Seetangbande

(von Sturmfaenger)

Wer durch das zwanzigste Türchen schwimmt, sieht vor sich eine Siedlung, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, denn kein Mensch vermag so tief und ausdauernd zu tauchen…

In den oberen Bereichen des Tangwalddorfs war es immer noch zu ungemütlich um dort zu übernachten. Das Meer war zwar nicht mehr so aufgewühlt wie noch vor wenigen Wochen, aber die Sturmwogen ließen immer noch wirbelnde Säulen aus Luftblasen zwischen den dicken Kelpsträngen tanzen. In den oberen Flechtnestern zu schlafen wäre wie der Versuch gewesen, an ein bockiges Tuikh geschirrt ein Nickerchen zu halten.
An Abenden wie diesen zogen sich die Leute in die unteren Bereiche des Dorfes zurück, wo die Wasser ruhiger waren und das gelbliche Glühen der Schwärmer in ihren Käfigen eine gewisse Tröstlichkeit in den mit Treibholz verstärkten Sturmnestern vermittelte. 
Vor stürmischen Laichlingen boten die Sturmnester jedoch keinen Schutz.
"Papa, Yhquyik will mir nichts vom Krill abgeben!" quietschte Ouyioy - seine Jüngste - entrüstet, und klickerte ihren Bruder böse an.
Aus seiner Konzentration gerissen, ließ Kkouioquikkiqui den kleinen Treibholzrahmen mit der miniaturisierten Strömungskarte sinken, die er studiert hatte. "Sohn, wie viele Klappen hat der Esskorb?" 
"Ja ja, sie kriegt's ja schon. Damit sie mal richtig lernt zu essen, und nicht immer das halbe Abendessen hinterher im Nest rumschwimmt…", stichelte Yhquyik.
Kkouioquikkiqui holte tief Wasser, schloss die Augen und zählte auf menschlich bis acht. Erst als er die unaussprechlichen Zählworte in seinem Geist fehlerlos vergegenwärtigt hatte, öffnete er die Augen wieder. "Ihr wollt doch beide, dass ich euch vor dem Schlafengehen noch weitergebe, oder? Ich habe euch schon mindestens sechzehn mal sechzehn Mal weitergegeben warum wir nicht streiten sondern teilen, damit das Dorf gedeiht. Wollt ihr das heute abend wirklich nochmal hören?"
"Nein, Papa."
"Bloß nicht!"
"Dann ist ja gut." Kkouioquikkiqui hatte wie die meisten Erwachsenen auch keine Lust, diese bestimmte Geschichte seinen Kindern schon wieder zu erzählen, hatte er sie doch aus seiner eigenen Kinderzeit noch gründlich satt. "Überlegt euch - ohne zu streiten! - schonmal, was ich euch dann weitergeben soll."
"Die Flutgeschichte!" 
"Mit dir und Tangkopf drin, ja, Papa?"
Bei der Heiligqualle, sie waren sich tatsächlich einmal einig! "Gut. Aber erst wird aufgegessen, und dann schwimmt ihr beide zusammen raus zum Vorratskäfig und füllt den Korb für eure Mutter wieder auf. Sie wird hungrig sein wenn sie nachher vom Netzeweben kommt."
Die Stirnflecken der beiden pulsierten bestätigend, und sie beugten sich über den Krillkorb. Gefräßige Stille erfüllte das Nest, und nach einer Weile schwammen die zwei einträchtig hinaus, um seinen Auftrag zu erfüllen. Kkouioquikkiqui nutzte die Ruhephase bis zu ihrer Rückkehr, um sich die paar Sauerlarven im Tangmantel einzuverleiben, die noch vom Frühmahl übrig waren - und die Krillkrebschen zu vernaschen, die seiner Tochter beim Essen entwischt waren. Ihre Mundwinkeltentakel waren einfach noch nicht lang genug um richtig zuzupacken.
Es dauerte nicht lange und die Türklappe ging wieder auf. 
"Da sind wir wieder!" quiekte Ouyioy, und Yhquyik hängte den Krillkorb in eine der Strömungsrinnen, damit die Krill nicht in einer schlecht durchströmten Ecke des Nests erstickten. "Fertig, Papa! Weitergeben, weitergeben, weitergeben!"
"Dann mal rein in eure Schlafschlingen." Bis Kkouioquikkiqui sich vergewissert hatte dass der Krillkorb richtig zu war, schlüpften die beiden mit den Schwänzen in ihre Hängeschlingen, damit sie im Schlaf nicht im Nest herumtrieben.
