Großvaterfest

(von Jundurg)

Im Halbdunkel des Wintermorgens verlassen zwei dick vermummte Gestalten das Dorf, Mutter und Tochter, wobei die Mutter es offensichtlich eilig hat, und sich öfter nach ihrer Tochter umsieht, die Hüpfspiele um Schneereste herum veranstaltet. Beide merken nicht, dass das große alte Tor im brüchigen Mauerwerk am Dorfeingang in diesem Moment zugleich das zweiundzwanzigste Türchen ist…

Es war kurz nach Sonnenaufgang. Auf dem Feldweg lagen noch einige matschige Schneereste, mit den Schuhabdrücken der Leute, die den ersten Zug am Morgen genommen hatten. Bawonni kuschelte sich an den blaugrauen Wintermantel ihrer Mutter.
„Kind, so kommen wir nicht weiter. Ich brauche auch Platz zum Gehen. Der Zug fährt schon in fünf Minuten, wir sollten uns beeilen."
„Warum kommt Papa nicht mit?", fragte Bawonni, „Mir wird doch ohne ihn langweilig im Zug."
Ihre Mutter reagierte nicht auf die Frage.
„Komm, wir laufen das letzte Stück hinunter!", bestimmte sie.
„Na gut."
Sie erwischten gerade noch den Regionalzug. Bawonni setzte sich ans Fenster und starrte eine Weile in die Landschaft – endlose Hügel, Wald, wohin man sah. Mutter zog ein Buch aus ihrer Tasche und begann zu lesen.
„Warum kommt Papa nicht mit?", fragte Bawonni erneut.
Die Mutter gab keine Antwort. Eigentlich konnte sich Bawonni die Antwort schon denken. Ihre Eltern hatten wieder gestritten, gestern abend – Bawonni hatte es gehört, mit dem Kopf unter der Decke, obwohl sie es nicht hören wollte. Schon seit ein paar Wochen ging das so. Seit sie umgezogen waren.
„Mir ist langweilig.", jammerte Bawonni. Sie erntete einen kurzen zerstreuten Blick ihrer Mutter, die sich sogleich wieder in ihre Lektüre vertiefte, dabei gedankenverloren in ihrer Tasche wühlte und schließlich ein Päckchen herausnahm.
„Hier.", sagte sie und reichte es ihrer Tochter.
Bawonni öffnete es, und fand darin ein paar Buntstifte, und einen Templerblock. Sie nahm den Block heraus und sah sich die letzten gespielten Partien an – gegen Papa; sie hatte natürlich verloren. Aber vielleicht hatte sie heute beim Familientreffen ja noch Gelegenheit, ihre neuen Tricks an ihrem Cousin auszuprobieren. Sie zog mit den Bunstiften den Rand einer Tabelle nach, wiederholte das ganze mit einer anderen Farbe, dann einer dritten. Vor dem Fenster zog eine endlose Reihe dunkelgrüner Fichten vorbei.
„Hast du nicht irgendwas zum Lesen für mich?", bat sie ihre Mutter schließlich.
Als diese nicht reagierte, nahm Bawonni kurzerhand die Tasche auf ihren Schoß und begann den Inhalt zu durchsuchen. Schließlich machte sie die zerknüllten Reste einer alten Zeitschrift ausfindig, und begann sie auswendig zu lernen.

Etwas später begann es zu regnen. Zunächst waren es nur ganz feine Tropfen, dann wurde es immer lauter. Elsa sah von ihrem Buch auf: Ihre Tochter schlief seit einer Weile, in ihrem Sitz zusammengerollt wie eine Katze. Die kleinen Hände waren fest um den Block gekrallt, den ihr Vater ihr geschenkt hatte. Es tat weh, zu sehen, wie sie an ihm hing – denn sie wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie auseinanderziehen würden. Die letzten Wochen hatte sie noch gedacht, dass sie sich schon wieder zusammenfinden würden, wenn sie erst einmal ihr neues Zuhause richtig eingerichtet hätten. Aber da hatte sie sich getäuscht. In den letzten Tagen waren sie sich eher aus dem Weg gegangen, und das im eigenen Haus. Es war einfacher, denn jedes Gespräch, das länger andauerte, wurde unweigerlich zu einem Streit – worum es dabei ging, war unbedeutend geworden.
Aber nun wollte sie nicht weiter darüber nachdenken. Schließlich sah sie ihre Familie ohnehin nur selten. Das Geburtstagsfest ihres Vaters, das 'Großvaterfest', wie ihre Tochter es nannte, war die einzige Gelegenheit im Jahr, bei dir wirklich alle zusammenkamen.
Der Zug wurde allmählich langsamer.
„Wach auf.", sagte Elsa leise.

