Projekt Bifröst

(von RedScorpion)

Ein Windstoß weht durch das offene achtzehnte Türchen, welches sich als Fenster tarnt, hinein in einen nächtlichen hohen Raum. Der Vollmond enthüllt dunkle Kirschholzvertäfelungen und Bücherregale, die bis hoch zur stuckverzierten Decke reichen. Auf dem großen, schweren Schreibtisch liegt eine dicke Akte mit aufgeschlagenem Deckel, daneben ein offenes Buch, dessen handbeschriebenen Seiten im Nachtwind flattern, beinahe so, als würde jemand darin blättern...

Die folgenden Aufzeichnungen stammen aus dem geheim-militärischen Archiv der königlich, norwegischen Akademie der Wissenschaften in Oslo. Sie wurden im Rahmen des Geheimprojektes „Bifröst" unter Leitung des Barons Prof. Dr. Sören Huitfeldt, Leiter des Seminars für paranormale Forschung in Oslo, von dem höchstselbst diese Aufzeichnungen stammen, geschrieben. Der folgende Ausschnitt zeigt die offizielle Endzeit des Projektes vom 30.10.1863 bis zur Wintersonnenwende desselben Jahres am 22.12.

30.10.1863, Gut Rumpetrollvannet bei Hammerfest, Abend
Für das morgige Samheinfest habe ich den ersten Testlauf angeordnet. Die Nervosität bei mir, meinen wissenschaftlichen Assistenten und sogar bei den Technikern ist sehr groß. Ich habe alle Apparaturen am frühen Abend routinemäßig testen lassen. Es gab keine Beanstandungen. Das Wetteramt hat für die heutige Nacht eine Sturmwarnung herausgegeben, was ich für ein gutes Omen halte. Es könnte eine Gunst oder zumindest eine Aufmerksamkeitsbekundung Thors sein.
Die Geräte werde ich Punkt Mitternacht hochfahren lassen.

31.10.1863, Gut Rumpetrollvannet, Morgen
Der Versuch lief trotz aller guten Vorzeichen ereignislos. Wir sendeten Gebete und Anrufungen auf allen uns bekannten Frequenzen in den Aether. Wir rezitierten auf Altisländlich, Altnorwegisch, Altschwedisch und Altdänisch. Während des Sendens maßen wir einen Anstieg der Raumtemperatur und der psychoenergetischen Aktivitäten innerhalb des Gebäudes. Jedoch stiegen die Messwerte leider nie über den Normalausfallbereich. Gegen drei Uhr brachen wir die Versuchsreihe ab. Die Ernüchterung in der Gruppe ist groß.

03.11.1863, Gut Rumpetrollvannet, Abend
Der Tempel in Uppsala hat meine Anfrage für einen Priester zur Unterstützung abgelehnt. Man dürfe das Wirken der Götter nicht herausfordern. Bergström und Linnerholm haben sich heute Mittag lautstark gestritten und wollten sich fast zum Duell herausfordern. Ich habe den beiden dieses ungebührliche Verhalten, unter Androhung der Versetzung aus dem Projekt, untersagt. Die Techniker reden Unterdessen von einer Beschädigung der Apparaturen in der letzten Nacht. Vermutlich sind Ratten hier die Täter.

11.11.1863, Gut Rumpetrollvannet, Abend
Aus unserem recht müßigen Einerlei riss uns heute die überraschende Ankunft eines Professor Dr. Svansson aus Reykjavik (Von dem ich ehrlich gesagt noch nie etwas gehört habe). Er sei von dem Institutsleiter in Oslo angesprochen worden, nachdem dieser mitbekommen habe, dass wir keine priesterliche Unterstützung erhalten würden. Svansson sei Experte für die urnordische Sprache und auch in einem Godenseminar in seiner Jugendzeit gewesen.

20.11.1863, Gut Rumpetrollvannet, Morgen
Seit Svanssons Eintreffen hat sich die Stimmung etwas verbessert. Seine Geschichten und Art muntern die Mitarbeiter auf. Wir hoffen auf seine Gebete und Sachverständnis. Einige Techniker munkeln wohl, dass es Odin selbst sei. Man muss immerhin zugestehen, dass die Erscheinung des Isländers durchaus Ehrfucht gebietend ist. Er ist ein Mann fortgeschrittenen Alters, aber von einer körperlich eindrucksvollen Gestalt. Sein ursprünglich rotes Haar, das mehrheitlich von grau durchsetzt ist, trägt er lang und offen. Stets führt er einen langen Wanderstab mit sich, den er aber nicht wie eine Gehhilfe, sondern eine Waffe greift. Am Eindrucksvollsten auf die Techniker wirkt jedoch sein fehlendes Auge, dass er im Kampf mit den Russen ließ. Dazu kommt noch seine Vorliebe für Hüte und Mäntel. Ehrlich gesagt wundert es mich nicht, dass ein Mann mit so einem Hang zur Selbstdarstellung nicht bei den Goden aufgenommen wurde. Dennoch komme ich gut mit ihm zurecht und bin für seine Hilfe dankbar.