Kkouioquikkiqui setzte den dichter gewebten Nachtkorb auf den Lichtkorb mit den Schwärmern, und es wurde schummrig im Nest. Er ließ sich zwischen die zwei Kinder sinken, legte seine Echtarme um sie und begann, wie er jedes Mal begann…
"Einmal vor langer Zeit, schenkte uns die heilige Qualle das Licht der Erkenntnis. Wir reichen es weiter, von ihr zu uns, von dir zu mir, von mir zu euch. Drum lauscht und lernt und macht es ebenso. Vor vielen Jahren, als ich noch nicht den Hochzeitsknoten mit eurer Mama geknüpft hatte, da wollte ich die Meere sehen und ging auf Reisen. Drei Jahre schwamm ich mit den Karawanen von einer Seeoase bis zur nächsten, sogar zum Heiligen Berg schwamm ich und opferte da, und viele Freunde traf ich nah und fern, die gaben ihr Wissen an mich weiter: wie man Tauschhandel treibt, wie man den Tuikh ruft und vor die Floße schirrt, wie man die Federflitzer jagt, die durch die wasserlose Leere schwimmen, wie man sich gegen räuberische Fische wehrt und die ungehobelten Menschen meidet, die so mutig auf den Meeren reisen obwohl sie die einfachsten Dinge nicht wissen, und die meisten sogar nichtmal, dass wir hier wohnen. Doch…-" 
"Wieso ist das mutig von den Menschen?"
"Ganz einfach: wir sind hier zuhause, die Menschen nicht. Sie können von ihren seltsamen Schüsselflößen jederzeit ins Wasser fallen, und dann sterben sie. Stellt euch vor wir würden uns beim Federflitzerfangen vorsehen müssen, nicht in den Himmel zu fallen weil wir da vertrocknen, hm? Aber jetzt hört weiter:
Eines Tages, mitten auf dem Meer, traf uns ein Sturm. Ein paar von uns tauchten mit den Tuikh ab, doch ich und ein paar andere wir blieben oben, um die Floße zu hüten, und banden uns drauf fest, um sie nicht zu verlieren. Auf den Wellen tanzten wir, und wurden hin- und hergeworfen, aber der Sturm war heftig und trieb die Flöße auseinander, bis ich mit meinem ganz alleine war. Das Meer wurde immer wilder, und ich mußte mich mit aller Kraft festhalten. Das Floß war wie ein bockiges Tuikh, und das Meer war stärker. Das Floß zerbrach in seine Teile, riß mich los, mir donnerte eine Strebe an den Kopf, und das letzte was ich sah ist, wie von ferne eine große Welle kam, dann wurde alles schwarz um mich."
"Die Flutwelle!!" quietschten Ouyioy und Yhquyik im Duett.
"Ja. Sie trug mich mit sich, weiter zur Küste hin. Die Sturmflut war so heftig, dass sie über den Strand kletterte, weiter hinein über die Dünen, und alles was da kam wurde von ihr mitgerissen, bis sie nicht mehr damit spielen wollte, und deshalb ist das nächste, was ich weiß, wie ich an der Luft aufwache, kaum mehr richtig atmen kann weil meine Haut so trocken und meine Wasserlunge fast leer ist, und ich starke Schmerzen in der Seite habe, und eine dicke Beule am Kopf. Und ratet mal wer mich so fand."
"Tangkopf!"
"Genau. Er hat sich über mich gebeugt, und diese vielen Haare, die die Menschen haben, hat er geflochten wie kleine Seile die von seinem Kopf hängen, und sie wackeln hin und her wie Tangstränge in den Wellen, nur dass die nach oben wackeln und Tangkopfs Haare wackeln nach unten."
"Wieso hat er dir geholfen?" wollte Yhquyik wissen.
"Weil Tangkopfs Papa ein kluger Mann war, und sein Wissen an ihn weitergegeben hat, und Tangkopf wußte dass Leute einander helfen sollen wenn sie können. Er hat mich mit Wasser übergossen, und ist dann nochmal fort und hat ein seltsames Tier geholt, das ein Festlandfloß ziehen kann. Damit hat er mich zu einem ihrer Tuikhhirten gebracht, der wußte wie man meine Wunde an der Seite heilen kann, und mich in ein flaches Becken gelegt hat, bis es mir besser geht."
Kkouioquikkiquis Gesichtsflecken flimmerten leicht im Halbdunkel, als er sich an diese schmerzhafte Zeit erinnerte. Die Narbe war ihm bis heute geblieben, ein flacher Wulst an der Seite, der aber selbst beim schnellen Schwimmen kaum bemerkbar war. 
"Es hat wochenlang gedauert bis ich wieder richtig schwimmen konnte. In der Zeit ist Tangkopf ganz oft da gewesen, und weil er so neugierig und mir so langweilig war, haben wir probiert zu reden. Der Tuikhhirte hatte eine alte Signalflöte, damit kann man rufen, und Ja und Nein und ganz leichte Sachen sagen, weil die Tuikh ja auch gut hören können. Später habe ich ihm dann eine richtige gemacht, die er nehmen kann. Die Menschen sind ja fast taub, sie hören dich überhaupt nur wenn du _ s o _ t i e f _ sprichst."
