Seemannsgarn

(von Sturmfaenger)

Der Wind peitscht den Regen gegen das neunzehnte Türchen. Es könnte aber auch Gischt vom nahen Meer sein, unmöglich zu sagen bei diesem Sturm. Ein Mann nähert sich mit schnellen Schritten. In seinen Armen birgt er ein Bündel, das er sehr vorsichtig unter seinem Mantel hält, als er mit der freien Hand die Tür aufstößt. Wärme, Licht und Lachen heißen ihn willkommen…

Der erste Wintersturm hatte sogar die erfahrenen Seeleute überrascht, war er doch um Wochen früher als üblich über die Küste hergefallen und riss und zerrte nun energisch an den fest vertäuten Booten der Fischer von Imasis. Seit Tagen war ans Fischen nicht zu denken.
In der Hafenbucht ankerten zwei der wendigen Kleinsegler, die sich auch um diese Jahreszeit die Küste entlangtrauten. Sie waren bei den ersten Anzeichen des Sturms in den natürlichen Hafen des Dorfes eingelaufen. Eine betagte Dóla schaukelte ebenfalls auf den Wellen. Die "Silberqualle" war beinahe so groß wie eine behäbige Handelstachíbe, lag jedoch nicht so tief im Wasser, und hätte den Sturm draußen auf See gut überstanden. Doch Schiffskapitän Rasquen Telares gab gut auf seine Dóla acht, und hätte nie riskiert, dass der Sturm sie in Küstennähe auf eine Klippe trieb.
Der, der sich über die unfreiwilligen Gäste am meisten freute, war der Wirt der "Tanzenden Schaluppe". Die Schenke platzte an diesem Abend aus allen Nähten. Ein Wirrwarr verschiedener Akzente verriet die bunt gemischte Herkunft der Seefahrer, die einander bei 'Speer und Schild' und verschiedenen Würfelspielen die Heuer aus der Tasche zogen, um sie gleich darauf in flüssiges Gold zu verwandeln. 
Käptn Telares, der die "Qualle" bei seinem Stellvertreter Cormil in guten Händen wußte, war ein leidlich guter Ykaarspieler und hatte sie mitgebracht, um sie "auszuführen, verstehst du, Cormil, wie eine Dame". Dabei hatte er leise gelacht, dass sein wettergegerbtes Gesicht unzählige Fältchen warf, und die vielen graumelierten Zöpfchen um seinen Kopf wippten als würden sie ihm zustimmen. 
Müßig zupfte er auf den Saiten seiner abgegriffenen Ykaar, gelegentlich formten sich die Töne zu Liedern, die von den Männern aufgegriffen wurden, die sie kannten. Der stoppelbärtige Fischer vom Fenstertisch hatte seine Flöte dabei, doch nach einem mißglückten Duettversuch - und einem vielsagenden Blickkontakt - wechselten sie sich lieber ab, statt es nochmals gemeinsam zu versuchen. 
Die Musik, gute Getränke, würzige Fischsuppe und die geteilten Geschichten taten an diesem Abend ihr übriges, um die Gedanken der Männer von den Sonderschichten und Reparaturen abzulenken, die sie erwarteten, sobald der Landurlaub vorbei war. 
Diese Geschichten waren es auch, denen viele der Fischer mit glänzenden Augen lauschten. Die meisten von ihnen waren ihr Lebtag nicht aus Imasis herausgekommen, und genossen den Hauch von Abenteuer und Exotik, der in den farbigen Erzählungen der Gäste mitschwang.
Es gab jedoch auch Einheimische, die sich nicht lumpen ließen und Gleiches mit Gleichem vergalten. Sie berichteten von fantastische Erlebnissen und Begebenheiten, die sich in der Gegend zugetragen hatten, manche davon Generationen vor ihrer Geburt, manche wie gestern erst geschehen.
Vor allem der alte Gewan, Vater der Wirtin und ehemaliger Seemann, war so einer. Die Götter hatten ihn zusätzlich zu seinem guten Gedächtnis mit großen Lungen gesegnet - was ihm an diesem Abend einen lautstarken Vorteil verschaffte - nur trinkfest war er nicht. Spätestens nach dem zweiten Bier kam er in Fahrt, dann sprudelten die Geschichten nur so aus ihm heraus, und je mehr Biere danach noch folgten, desto wirrer wurde das was er von sich gab. Besonders dann, wenn ihn jemand mittendrin unterbrach.
„Un ich sach dir, es war so!" behauptete er, knallte energisch den Bierhumpen auf den Tisch. Wütend funkelte er den kupferhäutigen Canrorer an, der es gewagt hatte, ihn zu unterbrechen. "Ich kann ja wohl son Tuikhviech von Treibholz unterscheiden, und nen Lucchai von nem Plattenfisch. Aber es war nix von denen. Da gibts noch mehr, da unten! Sie lauern, grau und schleimig, stieren rauf zu dir. Glaubst du, die dünnen Planken schützen dich? Nee, nich vor denen, denn die Brut der Tiefe, die steigt hoch, um dich zu holen! Habs selbst gesehn, so wahr wie du nich richtig sprechen kannst! Was, wenn der olle Käptn nich gekommen wär? Dann säß hier mal kein Gewan mehr, damit du Wortverdreher drüber lachen kannst!"
