Die drei Wünsche

(von Jerron)

Am Tag der Wintersonnenwende können sich merkwürdige Dinge zutragen. Gebt also acht, wenn ihr durchs einundzwanzigste Türchen tretet, das direkt ins Herz eines Berges führt…

Es waren einmal drei Brüder, die waren Bergleute. Eines Tages als sie einer Ader Erzes aufspürten und dabei auf eine Wand einhackten, da tat sich im Boden ein Loch auf und die Brüder fielen in eine Höhle voller Edelsteine und Kristalle. Durch den Sturz verloren alle drei das Bewusstsein und sie träumten alle drei den selben Traum: 
Ihnen erschien eine dunkle vierarmige Gestalt, die zu ihnen sprach: "Für lange Zeit war diese Höhle verschlossen, doch ihr habt den Weg in die Freiheit geöffnet. Zum Dank gewähre ich jedem von euch einen Wunsch. Doch bedenket diese Regeln – Ihr könnt euch keine weiteren Wünsche wünschen, ihr könnt mit eurem Wunsch nicht die Gedanken oder das Handeln anderer Menschen beeinflussen und ihr könnt nicht das Gefüge der Welt grundlegend und dauerhaft verändern. Abgesehen davon könnt ihr wünschen, was euch beliebt." 
Mit einem roten Leuchten verschwand die Gestalt und die Brüder erwachten, ein jeder mit einem rot leuchtenden Stein in der Hand.
"Brüder", sprach der Älteste. "Träumtet auch ihr, was ich geträumt?" Und die beiden anderen berichteten von der Traumgestalt und dem Wunsch, der ihnen im Traum gewährt wurde.
"Diese rot glühenden Steine müssen unsere Wünsche beherbergen", vermutete der Jüngste. Er blickte an sich herunter und sprach "Oh, das kommt mir gerade recht, meine Hose ist zerrissen. Da wünsche ich mir doch eine heile Hose." Und mit einem kichernden Geräusch erlosch das rote Licht seines Steines und die Hose des Jüngsten war wieder heil, als wäre sie nie zerrissen gewesen.
Seine beiden Brüder starrten ihn entsetzt an und schalten ihn einen Narren. „Wie kannst du nur deinen Wunsch für solch eine Kleinigkeit verschwenden? Überlege doch nur, was du alles hättest haben können, und du wünscht dir eine heile Hose!? Du Dummkopf!"
Der Mittlere der Brüder sprach "Immerhin haben wir nun gelernt, dass uns tatsächlich Wünsche gewährt wurden und wir nicht Opfer eines Hirngespinstes gewesen sind. Doch jetzt heißt es gut überlegen, was wir uns wünschen sollen, denn wir sind nicht so dumm wie unser Bruder."
Und so beratschlagten die Brüder - welcher wäre wohl der beste Wunsch? Reichtum? Nicht nötig, denn durch all die Edelsteine in dieser Höhle waren die Brüder schon jetzt reich. Macht und Einfluss? Würde man sich durch den Reichtum verschaffen. Da sprach der Mittlere: "Was nutzen einem Reichtum und Macht, wenn man sie nicht klug einzusetzen weiß? Ich weiß, was ich mir wünschen werde: Ich möchte klug und weise sein, wie die Alten." Und der rot leuchtende Stein in seiner Hand erlosch unter lautem, boshaften Kichern. Und der Mittlere Bruder war klug und weise. Weiterhin war er aber auch zu einem schwachen Greis geworden - genau wie er es sich gewünscht hatte.
"Oh weh", klagte da der Älteste Bruder. "Du, Jüngster, hast deinen Wunsch leichtfertig gesprochen und ihn verschwendet. Du, Mittlerer, hast deinen Wunsch so formuliert, dass er dir zum Nachteil gereicht. Der uns diese Wünsche gewährte, ist boshaft und verkehrt unsere Wünsche ins Gegenteil. Mittlerer, wo du nun klug und weise bist, so hilf mir doch, und sage mir, was ich wünschen soll!"
Doch der Mittlere Bruder war schwach, so dass er sich kaum zu regen vermochte und auch kein Wort über die Lippen brachte, obwohl doch seine Augen von Weisheit kündeten.
"So muss ich mir ganz genau überlegen, wie mein Wunsch nun lauten soll. Doch lasst uns zuerst aus dieser Höhle klettern und ihre Schätze bergen."
Und so trugen die Brüder den greisen Mittleren aus der Höhle heraus und bargen die Edelsteine und Kristalle. Und dabei zerriss die Hose des Jüngsten aufs Neue.

Der Mittlere Bruder siechte nun im Haus der Brüder vor sich hin und der Älteste überlegte und überlegte, er formulierte, verwarf und formulierte neu, stets in dem Bestreben, einen Wunsch so zu äußern, dass er sich nicht boshaft ins Gegenteil verkehren möge. Währenddessen gaben die Brüder ein Gutteil des Schatzes aus der Höhle aus, um Arzneien, Tinkturen und Wundermittel für ihren siechen Bruder bei reisenden Händlern zu kaufen, die merkwürdigerweise auf einmal vermehrt vor ihrer Haustüre auftauchten und ihre Dienste feilboten. Eines der Pülverchen versetzte alle Brüder in tiefen Schlaf, und als sie wieder erwachten, war ihr ganzes Haus ausgeplündert, der Mittlere Bruder gestorben und nur der Älteste hielt seinen rot glühenden Wunschstein noch in der Hand. 
"Diese Wünsche haben uns nur Unheil gebracht", klagte er. "Nun weiß ich, was ich mir wünschen soll: Ich wünsche, dass wir diese Wünsche niemals erhalten haben!"
Mit einem wütenden Heulen erlosch nun also auch das rote Glühen seines Steines und die drei Brüder fanden sich wieder mit ihren Hacken in der Erzader wieder. Doch diesmal legten sie bei ihrer Arbeit keine Höhle frei.

Und so lebten sie fortan - nicht wissend, dass sie wunschlos glücklich waren. 

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