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Die Geschichte der Elwylurn

(von Cele)

Ein kleines, grasgeflochtenes Türchen öffnet sich. Der würzige Duft von Herbstlaub dringt daraus hervor, und vielleicht das eine oder andere übermütige Kinderlachen...

„Der Baum ist das Leben. Das Leben, das du und ich und wir alle haben, kommt von ihm. Seine Blätter schützen und vor dem Regen und den Falken. Seine Äste sind ein starker Halt unter unseren Füßen. Seine Wurzeln bieten uns Schutz und Wohnstatt.

Ihr alle habt euer Leben vom Elwylurn erhalten.“

Der alte Sora lehnte sich in dem gepolsterten Korbsessel zurück und seine wolkengrauen Augen leuchteten aus den Runzeln seines grünen Gesichts fünf kleinen Elwylurnern entgegen, die es sich auf dem Boden des Baumhauses bequem gemacht hatten und ihn erwartungsvoll ansahen.

„Wann die Verbindung zwischen dem Elwylurn und den Elwylurnern begonnen hat, weiß heute niemand mehr. Viele diskutieren, wer zuerst da war: Unser Volk, oder die Bäume? Aber fest steht, dass unsere Leben und unsere Schicksale fest miteinander verwoben sind. Ich will euch eine Geschichte erzählen, die darüber berichtet, wie unser Volk so wurde wie es heute ist.

Früher, sehr viel früher, als die Welt noch nicht das Gesicht hatte, das sie heute der Sonne entgegenstreckt, war unser Volk ganz anders. Srama nannte es sich, und seine Haut war weiß, wie die der Menschen. Die Srama waren ein großes Volk: groß an der Zahl, und groß in ihrer Kultur und ihrem Wissen. Doch auch ihre Habgier war groß. Um die prachtvollen Städte zu bauen, all die Häuser für ihr großes Volk, brauchten sie viel Holz. Wisst ihr, Kinder, früher war fast der ganze Kontinent von Wald bedeckt. Nur die Steppe von Fharasi, die war schon damals da.“

Sora räusperte sich und sah aus dem Fenster. Es war Herbst und die Zweige des Baumes, auf dem er sein ganzes Leben verbracht hatte, schlugen gegen das Fenster. So viele Jahre. Der alte Elwylurner lächelte versonnen, als ihn die Erinnerung in seine Kindertage zurücktrug und ihm das sonnendurchflutete Blätterdach eines siebzig Jahre jüngeren Baumes zeigte. „Sora, die Geschichte“, quengelte eines der Kinder vor ihm und holte ihn in die Gegenwart zurück. „Wie? Achja, die Geschichte.

Nun, die Srama bauten also ihre Städte, und die Wälder schrumpften, je größer die Städte wurden. Ihr müsst wissen, nicht nur, um Häuser zu bauen, braucht man Holz. Auch, um sie zu heizen, um Möbel zu bauen und für viele Dinge mehr. Die Menschen machen das heute noch so.

Die Srama holzten also einen Wald nach dem anderen ab, und nicht nur die Bäume verschwanden, sondern auch die Tiere, die in ihren Kronen, in ihren Stämmen und zwischen ihren Wurzeln lebten. Das erzürnte die Jitan und Trimoa, die Götter des Waldes, und sie sandten einen Boten zu den Srama, der zu ihnen sprach: „Ihr kränkt die Götter des Waldes, Srama, mit eurem Tun. Eure Städte sind ein Frevel in den Augen Jitans und Trimoas.“ Und der Bote befahl den Srama, die Bäume nicht mehr zu fällen und den Tieren ihre Heimstatt zu lassen.

Doch die Srama waren ein großes und mächtiges Volk, und auch ihre Arroganz war groß. Und so sagten sie dem Boten: „Wir brauchen das Holz für unsere Häuser und Paläste. Was kümmern uns die Bäume? Sie leben nicht, sie brauchen kein Dach über dem Kopf. Was kümmern uns die Tiere? Sie werden einen anderen Wald finden, in dem sie leben können.“ Und sie schickten den Boten weg.

Noch dreimal kam der Bote der Waldgötter, und dreimal bekam er dieselbe Antwort. Als er zum vierten Mal in der Hauptstadt der Srama erschien, wurde er mit Hohn und Spott begrüßt: „Hast du immer noch nicht begriffen, dass unsere Antwort immer die gleiche ist? Scher dich weg, du vergeudest unsere Zeit!“

Doch der Bote sagte: „Heute bringe ich euch eine andere Botschaft. Die Götter Jitan und Trimoa sind traurig über den Verlust ihrer Bäume und Gefährten. Sie lieben alle Geschöpfe auf dieser Welt. Aber ihr verhöhnt die Götter und ihre Macht mit euren Worten und Taten. Darum werden die Srama bezahlen müssen für das Leid, dass sie über den Wald und seine Bewohner gebracht haben. Euer Volk wird untergehen, und mit ihm sein ganzer Ruhm. Eure Städte werden im Fluss der Zeit versinken, und nichts wird von eurer Größe übrig bleiben.“

Mit diesen Worten drehte sich der Bote um und verschwand aus der Stadt. Die meisten Srama waren von der Androhung nicht sehr beeindruckt, und nur einige wenige nahmen die Botschaft der Götter ernst.

