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Die Macht der Musik

(von Silph)

Die Gasse, in die das dreiundzwanzigste Türchen führt, wird durch efeuüberranktes Gitterwerk vor der heißen südlichen Sonne geschützt. Die meisten der in fließende Gewänder gehüllten Passanten haben jedoch weder einen Blick für das flirrende Schattenspiel auf dem Kopfsteinpflaster übrig, noch wissen sie die marmornen Bögen der Hauseingänge mit ihren kunstvoll beschnitzten Holztüren zu würdigen. Alle scheinen es eilig zu haben - alle, außer einem…

Revano schlenderte durch die Gassen, darauf bedacht, niemandem im Weg zu sein, der hier herumhastete. Es war eine leichte Aufgabe, auch wenn die meisten Leute nicht darauf achteten, wo sie hinrannten. Sie rannten in einer geraden Linie, ein halber Schritt zur Seite genügte, um nicht im Weg zu sein. Und weil die meisten von ihnen rannten, gab es auch kaum jemanden, der es so eilig hatte, dass er andere überholen musste. Landmenschen hatten eine ganze Menge Orte, an denen sie zu sein hatten, und viele davon lagen weit auseinander. Da war ein Schiff doch viel praktischer. Viel kürzere Distanzen. Revano wusste, dass der Gedanke nur bedingt stimmte, aber er mochte es, sich selbst damit zu amüsieren.
Die Gasse öffnete sich zu einem hübschen kleinen Platz mit einem Brunnen in der Mitte. Kein dekorativer Springbrunnen, sondern eine praktische Wasserpumpe. Trotzdem hatte der Brunnen eine Einfassung, hinter der das überschüssige Wasser aufgefangen wurde. Sie war nicht besonders hoch, aber erstaunlich breit. Breit genug, um darauf zu sitzen, und das taten auch mehrere Menschen. Einer davon hatte eine Harfe auf dem Schoss und stimmte müßig die Saiten. Revano entschied, in der Nähe zu bleiben, für den Fall, dass der Mann spielen würde. Es war immer interessant zu hören, wie die Musik einer Stadt klang.
Es gab einige Stände am Rand des Platzes, Gemüse und Töpferei, und einer verkaufte gebackenes Obst. Revano gab ein paar Münzen dafür und setzte sich damit in den Schatten eines Baumes. Der Harfespieler hatte sein Instrument zuende gestimmt, machte aber keine Anstalten, darauf zu spielen. Stattdessen starrte er mit leerem Blick in die Mündung einer der Gassen und schien mit den Gedanken weit fort zu sein.
Eine Frau trat an ihn heran, beinahe schüchtern, und ihren Korb wie einen Schutzschild vor sich haltend.
„Seid Ihr hier, um zu spielen?" fragte sie vorsichtig.
Der Mann richtete sich auf, als habe seine Aufmerksamkeit die ganze Zeit nur seiner Umgebung gegolten. Kein bisschen überrascht, und nicht einmal das winzige Zögern, das Männer brauchten, um sich in eine Situation zurückzufinden, die sie in Tagträumen verlassen hatten.
„Seid Ihr bereit, etwas dafür zu geben?" fragte er zurück.
Die Frau wirkte überrascht und auch ein wenig geschockt. „Ist es nicht Brauch, dass Ihr zuerst spielt und die Zuhörer dann entschieden, was das Lied wert ist?"
Der Mann lächelte freundlich. „Ist es das?" Es klang, als sei das eine vollkommen neue Idee für ihn. Es verunsicherte die Frau. Sie murmelte etwas darüber, dass sie das nur so kenne, dann hastete sie davon. Der Mann mit der Harfe sah ihr amüsiert nach. Er spielte einige Noten, die klangen wie das fröhliche Plätschern eines kleinen Wasserfalls, dann brachten seine Hände die Saiten wieder zum Schweigen. Die Töne verstummten und es war, als waren sie nie dagewesen.
Einer der Kunden des Töpfers kam heran. „Das ist keine Art, eine Frau zu behandeln", erklärte er. Aber schon, während er das sagte, griff er in seinen Geldbeutel.