27.11.1863, Gut Rumpetrollvannet, Abend
Es sind noch fast vier Wochen bis wir den nächsten Testlauf wagen wollen und die Moral meiner Mitarbeiter schwankt von Tag zu Tag. An einem Tag stürmen sie in mein Büro, unterbreiten begeistert Verbesserungsvorschläge, am nächsten dann versinkt alles in Lethargie. Mittendrin immer Svansson, der zwar wie zufällig durch die Gänge schlendert und sich mit den Leuten dabei ungezwungen unterhält, aber dennoch etwas zu suchen, ja fast getrieben zu sein scheint. Ich selbst versuche, ganz im gelehrten Sinn, mich nicht von den Affekten meiner Umgebung beeinflussen zu lassen, um meinen Leuten ein Vorbild der Tugend der Ruhe und Standhaftigkeit seien zu können.

01.12.1863, Gut Rumpetrollvannet, Morgen
Letzte Nacht waren aus dem Speisesaal Kampfgeräusche zu vernehmen, ließ mich eines der Dienstmädchen des Gutes wissen. Ich verlangte nach Linnerholm und Bergström, die letzten Abend mal wieder im Streit auseinander gegangen sind. Bekümmert musste ich dann den Casus lösen, als ich einen frischen Kratzer auf Linnerholms Wange sah. Unter dem Protest der Beiden verwies ich sie meiner Stube in dem Wissen, dass ich sie noch heute entlassen würde. Natürlich hatten sie vehement ihre Unschuld bestritten, aber die Beweise sprechen wohl für sich. Svansson kam wenig später in mein Bureau und ließ mich wissen, dass er die Beiden auch für unschuldig halte. Auf die Frage, ob er es mir beweisen könne, starrte er mich eine Weile mit seinem Auge an, so dass mir kurz ganz bang wurde, aber verneinte es dann. Ich wies ihn darauf hin, dass ich sein Engagement respektiere, aber hier eine der wichtigsten Forschungen des Königreiches leite und mir solche Fehltritte unter meinen Mitarbeitern nicht leisten kann.

01.12.1863, Gut Rumpetrollvannet, Abend
Am späten Nachmittag klopfte ein weinendes Hausmädchen an meine Zimmertür. Unter Tränen gestand sie, dass sie Linnerholm letzte Nacht die Narbe bei einem all zu heftigen Liebesspiel zugefügt habe. Weiterhin schwor sie, dass sie die ganze Nacht zusammen gewesen seien. Nun bin ich bemüßigt mich bei meinen beiden Mitarbeitern zu entschuldigen, ein wenig zerknirscht zwar wegen meines Fehlurteils, aber mehr mit einem lachenden Auge, da ich mich nicht nach neuem Personal umsehen muss.

08.12.1863, Gut Rumpetrollvannet, Abend
Schäfer und Bauern berichten, dass Tiere in der nahen Umgebung in ihren Winterquartieren gerissen werden. Die Spuren deuten auf Wölfe oder Hunde hin. Die Tierhalter sprechen es zwar nicht aus, doch spüre ich eine Art Vorwurf mir gegenüber. Auch Svansson wirkte beunruhigt wegen der Berichte um das getötete Vieh. Mich beschleicht der Verdacht, dass er mehr weiß, als er zuzugeben gedenkt. Doch werde ich ihn nicht von meiner Seite aus bedrängen oder einem Waschweibe gleich Vermutungen anstellen.

14.12.1863, Gut Rumpetrollvannet, Mittag
Heute Morgen lag der Kadaver eines toten Wolfes vor der Tür des Anwesens. Dass die Dienstfrauen bestürzt waren, wunderte mich nicht, aber die Beunruhigung im Gesicht Svanssons umso mehr. Er wies das Gesinde an das Tier zu verbrennen und sprach bei der Verbrennung ein paar Worte in der urnordischen Sprache unserer Vorväter, derer ich leider nicht besonders mächtig bin.

