stellte der Riese fest und sah die Menschen in Schankraum an. „Warum habt Ihr nicht früher versucht, Euren Fehler rückgängig zu machen?"
„Weil ich Euch brauche", sagte der Magier und der Riese runzelte die Stirn.
„Ich bin kein Magier. Ich kann Euch nicht helfen. Das werdet Ihr schon alleine machen müssen."
„Da irrt Ihr euch", sagte der Magier und atmete tief durch. „Ich habe seit sechs Jahren nach jemanden gesucht, der etwas in sich trägt, was mir helfen kann, diesen Fluch zu brechen. Ihr seid der Erste, den ich gefunden habe und wenn Ihr eure Hilfe verweigert, könnten noch einmal sechs Jahre vergehen, bis ich vielleicht einen weiteren wie Euch finde, der in der Lage ist, die Quelle zu reinigen, und den Schaden, den ich angerichtet habe, wieder gut zu machen."
„Warum ich?", fragte der große Mann.
„Ihr habt etwas an Euch, was man nicht so leicht erklären kann. Aber ich als Magier kann es erkennen und deswegen sehe ich auch die große Chance, dass ich diesen Fluch brechen kann. Mit Eurer Hilfe versteht sich. Dort, wohin ich zu gehen gedenke, wird mir meine Magie nichts nützen, doch Ihr könnt diesen Fluch brechen, Ihr müsst lediglich mit mir kommen."
„Ist es möglich?", fragte der Wirt und seine Stimme verdeutlichte die Hoffnung und die Angst gleichermaßen.
Der Magier lächelte den Wirt an und nickte. „Ja, es ist möglich. Er kann mir helfen, diesen Fluch zu brechen."
Der Riese sah die beiden Männer an und schließlich wanderte sein Blick über die Menschen im Schankraum. Alle warteten auf seine Antwort. Alle hatten den gleichen hoffnungsvollen Blick in ihren Augen. Er konnte nicht verstehen, warum die Wut über den Magier nicht überhand nahm und die Menschen ihn beleidigten.
Aber sie saßen einfach ganz still da und lauschten den Worten, sie hielten ihre Bierkrüge umklammert, wie Kinder, die hier nicht mehr zu sein schienen. Er wandte sich wieder an den Magier als er sprach, doch seine Stimme war angespannt.
„Was soll ich eurer Meinung nach tun?", fragte der große Mann. „Ich kenne die Magie nicht und ihr verlangt, dass ich euch bedingungslos vertraue."
„Ja", sagte Inotan knapp. „Ich möchte, dass Ihr mir vertraut. Ihr benötigt kein Wissen über Magie. Wohin wir gehen, ist die Magie machtlos, deswegen habe ich es nicht alleine schaffen können, den Fluch zu brechen."
Der Riese zögerte noch immer, doch er betrachtete den Wirt, der seine Hoffnung in den Augen trug. Die Menschen um ihn herum starrten ihn an, wollten die erlösenden Worte hören, die nur er diesen armen Seelen bringen konnte. Das war der Ausschlag und er nickte.
„In Ordnung, ich helfe Euch." Die Stimmen im Raum wurden wieder laut und Inotan lächelte breit.
„Ich danke Euch, mein großer Freund", sagte er und legte einen Hand auf seine Schulter. „Ich danke Euch aus tiefstem Herzen."

Der nächste Morgen hatte kaum begonnen, als die beiden Reisenden schon auf ihren Reittieren saßen und in südliche Richtung unterwegs waren. Der Magier saß auf einem Maulesel, der den schmächtigen Magier leicht tragen konnte. Der Riese allerdings saß auf einen gewaltigen Tier von Pferd. Es war ein Schlachtross, anders konnte Inotan es nicht ausdrücken.
Endlich, nach so vielen Jahren hatte er einen Menschen gefunden, der ihm helfen konnte, den Fluch der Quelle zu brechen. Er hatte schon beinahe selbst die Hoffnung aufgegeben. Er wusste nicht, was passiert wäre, wenn der Mann abgelehnt hätte. Er wusste auch nicht, was passiert wäre, wenn die Menschen in dem Raum anders reagiert hätten. Keine Verwünschung wurde gegen ihn ausgesprochen. Die Männer waren schon gebrochen, gequält durch den Fluch der Quelle, der nicht nur ihre Kinder, sondern auch ihre Hoffnungen raubte. Inotan war sich bewusst, was er tat, doch der Riese hatte nicht einmal den blassesten Schimmer, dass er einen Preis für seine Hilfe zu bezahlen hatte. Und dieser Preis war hoch.