„Sie war zu schnell fort", antwortete der Harfespieler. „Ich hätte ihr zu gerne erklärt, dass ich nicht wissen kann, was sie hören will, wenn wir nicht zuvor darüber sprechen. Ich bin Straßenmusikant, kein Hellseher."
„Straßenmusikant, so. Mit dem Instrument?"
„Ich habe es geliehen."
„Kannst du es dann überhaupt spielen?"
„Was ist es Euch wert, das zu erfahren?"
Der Mann lachte, dann warf er dem Harfespieler eine Münze zu. Der Harfespieler fing sie geschickt auf, und zu Revanos Erstaunen machte er keine Anstalten, sie genauer anzusehen. Er steckte sie ein, ohne einen Blick darauf zu werfen. Vielleicht hatte er sie in dem kurzen Moment erkannt, in dem sie in der Luft war.
Der Harfespieler deutete eine Verbeugung an. „Was möchtet Ihr hören?" fragte er.
„Den Tanz der Luftgeister", war die Antwort. Revano sagte das überhaupt nichts, aber es war in der Stimme des Mannes zu hören, dass er das für eine unlösbare Aufgabe hielt. Der Harfespieler aber blieb unbewegt.
„Ganz?" fragte er nur. „Dann setzt Euch."
„Der dritte Satz genügt."
Diesmal bestand die einzige Reaktion des Harfespielers darin, dass er nach den Saiten griff. Ein flüchtiger Ton hier, ein leiser Klang dort, und dann brach ein wahrer Sturm von wilden, umeinanderwirbelnden Tönen aus der kleinen Harfe hervor, der Revano in Erstaunen versetzte. Geschickt kombinierte Läufe, perfekt gesetzte Akkorde, helle Töne wie Gelächter, tiefere wir das Rauschen eines Windstoßes… Jeder auf dem Platz drehte sich sofort danach um und starrte. Auch der Mann, der für das Lied bezahlt hatte, starrte. Dabei gab es nichts zu sehen als einen Mann in einfacher Kleidung auf der Einfassung einer Wasserpumpe, der eine Harfe zwischen den Knien hatte. Er hatte die Augen geschlossen, sah nicht einmal hin, während seine Finger über die Saiten tanzten und den ungezügelten, ungezähmten Reigen draus hervorlockten. Sie schienen das ganz von selbst zu tun, ohne jede Mühe, und genauso klang es auch. Unwirklich. 
Wie lange es auch immer dauerte, nachher schien es nur ein Moment gewesen zu sein. Der Musiker ließ die Saiten diesmal ausklingen, ohne sie zum Schweigen zu bringen, öffnete die Augen und sah zu dem Mann hoch, der noch immer vor ihm stand.
„Ihr hoffe, es fand Eure Zustimmung", sagte er sanft.
„Ja", brachte der Mann nach einem Moment heraus. „Ja, das hat es. Danke."
Dann hastete auch er davon. Revano sah ihm amüsiert nach, dann stand er selbst auf, näherte sich dem Musiker und reichte ihm die größte Münze, die er noch in der Tasche hatte.
„Ich danke Euch, Seemann", antwortete der Musiker. „Was möchtet Ihr dafür hören?"
„Sie ist für die Musik gerade", erklärte Revano.
„Die war bereits bezahlt. Was möchtet Ihr hören?"
Revano sah den Mann überrascht an, und das schien den sehr zu amüsieren.
„Ist es so unglaublich?" fragte er. „Dass ich den Preis für ein Lied zuerst verlange, und dann nicht von anderen Zuhörern nachfordere?"
„Ich weiß es nicht", bedauerte Revano. „Ich bin nicht von hier."
„Ich auch nicht." Der Musiker brachte von irgendwo her ein kleines Kästchen zum Vorschein und stellte es vor sich auf den Boden. Nach und nach kamen einige der Menschen, die ihm zuvor wie erstarrt zugehört hatten, heran, und warfen eine Münze hinein. Der Musiker bedankte sich bei jedem.
„Warum fragst du niemanden, was er sich zu hören wünscht?" fragte Revano schließlich.