Das Fest war schon im vollen Gange, als Elsa mit ihrer Tochter dort ankam. Aus der Küche wehte ihnen der Duft von Zwiebeln entgegen, und Elsas Schwestern Igarri und Fuhi waren damit beschäftigt, den Raum zu schmücken, wofür sie offenbar dieses Jahr kleine bemalte Holzwürfelchen verwendeten, die sie großflächig auf den Tischen verstreuten. Das war wahrscheinlich Großvaters Idee, zumindest sah es so aus, denn die Gesichtsausdrücke ihrer Schwestern zeugten nicht von großer Begeisterung.
„Elsa! Na endlich!", riefen sie, als sie ihrer gewahr wurden.
Sie tauschten eine Runde Umarmungen aus, dann drückte Igarri ihr einen Beutel voller Holzwürfel in die Hand.
„Da. Übernimm du das mal.", bestimmte sie, „Ich sehe, ob ich Mutter noch etwas helfen kann."
Bawonni schien von den bunten Würfeln ganz fasziniert zu sein und hatte begonnen, sie nach Farben zu sortieren. Elsa zuckte mit den Schultern und drückte ihr den Beutel in die Hand. Sie wollte erst einmal den Rest der Verwandten begrüßen.
In der Küche war ihr Bruder gerade damit beschäftigt, Zwiebeln zu schneiden. Natürlich ohne Magie – Mutter hätte ihn sonst wohl nicht in die Küche gelassen. Was das anging, war sie immer recht strikt. Er winkte ihr kurz zu.
„Elsa! Schön, dass du da bist."
„Hallo, Bruder."
Er runzelte die Stirn. „Ist dein Mann nicht mitgekommen? Ich hätte mich gerne mit ihm unterhalten."
Elsas Vater betrat den Raum und bewahrte sie davor, darauf antworten zu müssen.
„Willkommen zuhause!", begrüßte er sie.
„Willkommen in meiner Gegenwart.", erwiderte sie – eine Höflichkeitsfloskel, von der sie wusste, das ihr Vater sie gerne hörte.
„Ha, wunderbar.", lobte dieser, „Nun, Elsa, darf ich dich um etwas bitten?"
„Sicher.", meinte sie, „Was gibt's?"
Er nahm sie am Ärmel und zog sie in Richtung Treppe.
„Es geht um den Waldbesitz unserer Familie."
„Natürlich."
Als Biologin war sie natürlich die erste Ansprechpartnerin, wenn irgendwelche Probleme mit dem Wald auftauchten. Er führte sie in einen hellen Raum mit einer Glasdecke, durch die die trübe Nebelmasse über der Stadt zu sehen war.
„Das hier ist ein Ableger von einem der älteren Bäume nahe der oberen Grenze unseres Grundes.", sagte er und deutete auf eine kaum vierzig Zentimeter hohe Lärche, die in der Mitte des Raumes auf einem kleinen Podest stand. Die Nadeln waren rötlich, einige davon bereits abgefallen.
„Die Verbindung war noch nie besonders gut, aber in den letzten Wochen konnte ich gar nichts mehr damit anfangen.", erklärte er, „Sieh ihn dir doch bitte an."
„Natürlich."
Sie stellte sich vor den Verbindungsbaum und berührte mit den Händen leicht die Nadeln. Obwohl es nur ein kleines Bäumchen war, stellte es eine magische Verbindung zu einem ganzen Waldteil dar. Die Bäume kommunizierten auch über große Entfernungen, wenn es eine solche Verbindung gab – in diesem Fall geschah das dadurch, dass der Baum aus einem Ast eines anderen Baumes gewachsen war. Elsa versuchte, sich vorsichtig in das Gespräch einzuklinken, aber fand nur Stille vor. Dazu kam ein vertrautes Gefühl der Übelkeit. Sie zog die Finger rasch zurück.
„Wahrscheinlich ein Baumpilz.", sagte sie, „Die Verbindung ist blockiert, von der anderen Seite aus. Dieser Baum hier ist gesund. Hast du schon mit dem Honnschafter gesprochen?"
„Das werde ich tun.", meinte ihr Vater, „Ich dachte mir schon, dass es so etwas sein würde, aber ich wollte auf deine Meinung warten, wozu hat man schließlich eine Expertin in der Familie."