Die leisen Töne der Ykaar waren verstummt. Telaren lauschte ebenso gebannt wie alle anderen. Die Aufmerksamkeit war Wind in Gewans Segeln. 
„Es war genauson böser Sturm wie heut, won gescheiter Mann inner Spelunke hockt bisser vergeht. Nur, daß wir mitten aufm Meer warn, drei Tage hinterm Feldrakenriff, und ich häng festgebunden anner Reling und kotz mir die Seele aussm Leib. Auf der windabgewandten Seite war das, und ich guck nach unten, und schrei so laut, daß mich der Käptn trotzm Sturm hört! Da kommt er her, und wird noch fast ins Meer gespült, und guckt mit mir zusammen runter, und da hängen sie! Wie... riesige Nacktschnecken mit Armen, und ham am Rumpf geklebt als wollten sie uns runterziehn!" 
"Hm," machte der Canrorer. "Wie kommt, ich nie seh so eins, in mehr wie fünfzehn Jahr auf Wasser? Riesig Insekten - ich seh, riesig Fische - ja, einmal ich seh riesig... weißnichtwas. Aber… riesig Schnecke, Freund?"
"Glaubste nich?" Gewan nahm einen großen Schluck von seinem Bier. Sein Gesicht war rot angelaufen, wie immer wenn er sich aufregte. "Fahr doch du mal hinters Feldrakenriff, bis da wos ganze Grünzeug im Wasser wächst, bis de fast nich mehr durchkommst, wo kaum wer langfährt, nur der durchgedrehte Käptn bei dem ich damals angeheuert hab! Wenns dann nachts an den Planken kratzt, dann will ich dich mal sehn wie du ruhig schläfst, wenns Wasser leuchtet und du siehst wie schwarzer Seetang aus der Tiefe reicht bis hoch zu dir, als würd der Gevatter selbst seine Arme nach dir strecken! Und dazwischen wimmelts in den Schatten unter dir. Wär nicht das erste Schiff das nie von da zurückkommt!" 
Der Alte merkte nicht, daß sein Sohn Dorba, Rausschmeißer der „Tanzenden Schaluppe", langsam aber sicher auf den Tisch zusteuerte. 
„Ich hab den Käptn angebrüllt, daß die uns entern wolln, damals im Sturm. Aber was macht der? Schlägt mirs Messer ausser Hand, und sagt ich soll mich nich so ham! Das war son Ausländer, weiß nich woher, und hat mich für verrückt erklärt. Hat gesagt, das hätt ich mir nur eingebildet, und mich beim nächsten Landgang glatt gefeuert. Un keiner der annern Jungs hats mir geglaubt. Scheiß auf die gute Heuer, bin nimmer dahin mitgefahrn, bei keinem nich. Und mein gutes Messer war auch weg - hätt mich nich mal wehren können gegen die."
Dorbas schwere Hand legte sich auf Gewans Schulter. 
„Jetzt langts mal wieder, Vatter. Reg dich mal wieder ab, sonst wars das mit dem Bier für heute."
„Aber der glaubts mir nich! Und die alle auch nich!" Gewans anklagende Geste umfasste die Gäste der Spelunke und die ganze restliche Welt. 
„Ich glaub dir, Gewan." Jakkaren, ein alter Mann mit Stummelzähnen, sog an seiner Pfeife. „Ich hab früher Schiffsrümpfe bauen helfen, oben in Dacnice. Die machen immer diese kleinen Griffe dran, völlig nutzlos, dicht überm Wasser. Nen extra Schnitzer gabs für die. Ich hab den mal gefragt warum, und er hat mir von Geistern erzählt, dass die das Schiff übers Meer tragen solln wenns gefährlich wird. Wenn du mich fragst, warn se das: Meergeister. Ham euer Schiff gerettet, da im Sturm. Recht hatter gehabt, dein Käptn, daß der die nicht angreift. Solltest dankbar sein, nicht fluchen."
Ein iskendischer Maat beugte sich vor. 
„Ich glaube ja, du hast die Seelenhüter getroffen. Sie treiben die Seelen der Ertrunkenen zusammen, und hüten sie, damit sie nicht hinauf zu den Lebenden steigen. Sie warten nur darauf dass einer ertrinkt. Aber wer weiß schon, ob sie nicht manchmal nachhelfen..."