„Ich passe mich den Gepflogenheiten der Stadt an, in der ich bin", antwortete der Musiker. „Es scheint, dass hier zuerst Musik erwartet wird, und dann bezahlt wird. Wenn Ihr mich fragt, eine unpraktische Angelegenheit. Wie kann ich dann sicher sein, etwas zu spielen, was dem Publikum zusagt?"
„Machst du nicht Musik um ihrer Selbst willen?"
„Wozu sollte das gut sein?"
„Ich weiß es nicht."
„Ein Lied ist nur so gut, wie es denen, die es hören, gefällt", antwortete der Musiker. „Eine Geschichte wird erst dann zu einer Geschichte, wenn sie jemanden gefangen nimmt. Wenn ich ein Lied um seiner selbst Willen spielen will, brauche ich dafür kein Publikum."
Revano fand, dass es verwirrend klang, aber auch irgendwie logisch. Außerdem war der Musiker derjenige, der sich besser auskannte. Er entschied also, zustimmend zu nicken.
Der Musiker unterdrückte ein Lachen. „Ihr braucht nicht zu verstehen, was ich sage", sagte er freundlich. „Ich bin nur ein Straßenmusikant, ich rede und singe viel, achtet gar nicht darauf."
„Du singst auch?"
„Wie ich gerade sagte. Warum überrascht Euch das?"
Revano zuckte die Achseln.
„Oh", spottete der Musiker. „Weil ich einen Tanz fehlerfrei spielen kann? Möchtet Ihr mich dann vielleicht auch auf die Probe stellen? Ein Lied für Euch?"
„Ich wüsste nicht, welches."
„Dann sagt mir, worüber ich singen soll, und ich wähle eines aus", schlug der Musiker vor. „Liebe? Sehnsucht? Ein Schlachtgesang?" Er zwinkerte Revano zu. „Das Meer?"
„Blumen."
„Blumen?"
„Blumen", wiederholte Revano. „Sing mir ein Lied über Blumen."
Beinahe hatte er erwartet, dass der Musiker nachfragen würde, aber er tat es nicht. Wahrscheinlich wäre es unprofessionell gewesen, und dieser Mann war ganz sicher kein Stümper. Außerdem brauchte es ihn nicht zu interessieren, warum seine Kunden hören wollten, was sie hören wollten. Er sah einen Moment in die Ferne, als müsse er aus einer großen Auswahl Lieder eines heraussuchen, dann griffen seine Finger wieder in die Saiten, eine zarte Melodie formte sich, und dann begann er zu singen.
Ein Lied über Blumen. Über ihre Schönheit, ihre Einzigartigkeit, die schönsten Juwelen der Natur. Ein Lied wie ein Spaziergang durch einen Garten, übervoll mit Blumen aller Farben, voller lebendiger Formen und zarter Muster, eingehüllt in tausende Gerüche, viel zu komplex, um sie jemals auseinanderhalten zu können. Und doch gab es in diesem Meer von überbordender Schönheit einzelne, noch bezauberndere Inseln, die herausstachen. Revano konnte sich später nicht daran erinnern, dass das Lied eine Handlung gehabt hätte. Es erzählte einfach von Blumen. Nicht nur von ihrem Aussehen, sondern auch von ihrem Wesen. Von den Eindrücken, die sie hinterließen. So real, als stehe er wirklich mittendrin. Mitten in dem Garten, inmitten des leuchtenden Farbenmeeres.
Als das Lied verklang, kehrte die wirkliche Welt zurück. Es war beinahe wie das Erwachen aus einem lebhaften Traum, für einen Moment verwirrend, was Traum war und was die Wirklichkeit. Der schillernde Garten oder der sonnenbeschienene Platz in einer geschäftigen Stadt… Revano blinzelte und schüttelte den Kopf, und der Platz mit der Wasserpumpe setzte sich gegen den Garten durch. Für einen Moment bedauerte er es, und dann begann der Garten zu verblassen, eben wie ein Traum. Ein sehr schöner Traum, in den ihn das Lied entführt hatte.
