Löcher

(von Dorte)

Eine rauschebärtige Figur mit Apfelbäckchen, rotem Mantel, Sack und Rute spielt heute Pförtner für das sechste Türchen. Es führt ins Freie hinaus, auf eine von Schneeresten bedeckte Wiese.
Seht ihr das kleine Mädchen dort? Es ist Riandil, die Tochter des Drachengottes, der zurzeit in Menschengestalt leben muss. Ihre Mutter war eine Elfin. Sie lebt zur Zeit bei einer sehr bodenständigen Bauersfamilie, die sich völlig im Klaren ist, was sie da zwischen ihren eigenen Kindern großziehen, und sie haben sich längst dran gewöhnt.
Nur manchmal, ja, manchmal...

Die kleine, grauschwarze Eselstute schnoberte skeptisch über die kurzen Grasstoppeln, die zwischen den Schneeplacken hervorragten. Von frischem Grün war noch nichts zu entdecken. Wenig begeistert zupfte sie etwas des überwinterten Grases ab und spazierte dann kauend zu Riandil, die auf einem Stein saß und ihre nackten Zehen gedankenverloren wieder und wieder in einen umgestürzten Schneemann bohrte.

Die Eselin sah dem Mädchen eine Weile zu. „Was machst du da?“, fragte sie dann.
„Löcher“, antwortete Riandil äußerst konzentriert.
„Ah.“ Die Eselin scharrte mit dem Vorderhuf und nahm eine weitere Maulvoll Gammelgras. Dann widmete sie sich wieder dem Löcherspiel. „Warum?“, fragte sie schließlich.
„Um diese Frage zu beantworten, bin ich noch zu klein“, murmelte Riandil.
„Ich meine, warum machst du Löcher?“
Riandil sah auf und blinzelte. „Ach so.“
„Also?“
„Ich erforsche Löcher.“
„Ah.“
„Ja.“

Die Eselin zuckte mit der Oberlippe – ihre Nase hatte ganz plötzlich fies zu jucken begonnen. Bereitwillig hob Riandil die Hand und kraulte sie.
„Danke. Etwas höher. Noch höher. Richtig hoch.“
„Da sind deine Ohren.“
„Genau.“

Riandil lächelte und begann, die langen, flauschigen Löffel zu streicheln. „Findest du Löcher nicht fuchtbar spannend?“, fragte sie. „Du machst doch ständig welche, wenn du nach Futter scharrst oder auf Matsch ordentlich Gas gibst, dass du mit den Hufen einsinkst.“

Die Eselin schnaufte und verdrehte verzückt die Augen. „Das sind Nebenprodukte“, murmelte sie geistesabwesend.

„Stimmt. Deswegen mache ich ja Löcher. Weil ich wissen will, wie sie so sind. Das kann man nicht wissen, wenn man sie nur versehentlich macht. Man muss sie mit Absicht machen und darauf achten, wie sie entstehen.“

„Davon verstehe ich nichts.“ Die Eselin gähnte. „Löcher sind mir egal. Ich mag es nur nicht, wenn ein Loch in meinem Magen ist, dann kriege ich schlechte Laune.“
„Wusstest du, dass jedes Loch einen anderen Namen hat?“
„Nein. Und?“
„Nichts und. Das ist aber so.“
„Ui. Toll.“

Riandil seufzte und beendete die Krauleinlage mit einem freundlichen Klaps auf den wuscheligen Eselhals. „Ich brauche jemanden zum reden“, sagte sie leicht enttäuscht.
„Stimmt wohl“, gab die Eselin hilfsbereit zurück. „Esel taugen nicht als Gesprächspartner für Drachen.“
„Besser als Menschen, die haben fast nie Zeit dafür.“
„Da hast du wohl recht. Sag mal, hast du keine kalten Füße, wenn du ewig damit im Schnee herumwühlst?“
„Doch.“

Vom Hügel herab erklang auf einmal eine Stimme. „Hier“, rief Feyadh, „ich habe sie!“ Dann kam er gelaufen und schlitterte die letzten Meter durch den nassen Schnee, das Halfter einsatzbereit in der Hand. „Nimvi, du kleine Ausreißerin, wie hast du denn das wieder angestellt? Oder hast du sie mitgenommen, Rian?“

„Nein. Sie ist mich besuchen gekommen.“

Die Eselin ließ sich bereitwillig einfangen, zumal Feyadh sie wie üblich mit einem Stück Schrumpelapfel bestach.

„Feyadh, guck mal.“ Riandil deutete mit einem gelbweiß verfrorenen Fuß auf den malträtierten Ex-Schneemann. „Ich habe Löcher gemacht.“

„Toll. Mutter bringt mich um, wenn sie deine Füße sieht. Los, steig auf, dass du damit aus dem Schnee rauskommst.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, hievte Feyadh Riandil auf den Rücken der Eselin und machte sich mit seinen Schützlingen auf den Heimweg.

„Die Eselin hat kein Interesse an Löchern“, informierte Riandil ihren Pflegebruder.
„Was du nicht sagst.“
„Dabei sind die unheimlich spannend.“
Feyadh musste schmunzeln. „Und so löchrig.“
„Ja. Sehr.“ Riandil lächelte zufrieden. „Die Eselin macht schöne Löcher, aber sie kümmert sich nicht um sie.“
Die Eselin drehte ihre Ohren nach hinten und gab ein kurzes Blöken von sich, gefolgt von einem Schnauben.
„Weil das nicht dein Name ist“, antwortete Riandil freundlich.
Die Eselin grunzte.
„Ich finde das aber nicht höflich“, widersprach Riandil.
„Streitet ihr euch?“, schaltete sich Feyadh amüsiert ein.
„Nein“, sagte Riandil. Die Eselin schnaufte empört.
„Dann ist ja gut. Hast du denn etwas gegen den Namen Nimvi, Rian?“
„Nein.“
„Und hat Nimvi etwas dagegen?“
„Ich glaube nicht. Oder?“ Die Eselin schnaufte. Rian nickte. „Nein, hat sie nicht.“
„Warum nennst du sie denn nun immer Eselin und nicht Nimvi?“
Riandil lächelte. „Das ist noch komplizierter als die Sache mit den Löchern.“
Das mattschwarze Auge des langsam tauenden, durchlöcherten Schneemannes folgte den dreien, bis sie über die Kuppe des Hügels verschwanden.

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