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Ein Tag im Leben von Lohin Koomaku, Waldflieger und Sturmschnitzer im Dorf Aniuune am Großen Buntsteilbruch

(von Sturmfaenger)

Das zweite Türchen des Adventskalenders öffnet sich fast von alleine, als ein spürbarer Windhauch hindurchweht...

Früh am Morgen, noch ehe die Sonne ihre Strahlen zum Felsenhimmel hinaufschickt, wacht Lohin auf. Schlaftrunken taumelt er nach draußen, erleichtert sich, und spritzt sich Wasser aus der großen Tonne im Innenhof ins Gesicht. Etwas wacher als zuvor setzt er in der Küche erstmal Teewasser auf und geht nach dem Wetter schauen. Auf dem Weg nach draußen schnappt er sich ein paar Qawlakekse, die er selbst gebacken hat. Lohin ist kein Frühaufsteher, aber er will heute weit weg zum Steinperlenhain, weil er für die kommende Sturmsaison Schnitzmaterial braucht.

Es ist immer noch stockfinster in der Dorfgrotte, die bis Mittags im Schatten liegen wird. Lohin wohnt nicht weit vom Rand, und nach ein paar hundert Metern hat er das Geländernetz erreicht, das unvorsichtige Dorfbewohner vor einem Sturz in die Tiefe bewahren soll. Kekskauend späht durch die Maschen in die dunstige Tiefe hinunter.

Der Himmelsozean verfärbt sich bereits von dumpfem Rosa zu leichtem Apricot, und mehrere Schwärme von Tripacclavvi flitzen durch die Lüfte, und zwar weit weg von der Felswand – ein Schönwetterzeichen. Weder Wolken noch Felsenschauer sind in Sicht.

Gähnend schlendert Lohin zurück zum Haus, wo das Teewasser gerade zu kochen begonnen hat. Er gibt die Teekräuter und reichlich gesalzene Hlayabutter hinein, rührt um, und greift mit der freien Hand nach der kleinen Flasche auf dem Küchenregal.

Gepriesen sei die Netzknüpferin für Moumya-Essenz! Lohin zählt fünf Tropfen ab und rührt dabei, damit sich alles gut vermischt. Fünf Tropfen sind etwas mehr als die normale Dosis, aber er wird den Tee mit auf die Fahrt nehmen, und in den Lüften überlebt wer wach und aufmerksam ist. Er füllt den heißen Tee ab, greift sich ein paar Streifen Dörrfleisch und die Wasserflasche und winkt im Hinausgehen seiner Nachbarin Emye, die gerade auf den gemeinsamen Innenhof tritt, um sich ebenfalls am Wasserfaß zu bedienen. Emye ist hübsch, und sie hat erst einen Gefährten. Lohin hat vor, ihr und ihrem Mann Kanthawu über die Sturmzeit ein paar Geschenke zu schnitzen. Vielleicht lassen sie ihn ja einheiraten...

Zufrieden pfeifend läuft er zum Bootshaus, wo sein Boot fest vertäut auf ihn wartet.

Drinnen schläft, an einer Leine angebunden, Lohins Keedra. Es wacht nicht auf, als er ihm den Kopfflaum krault, sondern klappert nur traumverloren mit dem Schnabel. Lohin hat es am Abend zuvor gut gefüttert. Mit etwas Glück wird es die Fahrt verschlafen, und dann am Zielort wach sein, wenn er es brauchen kann.

Kritisch prüft Lohin die vier Messpfeiler des Bootshauses. Das Boot ist während der Nacht nicht abgesunken, es schwebt immer noch kniehoch über dem Boden. Er muß also keine Schwebkörper nachfüllen.

Mit geübten Bewegungen legt er sich das Haltegeschirr an, verschließt die Riemen vor der Brust und prüft mit großer Sorgfalt ob sie richtig sitzen. Wenn er sich später im Boot anleint, muss er sich auf seine Ausrüstung verlassen können.

Jetzt aber: Aufbruch! Lohin löst die Haltetaue und schiebt sein Boot nach draußen, den Bootsweg zum Dorfhafen hinunter. Aniuune ist ein kleines Dorf, deshalb hat der Dorfhafen nur eine Statue der Netzknüpferin, und der Startplatz ist gerade mal groß genug für zwei oder drei kleine Boote.

Ein paar ältere Kinder kommen angerannt, als sie Lohin sehen. Sie halten sein Boot fest, und drehen es in Startposition während er vor der Statue der Göttin auf die Knie fällt und mit der Stirn ihre ausgestreckten Hände berührt. Er spricht die Morgengebete, steht dann wieder auf und wechselt ein paar Worte mit den Kindern, die ihm beim Start helfen werden.

Lohin klettert an Bord, und wirft nun die schweren Sandsäcke ab, die sein Boot am Boden halten. Sie landen heil auf den weichen Baumstrangmatten, mit denen der Startplatz ausgelegt ist. Als er die letzten abgeworfen hat, gibt er ein Handzeichen, und die Jungen rennen hin. Er wird die Säcke heute abend hinter seinem Haus finden, dafür bezahlt er die Kinder, wie alle Männer des Dorfes die ein Luftboot haben.