Nicht nur ihn schien die Musik gefangen genommen zu haben, sondern auch jeden anderen, der sie hatte hören können. Sie hatte sogar noch Zuhörer angezogen, die aus den Gassen herangeströmt waren. Um Revano stand eine Menschentraube, es gab Applaus, mehr Münzen flogen in den Kasten auf dem Boden. Der Musiker verbeugte sich und erwähnte wieder, dass es nicht nötig sei, denn das Lied war schon bezahlt, von dem jungen Seemann.
„Dann kaufe ich das nächste", rief eine Stimme aus der Menschentraube.
„Bei weitem nicht das, was es wert war", bedauerte Revano.
„Ich entscheide nicht über den Wert der Lieder, die ich singe", erinnerte der Musiker freundlich. „Kommt nach vorne!" rief er dann für den Mann in der Menge. „Und sagt mir, was ihr hören wollt."
Revano ließ sich von der Menge zur Seite schieben. Es machte nichts, denn der Musiker war auf dem ganzen Platz deutlich zu hören. Jedes Lied, das er spielte oder sang, immer Neue, als sei sein Vorrat unerschöpflich. Revano hatte Zeit, und so blieb er. Er verstand nichts von Musik, nicht so wie andere, aber er mochte sie. Fast alle Lieder und Melodien hatte er noch nie zuvor gehört. Einige waren fröhlich, andere wild, nur wenige traurig. Einige entführten in andere Länder wie zuvor in den Garten, schienen echte Reisen zu sein, auf den Flügeln der Melodien. Wenn Revano die Augen schloss, konnte er all das, was der Musiker beschrieb, so deutlich sehen, als wäre er wirklich dort. Er tanzte auf fremden Festen, kämpfte in lange vergangenen Schlachten und sah so exotische Städte, dass sie selbst für einen weitgereisten Matrosen noch einen reichen Schatz an Entdeckungen boten. Jedes dieser Abenteuer endete, wenn seine Melodie verklang und die Geräusche der Umgebung zurückkehrten. Wenn Revano sich auf dem Platz wiederfand, Menschen das Lied mit Lob oder Münzen belohnten und ein weiteres forderten. Vielleicht eine weitere Reise bekamen – es waren nicht alle Lieder wie diese. Immer wieder spielte der Musiker andere dazwischen. Lieder, die einfach nur schön klangen. Die den Platz mit klingenden Tönen füllten und zugleich auf leise und mächtige Art an die Seele rührten. Musik, die fröhlich machte oder nachdenklich. Oder auch einfach Musik, die so sehr dazu gemacht war, zu ihr zu tanzen, dass das Stillsitzen schwer fiel. So verschieden die Zuhörer waren, so verschieden waren ihren Wünsche. Ihre Stimmen klangen verschieden und einige sprachen andere Sprachen. Auch der Musiker sang in verschiedenen Sprachen, aber es machte nicht wirklich einen Unterschied. Es war die Musik, die alles trug und zusammenhielt. Die die Träume zum Leben erweckte.
Schließlich begann die Menge, sich zu verlaufen. Zögernd zuerst, dann immer deutlicher, als erinnerten sich immer mehr Menschen daran, dass sie Dinge zu erledigen hatten und nicht länger verweilen konnten. Einige sahen aus, als bedauerten sie das, andere gingen fröhlich. Der Musiker spielte eine letzte, schwebende Melodie, die zwischen den Häusern davontanzte, dann packte er sein Instrument sorgfältig ein. Er steckte seinen Lohn ein, und als er sich aufrichtete, traf sein Blick Revanos.
„Wollt Ihr noch ein Lied?" fragte er freundlich.
„Ich habe nichts, was ich geben könnte dafür."
„Könnt Ihr singen?"
„Dir gegenüber muss die Antwort ‚nein' heißen."
Der Musiker lachte, dann zog er eine Flöte unter dem Hemd hervor. Er spielte einige Töne, wie der trillernde Ruf eines Vogels. Ein wenig spöttisch, aber auch fröhlich.
„Erzählt mir eine Geschichte." Er deutete auf den Platz neben sich auf dem Stein. „Ein bisschen Seemannsgarn, das könnt Ihr doch sicher. Und als Lohn dafür gebe ich Euch ein Lied, das Ihr singen könnt, wenn die Nacht zu dunkel wird oder der Sturm zu heftig. Eines mit Licht in seiner Melodie."

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