Bawonni war zu sehr darin vertieft, rote Würfel von orangen Würfeln zu unterscheiden – was beim flackernden Licht des Kamins nicht so einfach war – als dass sie das Herannahen des Monsters bemerkt hätte. Als dessen kalte Knochenfinger nach ihrem Hals griffen, erschrak sie und schrie auf. Sie wandte sich um und blickte sie in eine glänzende schwarze Maske. Jemand hatte mit einer leuchtenden Farbe 'AUSSORTIERT' quer über deren Wange geschrieben. Entschlossen riss sie die Maske herunter und blickte in das grinsende Gesicht ihres Cousins.
„Fian!", rief sie.
„Hallo, Bawo. Du bist genauso leicht zu erschrecken wie früher.", meinte dieser, „Komm mit. Bis zum Essen ist noch Zeit genug für eine Partie Templer."
„Du hast es also nicht vergessen.", schloss sie.
„Natürlich nicht! Du hast doch zuletzt praktisch von nichts anderem geredet, als dass du mich besiegen willst, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Das wird dir nicht gelingen, aber meine Ehre gebietet mir, dass ich dieses Duell nicht ausschlagen darf."
Die letzten Worte hatte er wahrscheinlich aus einem der Abenteuerbücher, die er so gerne las. Mit der Stimme eines Zehnjährigen wirkte der Satz ein wenig komisch, aber Bawonni verkniff sich das Lachen, stattdessen deutete sie eine leichte Verbeugung an.
Wie sich herausstellte, hatte Fian bereits das Spielbrett aufgebaut. Die gläsernen Figuren blinkten, als Bawonni danach griff. Sie zuckte kurz zurück. Natürlich, das war ein echtes Templerspiel, mit Figuren, die selbstständig ihre Positionen am Spielfeld ändern konnten. Sie nahm eine gelbe Figur in die Hand und untersuchte die kleinen glimmenden Funken, die sich darin bewegten.
Fian hatte derweil in einem opulenten hölzernen Thron – man konnte es nicht anders nennen – gegenüber von ihr Platz genommen.
„Als Herausforderer bestimmst du zuerst die Farbe.", sagte er.
„Gelb." Bawonni brauchte nicht nachzudenken. Sie wählte immer gelb. Wenn sie ehrlich war, wusste sie gar nicht so recht, wie man die anderen Farben spielte.
Fian schob ihr die gelben Figuren hin und nahm selbst einen roten Stein und setzte ihn auf das Spielfeld. Sogleich begann das Brett um den Stein herum die selbe Farbe anzunehmen. Das Glimmen des Brettes tauchte den ganzen Raum in ein merkwürdiges Licht.
Sie stellten abwechselnd ihre Figuren auf das Brett, und mit jeder Figur wurde es etwas heller.
Bawonni zuckte zusammen, als hinter ihr jemand an die Tür klopfte.
„Da seid ihr ja." Ihr Großvater betrat den Raum und stützte sich auf den Tisch, um das Spiel zu betrachten.
„Mein altes Templerbrett.", raunte er, „Ich habe es bekommen, als ich zehn war. Schön langsam wäre es an der Zeit, es weiterzugeben... wenn sich jemand von euch dafür interessiert."
Bawonni und Fian sahen sich an. Natürlich wollten sie beide gerne ein echtes Templerbrett besitzen.
„Ich mache euch einen Vorschlag.", meinte der Alte, „Ich gebe es dem Gewinner dieser Partie. Dann strengt ihr euch auch wirklich an, und ich bekomme ein schönes Spiel zu sehen."
Der Konflikt zwischen den roten und den gelben Templern verschärfte sich daraufhin. Rituale wurden begonnen, aber unvollendet verworfen. Ein gelber Blitz schlug in Fians Finger, aber er ließ sich davon nicht abschrecken.
„Da ist eine Lücke.", meinte Großvater und deutete auf das Spielfeld.
„Unfair, du hilfst zu Fian.", beschwerte sich Bawonni.
„Hmm. Ich bin schon still."
Nacheinander flackerten die Lichter aus, bis am Ende ein gelbes Glimmen übrig war. Fian räumte schweigend die Figuren zusammen, schob sie in die dafür vorgesehenen Beutel, dann erst schüttelte er seiner Cousine die Hand.

Wenig später war das Haus erfüllt von Bawonnis Jubelschreien.

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