Ihre Reise führte sie fast den gesamten Tag nach Süden. Die Sonne hatte den Horizont beinahe schon erreicht und der Riese machte Anstalten, eine Rast einzulegen.
„Heute kommen wir nicht mehr weit, wir sollten uns ein Lager suchen", meinte er und betrachtete den Magier, der ziemlich in Gedanken versunken schien. „Magier?"
Inotan zuckte zusammen. „Was? Nein, es ist nicht mehr weit, vielleicht noch eine Meile."
Der Riese runzelte die Stirn. Vor ihnen lag ein Pfad, der nicht sehr häufig benutzt wurde, doch eine Quelle war weit und breit nicht zu sehen, noch nicht einmal ein kleiner Fluss, oder ein Bach. Nichts deutete darauf hin, dass die Quelle ganz in der Nähe war.
Doch der große Mann ließ den Magier gewähren. Nach einer Meile, verließen sie den Weg und die Pferde liefen durch langes Gras, bis der Magier sein Tier anhalten ließ und abstieg.
„Lasst Euer Pferd hier. Wir sind da", sagte Inotan und ging voran.
Der Riese runzelte die Stirn und blieb einen Moment auf seinem Pferd sitzen. Rund um ihn herum gab es nichts, was darauf schließen ließ, dass sie die Quelle erreicht hatten. Er setzte ab und zögerte einen Moment. Der Magier war hinter einem kleinen Hügel verschwunden. Er sollte sich beeilen, dachte er sich noch, als er plötzlich einen Schrei des Magiers hörte.
Er rannte los, den Hügel mit schnellen Schritten überwindend und wäre beinahe selbst in das Loch im Boden gestürzt, an dessen Rand sich der Magier verzweifelt festhielt und sich immer wieder nach unten blickte, hinein in einen schwarzen Schlund, der ihn zu verschlucken versuchte.
Der Riese zögerte nicht und zog den Magier aus seiner brenzligen Situation und setzte ihn ein wenig unsanft neben sich ins Gras.
„Törichter Mann", sagte der Riese wütend. „Wenn ihr sterben solltet, wird dieser Fluch dann jemals gebrochen werden können?"
Der Magier blickte dem Riesen traurig in die Augen und schüttelte den Kopf. „Töricht. So hat mich schon lange niemand mehr genannt, aber ich nehme es euch nicht übel. Ich war vor sechs Jahren töricht genug, zu hoffen, dass ich mit diesem Spruch den Menschen eine Hilfe bin und dann passierte das."
Er machte eine Handbewegung, die die gesamte Umgebung einschloss. „Die Welt verändert sich hier schnell und ich bin daran schuld. Wir werden in dieses Loch klettern müssen. Dort unten werden wir die Quelle finden."
Der Riese sah den Mann an und erhob sich wieder. Er nahm einen Stein und ließ ihn in das Loch fallen. Er schloss die Augen, bis man das Echo des Aufpralls hörte und ging zurück zu seinem Pferd. Er hatte immer ein Seil bei sich und in diesem Fall würde es wahrscheinlich gerade so reichen.
„Was hätten wir gemacht, wenn ich kein Seil bei mir hätte?", fragte der Riese wütend, band ein Ende des Seils an einen Baum und ließ das andere Ende in die Dunkelheit hinab. „Habt Ihr auch darüber nachgedacht?"
„Es sollte hier kein Loch geben", sagte Inotan wütend. „Ich bin vielleicht töricht, aber nicht dumm."
„Ihr seid Magier", sagte der Riese wütend. „Ihr habt mit Dingen gespielt, die Ihr nicht versteht und richtet großen Schaden an."
„Ich habe nicht gewusst, dass so etwas passieren würde", rechtfertigte sich der Magier.