Aber zuerst tat sich nichts. Der Sommer ging vorüber, und auch der Herbst bot keinen Anlass zur Unruhe. Der Bote kam nicht wieder, und als der Winter kam, hatten die Srama die Waldgötter und ihren Zorn schon vergessen.“

Der alte Elwylurner räusperte sich und streckte seine Beine aus. „Und wie geht es weiter, Sora?“ fragte dasselbe Kleine wie vorhin. Sora schmunzelte ihm zu. „Nicht so ungeduldig, Behalu. Manchmal entfällt mir ein Teil der Geschichte, und dann muss ich in meiner Erinnerung danach graben. Bring mir doch von den Haferkeksen, Behalu, das hilft meinem Gedächtnis bestimmt auf die Sprünge.“ Der Angesprochene holte eilig aus einem kleinen, aus Holz und Gräsern gefertigten Schränkchen einen Teller mit Keksen und reichte sie dem Alten. „Ihr könnt Euch auch nehmen, Kinder“, bedeutete Sora und die Kleinen machten sich eilig über die restlichen Kekse her, während der alte Elwylurner an dem Seinen knabberte. Als der Teller mit den Keksen nur noch ein paar Krümel aufwies, fuhr Sora mit der Geschichte fort.

„Wo war ich denn nun?

Es war also Winter, und nichts tat sich. Doch dann kam der Frühling, und etwas Unglaubliches geschah: Die Häuser, die Paläste, alle Bauten in den Städten der Srama trieben aus. Aus jedem einzelnen Balken, den die Srama je in ihrer Stadt verbaut hatten, trieben Äste, an denen sich grüne Blätter bildeten. Viele Srama versuchten, dem unheimlichen Wachstum Herr zu werden und schlugen die frischen Triebe ab. Doch je mehr sie auf die jungen Äste einhackten, desto mehr trieben wieder aus. Bald wurden die Srama dem Holz nicht mehr Herr, und viele flohen aus der Stadt. Die Äste wuchsen mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit, bogen Hauswände auseinander und ließen die Paläste einstürzen. So mancher Srama wurde von seinem eigenen Haus begraben. Nach ein paar Tagen konnten die Srama, die aus den Städten fliehen konnten, nur noch einen riesigen Wald erkennen, da wo einst ihre Wohnstätten standen. Die Natur hatte sich zurückgeholt, was die Srama ihr genommen hatten.

Von nun an begann eine Odyssee für die Srama, die nun ein heimatloses Volk waren. Bald bereuten sie bitterlich ihr Schicksal, doch die Waldgötter hatten kein Mitleid. Jedes mal, wenn die Srama ein Dorf gründeten und ihre Häuser fertig gebaut hatten, trieben die Holzbalken aus und zerstörten das eben errichtete. Erst nach langen Jahren des Bittens und Bettelns erhörten Jitan und Trimoa das Flehen der Srama. Sie schickten wiederum einen Boten, der folgende Nachricht überbrachte: „Die Götter haben euer Leid gesehen, und verzeihen euch eure Taten. Doch euer Volk soll dem Wald nicht mehr schaden, und nie wieder werden die Srama Städte bauen. Doch Jitan und Trimoa wollen euch ein neues Heim geben.“ Und der Bote überreichte den Srama Samen des Elwylurns, ein Baum, der schnell wächst und stark ist. Dann fuhr der Bote fort: „Euer Leben soll mit dem des Baumes verknüpft sein. Nur wenn der Baum lebt, wird euer Volk leben. Deswegen wird das Volk der Srama von heute an seine Kinder nicht mehr selbst gebären können. Denn die Kinder eures Volkes sollen auch die Kinder des Baumes Elwylurn sein.“ Dann verschwand der Bote.“

Sora beugte sich nach vorne und lächelte über die gefesselten Gesichter seiner Zuhörer. Einem der Kleinen stand sogar der Mund offen vor Aufregung. „Nun, Kinder, ihr kennt das Ende der Geschichte: Von diesem Zeitpunkt an gab es keine Geschlechter mehr bei den Srama wie bei anderen Völkern, und unser Volk trägt seine Kleinen nicht selbst aus, wie es die Menschen tun. Der Baum tut das, und jeder von euch ist in den Blasen an seinen Ästen herangewachsen, bevor er geboren wurde. Das Leben der Srama war seitdem mit dem des Elwylurns verknüpft, der Baum wurde zu ihrem Lebensmittelpunkt. Sogar das Äußere der Srama änderte sich: Ihre Haut nahm die Farbe des Baumes an, und sie wurden kleiner und leichter, damit auch die höchsten Äste sie tragen konnten. Und irgendwann wurde ihnen klar, dass sie selbst zu einem Teil des Baumes geworden waren, und nannten sich Elwylurner.

Das ist die Geschichte unseres Volkes.“ Der Alte lächelte zufrieden und wedelte mit der Hand. „Und nun hinfort mit euch, ihr kleinen Plagegeister, das Erzählen hat mich müde gemacht.“ Er schloss die Augen halb und beobachtete aus den Schlitzen, wie die kleinen Elwylurner aus seinem Baumhaus wuselten. Sora döste lächelnd vor sich hin, und lichtdurchflutete Erinnerungen tauchten auf, während er einschlief.

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