20.12.1863, Gut Rumpetrollvannet, Abend
Es stürmt mittlerweile seit drei Tagen. Die Mitarbeiter sind beunruhigt und das einfache Gesinde behauptet Augen und Gesichter in den sturmgepeitschten Bäumen, Wolken und Windverwehungen zu sehen. Dessen ungeachtet haben wir heute wieder mit den ersten Testläufen begonnen. Die Apparaturen arbeiten vorschriftsmäßig.

21.12.1863, Gut Rumpetrollvannet, Morgen
Der Sturm hat heute Nacht wieder zugenommen. Eine der Küchenfrauen wurde beim Gang vom Gesinde- zum Herrenhaus von einem umherfliegenden Ast erschlagen. Wir müssen die Leiche in einem der Keller lagern, da ein Transport oder Verbrennen bei der Wetterlage nicht infrage kommt. Linnerholm plädiert dafür das Experiment heute Nacht nicht durchzuführen. Ich bin nicht gewillt dem stattzugeben und auch Svansson hat mir überraschend energisch klargemacht, dass das Experiment heute Nacht stattfinden muss.

22.12.1863, Hammerfest, Morgen
Noch immer von den Ereignissen letzter Nacht erschüttert, will ich versuchen diese zu ordnen und hier aufzuschreiben. Eine halbe Stunde vor Mitternacht begannen wir damit die Apparaturen hochzufahren. Svansson begann Punkt Mitternacht mit dem rezitieren. Wie letztes Mal vernahmen wir wieder einen leichten Anstieg der Messwerte. Eine Viertelstunde später verstärkte sich der Wind noch ein weiteres Mal. Plötzlich rissen alle Türen im Gut, von der Hauptpforte bis zu dem Labor, auf. Svansson hieß uns sofort das Labor zu verlassen. Er selbst war hinter mir und wollte als Letzter gehen. Jedoch verriegelte er die Labortür hinter mir von Innen. Ich schrie nach meinem Kollegen, aber er rief nur, dass wir alle sofort verschwinden sollen. Letztendlich gaben wir es auf die Tür aufzubrechen und eilten aus dem Haus. Gerade noch rechtzeitig bevor eine gewaltige, explosive Druckwelle die unteren Bereiche des Anwesens verwüstete. Seltsamerweise hörte der Sturm schlagartig nach der Explosion auf. Bergström ritt sofort nach Hammerfest um Hilfe zu holen. Währenddessen trauten wir uns nicht in das Haus, da wir Einstürze und weitere Explosionen fürchteten. Wir überließen den hammerfester Rettungsmannschaften das Feld und quartierten uns verstört und niedergeschlagen in dem großen, hiesigen Gasthof ein. Erst in den frühen Morgenstunden fand ich ein wenig zu Ruhe. Möge Odin Svansson beschützen, aber ich wage nicht um ihn zu hoffen.

22.12.1863, Hammerfest, Abend
Es wurde keine Leiche in dem Labor gefunden. Auch sonst sind Alle, die in dem Haus waren, noch rechtzeitig ins Freie gekommen. (Die Leiche der erschlagenen Magd fanden wir unversehrt). Es fehlt von Svansson also jede Spur, die Hitze und das Feuer in dem Labor könnten jedoch so groß gewesen sein, dass nichts mehr von ihm übrig geblieben ist. Ich werde mich als erstes auf die Suche nach seinen Angehörigen machen, um ihnen die traurige Nachricht selbst zu überbringen.

05.01.1863, Oslo, Abend
Ich habe die letzten beiden Wochen mit Nachforschungen über Svansson verbracht. Konnte keine Verwandten und sonstigen Angehörigen finden. Auch kennt man ihn nicht an der Universität in Reykjavik. Er schien ein Hochstapler gewesen zu sein, jedoch war seine Kompetenz augenscheinlich. Mit meinem Abschlussbericht will ich nun aber dieses Kapitel schließen.

Abschlussbericht
Unabhängig von den Ungereimtheiten mit Svansson, rate ich von einer Weiterführung des Projektes ab. Je nachdem wie man die Forschungsberichte interpretiert, kann man sagen, dass wir keine nennenswerten Ergebnisse erzielt haben, oder, was ich für weitaus ausschlaggebender halte, Ergebnisse, die wir nicht kontrollieren und verstehen können. Wenn sich der königliche Wissenschaftsrat jedoch zu einer Weiterführung des Programms entschließen sollte, stehe ich nicht zur Verfügung.

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