„Denkt Ihr wirklich, das würde einen Unterschied machen?", fragte der Riese und holte auch noch einige Fackeln, von der er eine entzündete und sie ins Loch fallen ließ. Der Riese sah, dass sein Seil ausreichte und kletterte als erstes hinab in die Dunkelheit und half dem Magier so gut es ging, nachzukommen.
Dieser musste erst einmal seine Angst überwinden, um langsam am Seil herunter zu klettern. Zwei Schritt vor dem Boden rutschte er ab und der Riese musste ihn auffangen.
Er brummte genervt, als er den leichten Mann wieder auf die Füße stellte, entzündete eine zweite Fackel und reichte die erste dem Magier.
„Wohin?", fragte der Riese.
Inotan sah sich um. Das Loch war entstanden, als die darunter liegende Höhle eingestürzt war. Genauer gesagt standen sie in einem Höhlengang, der sich durch den Untergrund wie eine Schlange wand. Er sah sich genau um und lächelte schließlich den Riesen an.
„Ein Nebengang von der eigentlichen Höhle. Ich habe das gesamte Höhlensystem in meinem Kopf. Ich weiß also wo wir sind. Glück im Unglück würde ich sagen", meinte der Magier, doch der Riese sah ihn nur brummend an.
Inotan übernahm daraufhin die Führung und folgte dem Gang, der schließlich in eine große Kammer führte, die mit Tropfsteinen gesäumt war, die von der Decke herab hingen und sich zum Teil schon mit dem Boden verbunden hatten. Doch die Schönheit des Ortes war trügerisch und der Magier achtete kaum darauf und führte den Riesen weiter, in einen kleinen Seitenarm der Höhle.
Die Decke wurde immer niedriger, auch die Seitenwände kamen immer näher. Irgendwann musste sich der große Mann ducken, um nicht gegen die Decke zu stoßen, als sie eine weitere, viel kleinere Höhle erreichten, aus dem nur der Gang, aus dem sie kamen, hinaus führte.
„Ich denke hier sind wir falsch", sagte der Riese, doch der Magier schüttelte den Kopf und ging zu der Wand am anderen Ende der kleinen Höhle.
„Wir sind hier genau richtig", sagte Inotan und lächelte, als er den Stein berührte. Kleine Rinnsale liefen von der Decke hinab und sammelten sich in einer kleinen Senke im Boden, wo es auch abfließen konnte. Wohin konnte man nicht sehen, aber das war für den Magier auch nicht weiter wichtig und drehte sich um. „Das hier ist sie, die Quelle."
Der Riese kam näher, war aber immer noch skeptisch. „In Ordnung, was soll ich jetzt tun?"
Der Magier begann sich abzutasten und holte dann aus einer verborgenen Tasche einen weißen Stein, den er dem Riesen in die Hand drückte. Eine schwache Spur von blauer Farbe war darin zu erkennen. Stirn runzelnd betrachtete er den Stein, dann den Magier und verlangte eine Antwort.
„Achtet darauf, es wird Euch schützen, zumindest hoffe ich es", sagte der Magier und betrachtete den Riesen. „Ich bedaure, aber ich muss gehen. Sie wird nicht kommen, wenn ich in der Nähe bin."
„Wer wird kommen?", fragte der Riese.
„Die Quelle", sagte der Magier sachlich. „Dies hier ist Ihr Reich und ich habe sie erschaffen, ohne es zu wollen. Meine Anwesenheit macht Ihr Angst, doch sie muss erscheinen, damit ich sie vernichten kann.
Der Stein zwingt sie zu Euch zu kommen. Ihr habt die Stärke, dieses Wesen hinzuhalten."
„Wozu?", fragte der Riese vorsichtig.
„Je länger sie mit Euch spricht, umso schwächer wird sie. Ihr werdet sie hinhalten müssen. Redet mit Ihr, prügelt auf sie ein. Egal was Ihr tut, Ihr dürft nicht zulassen, dass sie sich wieder mit der Wand vereint, denn sie gewährt jedem Menschen nur eine einzige Gelegenheit um mit Ihr zu sprechen."
Der Riese verstand nicht, was der Magier von ihm verlangte, doch so langsam setzten sich die Teile eines Rätsels zusammen. „Es ist viel gefährlicher, als Ihr dachtet, oder?"
Der Magier schluckte und konnte nicht antworten.