„Ich weiß zufällig, dass es genau andersherum ist", warf ein glattrasierter Händler ein. "Ich komme nämlich grade vom Nordwesten, Seihseide kaufen und so weiter. Dort erzählt man, die Herrin der Wasser habe Piraten und Meuterer in ihre Dienste gezwungen und ihnen Schwänze wie sie Tuikh haben angezaubert. Man sagt, dass ihre Leiber das Grüngrau des Wassers annehmen. Sie müssen so lange mit den Wellen schwimmen, unsichtbar in der Nähe jeden Schiffes, bis sie ihre Schuld abbüßen, indem sie Menschen in Seenot zu Hilfe kommen. In den Steilhangdörfern hat fast jeder so ein Pfeiflein um. Einfach nur reinblasen und Rettung naht."
"Also ich wollte mich ungern von verfluchten Verbrechern retten lassen," murmelte Telares trocken, schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck Bier.
"Na, die Lebenden hören es ja auch, vor allem wenns mal wieder Nebel hat. Ich glaube ja, dass die Legende davon kommt." Der Händler zwinkerte verschwörerisch. Er tastete in seiner Gürteltasche herum, und fand was er suchte. "Hier, so eins ist das… seht ihr? Mit Göttinzeichen drauf, hab ich für meine Jüngste daheim gekauft. Und bis dahin muss ich nur, wenn ich in Seenot gerate…", und er setzte das fingerlange Pfeifchen an die Lippen. Ein hoher, langgezogener Pfiff erschrillte, brach jedoch sofort wieder ab, als Gewan aufsprang.
"Biste wahnsinnig, Gischthirn?! Du lockst die her damit!", ereiferte sich der Alte. Er sprang auf und wollte mit bloßen Fäusten auf den Händler losgehen, der - 
"Halt!"
Kapitän Telares duldete keine Schlägereien in seiner Gegenwart. In einer fließenden Bewegung war er von seinem Platz aufgestanden und verstellte Gewan nun den Weg. 
Gewan stierte ihn sekundenlang an, blinzelte dann unter dem unnachgiebigen Blick. 
"Wir sind uns", sagte Telares langsam, "denke ich einig, dass das Meer uns allen sehr gefährlich werden kann. Ist das nicht so?"
"Uh… ja…"
Der Kapitän nickte unmerklich. "Dann wäre das ja geklärt."
"Ja", Gewan atmete schwer. "Kapitän." Er kniff die Augen zusammen, als versuche er sich zu erinnern, warum er sich so aufgeregt hatte. 
Sein Sohn stand direkt hinter ihm, deswegen konnte Gewan nicht sehen, wie Dorbas Mundwinkel anerkennend zuckten. 
"Wird Zeit, die Fensterläden zu prüfen, Vatter. Hilfste mir?"
"Ja, ja ich helf dir. Is wohl besser, wenn wir die richtig fest verschließen. Sicherer. Komm, gehn wir gucken."
Hinter den beiden Männern flammten langsam die ersten Gespräche wieder auf. Die Flöte begann zu trillern, und Stühle ruckten hin und her, als die Männer es sich wieder bequem machten. Einer von ihnen hielt auf dem Weg zur Latrine wie zufällig bei dem Händler an. "Äh, sag mal, guter Mann. So als Händler… hast du noch wo so ne Pfeife?"
"Nun… ich hatte noch ein paar für meine Verwandtschaft gekauft. Ich hab ne große Familie. Aber für dich könnt ich vielleicht schon noch eine über haben. Magst du eine mit Wellenmotiv oder Yulzeichen drauf?"
Telares am Tisch nebenan seufzte. 
"Na komm, Holdeste", murmelte er, tätschelte den Klangkörper seiner Ykaar und schlug sie dann wieder in ihr wasserdichtes Leder ein. "Das wars für heute. Krach genug gibts ja jetzt."
Er warf ein paar Münzen auf den Tisch, kehrte der "Tanzenden Schaluppe" den Rücken und marschierte die paar Meter zum Hafenbecken, Richtung "Qualle".
Sein langjähriger Matrose Pagnel, der dort wachte, hob die buschigen Brauen. "Nanu, Käptn? So gut wie nüchtern?"
"Ich sag nur Yulpfeifen. Diese Dinger verbreiten sich wie eine Plage."
Der andere wiegte den Kopf. "Sie werden wieder aus der Mode kommen wenn sie keine Wirkung zeigen."
"Sag das Kkoui und seinen Kopfschmerzen. Jeder wird seine Pfeife testen wollen - und er kann bei dem Wellengang noch nichtmal aus dem Hafen flüchten."
"Aber er hat immerhin von unserem besten Bienenwachs. Und das kalte Wasser des ganzen Ozeans um seine Schläfen zu kühlen."
Telares grinste. "Da hast du auch wieder recht."
In den tanzenden Wellen nahe der Ankerkette brodelte das Wasser. Der Wind trug ein hohes, mitleidheischendes Quieken herüber.
"Ich weiß, mein Freund, ich weiß", murmelte Telares, nestelte ein fingerlanges Pfeifchen unter seinem Überwurf hervor und blies eine kurze Tonfolge hinein, die er selbst nicht hören konnte. "Versuch einfach zu schlafen."

weiter zum nächsten Türchen