Stillleben

(von Yllar Nar)

Es ist eine stille Nacht. Die Schritte und Geräusche, die einst die große Eingangshalle erfüllten sind lange verhallt. Nur der Staub tanzt noch in der Luft. Vom leichten Nachtwind aufgewirbelt, formt sich in ihm für einen flüchtigen Moment das geisterhafte Abbild des vierundzwanzigsten Türchens…

Bakras stand nur da. Er stand einfach nur da und schaute sich um. Nicht, dass es in der großen Eingangshalle etwas Neues gegeben hätte. Im Gegenteil: In diesen Teil der Stadt, deren Namen er schon lange vergessen hatte, war seit mehr als dreihunderteinundsechzig Jahren niemand mehr gekommen. Zumindest nicht ins Schloss. Nun, zumindest nicht, dass Bakras sich daran erinnern könnte. Möglicherweise hatte er in der Zwischenzeit Besuch von irgendwelchen wagemutigen Schatzjägern und Abenteurern bekommen, während er mal wieder gedöst hatte. Aber das machte keinen großen Unterschied.

Früher war er der Meinung, die Eingangshalle hatte gewaltige Ausmaße und war ein prachtvolles Meisterstück durharianischer Architektur. Jeder, der das Schloss damals betreten hatte, war einige Augenblicke in blanker Ehrfurcht erstarrt und bewunderte die deckenhohen Säulen aus schwarzem Marmor. Mal ganz abgesehen von der fast handbreiten Staubschicht, die den Boden mittlerweile bedeckte, sah die Halle von hier oben recht klein aus. Nicht zuletzt deswegen, weil Bakras eine der schwarzen Marmorsäulen war. Die Staubschicht war immer noch unberührt. Er hatte also doch keinen Besucher verpasst.

Er seufzte, woraufhin einige Steinkörnchen von ihm nach unten rieselten. Mit dem Fluch, auf alle Zeit in eine Säule eingesperrt zu sein, hatte er sich schon vor achthundertdreizehn Jahren abgefunden. Oder waren es siebenhundertvierzehn? Es spielte keine Rolle. Jedenfalls fragte er sich, ob er wohl eine gespaltene Persönlichkeit entwickeln würde, wenn er irgendwann umstürzen sollte. Vielleicht wäre das ja sogar die Erlösung aus seiner verfluchten – und allen voran langweiligen – Existenz. Hätte er noch Schultern gehabt, so hätte er nun mit ihnen gezuckt. Wahrscheinlich würde sich nichts ändern, außer dass er dann ein beseelter Trümmerhaufen anstatt einer Säule wäre.

Bakras blickte zu einem der zerbrochenen, schmalen Fenster neben dem Eingangsportal. Es schneite. Offenbar war es schon wieder Winter geworden. Früher mochte er den Winter nicht sonderlich. Er war kalt und es gab nur das zu Essen, was man das Jahr über haltbar gemacht hatte. Linseneintopf. Was würde er jetzt für einen Linseneintopf geben.

Heute schaute er gerne dabei zu, wie die Schneeflocken herabfielen und sich ab und an durch das Fenster in die Halle verirrten, um lautlos auf den Staub zu fallen und langsam zu schmelzen. Vielleicht war das nicht besonders spannend, aber es war eine Abwechslung. Es war Bewegung. Es brachte eine Art von Leben herein.

Damals wurde die ganze Stadt beim ersten Schnee von Kerzen erleuchtet, welche die Leute auf die Fensterbänke stellten. Trotz der Kälte war er deswegen jedes Jahr mit seiner Familie durch die Straßen gelaufen und hatte sich bei den freundlicheren Durharianern heißen Punsch ausgeben lassen, welchen diese zu diesem Anlass an ihrer Haustür verteilt hatten. Er fragte sich wie schon so oft, was wohl aus seinen Kindern und seiner Frau geworden war. Sie waren, so glaubte er, gerade auf dem Marktplatz gewesen, als der Fluch ausbrach. Seitdem hatte er seine liebste Selir nicht mehr gesehen.

Bakras überlegte noch eine Weile, als er erschrocken feststellte, dass er die Namen seiner beiden Söhne vergessen hatte. Oder hatte er Töchter gehabt? Er seufzte erneut. Er konnte sich noch nicht einmal mehr an das Gesicht seiner Frau erinnern. Ganz bestimmt aber war sie die schönste Frau in der Stadt. Ach wohin, in ganz Durharia.

Ein fernes Gezeter wurde von draußen zu ihm getragen und riss ihn aus seinen Gedanken. Überrascht versuchte Bakras, einen besseren Blickwinkel zu erhaschen. Aber das war als Säule natürlich aussichtslos. Die aufgeregte Stimme wurde zwar durch den Schnee gedämpft, doch erkannte er sie recht schnell.

"Schnee! Das ist Schnee! Gibt's denn das? Monatelang nicht mal Regen und jetzt verdammter Schnee! Ich roste!"

Bakras schmunzelte. Er hatte die Stimme von Murl schon öfter gehört, ihn aber nie gesehen. In einer der Unterhaltungen, die er damals kurz nach dem Fluch noch mit ihm geführt hatte, hatte dieser einmal behauptet, er sei das Schwert des letzten Königs von Durharia. Später erfuhr er durch einen geschwätzigen Schal, der sich nach einem Sturm für einige Stunden in einem der Fenster verheddert hatte, dass Murl eigentlich nur eine alte Schaufel sei.

Er würde ihm nicht antworten. Murl gehörte zu jenen armen Seelen, die mit ihrem Schicksal weniger gut zurechtgekommen waren als Bakras und hatte die unangenehme Angewohnheit, in ewigen Monologen sein Dasein zu beklagen.

"Ich roste hier im Schnee! Oh weh mir, oh weh! Wer kann mich nur retten?" zeterte es.

Eine der Öllampen in der Halle begann zu klappern und erregte Bakras' Aufmerksamkeit.

"Beim Nachtherren, ist das schon wieder Murl?" erkundigte sich die Lampe mürrisch.

Bakras lachte. "Ja, Holwar. Wer sollte es in unserem Viertel auch sonst sein? Bleibst du ein paar Jahre wach?" fragte er die Lampe.

Holwar klapperte erneut. "Ich denke schon. Ich habe lange genug gedöst, glaube ich." Die Lampe wippte an ihrer Aufhängung hin und her. "Sag mir, weißt du vielleicht, wie lange genau?"

"Ungefähr hundertfünfzig", antwortete Bakras,"Ein paar mehr oder weniger."

"Ha." Holwar wippte. Wohl ein Nicken. Sein Blick fiel auf das Schneetreiben.

"Oh, wie schön, es schneit. Erinnerst du dich an das Erstschnee-Fest?" wandte er sich an Bakras.

Bakras lächelte. Natürlich konnte Holwar sein Lächeln nicht sehen, aber Bakras hatte insgeheim nur darauf gewartet, dass er aufwachte und ihn nach dem Fest fragte.

"Würdest du mir diesen Gefallen tun?" fragte er Holwar.

"Nichts lieber als das." entgegnete dieser amüsiert.

Ein leises, metallisches Klicken ertönte und die Lampe schüttelte sich kurz. Im nächsten Moment züngelte eine kleine, blaue Flamme in Holwar auf, die rasch etwas größer und heller wurde und die große Halle mit warmen Licht erleuchtete.

Ein seliges Schweigen erfüllte die Halle, als die beiden die tänzelnde Flamme betrachteten. Selbst das anhaltende Zetern von Murl erschien plötzlich weitaus friedlicher.

zurück zum ersten Türchen