„Ihr habt es gewusst", sagte der Riese schließlich. „Ihr habt gewusst, dass ich mein Leben riskieren würde."
„Hättet Ihr zugestimmt, wenn ich es Euch gesagt hätte?", fragte der Magier und betrachtete den Riesen einen Moment. Sein Schweigen war Antwort genug. „Wollt Ihr diesen Fluch brechen oder nicht? Es ist Eure Entscheidung. Ich kann Euch nicht zwingen hier zu bleiben. Ich werde Euch nicht mit meiner Magie hier aufhalten können. Meine Magie ist hier nutzlos, denn ich kann hier keinen Zauber wirken. Nicht in der Nähe der Quelle. Ich bin Euch unterlegen, in jeder nur erdenklichen Art und Weise."
Der Riese musterte den Mann und war einen Moment lang versucht, dass Angebot anzunehmen und zu gehen, doch dann betrachtete er die Wand und das Wasser das daran entlang floss. Auch waren ihm die Gesichter der Männer im Schankraum des Gasthauses nicht entgangen. Hoffnung und Trauer hatte in ihren Augen gelegen. Sie wollten, dass dieser Fluch gebrochen wurde und diese Hoffnung lag nun bei ihm. Er durfte sie nicht enttäuschen, seine eigene Ehre hinderte ihn daran.
„Woher weiß sie, dass ich hier bin?", fragte der Riese. „Und wie lange werde ich warten müssen?"
„Das weiß ich nicht", sagte der Magier und klang erleichtert. „Ich weiß es wirklich nicht. Aber bitte versucht alles, damit dieser Fluch endlich gebrochen werden kann."
Der Riese blickte noch einmal zur Wand, dann wieder zum Magier und nickte. „In Ordnung. Ich werde tun, was Ihr verlangt. Sorgt nur dafür, dass der Preis, den ich gerade zahle nicht zu hoch ist."
Inotan nickte dankbar, trat vor und umarmte den Riesen einfach. Er war den Tränen nahe, dass er jetzt plötzlich so nahe an einer Lösung seines Problemes stand. Der Riese schob ihn sanft von sich und betrachtete ihn einen Moment lang.
„Bereit?", fragte der Riese und Inotan nickte und zitterte leicht. „Dann geht. Ich hoffe, Ihr wisst, was Ihr zu tun habt."
Inotan konnte nicht antworten, sondern nickte nur und verließ die kleine Höhle.
Der Riese setzte sich auf einen flachen Stein und beobachtete das Wasser, welches am Fels hinab lief und wartete auf die Ankunft der Quelle, jenes Wesen, welches dafür verantwortlich war, dass es in diesem kleinen Dorf keine Kinder mehr gab. Er selbst verstand die Verbindung nicht, doch wenn sein Handeln den Fluch brechen konnte, so würde er es tun.
Die Zeit verrann und er wurde unsicher, ob der Magier ihn nicht vielleicht doch mehr belogen hatte, als er zu Anfang angenommen hatte. Er konnte nicht ewig auf diesem Stein warten. Er war schon versucht, einfach zu gehen, oder den Magier zu rufen, der sich vielleicht irgendwo versteckt hielt und einen seiner Zauber bereit hielt, um die Quelle zu vernichten. Doch dann begann das Schauspiel.
Zunächst hörte man ein fernes Rauschen, wie von einem Wasserfall. Als der Riese zu der Wand blickte, erkannte er sofort, dass mehr Wasser den Stein hinab floss. Die kleine Pfütze am Boden wurde schnell größer und das Wasser wurde dunkel, fast schon schwarz. Auch an der Wand flossen nun dunkle Tropfen hinab und sammelten sich in der weiter wachsenden Fläche.
Das Schwarz sammelte sich in der Mitte, während sich das Wasser selbst immer weiter ausbreitete. Vorsichtig stand der Riese auf und starrte auf den Punkt, wo das Schwarz sich konzentrierte und sich langsam aufrichtete. Eine schwarze Wassersäule erhob sich, fast so groß wie der Riese, und wuchs auch in der Breite, bis sich ein Wesen aus diesem schwarzen Wasser schälte. Das überflüssige Wasser floss ab und legte schlanke Beine, einen makellosen Körper und ein ovales Gesicht frei, mit leuchtend grünen Augen und einem Wust aus Haaren, die nass am Rücken des Wesens klebten.