Ouyioy klickerte fröhlich, und versuchte - mit wenig Erfolg - genauso tief und langsam zu quieken, was Yhquyik natürlich auch gleich probieren mußte.
Kkouioquikkiqui rubbelte den beiden liebevoll über die Köpfe. "Es ist komisch mit Tangkopf, wißt ihr - er kann kein Heiliglicht rufen, um von Geist zu Geist direkt zu sprechen, aber wenn ich es rufe kann ich zu ihm sprechen. Es ist fast als wäre es doch irgendwo in ihm drin. Am Anfang als ich das mit dem Geist-Geist-sprechen rausgefunden habe, hatten wir beide oft Kopfschmerzen, aber es war interessant, und wir haben einander dadurch viel mehr weitergegeben als nur Ja und Nein. So haben wir gelernt dass wir uns mögen, den Freundschaftsknoten zwischen uns geknüpft, und den Rest wißt ihr."
Yhquyik blinzelte. "Wann kommt Tangkopf dich wieder abholen, Papa?"
"Wenn die Wasser ruhiger sind. Spätestens wenn der Tang beginnt zu blühen."
"Dürfen wir ihm wieder hallo sagen wie das letzte Mal?" fragte Ouyioy schläfrig.
"Kommt drauf an wie oft ich euch noch eine bestimmte Geschichte weitergeben muss. Jetzt schlaf, Ouyioy."
"Gibst du uns morgen weiter wie ihr mit seinem Schüsselfloß zwischen den Lucchai-Inseln durchgefahren seid? Oder wie ihr…." 
"Gute Nacht, Yhquyik", unterbrach ihn Kkouioquikkiqui sanft. 
Yhquyiks Augen waren schon beinahe zu. "Nacht, Papa…"
Ein Weilchen ließ sich Kkouioquikkiqui noch bei ihnen im Wasser treiben, dann traf ihn ein grüßend gespieener Wasserschwall - lautlos um die Kinder nicht zu wecken - an der Schulter. Er drehte sich um. Seine Frau Thikkyouiqui schwebte in der Türklappe. Er schwamm zu ihr hin, und sie legte ihre Stirn an seine. 
"Da bin ich endlich. Hat länger gedauert heute abend. Schlafen sie schon?"
"Grade so. Wir haben noch Krill für dich."
"Ah, ich hatte schon Meeresameisen vorhin. Der Kelpstrang neben dem Versammlungsnest war befallen, da haben wir sie aufgesammelt und gleich gegessen." 
"Dann gibt's die Krill morgen zum Frühmahl. Die Sauerlarven sind nämlich alle." 
"Wie lief's mit den Kindern? Was mußtest du ihnen weitergeben? Doch nicht etwa schonwieder…?" 
Ihre Gesichtsflecken pulsierten ihn neckisch an.
"Nein, sie waren brav. Sie haben sich die Flutgeschichte gewünscht."
"Ah." Thikkyouiqui drehte sich um und hakte die Türklappe ein. "Wo wollt ihr denn diesmal hin?"
"Vielleicht zu dieser Menschenstadt in der Nähe von Drei-Süßquellen-Dorf. Tangkopf sagt, die Menschen machen dort guten Stein, der Licht durchlässt. Können wir sicher gegen Perlen oder irgendwelches Essen tauschen oder so, ich muss nochmal mit Tangkopf drüber reden."
Seite an Seite schwammen die beiden zu ihren Schlafschlingen. Kkouioquikkiqui half seiner Frau hinein.
"Bringst du mir wieder von diesem Zeug mit, dass man in heißem Süßwasser einweichen muss?"
Kkouioquikkiqui glitt in seine Schlinge neben sie. "Meinst du Tee?" 
"Mhmm, ja."
Als Thikkyouiqui ihre Brustfinger mit den seinen verschränkte und Kkouioquikkiqui seine Echtarme um sie legte, kitzelte ihn auf einmal etwas am Augenwulst. "Was…uh…?"
Ihrer beider Gesichtsflecken pulsierten amüsiert, als ein einzelnes verirrtes Krilltierchen eifrig rudernd zwischen ihren Köpfen hindurchschwebte. Kkouioquikkiquis Mundwinkeltentakel schlugen aus, fingen das Tierchen und schoben es zärtlich in Thikkyouiquis Mund.
Ihre Gesichtsflecken pulsierten mit einem Hauch von rosa, als sie es einsaugte, und sie schmiegte sich an ihn. Während Kkouioquikkiqui in Wachstarre verharrte, und der Heiligqualle mit einem kurzen Gebet für sein Leben, seine wunderbare Frau, seine aufgeweckten Kinder und seinen ungewöhnlichen Freund dankte, schlief Thikkyouiqui in seinen Armen ein.

weiter zum nächsten Türchen