Lohin, jetzt angeleint, treibt mit seinem Boot im leichten Luftstrom dahin. Er muß sich jetzt darauf konzentrieren, der Decke und den Seitenwänden nicht zu nahe zu kommen, und steht in der Luke des Bootsdaches, das Stakruder in der Hand, immer bereit, notfalls die Magiekorrektoren des Bootes einzusetzen bis die Engstrecke überwunden ist.

Aus der begrenzten Enge der Dorfgrotte schwebt das Boot in die weite Leere hinaus. Es gibt einen leichten Ruck, dann hat der allgegenwärtige Windstrom Lohins Boot erfasst, und er kann die Hilfssegel ausrichten und Kurs auf den Steinperlenhain setzen.

Aniuune wird immer kleiner, und ist bald nur noch eines von vielen Löchern in der gigantischen Steilwand des Buntsteilbruchs. Jetzt gestattet sich Lohin seine ersten Becher Tee. Die Fahrt verläuft ruhig, und nur selten sieht er andere Boote von weitem. Am späten Vormittag kommt sein Ziel in Sicht.

Wie die Fransen eines gigantischen Teppichs hängen die Baumstränge am Rand einer langgezogenen Felsenbank herunter. Flink turnt Lohin auf seinem Boot herum und holt die Segel ein, dann tauchen sie in das grüne Dach aus Tausenden und Abertausenden von Baumsträngen ein.

Schon nach ein paar dutzend Schritt wird der Vorhang dichter. Würde Lohin weiter hineinfahren käme er alleine nicht mehr frei. Aber das hat er gar nicht vor. Er zieht sein Boot an den Baumsträngen so weit wie möglich nach oben. Die Stränge hier sind alt und dick, und durch Wurzeln miteinander verflochten. Hier läßt es sich gut klettern.

Bevor er aussteigt bindet Lohin sein Keedra los. Es ist auf ihn geprägt, und da er nicht fliegen kann, wird es in der Nähe bleiben und ihn gegen angreifende Raubtiere verteidigen, ganz wie es die Keedra untereinander tun.

Die Wurzeldecke ist ein Reich für sich, aber Lohin interessiert sich nicht für die Tiere und Pflanzen – er ist wegen den Steinperlen hier. Wie sie entstehen weiß er nicht so genau, es sind weder gewöhnliche Stalagtiten noch Harztropfen, und sie scheinen aus dem Stein selbst auszutreten. Sein geübtes Auge entdeckt die erstarrten Tröpfchen, die hier und da matt glänzend an den Wurzeln hängen. Sie lassen sich meist gut vom Strang abtrennen. Die größten und schönsten aber wachsen direkt an der Felsoberfläche. Sie sind am Schwierigsten zu ernten. Lohin hat ein gutes Gespür für die, die sich zum Schnitzen eignen. Er klettert hierhin und dorthin, prüft die Qualität der Perlen, und steigt mehrmals zwischen Boot und Wurzeldecke hin und her, um die Ernte zu verstauen.

Als er fünf Körbe voll gesammelt hat muss er aufhören. Das Boot wird sonst zu schwer. Jetzt verlässt er die Wurzeldecke und klettert tiefer hinunter, um für neuen Auftrieb für die Heimfahrt zu sorgen, und das Zusatzgewicht auszugleichen. Die gasgefüllten Schwebkörper dazu holt er sich aus den Triebspitzen, Fruchtständen und Samenkapseln der Baumstränge, die dafür sorgen, daß die Wälder nicht durch ihr Eigengewicht von der Felsdecke gerissen werden. Bald hat er die nötige Anzahl in den Netzen unter der Bootsdecke verstaut. Er pfeift sein Keedra zu sich, bindet es aber nicht gleich fest. Es fliegt eine Weile neben dem Boot her, bis es müde wird, und setzt sich dann auf den Bug, um mit der kleinen Gallionsfigur des Bootes zu balzen.

Lohin schaut amüsiert zu, und mischt sich Qowlamehl und Dörrfleisch in den längst kalten Tee, bis eine klebrige Masse entsteht, die er mit etwas Kepper würzt und hungrig hinunterschlingt.

Im goldenen Licht der Abendsonne taucht der Buntsteilbruch in der Ferne auf. Zeit, die Reisehöhe zu senken. Schwebkörper um Schwebkörper entläßt Lohin durch die Deckenklappe in die hereinbrechende Nacht. Er ist zufrieden mit dem Tag. Er hat eine gute Ausbeute erzielt, und brauchte dank des ruhigen Wetters weder beim Verlassen des Dorfes noch jetzt bei der Heimkehr seine Magiekorrektoren einzusetzen.

Über dem Dorfhafen läßt er die letzten überzähligen Schwebkörper ab und sinkt langsam nach unten. Laut spricht er dabei das Abendlob an die Göttin.

Während er sein Boot nach Hause schiebt, und die aufputschende Wirkung der Moumya-Essenz nachlässt, weiß er nur eins: Morgen früh wird er ausschlafen.

weiter zum nächsten Türchen