Der Riese konnte kaum den Blick von den beinahe leuchtenden Augen der Frau vor ihm abwenden. Sie war nackt und eine der schönsten Gestalten, die er je gesehen hatte. Er hatte Schwierigkeiten, den Fluch und das Leid der Menschen mit dieser Person in Einklang bringen zu können. Er schluckte und blickte ihr in die Augen, als sie einen Schritt vortrat, die Pfütze nicht verlassend, aber mit einem Lächeln auf den Lippen.
„Du bist die Quelle", sagte der Riese und die Frau nickte freundlich.
„Nenn mich Kunari. Ich habe schon lange auf ein Wesen wie dich gewartet. Es ist mir eine Freude, dich kennen zu lernen, Epak."
Der Riese runzelte die Stirn. „Woher kennst du meinen Namen?" Weder die Menschen im Dorf, noch der Magier hatten seinen wahren Namen erfahren, aber dieser Frau war es gelungen. Er war misstrauisch und zog sich einen Schritt zurück.
„Der Fels, das Wasser, das Land", sagte Kunari und lächelte. „Ich bin hier gefangen, doch ich erfahre dennoch Dinge. Sei nicht überrascht, dass ich deinen Namen kenne. Ich weiß auch, dass Inotan mich vernichten will."
„Du bist für einen furchtbaren Fluch verantwortlich", sagte Epak mutig.
„Wirklich?", fragte die Frau nicht unfreundlich. „Ich bin erschaffen worden und durch meine Erschaffung wurde meine Natur bestimmt. Wenn jemand eine Schuld am Tod der Kinder hat, dann ist es Inotan, nicht ich."
Der Riese zögerte und die Frau trat einen Schritt näher.
„Es gibt einen Weg, um den Fluch zu brechen, und mich am Leben zu erhalten. Inotan hat die richtige Person zu mir geschickt. Er hat dich zu mir geschickt. Vielleicht kann er es nicht über sein Herz bringen, und suchte nach dir, um meine Existenz zu sichern."
„Wovon sprichst du?", fragte Epak und wurde unruhig, da er nun im Rücken schon die Wand der Höhle spüren konnte. „Ich bin nicht hier, um dich zu retten."
„Dann hat Inotan die falsche Person gesucht", stellte die Frau fest und streckte den Arm aus.
Epak schlug sie fort und die Frau ging einen Schritt zurück. „Du hast nicht das Recht, eine Existenz zu besitzen. Du bist von einem Magier erschaffen worden. Du bist nicht einmal real."
„Ich bin nicht real?", fragte die Frau kühl und kam wieder näher. „Epak, ich bin nicht gekommen, nur um mit dir zu reden. Der Stein, den Inotan dir gegeben hat, um mich aus meinem Fels zu locken wäre unnötig gewesen. Ich wäre auch so gekommen, denn du wirst mir helfen, real zu werden. Dein Körper, wird mir gute Dienste erweisen."
Die Frau schnellte vor und griff den Arm des Riesen. Ein heißer Schmerz bohrte sich in sein Fleisch und Epak schrie auf. Ihm blieb keine Zeit zu reagieren, denn im gleichen Moment presste die Frau ihre eiskalten Lippen auf die Seinen. Es war, als würde er ertrinken. Wie kaltes Wasser floss etwas seine Kehle hinab. Er konnte nicht mehr atmen, versuchte sich mit aller Kraft zu befreien, doch die Stärke der Frau konnte er nicht brechen und verlor den Kampf.
Seine Sicht verschwamm und er spürte seine Beine nicht mehr. Die ganze Kraft floss aus seinem Körper und schließlich sank er zu Boden. Den Aufprall spürte er schon gar nicht mehr.

Seine Augen öffneten sich und er blickte zur Decke der Höhle. Er hatte einen dumpfen Schmerz im Arm und im Kopf. Er war noch vollkommen benommen von den Ereignissen und setzte sich langsam auf. Etwas war anders, aber erst, als sich sein Mund ohne sein Zutun öffnete, begriff er, was vorgefallen war.
„Endlich bin ich von dem Fels befreit", drangen die Worte aus seinem Mund. Aber er war es nicht, der gesprochen hatte. Es musste die Frau gewesen sein, Kunari, die Quelle.
Panik stieg in ihm auf, als sich sein Körper ohne sein Zutun erhob und einen Weg aus der Quellhöhle suchte. Der Magier war verschwunden. Warum hatte der Mann dies getan? Hatte er gar nicht vorgehabt, die Quelle zu vernichten?
Epak wusste, dadurch, dass die Quelle nun in seinem Körper war, würde der Fluch gebrochen sein, aber sollte er den Rest seines Lebens in diesem Körper gefangen sein und nicht fähig, sich der Umwelt bemerkbar zu machen?
Sein Körper blieb stehen und Epak brauchte einen Moment, um sich eine Frage zu stellen: Konnte die Quelle seine Gedanken hören?
„Ja", drang es aus seinem Mund. „Nun bin ich frei und kann ein Leben führen, wie jedes normale Wesen auch. Dein Körper existiert noch lange, lange genug, damit ich mir ein erfülltes Leben aufbauen kann. Der Fluch, den du so sehr gefürchtet hast, ist fort. Schließlich bin ich nicht mehr an dem Fels gebunden."
Er spürte das Lächeln auf seinem Gesicht und Kunari ging weiter. Epak wusste nicht, was er tun sollte. Warum war der Magier nicht in der Nähe? Warum war er nicht da, um ihm zu helfen? Er hatte ihn betrogen und in größter Not einfach im Stich gelassen und nun musste er seinen Körper mit einem Wesen teilen, welches noch nicht einmal real war.
Epak, zumindest sein Körper ging zu der Stelle, wo er und der Magier sich abgeseilt hatten. Wenige Schritte davor trat Inotan aus einer dunklen Ecke und stellte sich dem Riesen in den Weg.
Epak sah, wie der Magier einen Kristall in der Hand hielt, ähnlich dem, den auch er in den Hand hielt, um die Quelle anzulocken.
„Es ist vorbei", sagte Inotan knapp. „Verlasse diesen Körper. Du bist niemals dafür bestimmt gewesen, eine Existenz zu bekommen. Du musst dich deinem Schicksal fügen."
„Schicksal?", fragte Kunari spöttisch. „Du hast Ihm nicht viel erzählt, oder? Ich kann seine Gedanken hören. Er hat Angst und er ist unsicher, ob er dich hassen soll, oder sein jetziges Schicksal akzeptieren kann. Du hast ihn belogen. Du hast Ihm nicht gesagt, dass er ein Wirt für mich sein würde. Du hast Ihm nicht gesagt, dass ich diesen Körper nur zu gerne an mich nehme um endlich frei zu sein. Du hast ihm nicht gesagt, wer ich in deinen Augen einmal war, bevor du mich zu dieser Existenz verdammt hast."
„Du vergisst, wer vor dir steht", sagte Inotan. „Ich bin dein Meister. Ich habe dich erschaffen und ich kann dich genauso gut auch wieder vernichten."
„Wie denn?", fragte Kunari und lächelte noch breiter, während sie an den Magier heran trat. „Ich habe nun einen Körper. Du kannst mich nicht mehr vernichten. Ich bin frei und kann tun, was immer ich tun will."
„Ich kann nicht zulassen, dass du diese Höhle verlässt", sagte Inotan und schluckte.
„Wieso?", fragte die Quelle wütend und trat an ihn heran. „Weil du mich erschaffen hast, Inotan? Weil du den Schmerz nicht ertragen konntest, als du mich das erste Mal verloren hast? Ist der Schmerz in deinem Herzen nun überwunden? Du kannst mich nicht mehr vernichten. Ich bin nun lebendig. Du wirst mich nicht mit deiner Magie umbringen, weil dass auch den Mann in mir umbringen würde."
Inotan schluckte und blickte dem Riesen in die Augen. „Ich weiß. Kunari, es tut mir leid, was ich getan habe. Ich habe es nicht ahnen können. Aber du musst diesen Körper verlassen. Um deinetwillen und um seinetwillen.
„Und wie willst du das machen?", fragte die Quelle skeptisch.
Inotan sah den Riesen an, blickte aber in Wahrheit nur die Frau an, die sich dahinter verbarg. Eine Frau, die er vor langer Zeit einmal kannte. Es schmerzte ihn, dass zu tun, was getan werden musste.„Du bist nun sterblich."
Die Quelle begriff nicht schnell genug und sah die Klinge auch nicht kommen, die sich mit einem heißen Schmerz in die Brust bohrte.
Epak schrie im Inneren seines Körpers auf, als er das ganze Blut sah, das seine Hand besudelte und sich schnell auf seiner Brust ausbreitete.
Kunari blickte den Magier an. „Was hast du getan? Nun werden wir beide sterben."
Der Körper brach zusammen, das Atmen fiel ihnen schwer. Epak spürte den Schmerz nur gedämpft, so wie er seinen ganzen Körper nur gedämpft spürte. Er konnte aber alles durch seine Augen klar und deutlich sehen.
Inotan kniete sich neben den Mann nieder und blickte ihm in die Augen.
„Kann der Mann mich hören?", fragte Inotan und die Quelle nickte langsam. Die Kraft entschwand dem Körper schnell.
„Es tut mir Leid", begann der Magier. „Ich wusste, dass der Preis hoch sein würde und ich wusste auch, dass Kunari Euren Körper nicht hergeben würde. Ich kann nichts mehr für euch tun, euch nur ein wenig Zeit verschaffen. Vielleicht finde ich einen Weg, euch beide zu retten, oder ich sterbe vorher. Ich werde versuchen, auch diesen Schaden wieder gut zu machen."
Epak sah dem Magier in die Augen und er öffnete den Mund. Kunari gestattete ihm, selbst einige Worte zu sprechen.
„Ich bin Epak. Merkt euch meinen Namen und erzählt meine Geschichte."
„Unsere", versprach der Magier und hielt seine Hand. „Ich werde versuchen Euch zu retten. Aber es kann dauern."
„Uns bleibt nicht viel Zeit", sagte Epak. „Die Kräfte schwinden rasch."
Inotan nickte. „Ich tue dies für Euch. Ich wünschte, es hätte genug Zeit gegeben, um Freunde zu werden."
„Dafür ist es noch nicht zu spät", sagte Epak und schluckte schwer. „Aber erklärt mir eine Sache noch, bevor Ihr geht."
„Welche?", fragte Inotan und hielt die Hand des Mannes.
„Wer war Kunari, bevor sie zur Quelle wurde?"
Inotan schluckte und schloss die Augen. „Meine Frau."
Inotan konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten und schloss die Augen, um den Spruch zu wirken.
Er spürte, wie der Spruch durch den Körper des Mannes floss. Von der Haarspitze floss der Zauber durch die Arme und Beine, durch jede Arterie und Vene, die Haut und schließlich auch durch das Herz, welches in seinem Schlag aussetzte und ausharrte, in einem Moment der Zeit, der nicht enden würde.
Als der Magier sein Werk vollbracht hatte, öffnete er die Augen und betrachtete den Körper des Riesen. Reglos und starr blickte er Inotan immer noch an und der Magier erhob sich langsam. Der Spruch würde die beiden bewahren, sowohl den Körper, als auch die beiden Geister, die darin gefangen waren. Einen Fluch hatte er nun gebrochen, doch seine Arbeit war noch lange nicht getan. Er musste einen Weg finden, um den Tod des Mannes zu verhindern, und einen Weg, um die Seele der Quelle zu befreien, um sie dann zu vernichten, oder zu retten. Er hätte niemals versuchen sollen, den Geist seiner Frau zu retten. Damit hatte er nur großes Unheil angerichtet. Doch er wusste nicht, ob er das neue Unheil wieder in Ordnung bringen konnte. Er würde wiederkommen, in zehn Jahren, solange würde der Spruch halten. Er hoffte, dass es ausreichen würde.
Der Fluch war gebrochen, nun eingeschlossen im Körper eines Sterbenden. Inotan begab sich auf den Weg hinaus zu seinem Reittier und ließ das stolze Schlachtross des Riesen frei. Zumindest einer sollte an diesem Tag frei sein. Er gehörte nicht dazu.

weiter zum nächsten Türchen